EINLEITUNG
Die
einzigen, unverbundenen Wörter
bedeuten
entweder eine Wesenheit (Substanz),
oder
eine Größe, oder eine Beschaffenheit…
Eine
Substanz ist (um es nur gleichsam
in
einem Umriß anzudeuten)
z.B.
Mensch, Pferd; Größe: zweiellig;...
Aristoteles:
Organon
Bewegung
in dem allgemeinsten Sinn,
in
dem sie als Daseinsweise,
als
inhärentes Attribut der Materie
gefasst
wird, begreift alle
im
Universum vorgehenden
Veränderungen
und Prozesse in sich,
von
der bloßen Ortsveränderung
bis zum
Denken.
Friedrich
Engels: Dialektik der Natur
Die
ursprüngliche Akkumulation
spielt
in der politischen Ökonomie
ungefähr
dieselbe Rolle
wie
der Sündenfall in der Theologie.
Karl
Marx: Das Kapital
1. Dieses Buch ist eine Studie neuzeitlicher Begriffsbildung
und ‑entwicklung, also ausdrücklich Textkritik. Diese
bezieht sich hier vorzüglich auf nur einen einzigen Text, nämlich ausgewählte
Stellen aus Das Kapital (bes. Bd. I) von Karl Marx. Ihrer exemplarischen
Stringenz wegen sollen diese Stellen als Musterbeispiele neuzeitiger
Begriffentwicklung gelten. Es geht hier also nicht darum, auf konkrete
ökonomische Erkenntnisse dieses Buchs Bezug zu nehmen, weder auf
einzelne ökonomische Theorien als solche noch auf die ökonomischen Praxen
früher sozialistischer Staaten. Die ökonomischen Theorien Marxens als
solche sind hier kein Thema. Nur die grundlegende Logik und Dialektik,
die Marx besonders für Das Kapital entwickelte und somit aus eben
diesen Texten deduziert werden kann, darunter auch ihre ebenso klaren Widersprüche,
sollen uns hier beschäftigen.
Für
diese Analyseaufgabe habe ich ein besonderes Symbolsystem entwickelt, das
ich das „mat-System“ nenne (erklärt in Kap.
III). Dabei entstand
die natürliche Frage, was eigentlich diese Buchstabensymbole bedeuten
können, und wie sie sich zu den verschiedenen Begriffen verhalten,
die ich als ihre Interpretation angeführt habe. Es zeigte sich jedoch,
was vielleicht zu erwarten war, dass auch dieses System eigene Probleme enthält
und somit eine eigene Analyse erfordert, die dann zum Schluss mittels neuzeitlicher
Mathematik unterstützt werden soll (siehe Kap. V). Wieweit diese
letzte Analyse zum endgültigen Grund der Sache vordringen kann, ist
im Moment jedoch kaum zu entscheiden.
2. Fragt man aber nach Symbolen und weiter nach den
Begriffen, auf die die Symbole hinweisen, befragt man auch die Wörter der benutzten
Sprache, die diese Begriffe repräsentieren. Was sind also Wörter –
und was die Begriffe, die ja selbst in der Sprache wurzeln, und mit denen
die Wissenschaftler arbeiten? Und wie funktionieren überhaupt Zeichen und
Symbole der formalisierten Wissenschaften wie Mathematik und
Logik? Dabei ist zu beobachten, dass Wörter und Symbole nie vereinzelt
auftreten (außer als Namen), sondern immer ganzheitlich strukturierten
Sätzen und Formeln bilden und nur durch solche sinnvollen Zusammensetzungen
wirkliche Bedeutung erhalten. Fragen wir also nach „Wörter“, müssen
wir auch elementare Sätze als logisches Standardmaterial untersuchen,
in die diese Wörter als Satzglieder eingehen. Und fragen wir endlich nach
den Begriffen, müssen diese selbst als Glieder der Theorien untersucht
werden. Endlich, in Bezug auf die Symbole müssen wir diese selbst als
verallgemeinerte Begriffe sehen und ihre komplexen Formeln als logisches
Standardmaterial betrachten.
3. Folgendes betrachte ich daher als grundlegend für
alles weitere. Worte und Begriffe sowie das, was sie repräsentieren, sind
keineswegs isoliert zu betrachten. Nur als Glieder von Ganzheiten, in
die sie eingehen, erhalten sie ihre wirklichen Bedeutungen. Dies gilt
allgemein. Nicht einmal menschliche Individuen treten vereinzelt auf, sondern
immer als Glieder ihrer Gemeinschaften. Sie können zwar getrennt werden,
was aber eine sekundäre Erscheinung ist, die in sich nur als Abstraktion
auf Basis ihrer prinzipiellen Nicht-Trennung zu verstehen ist. So auch die
Wörter.
Alle
Sachen, mit denen wir uns im folgenden beschäftigen werden, werden
somit als Glieder von übergeordneten zyklischen Ganzheiten betrachtet;
nur durch sinnvolles Zusammenspiel – und zwar genau der Zyklizität wegen
– erhalten sie ihre besonderen Bedeutungen. Dies gilt auf allen Niveaus
der Betrachtung und umfasst die verschiedenartigsten Elemente und Erscheinungen,
die für die Realisierung dieses zyklisch-ganzheitlichen Zusammenspiels
notwendig sind. Sprechen wir z.B. von menschlichen Individuen als Gliedern
ihrer Gemeinschaften, gehören zu diesem Gemeinschaftsleben auch solche
Sachen wie der Boden und die Werkzeuge, Kommunikationsformen wie Sprache
usw., ohne welche diese Ganzheiten gar nicht als solche existieren könnten.
Die
Gesamtheit aller zusammenhörenden Glieder, Elemente usw. werden wir in
Einem eine „Gattung“[1]
nennen. Von einer Gattung kann man sagen, dass deren grundlegendes Bewegungsgesetz
ihre Zyklizität ist. Das entscheidende einer solchen Bewegungsform ist,
dass die Gattung dank dieser Funktionsweise eben perennierend ist; nur
zyklisch wird sie im Stande sein, sich selbst zu reproduzieren. Mehr noch;
dank dieser Funktionsweise ist sie nicht nur perennierend, durch zyklische
Funktionsweise sind Gattungen allgemein selbstorganisierend; Kraft dieser
zyklischen Bewegungsform können möglicherweise auch neue Strukturen und
Gattungsformationen entstehen.[2]
Einzelne
Glieder vergehen, seien sie nun selbst Gattungsindividuen oder
einfach Dinge, Handlungen usw., die für das Weiterleben der betreffenden
Gattung notwendig sind. Die Gattung als solche aber besteht weiter,
indem sie in Stande ist, selbst solche Momente zu reproduzieren. Genau in
diesem Sinn ist die Gattung auch „ewig“, und wir können somit diese
„Ewigkeit“ als die Negation der „Sterblichkeit“ ihrer einzelnen
Individuen und Elemente definieren. Mehr noch, man könnte sagen, dass
diese gattungsbedingte „Ewigkeit“ in sich für all das sinngebend
ist, was im Lichte dieser Gattungsexistenz überhaupt als „wertvoll“
erscheint, eben weil es genau dieser „Ewigkeit“ als solche dient.
Diese
Form von „Ewigkeit“ liegt außerhalb persönlicher Reichweite einzelner
Individuen. Auf der anderen Seite ist klar, dass auch eine solche „Ewigkeit“
notwendig ein temporäres Phänomen ist, das Zeit gebraucht hat, um
sich in dieser Form aufzubauen, und dass weiter alle individuellen Zeiterlebnisse
unter dem Aspekt dieser „ewigen“ Struktur zu betrachten sind. Unter
diesem Aspekt sind alle sinngebende
Momente zu sehen, die sich in der Vorstellung einer Entstehungsgeschichte
widerspiegeln, gegebenenfalls auch in der Vergehensgeschichte. Auch die
„Ewigkeit“ ist relativ.
Daraus
folgt unmittelbar, dass es nicht darum gehen kann, dass Menschen sich einmal
individuell entschlossen haben, eine Gesellschaft irgendwelcher Form
zu gründen, kontraktlich oder irgendwie sonst. Im Gegenteil; treten Glieder
dieser Gattung „individualistisch“ auf, d.h., setzten sie sich
irgendwie in Widerspruch zur schon existierenden Gattungs/Gesellschaftsform
wäre eher zu fragen, wie eine solche Möglichkeit überhaupt entstehen
konnte. Das sog. „freie“ Individuum, kontraktfähig und mit „freien
Willen“ begabt, ist in sich ein Widerspruch, auch wenn jedes menschliche
Individuum sich in seinem Selbstgefühl wohl gern eine solche Begabung
zurechnet. Mehr noch, dieser Widerspruch ist ein grundlegendes Problem
allen menschlichen Lebens – so auch der Gattung selbst!
Zum Begriff der Gattung siehe auch: Genus as a Fundamental Dialectical Concept (hier in: Life and Culture.)
4. Halten wir also fest, dass stetige Reproduktion
des Gattungslebens durch zyklische Bewegungsformen bedingt ist, die
alle wesentlichen Gattungsmomente umfasst. Bedenken wir auch, dass
identische Reproduktion tatsächlich nicht reichen würde, um die besprochene
„Ewigkeit“ der Gattung zu sichern. Um allen unumgänglichen negativen
Zufallserscheinungen (wie z.B. besonders schnellem Absterben von
Individuen) entgegenzuwirken, ist erweiterte Reproduktion immer
notwendig.
Schon
diese bloße Konstatierung enthält einen Widerspruch. Der identischen
Reproduktion wegen ist erweiterte Reproduktion notwendig! Gerade diese
Fähigkeit alles Lebens macht es überhaupt möglich für Menschen, durch
Ackerbau, Jagd, Viehzucht, Fischerei usw. für sich Subsistenzmittel zu
erhalten. Dasselbe gilt für jede sinnvolle Aktivität; alle dienen
dazu, nicht nur die gegebene Existenz identisch fortzusetzen; sie dienen
auch dazu, diese zu erweitern, auszubauen, zu verstärken und zu vertiefen.
Letztendlich besteht jede Form von Ausbeutung in Usurpierung solcher allgemeinen
Fähigkeit des Lebens.
So
erhält jede dieser Aktivitäten ihren Sinn, jede einzelne Teilhandlung in
diesem Licht gesehen ihre spezifische Bedeutung. Sind diese in der gegebenen
Situation sinngemäß, genügen sie ihre Bedeutungen, sind sie situationsadäquat,
„richtig“. Umgekehrt wäre zu sagen: Sind sie nicht sinngemäß,
nicht adäquat, sind sie eben „schlecht“ oder gar „falsch“.
Im
normalen Sprachgebrauch würde jedoch die Frage aufkommen, ob das „nicht-falsche“
nicht auch das „wahre“ sei. Das ist jedoch keine Frage nur des
Sprachgebrauchs, und wir werden uns mit dieser Frage weiterhin beschäftigen
müssen. Wir gehen explizit davon aus, dass, werden die Sachen, Aktivitäten
usw. dem Gattungssinn gerecht und ihre entsprechenden Bedeutungen
realisiert, sind sie eben „nicht-schlecht“, „nicht-falsch“; positiver
ausgedrückt vielleicht „akzeptabel“.
Wir
unterstreichen diesen Unterschied zwischen den negativen Ausdrucksweisen
und der gewöhnlicheren, dass solche adäquate Aktivitäten usw.
eben „gut“, oder sogar „wahr“ sein sollten. Betrachte z.B. das bekannte Schlagwort survival of the fittest.
Das trifft
eben nicht den entscheidenden Kern der Sache, nicht einmal in der Biologie.
Viele andere als the fittest überleben, während auch viele von
denen frühzeitig untergehen werden. Man hätte lieber sagen sollen: survival of
the sufficient. Das würde genau das entscheidende aussagen, gute Überlebenschancen
für die nicht-schlechten, Anerkennung des Nicht-Falschen.
In
der Tat ist der Ausdruck survival of the fittest eine überschwängliche
Parole für Erfolgsreiter. Eine solche Parole würde unterstellen, es wäre überhaupt
möglich festzustellen, was in einer gegebenen Situation das „fitteste“,
das einzig „wahre“ sein könnte. Dazu ist aber die Wirklichkeit viel
zu komplex; es würde ein echtes Kriterium der „Wahrheit“
erfordern, das es unter den Bedingungen allgemeinen Gattungslebens
einfach nicht gibt – obwohl, wie wir unten sehen werden, sich immer
gewisse Möglichkeiten zeigen werden, sich solchen Kriterien anzunähern,
sie sogar zu behaupten, wobei jedoch „Wahrheit“ bzw. „Falschheit“
immer das Problem aller Erkenntnisse bleiben wird.
5. Schauen wir uns zunächst einige solchen für
das Gattungsleben basalen Zyklizitäten an, z.B. einige dem einzelnen menschlichen
Individuum inhärenten, die von größter Bedeutung für das gegenseitige,
soziale Verständnis dieser Individuen sind. Zum ersten die Frage, was ist
überhaupt „Bewusstsein“? Ich möchte hier auf die Bewusstseinstheorie
von Rodney Cotterill[3] hinweisen. Zentral für
seine Theorie sind zwei neuronale Kreisläufe, die er zusammen das master
modul nennt, und die auch neuronale Information von den Muskeln
behandeln. Der eine dieser Kreisläufe vergleicht die äußeren Wirkungen
von Bewegungen mit einem inneren neuronalen Bild derselben, antizipiert
auf Basis früherer Erfahrungen die Erfolgsmöglichkeiten der
weiteren Aktion von dem augenblicklichen Zustand der Muskulatur aus. Der
zweite Kreislauf koppelt zum ersten Kreislauf noch ein besonderes
Gehirnzentrum an, das spezifisch affektiv reagiert, und zwar wenn
besondere Schmerzempfindungen zu erwarten sind. Dies macht sofortige
Wahlhandlungen (veto-on-the-fly) möglich, definiert also antizipatorisch
genau das, was in der gegebenen Situation „falsch“ wäre – verpflichtet
also den Organismus sich eben nicht-falsch zu betätigen.
Bei
höhere Tieren ist sogar diese Warnung schon bei der Planung der Aktionen möglich
(Cotterill: probe-by-proxied-movement), so dass diese „Falschheits“-Erwartung
schon körperlich empfunden wird, selbst-provoziert eben deshalb als Unlust
selbst-„bewusst“, bevor die Aktion durchgeführt ist. Endlich ist zu
bemerken, dass laut dieser Theorie die prinzipielle Einheit dieses Bewusstsein
durch eben den einheitlich gebauten Körper als solches bedingt ist. Dadurch
wird verhindert, dass das Individuum einander gegenseitig widersprechende
Aktionen zu realisieren versucht, was eben „falsch“ sein würde.
Durch dieses – in der Tat selbstreferentielle master modul – erlebt
das Individuum ganz körperlich (deterministisch) sich selbst (und zwar
ohne jegliche Homunculi oder sonstige mystische Wesenheiten zu
involvieren). So ausgestattet wird das Individuum sich des eben „nicht-Falschen“
als ständiger Leitfaden fürs Leben bewusst.
Zum
Zweiten. Wie verstehen Individuen sich gegenseitig? Neurologisch bedeutsam
ist hier, dass Giacomo Rizzolatti und Michael A. Arbib[4]
bei Affen die sog. mirror neurons entdeckt haben, die auch für die
Entwicklung des menschlichen Bewusstseins wesentlich sein müssen. Diese
Neuronen feuern, wenn das Individuum ein anderes Tier sieht, das eine bekannte,
und zwar sinnvolle Handlung ausübt. Sieht z.B. der Affe ein gewisses
Objekt, eine Nuss o.ä., reagieren diese Neuronen nicht. Sieht er aber einen
anderen Affe nach diesem Objekt greifen, feuern sie. So spiegelt der erste
Affe, was er gesehen hat, in seinen eigenen Körper hinein, denn Greifen
kennt er von sich selbst. Indem er den anderen Affen greifend sieht, „versteht“
er unmittelbar durch seine eigenen Körpererfahrungen und -empfindungen
selbst, was der andere vorhat. Dies ist ein Beispiel von sog. mind reading
und dient natürlich dem sozialen Lernen der Gruppe („soziale Intelligenz“,
besonders in Bezug auf Emotionen, Empathie usw.). So entstehen soziale
und bewusstseinsmäßige Korrelationen unter den Individuen in Form
von Ich-Du-, gegebenenfalls Wir-Beziehungen, was für die spätere Sprachentwicklung
wesentlich ist.
6. Wir gehen also davon aus, dass Individuen einer
Lebensgemeinschaft nicht isoliert, sondern durch solche naturgegebenen,
gegenseitigen Du- oder Wir-Beziehungen ständig bewusstseinsmässig korreliert
sind; eben dadurch formieren sie ihre soziale Ganzheit, ihre Gattung.[5]
Wir gehen weiter davon aus, dass diese Beziehungen durch die gemeinsamen
situationsbedingten Bewegungs-, Lautstrukturen und Zeichenformen
vermittelt werden, die mit gewisser Wahrscheinlichkeit von allen ähnlich
ausgeführt werden und so ihre affektiven oder empathischen „Stimmungen“
ausdrücken und zwar in einer gegenseitig „verständlicher“ Weise.
Solche
Zeichen repräsentieren somit nicht per se Dinge oder Handlungen. Ursprünglich
als natürliche Begleiterscheinungen der Empfindungen und
Affekte, gehen sie selbst als inhaltliche Momente in die verschiedenen
Aktivitäten ein, zu deren verschiedenen Elementen (Dingen, Körperteilen,
Handlungen, Lauten usw.) sie sich besonders anknüpfen. Im Laufe der Zeit
können solche affektive Momente sich nach und nach als unterscheidbare Glieder
einer gesamten kommunikativen und somit auch situativen Gattung herausdestillieren,
bis sie endlich ihre eigenen vollständigen Bedeutungen als Zeichen oder
Symbole erwerben. Ein Beispiel: Wären zunächst Hunger und Fressen
einheitlich aufzufassen, wäre doch zu vermuten, dass vereinzelte Momente,
Hungergefühl, Nahrungsobjekte, Beutefang, Geschmack, Zähne, Kauen
usw. sich nach und nach als unterschiedene Momente aus dieser gesamten
Verhaltensweise herauskristallisierten. Ohne sich wirklich und
absolut von einander zu trennen, haben diese Momente des ganzheitlichen
Verhaltens sich doch weitgehend verselbständigt und besonderen
Bedeutungen für ihr Ganzes bekommen.
Sind
erst solche Momente gewohnheitsgemäß mit besonderen Emphasen, Lautäußerungen
usw. gegenseitig verbunden, können sie als Bedeutungsträger gewiss auch
manipuliert, sogar erfinderisch zusammengestellt werden (als
ostensive, imperative oder deklarative Sprache, irreale Sinnbildungen,
als phantasievolle Metapher, analogische, mythische Darstellungen
usw.). Schon bei den höheren Tieren sehen wir, dass Emphasen intentional
manipuliert werden können (z.B. können Affen sich in gewissem Maße
besänftigen und uninteressiert „spielen“, um nicht eine gute Futterquelle
zu verraten).
7. Es ist möglich anzudeuten, wie aus diesem primären
Zeichengebrauch die Wörter als bedeutungstragende, aber trotzdem
scheinbar isolierte Einheiten entstanden sein könnten. Wir können vermuten,
dass dies in einem Prozess geschieht, der im Prinzip nicht dem unähnlich
ist, den Peter Ruben in seiner Abhandlung Prädikationstheorie
und Widerspruchsproblem (1978)[6]
an einem historisch viel reiferen Sprachgebilde demonstriert hat. Aus
sinntragenden Satzkonstruktionen, die in unseren modernen Sprachformen
durch Subjekt und Prädikat für den Gegenstand (was das aktuelle
Thema ist), bzw. seine Eigenschaft, (wie er ist, sich bewegt usw.)
gekennzeichnet ist, kann man durch Analyse des einen Satzes zwei reduzierte Sätze
konstruieren; diese heben dann ein Moment des Ganzen hervor und charakterisiert
dies auf Kosten des anderen.
Ein
solch konkreter Sinnausdruck wäre z.B.: „Die Rose ist rot.“ Daraus ließen
sich nun die beiden Momente als Abstrakta benennen: der betreffende
Gegenstand als „rote Rose“ oder „Rotrose“ (wobei das spezifizierende
Prädikat aufgehoben, d.h., unter dem Subjekt subsumiert ist), und
gleichzeitig die betreffende Eigenschaft z.B. als „rosenrot“ oder substantiviert
als „Rosenröte“ (wobei analogerweise das spezifizierende
Satzsubjekt aufgehoben und unter dem Prädikat subsumiert ist). Diesen
Vorgang nennt Ruben „kategoriale Subsumption“. Er schreibt hierzu:
Dieser
Übergang besteht ja in der Unterstellung der grammatischen Kategorien
untereinander, womit der vorausgesetzte Satz zu bestehen aufhört und
an seine Stelle zwei Namen (eben als reduzierte Sätze) für unvergleichbare
„Entitäten“ treten!“ (Ruben 1978, S. 134)
Dadurch
wird erklärt, „wie ein Konkretum für die Wahrnehmung zum Verschwinden
gebracht wird, und wie es dennoch – allerdings in „entfremdeter
Form“ – nach wie vor besteht, nämlich in der Gestalt zweier miteinander
unvergleichbarer, aber vereinbarer abstrakter Dinge, die durch
Definitionen im klassischen Sinne bestimmt werden.“ (Ebd., S. 134f)
Solche
reduzierte Sätze dienen dann als Definitionen für die
Namen der betreffenden Sachmomente. Soweit ich sehen kann, besteht
aber kein Hindernis, dass wie oben z.B. allgemeine Konsumption in gleicher
Weise im Gefühl von Hunger und Essen analysiert wird und dies dann z.B.
weiter in Fleisch und Kauen. So lässt sich m.M.n. auch ohne spezifisch logisch-grammatische
Mittel jede reale Situation ganz einfach in korrelierte Momente auflösen, da
es eben die Korrelationen sind, die die respektiven, schon allgemein
bekannten Bedeutungen definieren. So werden diese – emphatisch mit unterschiedlichen
Äußerungen oder Zeichen belegt – weiterhin auch leichter lernbar und in
der Erinnerung aufgehoben. Solche Ergebnisse sind natürlich für die
Anthropo- und Soziogenese wesentlich – und somit für all das,
womit wir uns hier weiterhin beschäftigen werden.
8. Diese unterschiedenen Ausdrucksmomente, nun
als „Wörter“ auftretend, müssen sich nach allgemein verbreiteten
Gewohnheiten oder Regeln ihrer wirklichen Bedeutungen, bzw. nach ihrer natürlichen
„Logik“ und „Syntax“ zu neuen Einheiten fügen, also zu „Sätzen“
zusammengestellen – und dies in einer Weise, dass die gegebenen
Situationen und Beziehungen, für die die relevanten Wortgebilde stehen,
naturgetreu und sinnvoll wiedergegeben und behandelt werden können.
So ist es in unserer Sprachfamilie üblich, die Dinge (durch
Substantive) zu beschreiben wie sie sind (durch Adjekive) und sich bewegen
(durch Verben). „Sätze“ sind in diesem Sinne nicht unmittelbar „wahr“,
und sind nur durch Vergleich mit der sog. Wirklichkeit zu prüfen;
bestenfalls bezeichnen wir sie dann als „vertrauenswürdig“, eben
als „nicht-falsch“.
Scheinbar
ins Absolute getrieben – aber auch nur scheinbar – wird die Isolierung
und Trennung der Wörter als Bedeutungsträger besonders nach Einführung
der schriftlichen Darstellung. Dadurch treten die unterschiedenen Wortgebilde
in eigener, jetzt sogar dinglicher Realität auf – was jedoch nicht
verhindert, dass ihren wirklichen Sinn immer noch nur in Satzkonstruktionen
verkörpert wird. Dabei können Wörter zwar vereinzelt auftreten oder
frei zusammengestellt werden, auch wenn daraus sogar klarerweise „falsche“
oder sinnlose Ausdrücke zu Stande kommen können.
Umgekehrt
ist ihre mögliche „Wahrheit“ nicht unmittelbar zu beweisen, d.h., nicht
innerhalb des sprachlichen Mediums als solchen zu bestätigen. Ein imperativer
Satz kann nur durch Handlung bestätigt werden, ist also gar nicht „wahr“,
eine deklarative Umweltbeschreibung nur durch Nachschauen (empirisch,
nicht apriorisch) – also eben auch in nicht-sprachlicher Weise.
9. Als Momente einer solchen ganzheitlichen Lebenserfahrung
werden verschiedener Erscheinungen in der Natur und im sozialen Raum mit
einbezogen. So werden auch Erfahrungen mit der täglichen, monatlichen
und jährlichen Wiederkehr der Jahreszeiten, mit den Bewegungen am
Himmel, von Sonne und Mond usw. und mit den dazu hörenden Lebensrhythmen
verglichen; das muss alles nach und nach von jedem Einzelnen zur Kenntnis
genommen werden. Die Vorstellung solcher lebensbedingenden Zyklizitäten
kann weiterhin verstärkt werden, wenn besondere Ausdrücke, Zeichen,
Bilder, Metapher, Feste usw. bei Wiederholungen in den gegebenen
Situationen immer wieder erzählt werden. Die Aufmerksamkeit wird dadurch
auf Einzelmomente solche großen emphatischen Erscheinungskomplexe
gelenkt und verfestigt. So wird der ganze Komplex von Bedeutungen und
ihr Gattungssinn – wie auch Bedeutung und Sinn der symbolischen Momente
als solche – selbstidentisch als zyklisches, kulturelles Ganzes reproduziert.
Diese selbstidentische Reproduktion gilt somit „in Ewigkeit“, d.h., genau
so lange die Gattung als solche besteht; ihre Existenz ist ihr einzig mögliches
Kriterium. Im kulturellen Sinn realisiert diese weitere Befestigung und
Vertiefung lebenswichtiger Zusammenhänge sogar das Prinzip der erweiterten
Reproduktion, nach Marx z.B. mit einem Mehrprodukt im Sinne der oben erwähnten
Nichtidentität.
So
steht fest, dass die grundlegenden Prinzipien dieser zyklischen (realen)
Gattung sowie ihrer „Bedeutungsgattungen“ ihren Sinn immer bewahren
(wenn auch sie sich entwickeln) – und zwar im klaren Widerspruch zu den
aktuellen Daseinsmomenten, die laufend entstehen und vergehen. Dabei
wird klar, dass die Vorstellungen und Bilder naturgegebener Phänomene
einen so hohen Grad an Stabilität besitzen, da ihre Aufrechterhaltung
eben die Garantie gegen eine denkbare Aufhebung der „Ewigkeit“ empfunden
wird.
Das
führt dazu, dass es für jedes Gattungsleben relativ stabile Zusammenhänge
und Strukturen gibt, die – im Rückspiegel gesehen – als vorgegeben,
philosophisch ausgedrückt sogar als Apriori erscheinen müssen.
Folglich müssen diese in der Tat dann subjektiv auch als echte „Wahrheiten“
gelten. Ihre verschiedenartigen ideellen Widerspiegelungen –
bildlicher, dramatischer, mythischer, begrifflicher und anderer Art
– könnten deshalb gewiss „archetypisch“ erscheinen und erhalten natürlich
große Bedeutung.
Solche
„Wahrheiten“ als Realisierung ideeller, gattungsbedingter
oder -inhärenter Zielvorstellungen (Teleologie) müssen deshalb für
die ganze Gattung verbindlich sein. In dieser Hinsicht ist es nicht
verwunderlich, dass die betreffenden Gattungsindividuen sich fragen, woher diese „Wahrheiten“
wohl kommen mögen.
10. Solch „ewige“ bedeutungs- und sinntragende
Prinzipien (Ägyptisch: neteru (plur.))
transformieren sich somit leicht in „Götter“ und andere mythischen
Wesen; so wurde für die Griechen Mnemosyne
(„Erinnerung“) als Mutter der Musen angesehen. Die Prinzipien des
antiken Gattungsleben kam dann durch ihre Inspiration zum Ausdruck. So
stellten die Musen ganz natürlich diese gewiss nicht-falschen Prinzipien
der Lebensweise als „wahr“ und „gut“ dar.
Solche
Prinzipien haben nicht nur anthropologischen Sinn. Es gibt sie in der Tat überall.
So könnte man fragen, welche elementaren Prozesse physikalischer
und chemischer Art in der Natur, die fraktalen Strukturen, Strukturen nach
den Prinzipien des Goldenen Schnitts, besonderen Spiralen oder der regulären
Sechsecke des Bienenkorbs usw. generieren. Oder man könnte fragen, welche
elementaren Prozesse soziologischer Art z.B. die verschiedenen
Vater-Sohn Beziehungen bedingen, wie diese z.B. bei Assmann[7] beschrieben wurden:
einerseits eine ältere durch das weibliche Moment vermittelt (wie z.B. die
ägyptische Kamutef- und die griechische Oedipus-Konstellation),
andererseits die eher pietätvolle (wie z.B. die von Horus und Hamlet).
Auf
der anderen Seite ist auch klar, dass jedes Gattungswesen, jede
Gesellschaft oder nur eine ihrer sinnvollen Aktivitäten, sich gegen
allerlei Störquellen beschützen muss, die die Zyklizität negativ beeinflussen
könnten. Gesellschaftliche Regelungen irgend einer Art sind deshalb immer
notwendig.
11. Es wäre natürlich hier zu fragen, wieweit
diese Argumentation nicht alle Tore für idealistische Gedankenformen öffnen
werden.[8]
Man denke z.B. an Lenins Worte:
Kein Idealist wird in diesem Sinne die Ursprünglichkeit
der Natur leugnen, denn in Wirklichkeit ist das keine Ursprünglichkeit, in
Wirklichkeit wird die Natur hier nicht als das unmittelbar
gegebene, als der Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie, genommen. In
Wirklichkeit führt hier zur Natur noch ein langer Übergang über
die Abstraktion des „Psychischen“. […] Das Wesen des Idealismus
besteht darin, dass das Psychische zum Ausgangspunkt genommen wird;
aus ihm wird die Natur abgeleitet, und
dann erst aus der Natur das gewöhnliche menschliche Bewußtsein. Dieses
ursprüngliche „Psychische“ erweist sich daher stets als tote
Abstraktion, die einer verwässerten Theologie als Deckmantel dient.
(Materialismus und Empiriokritizismus,[9]
S. 272)
Gewiss wird von mir der Ausgangspunkt insofern im
”Psychischen” genommen, und zwar dem natürlichen Gattungsverhalten,
nicht umgekehrt. Wie auch Marx sagt[10]:
Das Konkrete ist konkret, weil es die
Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im
Denken scheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als
Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der
Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist. (Einleitung, S. 632)
So gilt es Hegels Idealismus zu revidieren:
Hegel geriet daher auf die Illusion, das Reale als
Resultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden und aus sich
selbst sich bewegenden Denken zu fassen, während die Methode, vom Abstrakten
zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art für das Denken ist, sich das Konkrete
anzueignen, es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren. Keineswegs aber
der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst . (Ebd.)
Diese Umkehrung des Hegelschen „aus sich selbst
sich bewegenden Denken(s)“ ist in der Tat leicht zu vollziehen. Das
„Reale“ bei Hegel ist zunächst durch seine „Idee“ zu ersetzen: Die Idee als Resultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich
vertiefenden und aus der Natur selbst sich
bewegenden Denken (Bewusstsein) zu fassen und zu reproduzieren, eben als „ein
geistig Konkretes“, d.h. als Gedankenkonkretum.
Eben darum geht es uns auch hier. Aus der in sich zyklisch organisierten Natur
als Gattungskonkretum, d.h. als
zyklische „Zusammenfassung vieler Bestimmungen“ entwickelt sich
allgemein das Denken und das Bewusstsein; die Natur spiegelt sich in den schon
diskutierten gedanklichen Gattungskonkreta, eben in Form der „ewigen“
„Bedeutungsgattungen“ wider (vgl. Pkt. 9).
Gewiss,
dies ist keineswegs der Entstehungsprozeß des Real-Konkreten
selbst, nur seiner Widerspieglung als Gedankenkonkretum durch Aufsteigens
„vom Abstrakten zum Konkreten“. Dabei steht das „abstrakte“ für
die mehr oder weniger wohlunterschiedenen Gattungselemente und
‑momente, die sich zu den erwähnten „ewigen Bedeutungsgattungen“
konkretisiert haben. In dieser Form wurde das primäre Real-Konkrete
angeeignet, ideell bestätigt.
Wenn
nun aber Marx in Das Kapital (Bd. I)
schreibt: „Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee
in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das
nur seine äußere Erscheinung bildet,“ (S. 27) dann ist dies in der Tat
Ausdruck dafür, dass die naturwissenschaftlichen Theorien – eben
als logisch-mathematischer „Gedankenkonkreta“ – die
Grundlage bilden, auf der die gewiss sehr erfinderischen „Demiurgen“
der neuen Technologie diese mit all ihren Maschinen usw. als ein neues Realkonkretum
aufbauen (um es z.B. als Fixkapital in Funktion setzen, die dann als
solche in der ökonomischen Zirkularität bestätigt wird).
Dies
verhindert natürlich nicht, dass sich – vielleicht unter derselben
primordialen Umweltbedingungen – verschiedene Formen von
Gattungsverhalten mit entsprechend verschiedenen Gattungssubjektivitäten
(Ideen, Bedeutungen) entwickeln. Eine solche Entwicklung geht eben nicht auf
dem Basis des Naturgegebenen deterministisch, „objektiv“ vor sich, sondern
verläuft durch die „subjektive“ Mensch-Natur- (Organismus-Umgebung-)Partizipation
gewissermaßen frei, keineswegs auf solche besonderen Bedingungen
reduzierbar. Es wohnt jedem Denkprozess immer eine gewisse subjektive Selbständigkeit
und Freiheit inne, die zwar der aktuellen Form der gesellschaftlichen
Zyklizität gebunden ist, aber doch eine gesonderte Wirklichkeit
besitzt.
Die
ganze Entwicklung ist also so zu sehen: Das primäre Realkonkretum (die
von den Menschen unabhängig gegebene „Natur“, Prozessen usw.)
spiegelt sich – mehr oder weniger eindeutig – als das entsprechende
Gedankenkonkretum im Gattungsbewusstsein wider; nachträglich
spiegelt dieses sich dann „subjektiv“ als selbständige und zwar
erfinderische, kollektive Kreativität in den gesellschaftlichen Ausdrücken
dieses Gattungsbewusstseins und realisiert sich dabei als allgemeiner Arbeit
in Form neuer Realkonkreta – deren sinnvolle Existenz- und („nicht-falsche“)
Funktionswiese sich gegebenenfalls weiter in neuen Gedankenkonkreta
wiederspiegelt – woraus sich nochmals neue Theorien und Ideologien entwickeln,
um wieder in weiteren Realkonkreta realisiert zu werden. Usw.
Während
also die Menschen ihre gesellschaftliche Umgebung, ihre „äußere“ Natur
ändern, ändern sie auch sich selbst, ihr Gattungsbewusstsein (als ihre „innere“
Natur) und somit das eigene Verhalten der „äußeren Natur“ als solcher
gegenüber (also in Form der Partizipation). Die dafür notwendige, generative
Kraft liegt im wechselseitigen Austausch Mensch-Natur von Stoff, Energie
und Information, zwischen den „subjektiven“ Organismen
und der „objektiven“ Umwelt.
Mit
dieser Argumentation sollte die behauptete „Illusion“ der Hegelschen
Idealismus aufzuheben sein, ebenfalls im Klaren gestellt werden, dass „das ursprüngliche Psychische“ sich nicht
einfach als „tote Abstraktion“ erweist.
„Das ursprüngliche Psychische“ ist nicht „ursprünglicher“ als die
materielle Umgebung in der das Leben sich ständig entfaltet, sich notwendig,
obwohl nicht auch deterministisch entwickelt. Hiermit sollte gleichzeitig die
ideologische Gegenübersetzung von Materialismus und Idealismus als
obsolet erwiesen sein.
12. Wie eine Sprachkompetenz wie die oben beschriebene
sich weiter entwickeln kann, wurde teils von Jan Assmann,[11]
teils von Eric A. Havelock[12]
beschrieben. So geht Assmann zunächst von einem ganz primitiven Stadium
aus, wie es hier durch zwei Zitate von ihm dargestellt wird:
Im
Grund- oder, wenn die paradoxe Wendung gestattet ist, im Naturzustand von
Kultur ist aber genau das Gegenteil [einer kollektiven bewusst gemachten
Identität] der Fall: sie wird mit allen ihren Normen, Werten, Institutionen,
Welt- und Lebensdeutungen zu einer Selbstverständlichkeit, einer
schlechthinnigen, alternativlosen Weltordnung naturalisiert und in ihrer
Eigenart und Konventionalität dem Einzelnen unsichtbar. In ihrer
Unsichtbarkeit vollkommener Selbstverständlichkeit und Implizität
kann sie dem Einzelnen auch kein Wir-Bewusstsein, keine Identität
vermitteln. (Assmann 1997, S. 135)
Daß aber sich von diesem Sinnhorizont gemeinsamen Handelns und
Erlebens her nicht mehr ein Ich-, sondern auch ein Wir-Bewusstsein aufbaut,
dazu bedarf es eines weiteren Bewusstseinsschritts [aus Note: Gewissermaßen
einer Distanzierung zweiter Stufe, nicht nur gegenüber der Welt, sondern auch
gegenüber der spezifischen symbolischen Sinnwelt, die bereits die primäre
Distanzierung (gegenüber der „Welt“) bewerkstelligt hat]. Solange eine
symbolische Sinnwelt denen, die sie bewohnen, in der alternativlosen
Selbstverständlichkeit des naiven Ethnozentrismus als die schlechthinnige
Menschheits- und Weltordnung erscheint, kann sich mit ihr kaum das Bewusstsein
seiner kollektiven Identität verbinden. Ich handle so und nicht anders,
weil „die Menschen“, und nicht: weil „wir“ so und nicht anders
handeln. (Ebd., S. 138)
Was Assmann aus dieser Situation weiter entwickelt,
entspricht genau das, was oben eine „Gattung“ in Form einer Gruppe in
ihrer Umwelt genannt wurde, in der Emphasen und Wörter schon relativ
feste Bedeutungen haben:
Die
Riten sind dazu da, um das Identitätssystem der Gruppe in Gang zu halten.
Sie geben den Teilnehmern Anteil am identitätsrelevanten Wissen. Indem
sie die „Welt“ in Gang halten, konstituieren und reproduzieren sie die
Identität der Gruppe. Denn für den archaischen Menschen ist kultureller Sinn
die Wirklichkeit oder Ordnung schlechthin. Die Ordnung muß rituell in Gang
gehalten und reproduziert werden gegenüber der allgegenwärtigen Unordnung,
der Tendenz zum Zerfall. Die Ordnung ist nicht einfach vorgegeben, sie bedarf
der rituellen Inszenierung und der mythischen Artikulation: Die Mythen
sprechen die Ordnung aus, die Riten stellen sie her. (Assmann 1997, S. 143)[13]
Auffallend ist, meint Assmann, dass gesteigerte kollektive
Identitäten überall einhergehen mit der Ausbildung besonderer kultureller
Technologien zur Unterstützung der gesellschaftlichen Erinnerung, obwohl
diese Technologien sehr verschieden ausgebildet sein können. So erwähnt er
besonders die Bedeutung der Schrift für die frühen Hochkulturen, z.B. in
Israel und Griechenland die Schrift zusammen mit ganz allgemeinen oralen
Mnemotechniken; auch die besondere Mnemotechnik im brahminischen
Indien nennt er eine solche Technologie. Selbst in Assyrien, so meint er,
verbindet die Reichsbildung sich mit einer besonderen kulturellen Institution,
der Palastbibliothek.
Es
ist doch zu unterstreichen, dass Reichsbildung nicht denkbar wäre,
wenn sie nur durch eine Menge von Individualistenpaaren etabliert worden
wäre. Eine kollektiv-gesellschaftliche Instanz wird immer benötigt, wenn
auch ihrer Kompetenz von unsicherer Herkunft sei – und so in
konkreten historischen Situationen auch immer bezweifelt werden kann. (Genau
im selben Sinn wäre zu behaupten, dass Geld nicht denkbar wäre, wenn es
allein durch eine Menge von Einzeltäuschen auf dem Markt etabliert würde.
Auch um Geld zu generieren, ist eine besondere gesellschaftliche Instanz nötig
gewesen, wenn auch diese Kompetenz unsicherer Herkunft ist; siehe
Kap. II.)
13. Das besondere der
griechischen Mediensituation liegt nun in der sozialpolitischen Verwendung
der Schrift unter Bedingungen, die im besonderen Maße weder administrativ
noch religiös eingebunden waren. So ist diese Verwendung am besten
negativ zu kennzeichnen, als ein „Freiraum, der weder von der weisunggegebenen
Stimme eines Herrschers noch eines Gottes besetzt ist,“ (Ebd., S. 269) weshalb
auch keine besondere Bevollmächtigung für ihre Handhabung notwendig
war. Eben dies hat in der Tat die Bedeutung der Oralität für die griechische
Schriftkultur und damit den besonderen kulturellen Wert dieser Schriftkultur
stark geprägt.
Diese
Bedeutung der Oralität wurde von Havelock stark hervorgehoben. Das
„orale“ einer Sprachkultur ist besonders dadurch charakterisiert,
dass ihr Inhalt oft aktiv, gar dramatisch dargestellt wird. Ganz
humorvoll hat Havelock diesen Charakterzug der griechischen Oralität
verdeutlicht, indem er Euklids Dreieckgesetz sozusagen oral zurückversetzt
hat: “The triangle stood firm in battle astride and poised on its equal legs,
fighting resolutely to protect its two angles against the attack of the enemy.”
(Havelock,
1984: 73[14]) Dies aber verdeutlicht
um so mehr, was Euklid und die schriftliche Griechische Philosophie eben nicht
sind.
Nach Aristoteles
etabliert die Schrift eine dreifache Distanz zur Welt: Auf die Welt beziehen
sich die Begriffe, auf die Begriffe die Sprache, auf die Sprache die Schrift,
und dies zwar nicht auf der Ebene begrifflicher, sondern der rein phonetischen
Artikulation. Zu diesem Beziehungsnetz kommt aber die Logik und Mathematik
hinzu, die mit allgemeinen, symbolischen Modellen operieren, so dass
diese sich – im Gegensatz zur phonetischen Schrift – direkt auf die
Theoriestrukturen beziehen. So können die Symbolsprachen sich nur
in ständiger Beziehung zur Wirklichkeit entwickeln. Im Prinzip
sind diese Symbole also ganz und gar bedeutungsträchtig; sie beziehen
sich auf die Wirklichkeit, indem sie die Begriffe dieser Wirklichkeit
aufeinander.
Solche gegenseitig
systemisch aufeinander bezogene Begriffe bilden als solche die
Theorien über diese Wirklichkeit. In diesem Sinn wären eben solche Theorien
selbst als „Gattungen“ zu betrachten, von denen die einzelnen Begriffe,
Denkregeln usw. Elemente, bzw. Momente sind. Genau in diesem Sinn werde
ich hier versuchen, symbolische Modelle zu konstruieren und zu diskutieren,
die beanspruchen, Theorien allgemeinster Form darzustellen, Theorien
über Theorien, also „Meta-Theorien“ – und zwar nicht nur naturwissenschaftlicher,
auch humanwissenschaftlicher Art.
14.
Auf der Grundlage neuer materieller und kultureller Bedingungen (derentwegen
sich natürlich auch das allgemeine Gattungsleben entwickelt hat) hat
sich nun aus der „oralen“ Kultur in Griechenland eine besondere „literale“
Kultur entwickelt. Dies war jedoch nicht nur eine Frage des neuen
Schriftmediums, das jetzt für die gesellschaftliche Kommunikation der polis
zur Verfügung stand. Aus der ganzen historischen Entwicklung in
Griechenland seit dem siebten und sechsten Jahrhunderts v.u.Z. – und von
dieser spezifischen Entwicklung stark unterstützt – entwickelte
sich die „klassische“ Literatur seit Homer und Hesiod sowie die
ganze Philosophie.
Diese
Griechische Umbruchperiode hatte eine tausendjährige Vorgeschichte.
Diese fing schon in der „oralen“ Zeit an und zeichnete sich weiterhin
durch eine klare Entwicklungslinie aus, die folgerichtig zu all den hier zu
behandelnden Problemen führen musste. Diese Entwicklung stand im Zeichen
einer patriarchalischen Denkweise, die selbst durch einwandernde
Kriegerstämme von Osten initiiert oder mindestens verstärkt wurde. Die erste
Frage würde dann heißen, wie diese besondere patriarchalische Denkweise
sich überhaupt aus den früheren Denkformen entwickeln konnte.
Da
nun das „patriarchalische“ mit Vaterschaft zu tun hat, wäre also zunächst
zu fragen, wie sich überhaupt Vaterschaft als gesellschaftliche Institution
entwickeln konnte. Frauen haben immer Kinder bekommen; also kann „Vater“
in diesem spezifischen Sinn nicht einfach ein zeugender Mann sein. Die Frage heißt
eher, wie und unter welchen Bedingungen eine solche ganz allgemeine
biologische Funktion sich gesellschaftlich zu institutionalisieren wäre.
Vom
Gesichtspunkt des aktuellen Vaters könnte diese Frage gewiss den Wunsch
nach „Wahrheit“ einschließen. Es könnte dem betreffenden Mann
einfach darum gehen, seine Vaterschaft aus sozialen Gründen (Status,
Recht, gesellschaftliche Kontrolle usw.) so sicher wie möglich zu behaupten
– was also letztendlich (hier wie überall!) die Bestrebung bedeutet, einen
institutionalisierten Begriff von der „Wahrheit“ – so überzeugend
wie überhaupt möglich! – zu etablieren, gleichgültig ob mittels religiöser,
performativer, juridischer, akademischer oder anderer Methoden,
von denen sämtliche doch irgendwie Sprache im semantischen und pragmatischen
Sinne einzubeziehen hatten.
15. Der
allgemeine Hintergrund des weiteren war nun, dass im Laufe des siebten Jahrhunderts
v.u.Z. sich die griechische Buchstabenschrift ausbreitete; im sechsten
Jahrhundert kam dazu noch die Verwendung von Geld (Gold-, Silber- und
Elektronmünzen), wodurch „Abstraktionen“ sowie „Werte“ plötzlich
ganz handgreifliche Formen annehmen konnten. In fünften Jahrhundert
blüht die klassische Literatur mit den großen Tragödiendichtern, und die
ersten „Philosophen“ stellten schon ganz neue Fragen, sogar auch in ganz
neuer Form, die zwar aus dem oralen Kulturkreis hervorgewachsen waren,
aber auch ihre eigene Darstellungsformen problematisierten.
So
spekulierte jetzt z.B. Xenophanes über einen unbewegten und unzweifelbaren
theos; Heraclit über einen gemeinsamen, ewigen logos; Parmenides
über den unbewegten, ungeschaffenen und auch nicht vergehenden esti,
das Sein als solches als das unteilbare, ewige Eine, to on –
vielleicht sogar im Sinne eines „Ganzheitsmaßes“ der unteilbaren „Gattungsexistenz“
als solchen.
All
dies problematisierte in je seiner Weise den neu erlebten Widerspruch
von allgemein-kultureller Kollektivität und dem sich jetzt stärker entwickelnden
Individualismus.
Diese
Entwicklung kulminiert endlich im vierten Jahrhundert mit Platon und
Aristoteles. Das echt abstrakte war zum allgemeinen Thema geworden.
16. Im schriftlichen Ausdruck beziehen sich nicht
mehr Sprecher sosehr auf Sprecher; eher beziehen sich (gesprochene sowie geschriebene)
Texte auf andere Texte, in diesem Sinne autoreferentiell
innerhalb des vom jeweiligen Diskurs ausgesteckten Rahmens. Dazu
Assmann: „Eine neue Form kultureller Kontinuität und Kohärenz
entsteht: die Bezugnahme auf Texte der Vergangenheit in der Form einer
kontrollierten Variation, die wir „Hypolepse“ nennen wollen“ (ebd.,
S. 281). Das soll heißen, dass dieses textliche Verhalten sich jetzt auf
polemische, agonistische Prinzipien beruhen muss: ”Unter den Bedingungen
hypoleptischer Kommunikation wird Schriftkultur zu einer Kultur des
Konflikts,“ (ebd., S. 286) die sich dann innerhalb mehr oder weniger
institutionalisierter Rahmen verwirklicht wie es z.B. in Platons
Akademie und Aristoteles’ Lykeion der Fall war. So hat diese ganze
Entwicklung entscheidende Bedeutung für alles hieraus Folgende, so
dass wir – jetzt besonders auf Havelock zurückgreifend – einige
wesentliche weitere Punkte dieser Entwicklung kurz anführen müssen.
Wo
die alte Sprache der immer noch oralen Kultur auf Aktion und Bewegung
ausgerichtet war, wurde die neue Sprachform umgekehrt durch verschiedene
grammatische Neuerungen und Kniffe auf das unbewegliche, auf das „seiende“
ausgerichtet. Entscheidend für diese Entwicklung war u.a. eine neue
Syntax, besonders in Form von ist-Sätzen zum Thema des
spezifischen Wesens des ewigen „Seins“. Es galt jetzt zu „wissen“,
was richtig und was falsch war, also wie die Sachen wirklich sind.[15]
Solche Fragen ließen sich aber nur ordnungsgemäß diskutieren, wenn man
die betreffenden Wörter schon getrennt vor sich auf dem Papyrus hatte,
sie und ihre Sätze also in dinglicher Form vergleichen konnte, ohne sich
also nur auf Erinnerung stützen zu müssen.
Was
war z.B. Gerechtigkeit? Wie sollte man sich als polis-Mitglied gerecht
verhalten? Das machte auch eine neue Form des Satzsubjekts
erforderlich: abstrakte, non-personale, nicht-aktive Wesenheiten in unabänderlichen
Formen. Begriffe wie Tugend und Gerechtigkeit waren für die Sprecher
besonders bedeutungsvoll, auch weil sie das Leben der einzelnen
Sterblichen weit überdauerten und so ewige Bedeutung haben mussten –
allerdings eine „Ewigkeit“, deren Form sich mit der neuen Existenzform
der Gattung als solchen (als polis definiert) geändert hatte (und auch weiterhin ändern
musste).
Dabei
wurde sogar der Redner selbst von seiner eigenen Rede getrennt; jeder
einzelne Mensch erfuhr eine gewisse neue Form von Identität, die nicht länger
unmittelbar gattungsbestimmt war. Er wurde ein „Selbst“, ein „Ich“ (jedoch
ein „gesellschaftliches Ich“). So wurde nach und nach sogar er selbst,
seine eigene Tugend und Gerechtigkeit wie auch andere seiner Eigenschaften
zu genuinen Themen weiterer Auseinandersetzungen. Und weiterhin lockerte
sich sogar die ursprüngliche, persönliche, körperlich-geistige
Einheit des einzelnen Individuums sich auf. Das spezifisch persönliche Moment
des Menschen, seine „Psyche“, wurde somit objektiviert, von der Person
getrennt um danach selbst ganz abstrakt behandelt werden zu können.
17. Die Sokratische Dialektik verfestigte diese
kategorialen Unterscheidungen. Die linguistische Entwicklung –
mit der dazu gehörenden (jedoch nicht explizit thematisierten) Ontologie
– ist entscheidend, um die allgemeine Entwicklung des Denkens und der
Logik zu verstehen. Deshalb seien noch ein paar etwas längere Zitate
aus Havelocks The Orality of Socrates and the Literacy of Plato (1984)
erlaubt, um diese Entwicklung klarer zu machen:
The
new existence of language as an artifact had begun to have the effect of
separating the speaker from the speech. The speech was now an object which in
textual form he could look at, even though it had come out of him. Just as this
had helped to create a new identity for language, and for the new propositions
stated in the new language, so in parallel came the possibility off realizing a
new identity for the speaker, considered as what we would call a personality.
This could be done only if the logos could
contrive to make the personality, or the self, of a man, the object of its own
discourse, so that this “self” could be inspected, just as the new abstract
topics of discourse like justice or virtue were inspected. [...] But, me,
you, him, symbolizing a person considered as an object of action or speech,
identified the person as in separation from his action. [...] I speak a logos
concerning “me;” you speak a logos concerning “you.” But this
is nonsensical. How can “you” do something to “you”? The second
“you” has to be thought of as an object, distinct from the first “you.”
So, it became objectified by the same linguistic device that was used to
formulate the “it yes it.” The third personal pronoun is added to the first
personal, and the resultant symbol becomes “me yes him” (eme auton),
“you yes him” (se auton), “him yes him” (he auton). (Havelock
1984, S. 82-83)
Und
Havelock fügt hinzu: The new intellection is not just a disembodied
function: it comes out of “me yes him” – out of “me myself.” (Ebd.) Ebenso bewirkt diese Objektivierung der „Psyche“
künstlich ausgedrückt als „Ich, ja er“ als Vermittlung einer
selbstreflektierenden Dritten-Person-Instanz. Das, was Cotterill in
neurologischen Termen beschrieb, hat sich hier unter den neuen materiellen
Bedingungen verfestigt (u.a. also durch Einführung der Buchstabschrift,
immer noch ohne etliche Homunculi einzuberufen!).
So
entwickelte sich die „Psyche“ zum „Ich“, die menschliche „Lebenskraft“
zum „eigenen Selbst“. „Mein Selbst“ wurde zur Fähigkeit des Denkens
– und folglich die Fähigkeit zum Denken umgekehrt zum eigentlichen
Wesen menschlichen Lebens überhaupt. Daraus folgt weiter, dass das Interesse
am Denken als solchen, als intellektueller Prozess (wie z.B. in der Sokratischen
Dialektik) sich auch zur Frage nach dem seienden Resultat dieses Denkens
führt, innerhalb der Platonischen Dialektik eben zur Ideenlehre,
zur Lehre vom eidos als „das als solches“ (Havelock: “it itself”,
the “it by itself”) – und so musste konsequenterweise auch eidos
„als solches“ von den Denkenden und Wissenden („ja sie“) selbst
getrennt werden. Eidos wurde einer außerweltlichen
Existenzform zugeschrieben, einer irgendwie übermenschlichen Form –
und diese Form musste tatsächlich die „Psyche“ selbst umfassen
sowie die Universalien und geltenden Regeln menschlichen Verhaltens
im Allgemeinen. Die neuronale Selbstreferenz hat sich zur ontologischen
Kluft zwischen Diesseitigem und Jenseitigem verfestigt; Referenzprobleme
werden uns überhaupt weiterhin beschäftigen müssen.
Die
neue Möglichkeit zur Selbstthematisierung und somit Selbstkontrolle führte
zur Kontrolle im Allgemeinen, innerhalb der Gesellschaft selbst also zur
Kontrolle den anderen Glieder derselben gegenüber. Die Idee von
Gerechtigkeit als gesellschaftliches eidos führte zur Forderung
nach „Maß“ zu leben, was mit der zunehmenden Patriarchalisierung der Gesellschaft
auch zur Unterdrückung älterer Gebräuche führte, nicht zuletzt solcher
matriarchalischen Ursprungs. Mit der allgemeinen Intellektualisierung
der Gesellschaft sah man in der Emotionalität zunehmend eine Gefahr,
und alles, was die Grenzen dieses Maßes zu weit übertrat, wurde als hybris
beschimpft (mit der mythischen Medea mit ihrer matriarchalischen Wurzeln
als Modellfigur aller furchterregenden Frauen; vgl. auch Pandora). Solche Maßvorstellungen
und die allgemeine Furcht vom Weiblichen, leben bis heute ungestört in unserer
modern-patriarchalischer Kultur weiter.[16]
Mit
dieser ganzen Entwicklung war eine Kluft zwischen täglichem Leben und den
übermenschlichen, außerweltlichen Existenzformen aufgebrochen;
diese umfassten alle abstrakten Maße (für Messungen, Geldgebrauch usw.,
wovon die letzte ja auch ein Problem für Aristoteles war, wenn man die
Marxsche Kritik an ihm als gerechtfertigt betrachten kann) und natürlich die eidoi
als solche, die ja doch nicht so unmittelbar erklärbar waren. Diese Existenzform
wurde dann transzendent genannt.
18. Ein weiterer Aspekt der Platonischen eidos-Ideen
sei hier noch erwähnt. Der Übergang vom mythisch-oralen zum diskursiven
Umgang mit den „ewigen“ Strukturelementen der Bedeutungsgattung
hat natürlich auch dazu geführt, dass der Wahrheitswert sprachlicher Ausdrücke
(Urteile) problematisiert wurde. Relatives und „pragmatisches“
Wahrheitserlebnis wurde durch intellektuell-logisches ersetzt, jedoch
ohne feste Garantie wirklicher „Lebenswahrheit“. „Wahrheit“
als solche ist immer subjektiv bedingt. Eine letztgültige Wahrheit ist nie in
der objektiven Realität als solchen zu finden, jedoch auch nicht im subjektiven
Erleben des Einzelnen, in letzter Instanz nur im konkreten Lebensprozess
der ganzen Gattung, deren „Ewigkeit“ – als Essenz ihres Wahrheitsbegriffs
– ja immer auf die Probe gestellt werden kann.
Assmann
zu folge geht es historisch darum, eine neue kulturelle Kontinuität
und Kohärenz sprachlicher Auseinandersetzungen zu entwickeln, eben die „Hypolepse“,
wobei sich also die Schriftkultur in eine „Kultur des Konflikts“
entwickelte. Mit Euklid’s Geometrie als der Lehre der wohlunterschiedenen
Figuren und Aristoteles’ Logik als Lehre der wohlunterschiedenen Begriffe
und Schlussformen haben sich gewiss die Regeln dieses Kampfes verfeinert. Doch
kann man nicht sagen, dass dadurch das Wahrheitsproblem als solches gelöst
wurde. Eher könnte man einfach sagen, dass der „Sieger“ dieses
Konfliktes oder Kampfes nun den Anspruch erworben hat, die „Wahrheit“ –
als die viel begehrte Trophäe – „zu haben“, sie aussprechen
zu können und dürfen. Diese Entwicklung betraf natürlich ganz besonders
die Mathematik.
19. Die vorgriechische Mathematik gab Rechenregeln
(Algorithmen) an, um zu praktisch brauchbaren, also nicht-falschen, akzeptablen
Resultaten zu kommen. Für die Griechische Mathematik ging es um
Beweise, um Wahrheitsbehauptungen, die den „Sieg“ mit Sicherheit gewissen
ließen. Der Ausgangspunkt wurde in Axiomen genommen, die so einleuchtend
waren, dass es keinen Sinn haben sollte, sie überhaupt zu diskutieren. Diese Methode
enthielt jedoch ein Risiko; so wurde z.B. Euklids Parallelaxiom immer bezweifelt,
und als man trotzdem, zwar erst in moderner Zeit wagte, es zu negieren, entstand
plötzlich eine Reihe neuer, nicht-Euklidischer (aber doch
nicht-falscher) Geometrien, die für die Entwicklung der modernen wissenschaftlichen
Weltsicht entscheidend wurden.
Um
die Euklidische Geometrie zu charakterisieren, ist besonders folgendes zu
bemerken. Sie ist theoretisch, nicht wie die vorgriechische, problemlösend;
sie ist theorembasiert, indem sie auf sprachlichen (symbol-sprachliche, bzw.
logische) Sätzen baut. So geht es nur um „exakte“ Resultate, um das wahre
Sein, nicht um hinreichende, nicht-falsche Annäherungen. Zum Zweiten ist
zu bemerken, dass Geometrie „rein“ ist, es ist ganz abstrakt; es geht
hier nicht um Größen und Messzahlen, sondern um geometrische
Strukturen und ihre Beziehungen unter einander als solche. So entging man lange
auch das arithmetische Problem der inkommensurablen Größen (wie
z.B. die der Diagonale eines Quadrats und das Maß des „Goldenen Schnitts“).
Im gleichen Sinne ist das mathematische Operieren mit den „reinen“ Zahlen
Resultat des Abstraktionsverfahren (siehe Kap. II).
Insofern
ist also der hier dargestellte Gedankengang gewiss „Platonisch“. Die
Mathematik untersucht mathematisch abstrahierte Ideen; d.h., nicht
die reale Gegenstände als solche, nur ihre außerweltlichen eidoi;
so ist z.B. ein Punkt als das definiert, was unteilbar ist, oder die Linie
als Länge ohne Breite. Anders geht jedoch Aristoteles an die Sache heran.
Für ihn sind die Gegenstände der Mathematik das, was man erhält, wenn man
von den konkreten Eigenschaften abstrahiert. So geht es ihm um abstrakte
„Werte“, also doch um „ideelle“ Wirklichkeit.
So
hat auch das meta-mathematische Problem von der ontologischen Natur der
Zahlen und ihren Beziehungen nie seine endgültige Lösung gefunden. Sind
Ideen und Zahlen einfach menschliche Gedankenkonstruktionen, oder haben
sie doch im Platonischen Ideenhimmel (oder irgendwo sonst) selbständige
Existenz? Peter Plichta ist der Meinung: „Pythagoras und Plato ... prophezeiten,
dass sich hinter dieser Welt ein tief verborgenes transzendentes Rätsel
verbirgt,“ wie er zustimmend schreibt.[17]
20. Was im Folgenden dieses Buches präsentiert
werden soll, hat auch in diesem Licht gesehen klare „Platonische“ Züge. In
einem Punkt unterscheidet diese Arbeit sich jedoch klar vom Euklidischen
Mathematikverständnis. Diese stützt sich prinzipiell auf die axiomatisch-deduktive
Methode, wo Sätze „beweisbar“ sind. Bewiesen wird dann, wie erwähnt,
auf der Basis von Definitionen, Axiomen und Postulaten, über die man
sich voraussetzungsgemäß (bzw. nach Übereinkunft!) „einig“ erklärt
(es also ablehnt, darüber weiter zu streiten – und soweit diese „Einigkeit“
gilt, ist die ganze Übung darauf basiert, dass das, was nicht-falsch ist, eben
„wahr“ ist. „Definieren“ heißt übrigens Griechisch „abgrenzen“.
Darauf gründet
sich auch der Umgang mit indirekten Beweisen: wenn das entgegengesätzte (als
Kontradiktion) nicht gelten kann, dann reicht dies aus, um die betreffende
Behauptung zu beweisen. Wenn z.B. ~P etwas klarerweise falsches
darstellt, dann kann man getrost die folgende Implikation behaupten: ØS/
Þ !S/P (zu lesen: Wenn es vom Satz (S) nicht stimmt (Ø), dass P falsch
ist (nicht-P, ~P gilt), dann ist P wahr (!)).
Z.B.: entweder ist eine Zahl gerade, oder sie ist ungerade. Wenn dies
aber irgendwie nicht zutreffen sollte, haben wir ein Problem![18]
Wie wir aber sehen werden, wird in dieser Arbeit dieses Prinzip nicht befolgt.
Auf Basis unserer Argumentation wird Zyklizität als hinreichendes
Indiz für die „Nicht-Falschheit“ angenommen,
da zyklisch Selbstorganisierendes sich jedenfalls selbst bewährt.
Doch folgen wir also der „Platonischen“ Herangehensweise, insofern
wir hier danach streben, den Strukturen eine ganz „reine“, allgemeine,
abstrakte Darstellung ganzheitlichen Charakters zu geben (ohne
jegliche Angaben von Größen, Messzahlen usw.). In dem Sinne wird hier
also auch überhaupt nichts „bewiesen“!
21. In Weiterführung der
Platonischen Ideenlehre, aber auch in Opposition zu dieser, formulierte dann
Aristoteles sein Organon[19]
und die Kategorienlehre und schuf auf dieser Grundlage seine „Logik“,
deren Anfang ganz oben angeführt wurde. Dieses kurze Zitat zeigt, in welchem Maße
schon damals Substantialität in den Vordergrund des Denkens gerückt war.
Die zehn durch unverbundene Wörter angegebenen Kategorien sind nach
Aristoteles die folgenden:
Die einzigen,
unverbundenen Wörter bedeuten entweder eine Wesenheit (Substanz), oder eine
Größe, oder eine Beschaffenheit, oder ein Verhältnis, oder eine Ortsbestimmung,
oder eine Zeitbestimmung, oder eine Lage, oder einen Zustand, oder ein Thun,
oder ein Leiden. (A.a.O., S. 13)
Danach exemplifiziert er diese Kategorien wie
folgt:
Eine Substanz ist (um es
nur gleichsam in einem Umriß anzudeuten) z.B. Mensch, Pferd;
Größe: zweiellig; Beschaffenheit: weiß, grammatisch: Verhältniß:
Doppelt, halb, größer; Ortsbestimmung: im Lyceum, auf dem Markte;
.... (A.a.O.)
Vom Akzidens der Größe bemerken wir
folgendes:
Ferner: Größen haben
kein Gegentheil. Bei bestimmten Größen ist dieses ganz klar: so dem
Zweielligen, Dreielligen oder einem bestimmten Flächenmaß, oder irgend etwas
Anderem der Art kann Nichts als sein Gegentheil entgegengesetzt werden. (A.a.O., S. 27)
Ferner lässt die Quantität
auch nicht den Unterschied eines höheren oder mindern Grades zu: so z.B. bei
dem Zweielligen. Es ist Nichts in höherem Grade zweiellig als etwas Anderes.
[...] Die Quantität lässt keinen Gradunterschied des Mehr oder Minder zu.
[...] Hiernach also besteht das Eigenthümliche der Größe am meisten darin,
daß wir sie gleich oder ungleich nennen. (Ebd., S. 30)
Wenn Aristoteles als ersten Punkt seines Organon
die Kategorie „Substanz“ (Wesenheit) nennt, muss man natürlich
die besondere Bedeutung dieser Kategorie zur Kenntnis nehmen. Bemerkenswert
ist aber, dass Aristoteles nun seine Kategorie „Substanz“ durch ihre
Relation zu verschiedenen „akzidentellen“ Kategorien bestimmt – und
diese wiederum erst durch Anwendung der Kategorie „Substanz“.
Wir
lesen nämlich, dass es schon an diesem aller ersten Anfang von der Akzidens
„wie viel“, also um Zwei-, bzw. Dreielligkeit geht. Das ist doch bemerkenswert!
Das Größenakzidens – offenbar ein notwendiges Moment, um die Kategorie
Substanz zu bestimmen – ist schon als messbar charakterisiert;
mehr noch, die Substanz wird tatsächlich
gemessen! Also muss es auch den Akzidensien voraus „substantielle“
Repräsentationen derselben geben, die zur eigentlichen Substanz in
Relation stehen (vgl. hierzu die Fußnote zu
I.9), lange bevor diese als solche
begrifflich bestimmt sind. Diese Repräsentation gilt also kategorial
als das „substantielle“ Maß; in Form substantieller Messgeräte,
Maßstäbe mit Angaben von Maßeinheiten usw. realisiert, sogar gesellschaftlich
(institutionell) anerkannt, beschlossen und für den Gebrauch allgemein
bestätigt. Eine solche gesellschaftliche Bestätigung (mit
etablierter Praxis) ist also die Voraussetzung, um überhaupt von „Substanz“
zu reden! Es wäre vor dem Aristotelischen Punkt 1 seines Organon
in der Tat ernsthaft zu fragen, wie er zu diesem ontologischen Punkt mit
seinen weiteren getrennten aber doch nur einander gegenseitig definierenden
Kategorien kommen konnte.
Endlich
bemerken wir, dass diese spezifische Relation zum Messgerät zur Folge hat, dass,
wie Aristoteles schreibt, „das Eigentümliche der Größe (besteht) am
meisten darin, daß wir sie gleich oder ungleich nennen.“ (A.a.O., S. 30)
Somit nähren wir uns wieder der oben angedeutete Entwicklung
der neuen Syntax, wonach es galt, durch ist-, bzw. ist-nicht-Sätze
unser Wissen vom spezifischen Wesen der betreffenden „Substanz“ zu formulieren.
Wie gesagt, es galt jetzt zu „wissen“, was richtig und was falsch ist, eben
wie die Sachen wahrhaftig („objektiv“) sind.
22. Das Wort ”Substanz” in sich ist für und interessant.
In der Tat stellt es die lateinische Übersetzung von des (auch von
Aristoteles benutzten) griechischen Wort ousia
dar, das den Grund und Boden des Gemeinwesens, darunter also der
Bauern, meint. So meint das Wort Substanz ganz buchstäblich den Träger
seiner Eigentümer und Bewohner als die ihr zugesprochenen, austauschbaren
und so auch negierbaren (d.h. z.B. sterblichen) Akzidensien, in dieser
Verbindung also alle die, die auf und durch diesen Boden leben, ihn bearbeiten,
um durch ihn ihre ganze eigene Existenzbedingung zu erhalten. Dieser
Boden ist in ganz handgreiflicher Form sowohl „Träger“ seiner
Menschen als auch „Gegenstand“ ihrer Arbeit – mehr noch, „Träger“
und „Gegenstand“ bedingen sich ganz buchstäblich in ihrer dialektischen
Gegenseitigkeit. So bilden diese zusammen das wesentlichste Moment des
ganzen Gattungslebens als polis.
Im
sprachlichem Gebiet finden wir dasselbe. Hier werden Substanz und
Akzidensien als Dinge mit ihren Eigenschaften aufgefasst, die als solche
durch Satzsubjekte mit ihren negierbaren Prädikaten repräsentiert werden
(z.B. „Die Rose ist nicht rot“). Wieder werden ihre Bedeutungen aus dem
Satz- und Gattungsganzen ausgesondert (vgl. die kategoriale Subsumption;
Ruben), und ihre Theorie betrifft somit meistens die rechte Benutzung der Wörter
als solche (vgl. dazu die Kategorienlehre). Wieder gilt: keine
Satzsubjekte ohne ihre Prädikate – und umgekehrt.
23. Wir berühren schon hier ein zentrales und zwar
echt metaphysisches Problem dieses Buches, das sogar dieser Darstellung
als solche betrifft. Bei Aristoteles sehen wir zwei sich gegenseitig bedingenden
Kategorien „Substanz“ und „Akzidens“, deren Widerspruch, um sie überhaupt
auseinander halten zu können, sozusagen orientiert ist. So könnte man
sagen, dass die Substanz etwas „inneres“ einer Sache repräsentiert, das
sich auf etwas „äußeres“ bezieht (z.B. Messgeräte und andere Erkenntnismittel).
In der Be, etwas „Inneres“ vom „Äußeren“ zu unterscheiden, bedeutet
bildlich, eine Scheidelinie oder Grenze zwischen diesen Gebieten zu ziehen, um
zu definieren; diese Grenze ist aber nur eindeutig bestimmbar, wenn die
getrennten Gebiete als solche klar unterschiedlich definiert werden können.
Um die Existenzform des besonderen „Inneren“ zu definieren, müssen
wir uns also auch zu dieser Grenze selbst verhalten.
Ein gewöhnliches (materielles, substantielles) Ding können wir
„objektiv“ – d.h. „von außen“ – betrachten und so (ideell) seine
verschiedenen (akzidentellen) Eigenschaften (Ort, Größe usw.) bestimmen. Ist
uns aber die Möglichkeit versagt, das gegebene Ding „von außen“ zu
betrachten, ist die Sache problematischer. So ist es z.B. unmöglich, unser
Universum von außen zu betrachten, da wir uns selbst im Universum befinden,
also nur „von innen her“ betrachten können.
In der letzten Instanz wird diese Problemlage durch die mögliche
Selbstreferenz charakterisiert, so dass wir im Gegensatz zur „objektiven“
Betrachtungsweise hier auch eine echt „subjektive“ Betrachtungsweise
anlegen müssen. So z.B. kann ich mich selbst soweit von außen sehen, dass
ich meine körperliche Begrenzung, Haut usw. betrachte. Das fordert dann
Bewusstsein, gewissermaßen Selbstbewusstsein (vgl. hierzu z.B. das
Leib/Seele-Problem). Problematischer wird es jedoch, wenn eine solche
„subjektive“ Betrachtungsweise „sich selbst“ zum Thema hat. Hier
führt die Selbstreferenz zu ernsthaften Problemen – und zwar um so mehr,
als solche „subjektive“ Betrachtungsweisen in sich als problematisch
betrachtet werden oder gar vermieden werden. Solche Fälle werden besonders
in den Kapiteln II und III behandelt. In der Tat könnte man sich aber
vorstellen, dass die Selbstreferenz so vollständig ist, dass die
betreffende Grenze zu verschwinden scheint; dies würde dann bedeuten,
dass eine „innen/außen“ Orientierung ganz aufgehoben wird, dass das „innere“
und das „äußere“ ununterscheidbar und glatt ineinander übergehen
(hierzu Kap. IV-V).
24.
Mit dem Christlichen Glauben an Christus als „Gottes Sohn“ entstand natürlich
die weitere schwierige Frage, was überhaupt ein Mensch sei? Wie soll ein
Mensch sich zu den „patriarchalischen“ Rechten des „Vaters“ und
seinen eigenen Existenzbedingungen durch diesen „Vater“ verhalten? Wie
ist im Falle Jesus Christus seine doppelte Natur als gleichzeitig göttlich und
menschlich zu verstehen – und was bedeuten solche Fragen für die
einzelnen Menschen? Wie ist also überhaupt dieses gottgegebene Wesen der
Menschen mit dem Widerspruch von dem göttlich-ewigen („platonischen“)
„Geist“ und dem irdisch-vergänglichen Körper zu verstehen?
Solche Fragestellungen breitete sich in der Spätantike nach und nach zur
ganzen „westlichen“ Menschengattung aus. Und dazu noch, wie ist es
diesem „Geist“ möglich sich im täglichen Leben auch real, materiell,
zur Geltung zu bringen?
Diese
Fragen müssen wir jedoch hier stehen lassen (siehe jedoch Nachtrag nach Kap.
IV). Bemerke aber, dass das „göttliche“ immer in Bezug auf das
gattungsmäßige betrachtet wird und so auch in Relation steht zu Vorstellungen
vom „Guten“ und „Wahren“ (eben nicht nur „Nicht-Schlechten“
und „Nicht-Falschen“!). Christlich wurde aber die Frage der Wahrheit theologisch
eingebunden, was in der Griechischen Philosophie eben nicht der Fall war (vgl.
Assmann). Diese Denkweise hat sich also durch patriarchalische Formen
kirchlicher und anderer gesellschaftlicher Institutionen weiterhin
befestigen können und dominiert seitdem unser eigenes Kulturleben.
Ähnliche
Fragen entstehen auch, wenn es statt um den „Geist“ einfach um das
individuelle Bewusstsein geht. Wie dieses durch körperliche Prozesse zu
erklären sei ist unklar, ganz besonders, wenn man dem Cartesischen Dogma
zufolge körperliche und seelische Prozesse in absoluter Trennung betrachtet.
Haben diese Sphären nichts gemein, gehören sie nicht einmal zur gemeinsamen
Gattung. Gleichgültig wie diese nun zu definieren sei, beziehen diese
Momente sich dann auch nicht mehr gegenseitig auf einander. Im Gegenteil.
Sie stehen sich folglich so fremd gegenüber wie Leben und Tod. So formuliert
versteift sich das Christliche Problem und wird letztlich ganz unlösbar.
Bemerkung. Im folgenden sind gewisse Zeichen falsch wiedergeben. So soll das Zeichen Ø die äußere Negation bedeuten (gewöhnlich ein Haken). Ein senkrechter Strich mit Akzent bedeutet epsilon, und ein U mit Akzent die Biimplikation (Doppeltpfeil). Vgl. auch z.B. Kap. II.19, wo die entsprechenden Zeichen richtig angegeben sind bei „Peter Rubens Definition“.
25.
Dies betrifft jedoch nicht nur die
Natur der Menschen. In der Tat betrifft es überhaupt alle Dinge und andere
substantielle (substantivische) Elemente mit ihren Eigenschaften (Akzidensien),
die unsere Welt bevölkern und in unserem alltäglichen Sprache durch Sätze mit
Satzsubjekt und Prädikat (z.B. „ist...“, „hat die Eigenschaft...“,
„tut...“ usw.) thematisiert werden. Solche linguistischen Ganzheiten (unserer
Sprachfamilie) spiegeln genau unsere eigene ganze Weltsicht und Ontologie
wider: Kein Ding ohne Eigenschaften, keine Eigenschaften ohne Dinge als
deren Träger.
Lasst
uns deshalb die Aristotelische Ontologie verlassen, um kurz zu einer
dialektisch-ontologischen Deutung der Satzform übergehen. Darin werden wir
wieder Peter Ruben folgen, der einfach unter Ontologie
die Lehre versteht, was Sätze und Satzglieder real meinen. Die
Satzsubjekte stehen für Gegenstände, Sachen; Prädikate für ihre Eigenschaften;
Sätze als solche stehen für die Sachverhalte, konkrete Einheiten von Sachen/Gegenständen
und ihren Verhaltensweisen/Eigenschaften.
Wo
die metaphysische Ontologie von Aristoteles die Kategorien S
(Satzsubjekt) und p (Prädikativ) der
ist-Sätze (oder ihrer Äquivalente) trennt, geht es Ruben darum,
diese Satzglieder als unterschiedene, prinzipiell aber untrennbare zu
behandeln. Kein Satzglied ohne als Glied eines ganzen Satzes! Seine Analyse
betrifft logische Urteile, bewertete Sätze, deren „Werte“ dann „wahr“
oder „falsch“ heißen.
Zunächst
definiert er für den Wert „falsch“ ein logisches Standardobjekt. Er
schreibt S für Satzsubjekt, P für
Prädikat, p für Prädikativ, Wd
für Widerspruch, Î
für „ist“, w für „wahr“ und f für „falsch“. Das
Zeichen ! vor dem Satz bedeutet wie oben „es ist wahr, dass...“, das Zeichen
¬ „es ist nicht wahr, dass...“; Ù
bedeutet die Satzkonjunktion „und“, & die Prädikatkonjunktion.
Endlich auch ~ die Negation „nicht“. Dieses besondere Standardobjekt
für logische Falschheit heißt nun !S/P Ù
!S/~P;
es könnte auch !S/Îp
Ù
!S/Î~
p geschrieben werden, und ist so zu lesen: Dass für S P
gilt und für S nicht-P gilt ist gleichzeitig wahr – die
Behauptung als solche jedoch falsch! Rubens Definition lautet wie folgt:
Wir verwenden nun aus der Klasse aller logischen
Terme die Verknüpfung !S/P
Ù !S/~P als jenen Term, der
das logische Standardobjekt für den Gegenwert von w, also für den Wert ¦
bildet. […] Damit können wir über Abstraktion definieren:
!S/Î(p
& ~p) Î
WdLog. =df
!S/Î(p
& ~p) Û
!S/Îp
Ù
!S/Î~p.
(Ruben
1978, 141))
Dazu bemerkt er selbst: „Ob dies der Fall ist, muß
im Rahmen der unterstellten Theorie entschieden werden. Es steht nicht „an
sich“ fast.“ (Ebd.) Wir müssen also die Terme in ihrer wirklichen Zusammenhang
betrachten.
Danach geht Ruben zu einer neuen Wertbildung über, die laut dieser
Definition eben nicht „falsch“ ist. Andererseits kann ihr aber auch nicht
der Wert w („wahr“) zugeschrieben
werden; in dieser Sicht braucht also „nicht-wahr“ nicht sofort gleich „falsch“
zu bedeuten; das steht natürlich im Gegensatz zur klassischen, deskriptiven
Logik mit seinem tertium non datur. Von dieser neuen Definition sagt
Ruben selbst: „Sie ist hier natürlich keine Prädikationsleistung,
sondern vielmehr das Produkt einer [logischen] Wertbildung, welche
man auch durch den Gebrauch des Prädikativs „wertunentschieden“
sprachlich ausdrücken kann. Wir nennen den entsprechenden logischen Term …
„logische Unbestimmtheit“. (Ebd. 141) Und er fügt in einer Note hinzu:
„Im aktuellen Vorgang steht in der Tat der Wert eines Produkts nicht
fest; sein Wert ist also wirklich unbestimmt.“ (Ebd. 145) Es geht also
hier um „Nicht-falsches“.
Der
gesuchte Wertausdruck logischer Unbestimmtheit hat nun die Form ØS/Îp
Ù
ØS/Î~p
(zu lesen: Es ist nicht wahr dass S p ist, und es ist
gleichzeitig nicht wahr dass S nicht-p ist). Mit dieser Konjunktion,
die eine positive Paradoxie darstellt, definiert Ruben nun den dialektischen
Widerspruch:
!S/Î(p & ~p) Î WdDial. =df !S/Î(p & ~p) Û ØS/Îp Ù ØS/Î~p.
Eine affirmative Paradoxie [der Ausdruck !S/Î(p & ~p)] stellt in der
Urteilsbildung genau dann einen dialektischen Widerspruch dar, wenn das
positive Urteil über die affirmative Paradoxie mit dem Term der logischen
Unbestimmtheit logisch äquivalent ist. Mit anderen Worten: der dialektische
Widerspruch erscheint logisch als
Unbestimmtheit! (Ebd. 142)
26. Wir halten dabei fest, dass wir uns mit
sprachlich sinntragenden Ganzheiten befassen, müssen also wirkliche Sachverhalte
in solcher Weise analysieren, dass wir für die widersprüchlichen Prädikative
p
und ~p akzeptable
Bedeutungen angeben können, um nicht einfach sinnwidrig (konträr) zu
argumentieren. Für Ruben dient dieser Standardterm zunächst als
Musterbeispiel für logisch unentschiedene Sachverhalte, um dabei ihre
dialektischen Widersprüche zu bestimmen. Ein konkretes Beispiel wäre die
Marxsche Definition einer Ware, die als die widersprüchliche Einheit
von Wert und Gebrauchswert definiert wird. Um eine Vorstellung von der
Allgemeingültigkeit dieser Definition des dialektischen Widerspruchs
zu geben, sollen schon hier einige Beispiele solcher positiven Paradoxien
mit ihren kategorialen Auflösungen vorgestellt werden:
|
!S/Î(p & ~p) |
ØS/Îp und |
|
|
Wirklichkeit |
Wesen |
Erscheinung |
|
auch |
Ding |
Eigenschaften |
|
oder |
Substanz |
Akzidensien |
|
Ware |
Wert |
Gebrauchswert |
|
Arbeit |
abstrakte A. |
konkrete A. |
|
Geld (u.a. Vergl.mittel |
Maß der Werte |
Maßstab der
Preise |
|
Mensch |
Bewusstsein |
Körper |
usw.
27. Doch müssen wir hier noch einen Schritt weiter
gehen, um auch das Verhältnis dieser widersprüchlichen Momente – exemplarisch
für viele andere – weiter zu bestimmen. Genau diese Verhältnisstruktur
ist die wesentlichste Aufgabe, wenn es um die Ausarbeitung einer formalen
Dialektik geht.
Das
m.E. wesentlich neue und wegweisende der Peter Rubenschen Leistung ist, dass
er mit den Mitteln der klassischen Logik zu einer „dialektischen Logik“
vordringt. Zum Ersten geht es ihm um Urteile, d.h. Prädikationen, ist-Sätze,
die man logisch entweder „wahr“ oder „falsch“ bewerten kann.
Im traditionellen Sinne heißt das nun, dass, wenn die „Wahrheit“
der Prämissen bestätigt ist, und alle also dies als unbezweifelbar
akzeptieren müssen, dann implizieren diese – auf Grund ebenfalls
logisch bestätigter und unbezweifelbarer Schlussregeln – ein neues
Urteil, das gleichfalls als wahr zu behaupten ist.
Zum
Zweiten geht es ihm aber darum, auf Basis dieses neuen logischen Standardobjekts
als Wertmesser der Wertunentschiedenheit, die Logik als solche für
den dialektischen Widerspruch zu öffnen. Dies ist eine echte Generalisierungsleistung,
die für alles weitere hier von größter Bedeutung ist. So betrachte ich
seine Errungenschaften als ein wichtiges Ergebnis, das es uns möglich
macht, reale Sachverhalten (wie z.B. Waren) formal unter zweifachen Aspekt
zu betrachten, ohne dass ihre Widersprüchlichkeit ins Konträre und somit
ins Falsche gerät. Dieser Gedanke wird in diesem Buch konsequent
weitergeführt.[20]
So
definiert Ruben ~p auch nicht als die einfache Negation von p, sondern als „Kontraposition“
zu p (somit den Gebrauchswert als Kontraposition zum Wert, nicht einfach als Nicht-Wert oder gar
Wertlosigkeit). Zum Term Kontraposition bemerken wir, dass die Prädikative p
und ~p einander also nicht
gegenseitig ausschließen (wie z.B. wahr und falsch), im Gegenteil von einander
abhängig sind und somit eben einen „daseienden Widerspruch“ bilden (Hegel;
siehe Ausblick). Sie müssen in der betreffenden Sphäre der
Wirklichkeit soweit gemeinsamer Natur sein, dass es überhaupt Sinn hat, sie
durch Konjunktion zu vereinen, so wie z.B. eben Wert und Gebrauchswert der
Ware real konjugiert sind (indem beide z.B. durch menschliche Arbeit erzeugt
sind).[21]
28. Zur Biimplikation !S/Î(p
& ~p) Û
ØS/Îp
Ù
ØS/Î~p
noch eine Bemerkung. So lange wir p und ~p schon
kategorial z.B. als Ding und Eigenschaft bzw. als Wert und Gebrauchswert
abstrakt charakterisieren (oder sie wie hier einfach als Zeichen zu Papier
gebracht haben) sind sie klar unterscheidbar. Dies kommt in der als wahr
vorausgesetzten Formulierung !S/Î(p & ~p) zum Ausdruck. In diesem Fall hätten wir auch die beiden
Momente durch kategoriale Subsumption (siehe oben) unterscheiden können (z.B.
als Wert des Gebrauchswertdings bzw. Gebrauchswert des Wertdings).
In
der zweiten Formulierung als !S/Î(p & ~p)
kommt genau das
Umgekehrte zum Ausdruck. Hier sind diese Momente ununterscheidbar,
wir wissen eben nicht ob so-oder-so! Die Ware ist weder Wert (allein),
noch Gebrauchswert (allein), denn in solchen Fällen eben keine „Ware“ überhaupt
(aber vielleicht Geld).
Logisch
in Sinne Rubens (also unter der Bedingung dieser Biimplikation) repräsentieren
also p und ~p den „daseienden Widerspruch“, den es zu
zerlegen und aufzuheben gilt. Unter welchen Bedingungen dies geschehen
kann, wird unten weiter diskutiert. Soviel kann aber schon hier gesagt
werden: Diese beiden Momente durch kategoriale Subsumption im kategorialen
Sinne als Abstrakta zu unterscheiden, ist das, was notwendig ist, um ichren
bedeutungsmässigen Inhalt zu bestimmen. Mehr noch, im Vorgang des
Messens diese real zu trennen ist
genau das ontologische Problem aller Messungen, wofür aber schon die
Existenz gesellschaftlich anerkannter (institutionalisierten)
Messgeräte, bzw. Geld die erste Bedingung darstellt.
29. Das Problem aller
Logik – und mit ihr der Mathematik – ist, dass diese Geisteswissenschaften
von mehr oder weniger plausiblen, aber doch als wahr bestätigten Prämissen
ausgehen, in linearer Weise durch eine Reihe von Schlüssen zum logischen
Ergebnis (gegebenenfalls Definition) kommen, dessen Wahrheit dann
ebenfalls voraussetzt ist (mit reproduziertem Risiko!). Für die im
Folgenden dargelegten Analysen ist jedoch entscheidend, dass sie eben keine
linearen Wahrheitsschlüsse beinhalten, sondern im Gegenteil in
zyklischer Argumentationsform sinnvolles behaupten.
Zum
Prinzip sinnvoller Zyklizität bin ich persönlich durch ein Buch von Robert
Rosen, Life
Itself,[22]
gekommen, in dem er ein Minimalmodell eines lebenden Organismus aufstellt, das
in der Tat – um wieder Peter Ruben zu paraphrasieren – als Standardobjekt
oder -modell für ganzheitliche, selbstreproduzierende Gattungen zu
analysieren und ihre Darstellungen dient. Das entscheidend neue dieses
Rosenschen Modells ist nun, dass dies nichts über eine zweifache, sondern über
eine dreifache Konjunktion gebaut ist; d.h., es baut auf eine prinzipiell
dreifache Unterscheidung lebenswichtiger Funktionen (wovon die
dritte eine analytisch-bestätigende ist), die eben durch ihre Beziehungen,
nicht aber durch dingliche Elemente repräsentiert werden. Man könnte auch hier
sagen, dass diese sich (wie Gattungsmomente) in einer logischen Unbestimmtheitsrelation
zueinander verhalten. Damit wäre endlich auch die Aristotelische (metaphysische)
Ontologie restlos aufgehoben.
30. Am Anfang dieser Einleitung
waren drei wesentliche Zitate von Aristoteles, Engels und Marx angeführt,
sozusagen um drei wichtige Punkte der Gedankenentwicklung und des Gedankengangs
dieser Arbeit anzugeben. Zuerst Aristoteles’ Organon als Ausgangspunkt
seiner Kategorienlehre. Hier ist eben die Kategorie des Substantiellen
am Anfang angeführt; dann eine Reihe weiterer Kategorien, die wir meistens
unter dem Begriff Eigenschaften rubrizieren würden. So spricht er prinzipiell
von Dingen mit zugeschriebenen Eigenschaften – wobei also diese „Eigenschaften“
schon weitgehend dinglich repräsentiert sind, so dass, wie schon bemerkt, Ding-
und Eigenschaftskategorien sich gegenseitig bedingen.
Darunter
ist die charakteristische Sentenz von Friedrich Engels aus Dialektik
der Natur angeführt, in der die ontologisch umgekehrte Weltsicht zum
Ausdruck kommt, so dass hier Bewegung an dem Anfang gestellt wurde. Da Engels
und Karl Marx eng zusammengearbeitet haben, kann diese Sentenz weitgehend
auch für die Marxsche Dialektik geltend angesehen werden. Wir werden unten
sehen, dass auch diese Ontologie ihre Probleme hat.
Doch
Marx führt als entscheidend neuen Punkt auch die
ganz reale Trennung der Momente an,
in der Tat die Zerschlagung einer gegebenen naturwüchsigen und
ganzheitlichen Gattung durch die historische Expropriation der Bauern und
Handwerker von ihren Arbeitsmitteln, von Boden und Werkstätten – und
somit für diese Menschenmassen auch ihren gattungsmässigen Anschluss an
einen großen Teil der gesellschaftlichen Subjektivität. Das war ein
historisch so einschneidendes Ereignis, dass man ohne Zweifel sagen
kann, dass mit diesem ein ganz neues Kapitel der Menschheitsentwicklung
aufgeschlagen wurde mit all seinen spezifischen ideologischen Problemen
und Paradoxien.
Wir stehen also hier an einem neuen Punkt einer Jahrtausend
langen historischen Entwicklung mit vielen Umbruchperioden, von denen jede
ihre spezifische Bedeutung hatte für die weitere ideologische, wissenschaftliche
und technologische Entwicklung. Obwohl die traditionelle
Gesellschaftsgattung radikal transformiert, sogar zerschlagen wurde, ist
klar, dass es doch dieser Gattung gelang, wieder ihre Zyklizität
auf neuer Grundlage in Gang zu setzen, bzw. zu bewahren.
Heute durchleben wir schon wieder eine Umschlagperiode
mit noch unbekanntem Resultat. Es wäre zu hoffen, dass es auch diesmal gelingen
wird, das gesellschaftliche Gattungsleben so umzugestalten, dass auch
die aktuellen gesellschaftlichen Widersprüche aufgehoben werden können. Es
wäre somit zu hoffen, dass die hier vorliegenden zwar sehr formale
Analysen ihren kleinen Beitrag dazu leisten können.
Anfangs
habe ich dafür ganz allgemein argumentiert, dass Zyklizität
in Arbeit und Lebenslauf – früher wie heute – für unser ganzes Weltbild
entscheidend ist. Es sind immer die realen Zyklizitäten, die unsere
Vorstellungen bestimmen. Diese können jedoch auch in Änderungen, in
Entwicklung derselben resultieren (vgl. Pkt. 11 und ersten
Nachtrag nach Kap. IV). Mehr noch, ohne Zyklizität würden wir überhaupt weder Kultur
noch ein Weltbild besitzen, keine Qualia, und wir würden uns auch gar
keine Gedanken überhaupt im modernen Sinn des Worts machen können, höchstens
emphatische Äußerungen wie Affen, die zwar von Zyklizität nichts
wissen, wohl aber konsequenterweise ihren impliziten Gesetzen folgen.
31. Mit dem Rubenschen Term logischer
Unentschiedenheit bin ich überzeugt, den ersten Schritt auf dem Weg zu einer
formalen Dialektik gehen zu können. Dieser Term allein reicht doch nicht aus.
Es geht mir darum, ein dialektisches System aufzubauen – ich habe es unten
eine „Denkmatrix“ genannt – die es uns möglich macht, wie in der
Logik und Mathematik üblich in einer Symbol- oder Formelsprache, die
reale Zyklizität eines Gattungswesens darzustellen.
Dies würde bedeuten, Zyklizität als solche kategorial zu bestimmen.
Da diese Kategorie m.M.n. zentral ist, würde eine solche formelhafte,
symbolische Darstellung vielleicht sogar für alle dialektischen Verhältnisse
gültig sein.
Wir
müssen uns jedoch klar machen, dass diese Denkmatrix spezifische
Voraussetzungen und so auch spezifische Begrenzungen hat. Die ideologischen
Revolutionen durch Sokrates und Platon, später durch die Christliche
Theologie – und endlich durch die Zeit der Aufklärung – sind heute nicht
wegzudenken. Wissenschaftliche Theorien und Methoden sind wichtige Momente
allgemeiner Orientierungsfähigkeit in der Welt und somit auch für die
Erkenntnis des eigenen Selbst, des ganzen eigenen Selbstverständnisses.
Diese Denkweise – im 18. und 19. Jahrhundert entstanden und in vielen
Hinsichten im 20. Jahrhundert auf die Probe gestellt – habe ich mit diesem
Buch zu verallgemeinern versucht – eben um „mit ihr über sie hinauszugehen“.
Auch wenn dies tatsächlich gelungen sein sollte, steht immer noch offen,
wieweit allein dieses verallgemeinerte Verständnis im Stande sein könnte,
unsere eigene historisch-kulturelle Entwicklung zu erhellen, gegebenenfalls
sogar unsere eigene Anthropogenese und frühere Entwicklung zu
durchleuchten – und gleichzeitig damit alle anderen kulturellen Entwicklungen
der Welt, die nicht gerade zu Platon und Christentum geführt haben.
32. Ein
arithmetisch-formales Modell für meine zentrale Idee des Buches habe ich bei
William Rowan Hamilton gefunden, nämlich seinen sog. „Quaternion“-Formalismus.
Dieser besteht aus abstrakte, mathematische Strukturen von einer realen
Zahlenebene und drei imaginären Vektorebenen, die scheinbar für diese
Aufgabe eine solche Möglichkeit darbieten können. In ihrer aller einfachsten
Form, in der sie hier in Kap. V benutzt wird, besteht sie aus nur einer realen
Zahl im Sinne des Einheitsmaßes und dazu drei imaginären Zahlen. Diese
werden zum Schluss versuchsweise als abstraktes Modell dieser Zyklizität
vorgestellt. Dieses Modell scheint in dieser Hinsicht vorläufig vielversprechend…
Es
wäre auch denkbar, das logische System von Kontrapositionen so
auszudehnen, dass noch ein drittes Moment zur doppelten Kontraposition
hinzugefügt werden könnte. Würde dies gelingen, wäre tatsächlich die hier
propagierte Zyklizität als solche logisch-dialektisch aufgezeigt.
Zu
diesem Buch
33. Dieses Buch ließe
sich in der Tat in zwei- oder gar dreifacher Weise lesen. Von dieser Einleitung
könnte man gleich zum Ausblick übergehen, um sich einen Überblick
die allgemeine Problemlage zu verschaffen, die hier unter Diskussion
gestellt wird, jedoch ohne auf die etwas gedankenschwerere Kategorienanalysen
einzugehen.
Die
Kapitel I – IV stellen die eigentlichen Kategorienanalysen dar, die
für einige Leser vielleicht doch ziemlich ermüdend wirken könnten,
deren Sinn es aber ist, die eigentliche Idee theoretisch zu untermauern.
Endlich
stellt Kapitel V die Sonderanalyse des schon eingeführten mat-Formalismus als Modell der
Zyklizität dar, um die Zyklizität als solche mittels des Hamiltonischen
Formalismus ganz formal zu begründen. Dieses Kapitel enthält somit das formale
Kernstück des ganzen Buchs und ist entsprechend abstrakt angelegt. Dabei
wird konstatiert, dass jedes kategoriale System von seinen expliziten
Voraussetzungen abhängig ist; deshalb will es auch diese Voraussetzungen als
solche zu untersuchen. Im anschließenden Dialog mit Walter Rella eröffnet
sich weitere Perspektive. Wird man aber diese ganze Diskussion zu abstrakt
finden, würde man dieses Kapitel überspringen können, ohne die allgemeine
Ideologiekritik des Buches zu verlieren.
[1]
Das
Wort ‚Gattung’ hat viele Bedeutungen, Es wird hier als philosophischer
Term benutzt, um von einer Ganzheit materieller oder ideeller Art die Zusammenhörigkeit
ihrer notwendigen Momente anzugeben. Z.B. machen in diesem Sinn alle
essentielle Begriffe einer Theorie eine „Gattung“ aus, indem diese Begriffe
letzten Endes einander gegenseitig bedingen und bestimmen. Die „Gattung“
gesellschaftlicher Menschen umfasst entsprechend alle materielle und
kulturelle Momente, die für die betreffende gesellschaftliche Lebensform
notwendig und bestimmend sind. In unserem modernen Fall umfasst unsere „Gattung“
somit außer den menschlichen Individuen selbst auch sämtliche ihrer materiellen
und kulturellen Existenzbedingungen sowie z.B. Lebensmittel, Behausungen,
Produktionsbedingungen und ihrer Ergebnisse, Bücher, Theoriebildungen
usw., die die ganze Praxis dieser besonderen Lebensform bestimmen.
[2]
In diesem Sinn kann man eine ”Gattung” sehr wohl als
ein autopoietisches System
betrachten. Innerhalb eines solchen kann sich auch weitere autopoietische
Strukturen bilden, die zu einander relative Selbständigkeit besitzen (Luhmann).
1
Cotterill,
Rodney (2001): Evolution, Cognition, and Consciousness. Journal of
Consciousness Studies, 8, No 2.
[4]
Rizzolatti, Giacomo and Arbib, Michael A.: Language
within our grasp. Trends in Neuroscience, Vol. 21, 1998.
[5]
Da diese
Korrelierungen der unterscheidbaren Gattungsglieder ständig sind, werden
ihre Aufhebung, d.h. die wirkliche Trennung der Glieder von ihrer Gattung
ihren „Tod“ bedeuten. Dasselbe geschieht in dem Fall, wo ein Mensch seinem
Stamm oder seine Zugehörigkeit zu seinem Ethnos beraubt wird; er wird dabei
„versklavt“. Was dabei passiert kommt im Titel vom Buch Slavery als
social Death von Orlando Patterson (1982) klar zum Ausdruck.
[6]
Ruben, Peter (1978): Dialektik
und Arbeit der Philosophie. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln.
[7]
Jan Assmann: Das Bild des Vaters im Alten Ägypten; in: Das
Vaterbild in Mythos und Geschichte (1976)
[8]
Dieses Einschiebsel ist weitgehend durch Kjeld Schmidt’s
„Nachtrag“ von Verdensmarkedet
(Der Weltmarkt, dänisch) mit Artikel,
Brefe etc. 1947-1895 von Karl Marx und Friedrich Engels (Verl. Tiderne
Skifter, 1988) inspiriert.
[9]
W.I. Lenin: Materialismus und
Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre
Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1987.
[10]
Zitiert nach MEW Bd. 13
[11] Assmann,
Jan (1997): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und
politische Identität in frühen Hochkulturen. Verlag C.H.Beck, München.
[12]
Havelock,
Eric A. (1984): The Orality of Socrates and the Literacy of Plato: With some
reflections on the Histoical Origin of moral Philosophy in Europe. In: New
Essays on Socrates, ed. Eugene Kelly, University Press of America.
[13]
Vgl.
dazu auch z.B. Mary Douglas in Natural Symbols (1973), S. 42: „This
present book is an essay in applying Bernstein’s approach to the analysis
of ritual. It will help us to understand religious behaviour if we can
treat ritual forms, like speech forms, as transmitters of culture, which are
generated in social relations and which, by their selections and emphases,
exercise a constraining effect on social behaviour.
[14]
„Das Dreieck stand sicher im
Kampf mit den gleichlangen Beinen fest und ruhig gespreizt, resolut kämpfend,
um seine zwei Winkel gegen den feindlichen Angriff zu verteidigen.“
[15]
Sein steht dem Nichtsein, Wissen
dem Falschen „intolerant“ gegenüber. Jan Assmann führt in senem Die
Mosaische Unterscheidung (2003) an, dass der strickte Monotheismus
logisch gesehen ein Gegenstück zur Parmenidischen „Revolution“
darstellt. Er schreibt u.a.: „Wissenschaftliches Wissen ist „Gegenwissen“,
weil es darum weiß, was mit seinen Thesen unvereinbar ist. Nur „Gegenwissen“
bildet einen Regelcode aus, der festlegt, was als Wissen gelten darf und was
nicht, d.. ein Wissen zweiter Ordnung. Ordnung. Dieser Methodologie
entspricht auf seiten der Gegenreligion die Theologie im Sinne einer
Religion zweiter Ordnung.“ (S. 24)
[16]
Die Angst um die weibliche hybris macht sich auch in der neueren Zeit ständig bemerkbar.
Den Frauen sollen überall Grenzen gesetzt werden: „Ein Frauenzimmer,
das den Kopf voll Griechisch hat, wie die Frau Dacier, oder über die Mechanik
gründliche Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von Chastelet, mag
nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn dieser würde vielleicht
die Miene des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich
bewerben. Der schöne [weibliche] Verstand wählt zu seinen Gegeständen
alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist, und überläßt
abstrakte Spekulationen oder Kenntnisse, die nützlich, aber trocken
sind, dem emsigen, gründlichen und tiefen Verstande. Das Frauenzimmer
wird demnach keine Geometrie lernen…“ Uswusf. Es gilt, Weiblich-Gefährliches
zu verbeugen: „Niemals ein kalter und spekulativer Unterricht, jederzeit
Empfindungen, und zwar die so nahe wie möglich bei den Geschlechtverhältnisse
bleiben.“ I. Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen; Insel-Bücherei
Nr. 31, S. 37 und 40)
[17]
Peter
Plichta, Gottes geheime Formel
(1995) S. 311.
[18]
Dieses Problem führte bekanntlich zur Anerkennung der
irrationalen Zahlen.
[19]
Organon, oder Schriften zur Logik, übersetzt von Karl Zell. Kapitel von den zehn
Kategorien.
[20]
Ohne die kommende Diskussion vorzugreifen wäre doch schon
hier auf ein Problem der traditionellen Logik aufmerksam zu machen, nämlich
dass Negation immer dual (auf Ja/Nein-Aussagen basierend) gedacht ist. Unten
(bes. in Kap. V) wird formal eine dreifache Kategorienkonstellation
dargestellt (z.B. Waren durch Wert, Gebrauchswert und Nutzen bestimmt), die
für eine zirkuläre Logik notwendig ist.
[21]
In der Physik gibt es einen analogen Widerspruch zwischen
den sog. „kanonisch konjugierten“ Größen Impuls und Raumkoordinaten.
Diesen entsprechen hier die Kategorien p
und q, die in kap. III definiert
werden, wobei Wert eben eine p-Kategorie
ist, Gebrauchswert eine q-Kategorie.
[22]
Rosen, Robert (1991): Life Itself. A Comprehensive
Inquiry Into the Nature, Origin, and Fabrication of Life (Columbia
University Press, New York)