EINLEITUNG

 

 

 

Die einzigen, unverbundenen Wörter

bedeuten entweder eine Wesenheit (Substanz),

 oder eine Größe, oder eine Beschaffenheit…

Eine Substanz ist (um es nur gleichsam

in einem Umriß anzudeuten)

z.B. Mensch, Pferd; Größe: zweiellig;...

Aristoteles: Organon

 

Bewegung in dem allgemeinsten Sinn,

in dem sie als Daseinsweise,

als inhärentes Attribut der Materie

gefasst wird, begreift alle

im Universum vorgehenden

 Veränderungen und Prozesse in sich,

von der bloßen Ortsveränderung

bis zum  Denken.

Friedrich Engels: Dialektik der Natur

 

Die ursprüngliche Akkumulation

spielt in der politischen Ökonomie

ungefähr dieselbe Rolle

wie der Sündenfall in der Theologie.

Karl Marx: Das Kapital

 

 

 

1. Dieses Buch ist eine Studie neuzeitlicher Be­griffs­bildung und ‑entwicklung, also ausdrück­lich Text­kri­tik. Diese bezieht sich hier vorzüg­lich auf nur einen einzigen Text, nämlich ausge­wählte Stel­len aus Das Kapital (bes. Bd. I) von Karl Marx. Ihrer exem­pla­rischen Stringenz wegen sollen diese Stellen als Musterbei­spie­le neu­zei­tiger Begriffent­wick­lung gelten. Es geht hier also nicht da­rum, auf kon­kre­te öko­no­mische Er­kenntnisse dieses Buchs Be­zug zu neh­men, weder auf einzelne öko­nomi­sche Theorien als solche noch auf die ökonomischen Praxen frü­her sozialistischer Staaten. Die ökono­mi­schen Theo­rien Marxens als solche sind hier kein Thema. Nur die grundle­gen­de Logik und Dia­lek­­tik, die Marx beson­ders für Das Kapital entwickelte und somit aus eben diesen Texten deduziert werden kann, darunter auch ihre eben­so klaren Widersprüche, sollen uns hier be­schäf­tigen.

Für diese Analyseaufgabe habe ich ein beson­deres Symbol­system entwickelt, das ich das „mat-Sys­tem“ nenne (erklärt in Kap. III). Dabei ent­stand die natürliche Frage, was eigent­lich die­se Buch­staben­­sym­­bole be­deuten könn­en, und wie sie sich zu den ver­schie­denen Be­grif­fen verhal­ten, die ich als ihre Inter­pre­ta­tion ange­führt habe. Es zeigte sich jedoch, was vielleicht zu er­warten war, dass auch dieses System eigene Pro­bleme enthält und somit eine eigene Ana­ly­se erfor­dert, die dann zum Schluss mittels neu­zeit­­licher Ma­the­ma­tik unter­stützt werden soll (siehe Kap. V). Wie­­weit diese letz­te Ana­lyse zum endgül­tigen Grund der Sa­che ­vor­dringen kann, ist im Mo­ment jedoch kaum zu entschei­den.

 

2. Fragt man aber nach Symbolen und weiter nach den Begriffen, auf die die Symbole hinwei­sen, befragt man auch die Wörter der be­nutzten Spra­che, die diese Be­grif­­fe repräsentieren. Was sind al­so Wörter – und was die Begriffe, die ja selbst in der Spra­che wur­zeln, und mit denen die Wissenschaftler ar­bei­ten? Und wie funk­tionieren überhaupt Zeichen und Sym­bole der for­ma­li­sier­­ten Wis­senschaften wie Ma­the­matik und Logik? Dabei ist ­zu beob­ach­ten, dass Wörter und Sym­bole nie ver­einzelt auftre­ten (außer als Namen), sondern immer ganz­heit­lich struk­tu­rierten Sätzen und Formeln bilden und nur durch solche sinn­­vollen Zu­sam­men­set­zungen wirkliche Bedeutung erhal­ten. Fragen wir also nach „Wör­ter“, müssen wir auch ele­men­tare Sätze als logi­sches Standard­material untersuchen, in die diese Wörter als Satzglie­der einge­hen. Und fragen wir endlich nach den Begrif­fen, müs­sen diese selbst als Glieder der Theo­­rien unter­sucht wer­den. End­lich, in Be­zug auf die Symbole müs­sen wir diese selbst als verallgemeinerte Begriffe sehen und ihre kom­plexen For­meln als logisches Stan­dard­­ma­terial be­trach­ten.

 

3. Folgendes betrachte ich daher als grundlegend für alles weitere. Wor­te und Begriffe sowie das, was sie re­prä­sentieren, sind keines­wegs iso­liert zu be­trach­ten. Nur als Glieder von Ganzheiten, in die sie einge­hen, erhalten sie ihre wirklichen Bedeu­tungen. Dies gilt allgemein. Nicht einmal mensch­liche Individuen treten ver­ein­zelt auf, son­dern immer als Glie­der ihrer Ge­mein­schaften. Sie können zwar ge­trennt werden, was aber eine sekun­däre Erscheinung ist, die in sich nur als Abstrak­tion auf Basis ihrer prinzipiellen Nicht-Tren­nung zu verstehen ist. So auch die Wörter.

Alle Sachen, mit denen wir uns im fol­genden beschäf­tigen wer­den, wer­den somit als Glie­der von über­geordneten zyk­li­schen Ganz­hei­ten be­trachtet; nur durch sinn­vol­les Zu­sammen­spiel – und zwar genau der Zyklizität we­gen – erhalten sie ihre besonderen Be­deutun­gen. Dies gilt auf allen Ni­veaus der Be­trach­tung und um­fasst die verschiedenartig­sten Elemente und Er­scheinungen, die für die Rea­lisierung dieses zyk­lisch-ganz­heitli­chen Zusam­men­spiels notwen­dig sind. Spre­chen wir z.B. von mensch­lichen Individuen als Glie­dern ihrer Gemeinschaften, ge­hö­ren zu diesem Gemeinschaftsleben auch solche Sachen wie der Boden und die Werk­zeu­ge, Kom­munikationsformen wie Sprache usw., ohne wel­che diese Ganzheiten gar nicht als solche existie­ren könnten.

Die Gesamtheit aller zusammenhö­ren­den Glieder, Ele­mente usw. werden wir in Einem eine „Gattung“[1] nennen. Von einer Gat­tung kann man sagen, dass deren grundlegendes Bewe­gungs­gesetz ihre Zyklizität ist. Das entscheidende einer solchen Be­we­gungs­form ist, dass die Gattung dank dieser Funk­tionsweise eben pe­ren­nie­rend ist; nur zyklisch wird sie im Stande sein, sich selbst zu re­pro­du­zieren. Mehr noch; dank dieser Funk­tions­weise ist sie nicht nur perennierend, durch zyklische Funk­tions­weise sind Gat­tungen all­ge­mein selbstorganisierend; Kraft die­ser zykli­schen Bewe­gungsform können möglicherweise auch neue Struk­turen und Gat­tungs­for­ma­tio­nen entstehen.[2]

Ein­zelne Glie­der ver­gehen, seien sie nun selbst Gat­tungs­indi­vi­duen oder einfach Dinge, Hand­lun­gen usw., die für das Wei­terleben der betreffenden Gattung not­wendig sind. Die Gat­tung als sol­che aber be­steht weiter, indem sie in Stande ist, selbst sol­che Momente zu reproduzieren. Ge­nau in die­­sem Sinn ist die Gattung auch „ewig“, und wir kön­nen somit diese „Ewig­keit“ als die Ne­ga­­tion der „Sterblich­keit“ ihrer einzel­nen Individuen und Ele­men­te definie­ren. Mehr noch, man könnte sagen, dass diese gat­tungs­bedingte „Ewig­­keit“ in sich für all das sinnge­bend ist, was im Lich­­te dieser Gat­tungs­exis­tenz über­haupt als „wert­voll“ er­scheint, eben weil es genau dieser „Ewig­­keit“ als solche dient.

Diese Form von „Ewigkeit“ liegt außer­halb per­sön­licher Reich­weite ein­zel­ner Indi­viduen. Auf der an­deren Seite ist klar, dass auch eine solche „Ewigkeit“ notwendig ein tem­po­räres Phä­no­men ist, das Zeit gebraucht hat, um sich in dieser Form auf­zubauen, und dass weiter alle indi­vi­du­ellen Zeit­erleb­nis­se unter dem Aspekt dieser „ewigen“ Struk­tur zu betrachten sind. Unter diesem As­pekt sind alle sinn­ge­ben­de Momente zu sehen, die sich in der Vor­stel­lung einer Entstehungs­geschichte wider­spiegeln, gegebenenfalls auch in der Verge­hens­­geschichte. Auch die „E­wig­keit“ ist rela­tiv.

Daraus folgt unmittelbar, dass es nicht da­rum ge­hen kann, dass Menschen sich einmal in­di­viduell entschlossen ha­ben, eine Gesellschaft irgend­wel­cher Form zu gründen, kontrakt­lich oder irgendwie sonst. Im Gegen­teil; treten Glieder dieser Gat­tung „in­di­vi­dua­listisch“ auf, d.h., setzten sie sich irgendwie in Wi­der­spruch zur schon existierenden Gat­tungs/Gesellschaftsform wäre eher zu fra­gen, wie eine solche Möglich­keit über­haupt entstehen konnte. Das sog. „freie“ Individuum, kon­traktfähig und mit „frei­en Wil­len“ be­gabt, ist in sich ein Widerspruch, auch wenn jedes mensch­liche Individuum sich in seinem Selbst­gefühl wohl gern eine solche Begabung zurechnet. Mehr noch, dieser Wider­spruch ist ein grund­legendes Pro­blem allen mensch­lichen Lebens – so auch der Gat­tung selbst!

 

Zum Begriff der Gattung siehe auch: Genus as a Fundamental Dialectical Concept (hier in: Life and Culture.)

 

4. Halten wir also fest, dass stetige Reproduk­tion des Gattungs­lebens durch zykli­sche Bewe­gungs­for­men bedingt ist, die alle wesent­lichen Gattungs­momente umfasst. Bedenken wir auch, dass identische Repro­duktion tatsächlich nicht reichen würde, um die besprochene „Ewigkeit“ der Gattung zu sichern. Um allen un­um­gäng­lichen nega­tiven Zu­falls­erscheinungen (wie z.B. beson­ders schnel­lem Ab­ster­ben von Individuen) entgegen­zu­wir­ken, ist er­wei­­terte Re­pro­duktion immer not­wendig.

Schon diese bloße Konstatierung enthält einen Wi­der­spruch. Der i­den­tischen Repro­duk­tion wegen ist erweiterte Repro­duk­tion not­wendig! Gerade diese Fähigkeit alles Lebens macht es über­haupt möglich für Menschen, durch Ackerbau, Jagd, Vieh­zucht, Fische­rei usw. für sich Subsistenzmittel zu erhalten. Das­selbe gilt für jede sinnvolle Ak­ti­­vi­tät; alle dienen dazu, nicht nur die gege­bene Exis­tenz identisch fortzuset­zen; sie dienen auch da­zu, diese zu er­wei­tern, auszu­bauen, zu verstärken und zu ver­tie­fen. Letzt­endlich besteht jede Form von Ausbeutung in Usur­pie­rung solcher all­ge­mei­nen Fähigkeit des Le­bens.

So erhält jede dieser Akti­vi­täten ihren Sinn, jede einzelne Teil­handlung in diesem Licht gesehen ihre spezifische Be­deu­tung. Sind diese in der gegebenen Situation sinn­ge­mäß, genügen sie ihre Be­deu­tun­gen, sind sie situa­tionsadä­­quat, „rich­tig“. Umge­kehrt wäre zu sa­gen: Sind sie nicht sinnge­mäß, nicht ­adä­­quat, sind sie eben „schlecht“ oder gar „falsch“.

Im normalen Sprachgebrauch würde jedoch die Fra­ge auf­kom­men, ob das „nicht-falsche“ nicht auch das „wahre“ sei. Das ist jedoch keine Fra­ge nur des Sprachgebrauchs, und wir wer­den uns mit dieser Frage we­iterhin beschäftigen müssen. Wir gehen ex­plizit davon aus, dass, werden die Sachen, Ak­­tivi­tä­ten usw. dem Gat­tungssinn ge­recht und ihre ent­sprechen­den Be­deutungen reali­siert, sind sie eben „nicht-schlecht“, „nicht-falsch“; posi­tiver aus­ge­drückt viel­leicht „akzeptabel“.

Wir unterstreichen diesen Unterschied zwi­schen den ne­ga­ti­ven Ausdrucks­weisen und der gewöhnliche­ren, dass solche adä­­qua­­te Aktivi­täten usw. eben „gut“, oder sogar „wahr“ sein sollten. Be­­trachte z.B. das be­kannte Schlagwort survival of the fittest. Das trifft eben nicht den entscheidenden Kern der Sache, nicht ein­mal in der Bio­logie. Viele andere als the fittest über­leben, während auch viele von de­nen frühzeitig untergehen werden. Man hätte lie­ber sagen sollen: survival of the suffic­ient. Das würde genau das entscheidende aussagen, gute Über­le­bens­­chancen für die nicht-schlech­ten, Anerkennung des Nicht-Falschen.

In der Tat ist der Aus­druck survi­val of the fittest eine über­schwäng­liche Parole für Erfolgsreiter. Eine solche Parole würde unterstel­len, es wäre über­haupt möglich festzustellen, was in einer gege­be­nen Situation das „fitteste“, das ein­zig „wahre“ sein könn­te. Dazu ist aber die Wirk­lichkeit viel zu kom­plex; es würde ein ech­tes Kri­te­rium der „Wahr­heit“ erfordern, das es unter den Be­din­­gungen all­ge­meinen Gattungs­le­bens einfach nicht gibt – ob­wohl, wie wir unten sehen werden, sich im­mer gewisse Mög­lich­keiten zeigen werden, sich solchen Kriterien anzunähern, sie sogar zu behaupten, wo­bei je­doch „Wahrheit“ bzw. „Falsch­heit“ immer das Problem aller Er­kennt­nisse blei­ben wird.

 

5. Schauen wir uns zunächst einige solchen für das Gat­tungsleben basalen Zyklizitäten an, z.B. einige dem einzelnen mensch­lichen Individuum in­hä­renten, die von größ­ter Be­deutung für das ge­gen­­sei­tige, so­ziale Verständnis dieser Indi­viduen sind. Zum ersten die Frage, was ist über­haupt „Be­wusst­­sein“? Ich möchte hier auf die Bewusst­seins­theorie von Rod­ney Cot­terill[3] hinwei­sen. Zentral für seine Theorie sind zwei neu­ro­na­le Kreisläufe, die er zusammen das master modul nennt, und die auch neu­ro­nale In­for­ma­tion von den Muskeln behandeln. Der eine die­ser Kreis­läufe ver­gleicht die äuße­ren Wir­kungen von Be­we­gun­gen mit einem in­ne­ren neuro­na­len Bild der­selben, anti­zi­piert auf Basis früherer Er­fah­rungen die Er­folgs­mög­lich­keiten der weiteren Aktion von dem augen­blick­lichen Zu­stand der Musku­latur aus. Der zwei­te Kreis­lauf kop­pelt zum ersten Kreis­­lauf noch ein beson­de­res Gehirn­zen­trum an, das spe­zi­fi­sch affektiv reagiert, und zwar wenn beson­dere Schmerz­emp­fin­dun­gen zu erwarten sind. Dies macht sofor­tige Wahlhand­lun­gen (veto-on-the-fly) möglich, defi­niert also anti­zipatorisch ge­nau das, was in der gege­benen Situ­ation „falsch“ wäre – ver­pflich­tet also den Organis­mus sich eben nicht-falsch zu betätigen.

Bei höhere Tieren ist sogar diese Warnung schon bei der Pla­nung der Aktionen möglich (Cotterill: probe-by-proxied-mov­ement), so dass diese „Falsch­heits“-Erwartung schon körperlich empfunden wird, selbst-provoziert eben deshalb als Unlust selbst-„be­wusst“, bevor die Ak­tion durchge­führt ist. Endlich ist zu be­mer­ken, dass laut dieser Theorie die prin­zipielle Einheit dieses Be­­wusst­sein durch eben den einheitlich gebauten Körper als sol­ches bedingt ist. Dadurch wird ver­hindert, dass das Individuum ein­ander gegen­sei­tig wider­spre­chende Aktio­nen zu rea­lisieren ver­­sucht, was eben „falsch“ sein würde. Durch dieses – in der Tat selbst­referentielle mas­ter modul – er­lebt das Indi­vi­duum ganz körperlich (deter­ministisch) sich selbst (und zwar ohne jegliche Ho­­mun­­culi oder sonstige mys­ti­sche We­sen­heiten zu invol­vieren). So aus­ge­stattet wird das Indi­vi­duum sich des eben „nicht-Fal­schen“ als stän­di­ger Leitfaden fürs Leben bewusst.

Zum Zweiten. Wie verstehen Individuen sich gegen­sei­tig? Neuro­logisch bedeutsam ist hier, dass Giacomo Rizzolatti und Michael A. Arbib[4] bei Affen die sog. mirror neurons entdeckt ha­ben, die auch für die Entwicklung des menschlichen Be­wusstseins wesentlich sein müs­sen. Diese Neuronen feuern, wenn das Indi­viduum ein anderes Tier sieht, das eine bekann­te, und zwar sinn­volle Handlung ausübt. Sieht z.B. der Affe ein ge­wisses Objekt, eine Nuss o.ä., reagieren diese Neuronen nicht. Sieht er aber einen anderen Affe nach diesem Ob­jekt greifen, feuern sie. So spie­gelt der erste Affe, was er gesehen hat, in seinen eigenen Kör­per hin­ein, denn Greifen kennt er von sich selbst. Indem er den an­de­ren Affen grei­fend sieht, „versteht“ er unmittelbar durch seine eige­nen Körper­erfahrun­gen und -emp­findungen selbst, was der andere vorhat. Dies ist ein Bei­spiel von sog. mind reading und dient na­türlich dem so­zia­len Lernen der Gruppe („soziale In­tel­li­genz“, be­sonders in Be­zug auf Emotionen, Em­pathie usw.). So entstehen so­ziale und be­wusst­seins­mäßige Korre­lationen unter den Indivi­duen in Form von Ich-Du-, gege­benenfalls Wir-Bezieh­ungen, was für die spätere Sprach­­entwick­lung we­­sentlich ist.

 

6. Wir gehen also davon aus, dass Individuen einer Le­bens­ge­mein­schaft nicht isoliert, son­dern durch solche naturgege­be­nen, gegenseitigen Du- oder Wir-Beziehungen ständig bewusst­seins­mässig korre­liert sind; eben dadurch formie­ren sie ihre soziale Ganz­heit, ihre Gattung.[5] Wir gehen weiter davon aus, dass diese Bezie­hun­gen durch die gemeinsamen situa­tions­be­ding­ten Bewe­gungs-, Laut­strukturen und Zeichen­formen ver­mittelt werden, die mit ge­wisser Wahrscheinlich­keit von allen ähnlich aus­ge­führt wer­den und so ihre affekti­ven oder em­pathischen „Stim­mun­gen“ aus­drüc­ken und zwar in einer gegenseitig „ver­ständlicher“ Weise.

Solche Zeichen repräsentieren somit nicht per se Dinge oder Handlungen. Ursprünglich als natür­liche Be­gleiter­schei­nun­gen der Emp­fin­dun­gen und Affekte, gehen sie selbst als inhalt­li­che Momente in die ver­schie­de­nen Aktivitäten ein, zu deren ver­schiedenen Elementen (Din­gen, Körperteilen, Hand­lun­gen, Lau­ten usw.) sie sich besonders anknüpfen. Im Laufe der Zeit können solche affektive Momente sich nach und nach als un­ter­scheidbare Glie­der einer ge­sam­ten kommuni­kativen und somit auch situati­ven Gat­tung her­aus­­destil­lieren, bis sie endlich ihre ei­genen voll­ständigen Bedeutungen als Zeichen oder Symbole er­wer­­ben. Ein Beispiel: Wären zu­nächst Hun­ger und Fres­sen ein­heit­lich aufzu­fassen, wäre doch zu vermuten, dass vereinzelte Mo­mente, Hun­gergefühl, Nah­­rungsobjekte, Beutefang, Ge­schmack, Zäh­ne, Kau­en usw. sich nach und nach als unter­schiedene Mo­mente aus die­ser ge­sam­ten Ver­hal­tensweise heraus­kri­stallisier­ten. Ohne sich wirk­lich und absolut von ein­­an­der zu trennen, haben diese Mo­mente des ganz­heit­lichen Ver­haltens sich doch weit­ge­hend ver­selbständigt und beson­deren Bedeutungen für ihr Ganzes be­kom­men.

Sind erst solche Mo­men­te gewohnheitsgemäß mit beson­de­ren Emphasen, Laut­äu­ße­rungen usw. gegenseitig verbunden, kön­­nen sie als Bedeutungsträger gewiss auch mani­pu­liert, so­gar er­finde­risch zu­sam­men­ge­stellt werden (als ostensive, impe­ra­tive oder deklarative Spra­che, ir­re­ale Sinn­bil­dungen, als phanta­sie­vol­le Me­ta­pher, ana­logi­sche, my­thi­sche Darstel­lungen usw.). Schon bei den hö­he­ren Tieren sehen wir, dass Em­pha­sen inten­tional mani­pu­liert wer­den können (z.B. kön­nen Affen sich in ge­wis­sem Maße besänf­tigen und unin­ter­essiert „spielen“, um nicht eine gute Futter­quelle zu ver­raten).

 

7. Es ist möglich anzudeuten, wie aus diesem primä­ren Zeichen­ge­­brauch die Wörter als bedeu­tungs­tra­gende, aber trotzdem schein­bar isolierte Einheiten entstanden sein könnten. Wir können ver­muten, dass dies in ei­nem Pro­zess ge­schieht, der im Prinzip nicht dem unähn­lich ist, den Peter Ruben in seiner Ab­handlung Prä­di­ka­­tions­theo­rie und Wider­spruchs­pro­blem (1978)[6] an einem his­to­risch viel rei­feren Sprachgebilde de­monstriert hat. Aus sinn­tra­gen­den Satz­konstruk­tio­nen, die in unseren moder­nen Sprach­for­men durch Sub­jekt und Prä­di­kat für den Gegen­stand (was das aktuelle Thema ist), bzw. seine Eigenschaft, (wie er ist, sich be­wegt usw.) gekennzeichnet ist, kann man durch Analyse des einen Satzes zwei redu­zierte Sätze kon­stru­ieren; diese heben dann ein Mo­­ment des Ganzen her­vor und charak­te­ri­siert dies auf Kosten des ande­ren.

Ein solch kon­kreter Sinnaus­druck wäre z.B.: „Die Rose ist rot.“ Daraus ließen sich nun die beiden Momente als Ab­strak­ta benen­nen: der betref­fende Gegen­stand als „rote Rose“ oder „Rot­rose“ (wobei das spezifi­zie­rende Prädikat auf­ge­hoben, d.h., unter dem Subjekt sub­sumiert ist), und gleichzeitig die betreffende Ei­gen­schaft z.B. als „rosen­rot“ oder sub­­stan­ti­viert als „Rosen­röte“ (wo­bei analoger­weise das spezifizie­ren­de Satzsubjekt auf­ge­hoben und unter dem Prädikat sub­­su­miert ist). Diesen Vorgang nennt Ru­ben „kate­goriale Subsumption“. Er schreibt hier­zu:

 

Dieser Über­gang besteht ja in der Unterstel­lung der gramma­ti­schen Kategorien unter­ein­ander, wo­mit der vor­ausgesetzte Satz zu be­stehen aufhört und an seine Stelle zwei Namen (eben als redu­zier­te Sätze) für un­vergleichbare „Entitäten“ treten!“ (Ruben 1978, S. 134)

 

Dadurch wird erklärt, „wie ein Kon­kre­tum für die Wahrneh­mung zum Ver­schwinden gebracht wird, und wie es dennoch – aller­dings in „ent­frem­deter Form“ – nach wie vor besteht, nämlich in der Ge­stalt zweier mit­ein­ander unver­gleich­barer, aber ver­einbarer ab­strak­ter Dinge, die durch Definitionen im klassi­schen Sinne be­stimmt werden.“ (E­b­d., S. 134f)

Sol­che reduzierte Sätze dienen dann als Definitionen für die  Na­men der betreffenden Sachmo­men­te. So­weit ich sehen kann, be­steht aber kein Hindernis, dass wie oben z.B. allge­meine Kon­sum­ption in glei­cher Weise im Gefühl von Hunger und Essen ana­ly­siert wird und dies dann z.B. weiter in Fleisch und Kauen. So lässt sich m.M.n. auch ohne spe­zifisch lo­gisch-gram­ma­tische Mit­tel jede reale Situation ganz einfach in korrelierte Momente auflösen, da es eben die Korrelationen sind, die die res­­pektiven, schon all­gemein bekannten Bedeutungen definieren. So wer­den diese – em­pha­tisch mit unter­schied­lichen Äußerungen oder Zei­chen be­legt – weiterhin auch leichter lernbar und in der Erin­ne­rung auf­ge­hoben. Sol­che Ergebnisse sind natürlich für die An­thro­po- und So­zio­ge­nese we­sent­lich – und somit für all das, womit wir uns hier wei­ter­hin beschäf­tigen werden.

 

8. Diese unter­schiedenen Ausdrucksmo­mente, nun als „Wörter“ auf­tretend, müssen sich nach all­gemein ver­breiteten Gewohnhei­ten oder Regeln ihrer wirklichen Bedeutungen, bzw. nach ihrer natürlichen „Lo­gik“ und „Syntax“ zu neuen Einheiten fü­gen, also zu „Sät­zen“ zu­sam­mengestellen – und dies in einer Weise, dass die ge­ge­be­nen Situationen und Beziehungen, für die die rele­van­ten Wortgebilde stehen, naturgetreu und sinnvoll wie­der­ge­geben und behan­delt werden kön­nen. So ist es in un­se­rer Sprach­fami­lie üb­lich, die Dinge (durch Substantive) zu be­schrei­­ben wie sie sind (durch Adjekive) und sich be­wegen (durch Ver­ben). „Sätze“ sind in diesem Sinne nicht unmit­tel­bar „wahr“, und sind nur durch Ver­­gleich mit der sog. Wirk­lich­keit zu prüfen; bestenfalls be­zeich­­nen wir sie dann als „vertrauens­wür­dig“, eben als „nicht-falsch“.

Scheinbar ins Absolute getrieben – aber auch nur scheinbar – wird die Iso­lie­­rung und Trennung der Wörter als Bedeutungs­träger beson­ders nach Ein­füh­rung der schrift­lichen Darstellung. Dadurch treten die un­ter­schie­de­nen Wort­gebilde in eige­ner, jetzt sogar ding­licher Rea­lität auf­ – was je­doch nicht ver­hin­dert, dass ihren wirk­li­chen Sinn immer noch nur in Satzkon­struk­tio­nen ver­kör­pert wird. Dabei können Wörter zwar ver­einzelt auftreten oder frei zu­sam­menge­stellt werden, auch wenn daraus so­gar klarer­wei­se „fal­sche“ oder sinn­lose Ausdrücke zu Stande kommen können.

Umge­kehrt ist ihre mögliche „Wahrheit“ nicht unmittelbar zu bewei­sen, d.h., nicht innerhalb des sprachlichen Me­diums als sol­chen zu bestäti­gen. Ein impe­ra­tiver Satz kann nur durch Hand­lung bestä­tigt wer­den, ist also gar nicht „wahr“, eine dekla­ra­tive Um­welt­be­schrei­bung nur durch Nach­schauen (empirisch, nicht apri­o­risch) – also eben auch in nicht-sprachli­cher Weise.

 

9. Als Momente einer solchen ganzheitlichen Le­bens­erfahrung wer­den verschiedener Erscheinungen in der Natur und im sozialen Raum mit einbezogen. So werden auch Erfahrungen mit der täg­li­chen, mo­nat­li­chen und jähr­lichen Wiederkehr der Jahres­zeiten, mit den Bewe­gun­gen am Himmel, von Sonne und Mond usw. und mit den dazu hören­den Lebensrhythmen verglichen; das muss al­les nach und nach von jedem Ein­zelnen zur Kennt­nis ge­nom­men werden. Die Vor­stellung solcher lebensbe­din­genden Zykli­zi­tä­ten kann weiterhin verstärkt wer­den, wenn beson­dere Ausdrü­cke, Zei­chen, Bilder, Metapher, Feste usw. bei Wie­der­holungen in den gege­be­nen Situationen immer wieder erzählt wer­den. Die Auf­merk­sam­keit wird da­durch auf Einzel­mo­mente sol­che gro­ßen em­pha­ti­schen Erschei­nungs­kom­plexe ge­lenkt und ver­festigt. So wird der gan­ze Komplex von Bedeu­tun­gen und ihr Gat­tungssinn – wie auch Bedeutung und Sinn der sym­bo­lischen Momente als sol­che – selbstidentisch als zykli­sches, kulturelles Ganzes re­produ­ziert. Die­se selbstidentische Reproduktion gilt somit „in Ewigkeit“, d.h., genau so lange die Gattung als solche be­steht; ihre Existenz ist ihr einzig mög­liches Kriterium. Im kul­turellen Sinn rea­lisiert diese weitere Be­fes­tigung und Vertie­fung lebens­wich­tiger Zusam­men­hänge sogar das Prin­zip der er­wei­ter­ten Repro­duk­­tion, nach Marx z.B. mit einem Mehrprodukt im Sinne der oben erwähnten Nicht­identität.

So steht fest, dass die grundlegenden Prinzipien dieser zy­kli­schen (realen) Gat­tung sowie ihrer „Bedeutungsgattungen“ ih­ren Sinn immer be­wah­ren (wenn auch sie sich entwickeln) – und zwar im kla­ren Wi­der­spruch zu den aktu­ellen Daseins­momen­ten, die laufend ent­ste­hen und ver­gehen. Da­bei wird klar, dass die Vorstellun­gen und Bilder natur­ge­ge­bener Phäno­mene ei­nen so hohen Grad an Stabilität be­sit­zen, da ihre Aufrecht­er­haltung eben die Garantie gegen eine denkbare Auf­hebung der „E­wigkeit“ empfun­den wir­d.

Das führt dazu, dass es für jedes Gattungsleben re­lativ sta­­bile Zu­sam­menhänge und Struk­turen gibt, die – im Rück­spie­gel ge­sehen – als vorge­geben, philo­sophisch aus­ge­drückt sogar als Apri­­o­ri erscheinen müssen. Folg­lich müssen diese in der Tat dann subjektiv auch als echte „Wahr­hei­ten“ gelten. Ihre ver­schie­den­ar­ti­gen ideellen Wi­der­spie­gelungen – bildlicher, drama­ti­scher, my­thi­­scher, begrifflicher und anderer Art – könnten deshalb gewiss „ar­che­typisch“ erscheinen und erhalten natürlich große Bedeu­tung.

Solche „Wahr­heiten“ als Realisierung ideeller, gat­tungs­be­dingter oder -inhärenter Zielvor­stel­lungen (Teleologie) müssen des­halb für die ganze Gattung ver­bind­lich sein. In die­ser Hinsicht ist es nicht verwunderlich, dass die betreffenden Gat­tungs­indivi­duen sich fragen, woher die­se „Wahr­heiten“ wohl kom­men mö­gen.

 

10. Solch „ewige“ bedeutungs- und sinn­tra­gen­de Prinzipien (Ä­gyp­tisch: neteru (plur.)) trans­for­mieren sich somit leicht in „Göt­ter“ und andere mythischen Wesen; so wurde für die Grie­chen Mne­­mo­syne („Er­inne­rung“) als Mutter der Musen angesehen. Die Prin­zipien des antiken Gattungsleben kam dann durch ihre In­spi­ra­tion zum Aus­druck. So stellten die Musen ganz natürlich diese gewiss nicht-falschen Prin­zi­­pien der Lebensweise als „wahr“ und „gut“ dar.

Solche Prinzipien haben nicht nur anthro­po­logischen Sinn. Es gibt sie in der Tat überall. So könnte man fragen, wel­che ele­men­ta­ren Pro­zesse physikali­scher und chemi­scher Art in der Na­tur, die frak­talen Strukturen, Strukturen nach den Prinzipien des Gol­de­nen Schnitts, be­sonderen Spiralen oder der re­gulären Sech­secke des Bienenkorbs usw. generie­ren. Oder man könnte fra­gen, wel­che ele­mentaren Pro­zesse soziologischer Art z.B. die verschie­de­nen Vater-Sohn Beziehungen be­dingen, wie diese z.B. bei Ass­mann[7] beschrieben wurden: einersei­ts eine ältere durch das weib­liche Moment vermittelt (wie z.B. die ägyptische Kamu­tef- und die grie­chische Oedipus-Konstellation), andererseits die eher pie­tät­volle (wie z.B. die von Ho­rus und Hamlet).

Auf der anderen Seite ist auch klar, dass jedes Gat­tungs­we­sen, jede Gesellschaft oder nur eine ihrer sinnvollen Aktivi­tä­ten, sich gegen allerlei Störquel­len beschützen muss, die die Zy­kli­zität negativ be­ein­flussen könnten. Gesellschaftliche Rege­lungen ir­gend einer Art sind deshalb immer notwendig.

 

11. Es wäre natürlich hier zu fragen, wieweit diese Argu­men­ta­tion nicht alle Tore für idealistische Gedankenfor­men öffnen wer­den.[8] Man denke z.B. an Lenins Worte:

 

Kein Idealist wird in diesem Sinne die Ursprünglichkeit der Natur leug­nen, denn in Wirklichkeit ist das keine Ursprünglichkeit, in Wirklichkeit wird die Natur hier nicht als das unmittelbar gege­be­ne, als der Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie, genommen. In Wirklichkeit führt hier zur Natur noch ein langer Übergang über die Abstraktion des „Psychischen“. […] Das Wesen des Idealis­mus besteht darin, dass das Psy­chi­sche zum Ausgangs­punkt ge­nom­men wird; aus ihm wird die Natur ab­geleitet, und dann erst aus der Natur das gewöhnliche menschliche Be­wußt­sein. Dieses ursprüngliche „Psychische“ erweist sich daher stets als tote Ab­strak­tion, die einer verwässerten Theo­logie als Deck­mantel dient. (Materialismus und Empirio­kri­tizismus,[9] S. 272)

 

Gewiss wird von mir der Ausgangspunkt insofern im ”Psychi­schen” ge­nom­­men, und zwar dem natürlichen Gattungs­verhalten, nicht um­­­ge­kehrt. Wie auch Marx sagt[10]:

 

Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestim­mungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken scheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangs­punkt und daher auch der Ausgangs­punkt der Anschauung und der Vorstellung ist. (Einleitung, S. 632)

 

So gilt es Hegels Idealismus zu revidieren:

 

Hegel geriet daher auf die Illusion, das Reale als Resultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden und aus sich selbst sich bewe­genden Denken zu fassen, während die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art für das Denken ist, sich das Konkre­te anzueignen, es als ein geistig Kon­kre­tes zu reproduzieren. Keineswegs aber der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst . (Ebd.)

 

Diese Umkehrung des Hegelschen „aus sich selbst sich bewegen­den Denken(s)“ ist in der Tat leicht zu vollziehen. Das „Reale“ bei Hegel ist zunächst durch seine „Idee“ zu ersetzen: Die Idee als Re­sultat des sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden und aus der Natur selbst sich bewegenden Denken (Bewusst­sein) zu fassen und zu reproduzieren, eben als „ein geistig Kon­kre­tes“, d.h. als Ge­dan­­ken­kon­kretum. Eben darum geht es uns auch hier. Aus der in sich zyklisch organisierten Natur als Gattungskon­kre­tum, d.h. als zyk­lische „Zu­sam­menfassung vieler Bestimmungen“ ent­wickelt sich allgemein das Denken und das Bewusstsein; die Natur spie­gelt sich in den schon diskutierten ge­dank­li­chen Gat­tungs­konkreta, eben in Form der „e­wigen“ „Bedeu­tungs­gat­tun­gen“ wider (vgl. Pkt. 9).

Gewiss, dies ist keineswegs der Entstehungsprozeß des Re­al-Kon­kreten selbst, nur seiner Widerspieglung als Gedan­ken­kon­kretum durch Aufsteigens „vom Abstrakten zum Konkre­ten“. Da­bei steht das „ab­strakte“ für die mehr oder weniger wohl­un­ter­schie­denen Gat­tungs­elemente und ‑mo­men­te, die sich zu den er­wähn­ten „e­wigen Bedeu­tungs­gat­tungen“ kon­kretisiert haben. In dieser Form wurde das primäre Real-Konkrete angeeig­net, ideell bestätigt.

Wenn nun aber Marx in Das Kapital (Bd. I) schreibt: „Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selb­ständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirk­li­chen, das nur seine äußere Erscheinung bildet,“ (S. 27) dann ist dies in der Tat Ausdruck dafür, dass die na­tur­wissen­schaft­lichen Theo­rien – eben als logisch-ma­the­ma­ti­scher „Gedan­ken­kon­kreta“ – die Grundlage bilden, auf der die gewiss sehr er­finderischen „De­­­miurgen“ der neuen Tech­nologie diese mit all ihren Ma­schi­­nen usw. als ein neues Realkon­kre­tum aufbauen (um es z.B. als Fix­kapital in Funktion setzen, die dann als solche in der öko­no­mi­schen Zirkularität bestätigt wird).

Dies verhindert natürlich nicht, dass sich – vielleicht unter der­selben primordialen Umweltbedingungen – ver­schie­­dene For­men von Gattungsverhalten mit entsprechend ver­schie­­denen Gat­tungs­subjek­tivi­täten (Ideen, Bedeutungen) entwickeln. Eine sol­che Ent­wicklung geht eben nicht auf dem Basis des Natur­gege­be­nen deterministisch, „objektiv“ vor sich, son­dern verläuft durch die „subjektive“ Mensch-Natur- (Orga­nis­mus-Umgebung-)Parti­zi­pa­tion gewisser­maßen frei, kei­nes­wegs auf solche besonderen Be­dingungen reduzierbar. Es wohnt jedem Denkpro­zess immer eine gewisse subjektive Selb­ständigkeit und Freiheit inne, die zwar der aktu­ellen Form der ge­sell­schaftlichen Zykli­zität gebun­den ist, a­ber doch eine gesonderte Wirk­lich­keit besitzt.

Die ganze Entwicklung ist also so zu sehen: Das primäre Re­al­kon­kre­tum (die von den Menschen unabhängig gegebene „Na­tur“, Pro­zes­sen usw.) spiegelt sich – mehr oder weniger ein­deu­tig – als das entspre­chen­de Ge­dan­ken­­kon­kretum im Gat­tungs­be­wusst­sein wider; nachträg­lich spie­gelt dieses sich dann „subjek­tiv“ als selbständige und zwar erfinderische, kollektive Kreativität in den gesellschaft­li­chen Aus­drücken dieses Gattungsbewusst­seins und realisiert sich dabei als allgemeiner Arbeit in Form neu­er Realkon­kre­ta – deren sinn­volle Exis­tenz- und („nicht-fal­sche“) Funktions­wie­se sich gege­be­nen­falls weiter in neuen Ge­dan­ken­kon­kreta wiederspiegelt – wo­raus sich nochmals neue Theorien und Ideologien ent­wickeln, um wieder in weiteren Real­kon­kreta rea­lisiert zu werden. Usw.

Während also die Menschen ihre gesell­schaftliche Umge­bung, ihre „äußere“ Natur ändern, ändern sie auch sich selbst, ihr Gat­tungs­bewusstsein (als ihre „innere“ Natur) und somit das ei­ge­ne Verhalten der „äußeren Natur“ als solcher gegenüber (also in Form der Partizipation). Die dafür notwendige, generative Kraft liegt im wechsel­seitigen Aus­tausch Mensch-Natur von Stoff, E­ner­gie und Information, zwi­schen den „subjek­tiven“ Orga­nis­men  und der „objek­tiven“ Um­welt.

Mit dieser Argumentation sollte die behaup­tete „Illu­sion“ der Hegelschen Idealismus aufzu­heben sein, ebenfalls im Klaren gestellt werden, dass „das ursprüngliche Psychische“ sich nicht einfach als „tote Ab­­strak­tion“ erweist. „Das ursprüngliche Psy­chische“ ist nicht „ur­sprünglicher“ als die materielle Umge­bung in der das Leben sich ständig entfaltet, sich notwen­dig, obwohl nicht auch determi­nistisch entwickelt. Hiermit sollte gleichzeitig die ideo­­logische Gegen­übersetzung von Materialismus und Idea­lis­mus als obso­let erwiesen sein.

 

12. Wie eine Sprachkompetenz wie die oben beschrie­be­ne sich weiter ent­wickeln kann, wurde teils von Jan Assmann,[11]  teils von Eric A. Have­lock[12] be­schrie­ben. So geht Ass­mann zunächst von einem ganz primi­ti­ven Sta­dium aus, wie es hier durch zwei Zitate von ihm dar­gestellt wird:

 

Im Grund- oder, wenn die paradoxe Wendung ge­stattet ist, im Na­tur­zustand von Kultur ist aber genau das Gegenteil [einer kollek­ti­ven bewusst gemachten Identität] der Fall: sie wird mit allen ihren Normen, Werten, Institutionen, Welt- und Lebens­deutungen zu einer Selbst­verständlichkeit, einer schlechthinnigen, alternativ­lo­sen Weltordnung naturalisiert und in ihrer Eigenart und Konven­tio­­na­lität dem Einzelnen unsichtbar. In ihrer Unsichtbar­keit voll­komme­ner Selbstverständlich­keit und Impli­zität kann sie dem Ein­zelnen auch kein Wir-Be­wusst­sein, keine Identität vermitteln. (Ass­mann 1997, S. 135)

     Daß aber sich von diesem Sinnhorizont gemein­sa­men Han­delns und Erlebens her nicht mehr ein Ich-, sondern auch ein Wir-Be­wusstsein aufbaut, dazu bedarf es eines weiteren Bewusst­seins­schritts [aus Note: Gewissermaßen einer Distanzierung zweiter Stufe, nicht nur gegen­über der Welt, sondern auch gegenüber der spezifischen symbo­lischen Sinn­welt, die bereits die primäre Dis­tanzierung (gegenüber der „Welt“) bewerkstelligt hat]. Solange eine sym­boli­sche Sinnwelt denen, die sie bewohnen, in der alter­nativlosen Selbstverständlichkeit des nai­ven Ethnozentrismus als die schlecht­hinnige Mensch­heits- und Weltordnung erscheint, kann sich mit ihr kaum das Bewusstsein seiner kollektiven Iden­ti­tät verbinden. Ich handle so und nicht anders, weil „die Men­schen“, und nicht: weil „wir“ so und nicht an­ders handeln. (Ebd., S. 138)

 

Was Assmann aus dieser Situation weiter entwickelt, entspricht ge­nau das, was oben eine „Gattung“ in Form einer Gruppe in ihrer Um­welt ge­nannt wurde, in der Emphasen und Wörter schon re­la­tiv feste Bedeutun­gen haben:

 

Die Riten sind dazu da, um das Identitäts­sys­tem der Gruppe in Gang zu halten. Sie geben den Teilnehmern Anteil am identitäts­rele­van­ten Wissen. Indem sie die „Welt“ in Gang hal­ten, konstitu­ieren und repro­duzieren sie die Identität der Gruppe. Denn für den archaischen Men­schen ist kultureller Sinn die Wirklichkeit oder Ordnung schlechthin. Die Ordnung muß rituell in Gang gehalten und reproduziert wer­den gegen­über der allgegenwärtigen Unord­nung, der Tendenz zum Zerfall. Die Ordnung ist nicht einfach vorgegeben, sie bedarf der rituellen Inszenie­rung und der mythi­schen Ar­tikulation: Die Mythen sprechen die Ord­nung aus, die Riten stellen sie her. (Assmann 1997, S. 143)[13]

 

Auffallend ist, meint Assmann, dass gesteigerte kol­lek­tive Identi­tä­ten überall einhergehen mit der Aus­bil­dung besonderer kultu­rel­ler Techno­logien zur Unterstützung der gesellschaftlichen Erin­ne­rung, obwohl diese Technologien sehr verschieden ausgebildet sein können. So erwähnt er besonders die Bedeutung der Schrift für die frühen Hochkul­turen, z.B. in Israel und Griechen­land die Schrift zusam­men mit ganz allgemeinen oralen Mnemo­tech­ni­ken; auch die be­son­dere Mne­mo­tech­nik im brah­mi­nischen Indien nennt er eine solche Tech­no­lo­gie. Selbst in Assyrien, so meint er, verbin­det die Reichsbil­dung sich mit einer be­sonderen kulturellen Insti­tution, der Pa­­last­­bib­lio­thek.

Es ist doch zu unterstreichen, dass Reichsbildung nicht denk­­bar wäre, wenn sie nur durch eine Menge von Individua­lis­ten­paa­ren etabliert worden wäre. Eine kollektiv-gesell­schaftliche Instanz wird immer benö­tigt, wenn auch ihrer Kom­petenz von un­si­che­rer Her­kunft sei – und so in konkreten histo­rischen Situa­tionen auch immer bezweifelt werden kann. (Genau im sel­ben Sinn wäre zu behaupten, dass Geld nicht denkbar wäre, wenn es allein durch eine Menge von Ein­zel­täuschen auf dem Markt eta­bliert würde. Auch um Geld zu ge­ne­rieren, ist eine besondere gesell­schaftliche Instanz nötig ge­we­sen, wenn auch diese Kom­pe­tenz unsicherer Her­kunft ist; sie­he Kap. II.)

 

13. Das besondere der griechischen Mediensituation liegt nun in der so­zial­politischen Verwendung der Schrift unter Bedingungen, die im besonderen Maße weder admini­stra­tiv noch religiös einge­bun­den waren. So ist diese Ver­wen­dung am besten negativ zu kenn­­zeich­nen, als ein „Freiraum, der weder von der weisungge­ge­benen Stim­me eines Herr­schers noch eines Gottes besetzt ist,“ (Ebd., S. 269) wes­­halb auch keine be­son­dere Bevoll­mäch­ti­gung für ihre Hand­habung not­wen­dig war. Eben dies hat in der Tat die Bedeu­tung der Oralität für die griechische Schrift­kultur und da­mit den beson­de­ren kulturellen Wert dieser Schrift­kultur stark ge­prägt.

Diese Bedeutung der Oralität wurde von Ha­ve­lock stark her­vor­gehoben. Das „orale“ einer Sprach­kul­tur ist beson­ders da­durch charak­te­ri­siert, dass ihr Inhalt oft aktiv, gar drama­tisch dar­ge­stellt wird. Ganz humorvoll hat Havelock diesen Cha­rak­­ter­zug der griechi­schen Oralität verdeut­licht, indem er Euklids Dreieck­gesetz sozu­sagen oral zurück­ver­setzt hat: “The triangle stood firm in battle astride and poised on its equal legs, fighting resol­utely to protect its two angles against the attack of the enemy.” (Havelock, 1984: 73[14]) Dies aber verdeutlicht um so mehr, was Euklid und die schriftliche Griechische Philo­so­phie eben nicht sind.

Nach Aristoteles etabliert die Schrift eine dreifache Distanz zur Welt: Auf die Welt bezie­hen sich die Begriffe, auf die Begrif­fe die Sprache, auf die Sprache die Schrift, und dies zwar nicht auf der Ebene begrifflicher, sondern der rein pho­ne­ti­schen Arti­ku­lation. Zu diesem Bezieh­ungs­netz kommt aber die Logik und Ma­thematik hinzu, die mit all­gemeinen, symbo­li­schen Modellen ope­rie­ren, so dass diese sich – im Gegensatz zur phone­ti­schen Schrift – direkt auf die Theorie­struk­tu­ren beziehen. So kön­nen die Sym­bol­sprachen sich nur in ständiger Be­zieh­ung zur Wirk­lich­­keit ent­wi­ckeln. Im Prinzip sind diese Symbole also ganz und gar bedeu­tungs­trächtig; sie be­ziehen sich auf die Wirklichkeit, indem sie die Be­grif­fe dieser Wirk­lichkeit aufeinander.

Solche gegenseitig sys­temisch aufeinander bezo­gene Be­grif­fe bil­den als solche die Theorien über diese Wirk­lich­keit. In die­sem Sinn wären eben solche Theo­rien selbst als „Gat­tun­­gen“ zu betrachten, von denen die einzelnen Begriffe, Denk­regeln usw. Elemente, bzw. Momen­te sind. Ge­nau in die­sem Sinn werde ich hier versuchen, symboli­sche Mo­delle zu konstru­ie­ren und zu dis­ku­tie­ren, die bean­spru­chen, Theorien all­gemeinster Form darzu­stel­len, Theorien über Theorien, also „Meta-Theorien“ – und zwar nicht nur na­turwis­sen­schaft­licher, auch human­wis­sen­schaft­licher Art.

 

14. Auf der Grund­lage neuer materieller und kultu­rel­ler Bedin­gun­gen (derentwegen sich natürlich auch das allgemeine Gat­tungs­­leben ent­wickelt hat) hat sich nun aus der „oralen“ Kul­tur in Grie­chen­land eine beson­dere „literale“ Kul­tur ent­wickelt. Dies war jedoch nicht nur eine Frage des neu­en Schriftmediums, das jetzt für die gesellschaft­li­che Kommunikation der polis zur Verfü­gung stand. Aus der gan­zen histori­schen Ent­wick­lung in Grie­chen­land seit dem siebten und sechsten Jahrhun­derts v.u.Z. – und von dieser spezifischen Ent­wick­lung stark unter­stützt – entwi­ckel­te sich die „klas­sische“ Li­te­ratur seit Homer und Hesiod so­wie die ganze Phi­loso­phie.

Diese Griechische Umbruchperiode hatte eine tau­send­jäh­rige Vor­geschichte. Diese fing schon in der „ora­len“ Zeit an und zeich­nete sich weiterhin durch eine kla­re Entwicklungslinie aus, die folgerichtig zu all den hier zu behandelnden Problemen führen muss­te. Diese Entwicklung stand im Zeichen einer pa­tri­­ar­chali­schen Denkweise, die selbst durch einwan­dern­de Kriegerstämme von Osten initiiert oder mindestens ver­stärkt wurde. Die erste Frage würde dann heißen, wie diese be­son­dere patri­archa­lische Denk­weise sich überhaupt aus den frühe­ren Denk­for­men ent­wickeln konnte.

Da nun das „patri­archalische“ mit Vater­schaft zu tun hat, wäre also zunächst zu fragen, wie sich über­haupt Va­terschaft als gesell­schaftliche Insti­tution entwickeln konnte. Frauen haben im­mer Kin­der bekommen; also kann „Vater“ in diesem spezifischen Sinn nicht einfach ein zeugender Mann sein. Die Frage heißt eher, wie und unter wel­chen Bedingungen eine sol­che ganz allge­meine biologische Funk­tion sich gesellschaftlich zu in­sti­tutionalisieren wäre.

Vom Ge­sichtspunkt des aktuellen Vaters könnte diese Fra­ge gewiss den Wunsch nach „Wahr­­heit“ einschließen. Es könnte dem be­tref­fenden Mann einfach da­rum gehen, seine Vaterschaft aus so­zia­len Grün­den (Status, Recht, gesellschaftliche Kon­trolle usw.) so sicher wie möglich zu behaupten – was also letzt­endlich (hier wie überall!) die Bestrebung bedeutet, einen institutionali­sier­ten Be­griff von der „Wahr­heit“ – so über­zeu­gend wie über­haupt mög­lich! – zu etablieren, gleich­gültig ob mittels re­ligiöser, perfor­mativer, juridischer, aka­­de­­mi­scher oder anderer Me­thoden, von denen sämtliche doch irgendwie Sprache im semantischen und pragmatischen Sinne einzubeziehen hatten.

 

15. Der allgemeine Hintergrund des weiteren war nun, dass im Lau­fe des siebten Jahr­hun­­derts v.u.Z. sich die grie­chische Buch­staben­schrift ausbreitete; im sechsten Jahr­hundert kam dazu noch die Ver­wen­­dung von Geld (Gold-, Silber- und Elektron­mün­zen), wo­durch „Abstrak­tionen“ sowie „Werte“ plötzlich ganz hand­greif­liche Formen anneh­men konnten. In fünf­ten Jahr­hundert blüht die klas­sische Literatur mit den großen Tragödien­dichtern, und die ersten „Phi­losophen“ stellten schon ganz neue Fragen, so­gar auch in ganz neuer Form, die zwar aus dem oralen Kul­tur­kreis her­vor­gewachsen waren, aber auch ihre eigene Dar­stel­lungs­for­men problematisierten.

So spe­ku­lierte jetzt z.B. Xeno­pha­nes über einen unbeweg­ten und un­zwei­fel­baren theos; Hera­clit über einen gemeinsamen, ewi­gen lo­gos; Par­menides über den unbeweg­ten, ungeschaffenen und auch nicht vergehenden esti, das Sein als solches als das un­teil­ba­re, ewige Eine, to on – vielleicht sogar im Sinne eines „Ganz­heits­maßes“ der unteil­baren „Gat­tungs­existenz“ als solchen.

All dies proble­ma­tisierte in je seiner Weise den neu er­leb­ten Wi­der­spruch von allge­mei­n-kultureller Kollek­ti­vität und dem sich jetzt stärker ent­wickeln­den Individualismus.

Diese Entwicklung kulminiert endlich im vier­ten Jahrhun­dert mit Platon und Aristoteles. Das echt abstrakte war zum allge­mei­nen Thema geworden.

 

16. Im schriftlichen Ausdruck beziehen sich nicht mehr Sprecher sosehr auf Sprecher; eher bezie­hen sich (gesprochene sowie ge­schrie­bene) Texte auf andere Texte, in diesem Sinne autore­fe­ren­tiell in­nerhalb des vom je­wei­ligen Diskurs ausgesteckten Rah­mens. Da­zu Assmann: „Eine neue Form kultureller Konti­nu­ität und Ko­hä­­renz entsteht: die Bezug­nahme auf Texte der Vergan­gen­heit in der Form einer kontrol­lier­ten Variation, die wir „Hy­po­lepse“ nen­nen wol­len“ (ebd., S. 281). Das soll heißen, dass dieses textliche Verhalten sich jetzt auf polemische, agonis­tische Prin­zipien beru­hen muss: ”Unter den Bedin­gungen hypoleptischer Kom­­muni­ka­tion wird Schriftkultur zu einer Kultur des Konflikts,“ (ebd., S. 286) die sich dann in­ner­halb mehr oder weniger institu­tio­­na­li­sier­ter Rahmen verwirklicht wie es z.B. in Pla­tons Aka­de­mie und Ari­stoteles’ Lykei­on der Fall war. So hat die­se gan­ze Entwicklung ent­­schei­dende Be­deutung für alles hieraus Fol­gende, so dass wir – jetzt besonders auf Havelock zurück­grei­fend – eini­ge wesentliche weitere Punkte dieser Entwick­lung kurz anfüh­ren müssen.

Wo die alte Sprache der immer noch oralen Kultur auf Ak­tion und Bewegung ausgerichtet war, wur­de die neue Sprachform um­ge­kehrt durch verschiedene grammatische Neuerungen und Kniffe auf das unbe­weg­liche, auf das „sei­en­de“ ausge­richtet. Ent­scheidend für diese Ent­wicklung war u.a. eine neue Syntax, be­son­­ders in Form von ist-Sät­zen zum Thema des spezifischen We­sens des ewi­gen „Seins“. Es galt jetzt zu „wissen“, was richtig und was falsch war, also wie die Sachen wirklich sind.[15] Solche Fragen ließen sich aber nur ordnungs­gemäß dis­kutie­ren, wenn man die betreffenden Wörter schon ge­trennt vor sich auf dem Pa­py­rus hatte, sie und ihre Sätze also in ding­licher Form ver­glei­chen konnte, ohne sich also nur auf Erinne­rung stützen zu müssen.

Was war z.B. Gerechtigkeit? Wie sollte man sich als polis-Mitglied gerecht ver­halten? Das machte auch eine neue Form des Satz­­sub­jek­ts erforderlich: abstrakte, non-personale, nicht-aktive We­sen­hei­ten in unabän­der­lichen Formen. Be­griffe wie Tugend und Ge­rech­tigkeit waren für die Sprecher besonders be­deu­tungs­voll, auch weil sie das Leben der einzelnen Sterblichen weit über­dauerten und so ewige Bedeu­tung haben mussten – aller­dings eine „Ewig­keit“, deren Form sich mit der neuen Existenzform der Gat­tung als solchen (als po­lis definiert) geändert hatte (und auch wei­ter­hin ändern musste).

Da­bei wurde sogar der Redner selbst von seiner ei­genen Re­de getrennt; jeder einzelne Mensch erfuhr eine gewisse neue Form von Identität, die nicht länger unmittelbar gattungsbe­stimmt war. Er wurde ein „Selbst“, ein „Ich“ (jedoch ein „gesell­schaft­li­ches Ich“). So wurde nach und nach sogar er selbst, seine ei­gene Tu­gend und Gerechtigkeit wie auch ande­re sei­ner Eigen­schaften zu genuinen Themen weiterer Auseinander­set­zun­gen. Und weiter­hin ­loc­kerte sich sogar die ursprüng­liche, per­sön­liche, körper­lich-gei­stige Einheit des einzelnen Individuums sich auf. Das spezi­fisch persönli­che Mo­ment des Menschen, seine „Psy­che“, wurde somit objekti­viert, von der Per­son getrennt um da­nach selbst ganz abstrakt behandelt wer­den zu können.

 

17. Die Sokratische Dialektik verfestigte diese kategorialen Unter­schei­dungen. Die lin­guis­ti­sche Ent­wick­lung – mit der dazu gehö­renden (jedoch nicht explizit the­mati­sie­rten) On­tologie – ist ent­schei­dend, um die allgemeine Ent­wicklung des Den­kens und der Logik zu verstehen. Des­­halb seien noch ein paar etwas län­gere Zi­tate aus Havelocks The Orality of Socrates and the Liter­acy of Plato (1984) erlaubt, um diese Entwick­lung klarer zu machen:

 

The new existence of language as an artifact had begun to have the effect of separating the speaker from the speech. The speech was now an object which in textual form he could look at, even though it had come out of him. Just as this had helped to create a new identity for language, and for the new propositions stated in the new language, so in parallel came the possibility off realizing a new identity for the speaker, considered as what we would call a personality.

     This could be done only if the logos could contrive to make the personality, or the self, of a man, the object of its own discourse, so that this “self” could be inspected, just as the new ab­stract top­ics of discourse like justice or virtue were in­spected. [...] But, me, you, him, symbol­izing a per­son considered as an object of action or speech, identified the person as in separat­ion from his ac­tion. [...] I speak a logos concerning “me;” you speak a logos con­cern­ing “you.” But this is non­sensical. How can “you” do some­thing to “you”? The second “you” has to be thought of as an object, distinct from the first “you.” So, it became objecti­fied by the same linguistic device that was used to formulate the “it yes it.” The third personal pronoun is added to the first personal, and the res­ult­ant sym­bol becomes “me yes him” (eme auton), “you yes him” (se auton), “him yes him” (he auton). (Have­lock 1984, S. 82-83)

 

Und Havelock fügt hinzu: The new intellec­tion is not just a dis­em­bodied function: it comes out of “me yes him” – out of “me my­self.” (Ebd.) Ebenso bewirkt diese Objektivierung der „Psy­che“ künst­lich ausgedrückt als „Ich, ja er“ als Vermittlung einer selbstreflektierenden Dritten-Per­son-Instanz. Das, was Cot­te­rill in neurologischen Termen be­schrieb, hat sich hier unter den neuen ma­teri­ellen Bedingun­gen verfes­tigt (u.a. also durch Einfüh­rung der Buchstabschrift, immer noch ohne etliche Ho­mun­­culi einzu­berufen!).

So ent­wickelte sich die „Psyche“ zum „Ich“, die mensch­li­che „Le­bens­kraft“ zum „eigenen Selbst“. „Mein Selbst“ wurde zur Fähig­keit des Denkens – und folg­lich die Fähig­keit zum Den­ken umge­kehrt zum eigentlichen Wesen menschlichen Lebens überhaupt. Daraus folgt weiter, dass das Inter­esse am Denken als solchen, als intellektu­el­ler Prozess (wie z.B. in der So­kra­­ti­schen Dia­lek­tik) sich auch zur Frage nach dem seienden Resul­tat dieses Den­kens führt, inner­halb der Platoni­schen Dia­lek­tik eben zur Ide­en­lehre, zur Lehre vom eidos als „das als solches“ (Ha­ve­­lock: “it it­self”, the “it by itself”) – und so muss­te konse­quenter­weise auch eidos „als solches“ von den Den­kenden und Wissen­den („ja sie“) selbst getrennt werden. Eidos wurde einer außer­weltlichen Exis­tenz­form zugeschrieben, einer irgendwie über­mensch­lichen Form – und diese Form musste tat­säch­lich die „Psy­che“ selbst um­fas­sen sowie die Uni­ver­sa­lien und geltenden Re­geln mensch­lichen Ver­haltens im Allgemeinen. Die neuronale Selbst­referenz hat sich zur onto­logischen Kluft zwi­schen Dies­sei­­ti­gem und Jenseitigem ver­festigt; Refe­renz­probleme werden uns über­haupt weiterhin be­schäf­tigen müssen.

Die neue Möglichkeit zur Selbstthematisierung und somit Selbst­kontrolle führte zur Kontrolle im Allge­meinen, inner­halb der Gesell­schaft selbst also zur Kon­trolle den ande­ren Glieder der­sel­ben gegen­über. Die Idee von Gerech­tig­keit als gesellschaft­li­ches eidos führte zur Forderung nach „Maß“ zu leben, was mit der zuneh­menden Patriar­chalisierung der Ge­sellschaft auch zur Un­­ter­drückung älterer Gebräuche führte, nicht zuletzt solcher ma­tri­archali­schen Ursprungs. Mit der allgemeinen Intellektua­li­sie­rung der Ge­sellschaft sah man in der Emo­tio­na­li­tät zuneh­men­d eine Ge­fahr, und alles, was die Gren­zen dieses Maßes zu weit über­trat, wurde als hybris beschimpft (mit der mythi­schen Medea mit ihrer matriar­cha­li­schen Wur­zeln als Modellfigur aller furcht­er­regenden Frauen; vgl. auch Pandora). Solche Maß­vor­­stellun­gen und die all­gemeine Furcht vom Weiblichen, leben bis heute un­ge­stört in un­serer mo­dern-pa­triarcha­li­scher Kultur wei­ter.[16]

Mit dieser ganzen Entwicklung war eine Kluft zwi­schen täg­lichem Leben und den über­mensch­li­chen, außerweltlichen Exi­s­tenz­formen aufgebrochen; diese umfassten alle abstrakten Maße (für Mes­sungen, Geld­ge­brauch usw., wovon die letzte ja auch ein Problem für Aris­to­te­les war, wenn man die Marxsche Kritik an ihm als ge­rechtfertigt betrachten kann) und natürlich die ei­doi als solche, die ja doch nicht so unmit­telbar er­klär­bar waren. Diese Exis­tenz­form wur­de dann transzen­dent ge­nannt.

 

18. Ein weiterer Aspekt der Platonischen eidos-Ideen sei hier noch erwähnt. Der Übergang vom my­thi­sch-oralen zum diskur­si­ven Um­gang mit den „ewi­gen“ Strukturelementen der Bedeu­tungs­gat­tung hat natür­lich auch dazu geführt, dass der Wahrheitswert sprachli­cher Ausdrücke (Ur­teile) proble­ma­tisiert wurde. Relatives und „prag­mati­sches“ Wahr­heits­erlebnis wurde durch intellek­tu­ell-logisches ersetzt, jedoch ohne feste Garantie wirk­li­cher „Lebens­wahr­­heit“. „Wahr­heit“ als solche ist im­mer subjektiv bedingt. Eine letztgültige Wahrheit ist nie in der objektiven Realität als solchen zu finden, jedoch auch nicht im subjektiven Erleben des Einzelnen, in letzter Instanz nur im kon­kre­ten Lebens­pro­zess der ganzen Gattung, deren „Ewigkeit“ – als Essenz ihres Wahrheits­be­griffs – ja immer auf die Probe gestellt werden kann.

Assmann zu folge geht es historisch darum, eine neue kul­tu­rel­le Kon­tinu­ität und Kohärenz sprachlicher Auseinander­setzun­gen zu entwickeln, eben die „Hy­po­lep­se“, wobei sich also die Schrift­kul­­tur in eine „Kul­tur des Konflikts“ entwickelte. Mit Eu­klid’s Geo­­me­trie als der Lehre der wohl­unter­schiedenen Fi­gu­ren und Aristoteles’ Logik als Lehre der wohl­unterschie­denen Be­grif­fe und Schlussformen haben sich gewiss die Regeln dieses Kamp­fes verfeinert. Doch kann man nicht sagen, dass dadurch das Wahr­heits­pro­blem als solches gelöst wurde. Eher könnte man ein­fach sa­gen, dass der „Sieger“ dieses Konfliktes oder Kamp­fes nun den Anspruch er­worben hat, die „Wahrheit“ – als die viel be­gehrte Tro­­phäe – „zu haben“, sie aus­spre­chen zu können und dürfen. Diese Ent­wick­lung betraf natür­lich ganz beson­ders die Ma­the­­ma­tik.

 

19. Die vorgriechische Mathematik gab Rechen­re­geln (Algorith­men) an, um zu praktisch brauch­ba­ren, also nicht-falschen, akzep­tablen Resul­taten zu kommen. Für die Griechische Ma­the­­ma­tik ging es um Beweise, um Wahrheitsbehauptungen, die den „Sieg“ mit Sicherheit gewissen ließen. Der Ausgangspunkt wurde in Axi­o­men genommen, die so einleuchtend waren, dass es keinen Sinn haben sollte, sie überhaupt zu diskutieren. Diese Me­thode enthielt je­doch ein Risiko; so wurde z.B. Euklids Pa­ral­lelaxiom immer be­zweifelt, und als man trotzdem, zwar erst in moderner Zeit wagte, es zu negieren, entstand plötz­lich eine Rei­he neuer, nicht-Eukli­di­scher (aber doch nicht-falscher) Geo­metrien, die für die Entwick­lung der modernen wis­sen­schaft­lichen Welt­sicht entscheidend wur­­den.

Um die Euklidische Geometrie zu charakteri­sie­ren, ist be­sonders folgendes zu bemerken. Sie ist the­o­retisch, nicht wie die vorgriechische, problemlösend; sie ist theorembasiert, indem sie auf sprachlichen (sym­bol-sprachliche, bzw. logische) Sätzen baut. So geht es nur um „exakte“ Resultate, um das wahre Sein, nicht um hin­reichende, nicht-falsche An­näherungen. Zum Zwei­ten ist zu be­mer­ken, dass Geometrie „rein“ ist, es ist ganz ab­strakt; es geht hier nicht um Grö­ßen und Mess­zah­len, sondern um geome­tri­sche Strukturen und ihre Beziehungen unter einander als solche. So entging man lange auch das arith­me­tische Problem der inkom­men­surablen Grö­­ßen (wie z.B. die der Diagonale eines Quadrats und das Maß des „Goldenen Schnitts“). Im gleichen Sinne ist das mathematische Operieren mit den „reinen“ Zahlen Resultat des Ab­straktionsverfahren (siehe Kap. II).

Insofern ist also der hier dargestellte Gedan­kengang gewiss „Plato­nisch“. Die Mathe­ma­tik untersucht mathe­ma­tisch abstra­hierte Ide­en; d.h., nicht die reale Gegenstände als sol­che, nur ihre außer­welt­­lichen eidoi; so ist z.B. ein Punk­t als das defi­niert, was un­teilbar ist, oder die Linie als Länge ohne Brei­te. An­ders geht je­doch Aristoteles an die Sache heran. Für ihn sind die Gegen­stände der Mathematik das, was man erhält, wenn man von den kon­kre­ten Eigen­schaf­ten abstra­hiert. So geht es ihm um ab­strak­te „Wer­te“, also doch um „ideelle“ Wirklich­keit.

So hat auch das meta-mathematische Problem von der onto­lo­gischen Natur der Zahlen und ihren Beziehungen nie seine end­gül­tige Lösung gefunden. Sind Ideen und Zahlen einfach mensch­li­che Gedan­kenkonstruktionen, oder haben sie doch im Plato­ni­schen Ideenhimmel (oder irgendwo sonst) selbständige Exis­tenz? Peter Plichta ist der Meinung: „Pythagoras und Plato ... prophe­zei­ten, dass sich hinter dieser Welt ein tief ver­bor­ge­nes trans­zenden­tes Rätsel verbirgt,“ wie er zustim­mend schreibt.[17]

 

20. Was im Folgenden dieses Buches präsentiert werden soll, hat auch in diesem Licht gesehen klare „Platonische“ Züge. In ei­nem Punkt unterscheidet diese Arbeit sich jedoch klar vom Eukli­di­schen Mathe­ma­­tik­verständ­nis. Diese stützt sich prinzipiell auf die axio­matisch-de­duk­­tive Methode, wo Sätze „beweisbar“ sind. Be­wie­sen wird dann, wie erwähnt, auf der Basis von Defini­ti­onen, Axio­men und Postu­laten, über die man sich vor­aus­setzungsge­mäß (bzw. nach Übereinkunft!) „ei­nig“ erklärt (es also ablehnt, da­r­über weiter zu streiten – und soweit diese „Einig­keit“ gilt, ist die ganze Übung darauf basiert, dass das, was nicht-falsch ist, eben „wahr“ ist. „Definieren“ heißt übrigens Griechisch „ab­gren­zen“.

Darauf gründet sich auch der Umgang mit indirekten Be­weisen: wenn das entgegengesätzte (als Kontradiktion) nicht gel­ten kann, dann reicht dies aus, um die betreffende Behauptung zu be­weisen. Wenn z.B. ~P etwas klarer­weise falsches darstellt, dann kann man getrost die fol­gende Implikation behaupten: ØS/ Þ !S/P (zu lesen: Wenn es vom Satz (S) nicht stimmt (Ø), dass P falsch ist (nicht-P, ~P gilt), dann ist P wahr (!)). Z.B.: ent­weder ist eine Zahl gera­de, oder sie ist un­ge­rade. Wenn dies aber irgendwie nicht zu­treffen sollte, haben wir ein Problem![18] Wie wir aber sehen wer­den, wird in dieser Arbeit dieses Prinzip nicht befolgt. Auf Basis unserer Ar­gumen­ta­tion wird Zy­kli­zität als hin­rei­chen­des Indiz für die „Nicht-Falschheit“ angenommen, da zyk­lisch Selbst­organi­sie­ren­­des sich jeden­falls selbst bewährt. Doch fol­gen wir also der „Pla­to­ni­schen“ Heran­gehens­weise, in­so­fern wir hier danach streben, den Struk­turen eine ganz „reine“, allge­mei­ne, ab­strakte Dar­stellung ganzheit­li­chen Cha­rak­­ters zu geben (ohne jegliche An­gaben von Grö­ßen, Mess­zahlen usw.). In dem Sinne wird hier also auch überhaupt nichts „bewie­sen“!

 

21. In Weiterführung der Platonischen Ideenlehre, aber auch in Op­position zu dieser, formulierte dann Aristo­teles sein Organon[19] und die Kategorienlehre und schuf auf dieser Grundlage seine „Lo­gik“, deren Anfang ganz oben angeführt wurde. Dieses kurze Zitat zeigt, in welchem Maße schon damals Sub­stan­tialität in den Vor­dergrund des Denkens gerückt war. Die zehn durch unver­bun­dene Wörter angege­benen Kategorien sind nach Aristoteles die fol­­genden:

 

Die einzigen, unverbundenen Wörter bedeuten entwe­der eine We­senheit (Substanz), oder eine Größe, oder eine Beschaf­fen­heit, oder ein Verhältnis, oder eine Orts­bestimmung, oder eine Zeit­be­stimmung, oder eine Lage, oder einen Zustand, oder ein Thun, oder ein Leiden. (A.a.O., S. 13)

 

Danach exemplifiziert er diese Kategorien wie folgt:

 

Eine Substanz ist (um es nur gleich­sam in einem Umriß anzu­deuten) z.B. Mensch, Pferd; Größe: zweiellig; Beschaffenheit: weiß, grammatisch: Verhältniß: Doppelt, halb, größer; Orts­bestimmung: im Lyceum, auf dem Markte; .... (A.a.O.)

 

Vom Akzidens der Größe bemerken wir folgendes:

 

Ferner: Größen haben kein Gegentheil. Bei bestimmten Größen ist dieses ganz klar: so dem Zweielligen, Dreielligen oder einem bestimmten Flächenmaß, oder irgend etwas Anderem der Art kann Nichts als sein Gegentheil entgegengesetzt werden. (A.a.O., S. 27)

     Ferner lässt die Quantität auch nicht den Unterschied eines höhe­ren oder mindern Grades zu: so z.B. bei dem Zweielligen. Es ist Nichts in höherem Grade zweiellig als etwas Anderes. [...] Die Quantität lässt keinen Gradunterschied des Mehr oder Minder zu. [...] Hiernach also besteht das Eigenthümliche der Größe am mei­sten darin, daß wir sie gleich oder ungleich nennen. (Ebd., S. 30)

 

Wenn Ari­stoteles als ersten Punkt seines Organon die Ka­te­gorie „Sub­stanz“ (Wesenheit) nennt, muss man natürlich die besondere Bedeu­tung dieser Kate­gorie zur Kenntnis nehmen. Bemer­kens­wert ist aber, dass Aristoteles nun seine Kategorie „Sub­stanz“ durch ihre Relation zu verschiedenen „akzidentellen“ Kategorien be­stimmt – und diese wiederum erst durch Anwendung der Kate­gorie „Sub­stanz“.

Wir lesen nämlich, dass es schon an die­sem aller ersten An­fang von der Akzi­dens „wie viel“, also um Zwei-, bzw. Dreiellig­keit geht. Das ist doch bemerkens­wert! Das Größen­akzidens – of­fenbar ein notwendiges Moment, um die Ka­tegorie Substanz zu be­stim­men – ist schon als mess­bar cha­rak­te­risiert; mehr noch, die Sub­stanz wird tatsächlich ge­messen! Also muss es auch den Ak­zidensien voraus „substan­ti­elle“ Reprä­sen­ta­tio­nen dersel­ben ge­ben, die zur eigentlichen Substanz in Relation stehen (vgl. hierzu die Fußnote zu I.9), lange bevor diese als solche be­grifflich be­stimmt sind. Diese Reprä­sen­tation gilt also kategorial als das „substan­ti­elle“ Maß; in Form sub­stan­tieller Mess­­geräte, Maß­stä­be mit Angaben von Maßeinheiten usw. reali­siert, sogar ge­sell­schaft­lich (institutionell) an­erkannt, be­schlossen und für den Gebrauch allge­mein bestätigt. Eine sol­che gesell­schaft­liche Bestä­ti­gung (mit etablierter Praxis) ist also die Voraus­set­zung, um über­haupt von „Sub­stanz“ zu reden! Es wäre vor dem Aristo­telischen Punkt 1 seines Or­ga­non in der Tat ernst­haft zu fragen, wie er zu die­sem ontologi­schen Punkt mit sei­nen weite­ren ge­trenn­ten aber doch nur einander gegenseitig definie­ren­den Kategorien kommen konnte.

Endlich bemerken wir, dass diese spezifische Relation zum Messgerät zur Folge hat, dass, wie Aristoteles schreibt, „das Ei­gen­tümliche der Größe (besteht) am meisten darin, daß wir sie gleich oder ungleich nennen.“ (A.a.O., S. 30) Somit nähren wir uns wieder der oben angedeutete Ent­wicklung der neuen Syntax, wonach es galt, durch ist-, bzw. ist-nicht-Sät­ze unser Wissen vom spezi­fischen Wesen der betreffenden „Substanz“ zu formu­lieren. Wie gesagt, es galt jetzt zu „wissen“, was richtig und was falsch ist, eben wie die Sachen wahrhaftig („objektiv“) sind.

 

22. Das Wort ”Substanz” in sich ist für und interessant. In der Tat stellt es die lateinische Überset­zung von des (auch von Aristoteles benutzten) griechischen Wort ousia dar, das den Grund und Bo­den des Ge­mein­we­sens, darunter also der Bau­ern, meint. So meint das Wort Sub­stanz ganz buch­stäblich den Träger seiner Eigen­tü­mer und Be­woh­ner als die ihr zugespro­che­nen, aus­tausch­baren und so auch negier­baren (d.h. z.B. sterbli­chen) Akzidensien, in dieser Verbindung also alle die, die auf und durch diesen Bo­den le­ben, ihn bear­bei­ten, um durch ihn ihre ganze eige­ne Existenz­be­din­gung zu erhal­ten. Dieser Boden ist in ganz hand­greif­licher Form sowohl „Trä­ger“ seiner Menschen als auch „Ge­gen­stand“ ihrer Arbeit – mehr noch, „Trä­ger“ und „Gegen­stand“ bedingen sich ganz buchstäblich in ihrer dialektischen Gegen­sei­tig­keit. So bilden diese zusammen das we­sent­lichste Moment des ganzen Gat­tungslebens als polis.

Im sprachlichem Gebiet finden wir dasselbe. Hier wer­den Sub­stanz und Akzidensien als Dinge mit ihren Eigen­schaf­ten auf­gefasst, die als solche durch Satzsubjekte mit ihren negierbaren Prädi­katen reprä­sen­tiert werden (z.B. „Die Rose ist nicht rot“). Wieder werden ihre Bedeutungen aus dem Satz- und Gat­tungs­ganzen ausgesondert (vgl. die kategoriale Subsumption; Ruben), und ihre Theorie be­trifft somit meistens die rechte Be­nutzung der Wörter als solche (vgl. dazu die Kate­gorienlehre). Wie­der gilt: keine Satzsubjekte ohne ihre Prädi­kate – und umge­kehrt.

 

23. Wir berühren schon hier ein zentrales und zwar echt meta­phy­sisches Problem dieses Buches, das sogar dieser Dar­stellung als solche betrifft. Bei Aris­to­teles sehen wir zwei sich gegen­seitig be­dingenden Kategorien „Substanz“ und „Akzidens“, deren Wi­der­spruch, um sie über­haupt auseinander halten zu kön­nen, sozu­sa­gen orien­tiert ist. So könnte man sagen, dass die Substanz et­was „inneres“ einer Sache repräsentiert, das sich auf etwas „äuße­res“ bezieht (z.B. Messgeräte und andere Erkennt­nis­­mittel). In der Be, etwas „Inneres“ vom „Äuße­ren“ zu unterscheiden, be­­deutet bild­lich, eine Scheidelinie oder Grenze zwischen diesen Gebieten zu ziehen, um zu definieren; diese Grenze ist aber nur ein­­deutig be­stimmbar, wenn die getrennten Gebiete als solche klar unter­schiedlich defi­niert werden können. Um die Exis­tenz­form des be­sonderen „Inne­ren“ zu defi­nieren, müssen wir uns also auch zu die­ser Grenze selbst ver­halten.

                      Ein gewöhnliches (materielles, substantielles) Ding kön­nen wir „objektiv“ – d.h. „von außen“ – betrachten und so (ideell) sei­ne ver­schiedenen (akzidentellen) Eigenschaften (Ort, Größe usw.) bestimmen. Ist uns aber die Möglichkeit ver­sagt, das gege­bene Ding „von außen“ zu betrachten, ist die Sache problematischer. So ist es z.B. unmöglich, unser Universum von außen zu betrach­ten, da wir uns selbst im Univer­sum befinden, also nur „von innen her“ betrachten können.

                      In der letzten Instanz wird diese Problemlage durch die mög­liche Selbst­referenz charakterisiert, so dass wir im Gegensatz zur „objek­ti­ven“ Be­trach­tungs­weise hier auch eine echt „subjek­tive“ Be­­trach­­tungs­weise an­le­gen müssen. So z.B. kann ich mich selbst soweit von außen sehen, dass ich meine körperliche Be­gren­zung, Haut usw. betrach­te. Das fordert dann Bewusstsein, ge­wis­ser­maßen Selbst­be­wusst­sein (vgl. hierzu z.B. das Leib/Seele-Problem). Pro­blema­ti­scher wird es jedoch, wenn eine solche „sub­jektive“ Be­trach­tungs­weise „sich selbst“ zum Thema hat. Hier führt die Selbst­re­fe­renz zu ernsthaften Problemen – und zwar um so mehr, als solche „sub­jek­tive“ Be­trach­tungs­wei­sen in sich als pro­blema­tisch betrachtet werden oder gar vermieden werden. Sol­che Fälle wer­den besonders in den Kapiteln II und III behan­delt. In der Tat könnte man sich aber vorstellen, dass die Selbst­referenz so voll­stän­dig ist, dass die betreffende Grenze zu ver­schwin­den scheint; dies würde dann bedeu­ten, dass eine „innen/außen“ Ori­entierung ganz aufgehoben wird, dass das „innere“ und das „äu­ßere“ unun­ter­scheidbar und glatt ineinan­der über­gehen (hierzu Kap. IV-V).

 

24. Mit dem Christlichen Glauben an Christus als „Got­tes Sohn“ ent­stand natürlich die weitere schwie­rige Frage, was über­haupt ein Mensch sei? Wie soll ein Mensch sich zu den „patriar­chali­schen“ Rechten des „Vaters“ und seinen eigenen Exis­tenz­bedin­gungen durch diesen „Vater“ verhalten? Wie ist im Falle Jesus Christus seine doppel­te Natur als gleichzeitig göttlich und mensch­lich zu ver­ste­hen – und was bedeuten solche Fragen für die einzelnen Menschen? Wie ist also über­haupt dieses gottgege­bene We­sen der Men­schen mit dem Wider­spruch von dem gött­lich-ewigen („platoni­schen“) „Geist“ und dem irdisch-ver­gäng­li­chen Körper zu ver­­stehen? Solche Frage­stel­lungen brei­tete sich in der Spätantike nach und nach zur ganzen „westlichen“ Men­schen­gat­tung aus. Und dazu noch, wie ist es diesem „Geist“ möglich sich im tägli­chen Leben auch real, mate­riell, zur Geltung zu brin­gen?

Diese Fragen müssen wir jedoch hier stehen las­sen (siehe jedoch Nachtrag nach Kap. IV). Be­mer­ke aber, dass das „gött­li­che“ im­mer in Bezug auf das gat­tungs­mä­ßige betrachtet wird und so auch in Relation steht zu Vor­stel­lun­gen vom „Gu­ten“ und „Wah­ren“ (eben nicht nur „Nicht-Schlech­ten“ und „Nicht-Fal­schen“!). Christlich wurde aber die Frage der Wahrheit theo­lo­gisch eingebunden, was in der Grie­chi­schen Philosophie eben nicht der Fall war (vgl. Ass­mann). Diese Denk­weise hat sich also durch patriar­cha­lische For­men kirchli­cher und anderer gesell­schaft­licher Insti­tu­tio­nen wei­ter­hin befes­tigen können und do­mi­niert seitdem un­se­r eigenes Kultur­leben.

Ähnliche Fragen entstehen auch, wenn es statt um den „Geist“ einfach um das individuelle Be­wusst­sein geht. Wie die­ses durch körperliche Prozesse zu erklären sei ist unklar, ganz be­son­ders, wenn man dem Cartesischen Dogma zufolge kör­per­liche und seelische Pro­zess­e in absolu­ter Tren­nung be­trach­tet. Ha­ben diese Sphären nichts ge­mein, ge­hören sie nicht einmal zur ge­mein­sa­men Gattung. Gleich­gül­tig wie diese nun zu defi­nieren sei, bezie­hen diese Mo­mente sich dann auch nicht mehr gegenseitig auf ein­ander. Im Gegenteil. Sie stehen sich folglich so fremd gegen­über wie Leben und Tod. So formuliert versteift sich das Christ­liche Problem und wird letztlich ganz un­lösbar.

 

Bemerkung. Im folgenden sind gewisse Zeichen falsch wiedergeben. So soll das Zeichen Ø die äußere Negation bedeuten (gewöhnlich ein Haken). Ein senkrechter Strich mit Akzent bedeutet epsilon, und ein U mit Akzent die Biimplikation (Doppeltpfeil). Vgl. auch z.B. Kap. II.19, wo die entsprechenden Zeichen richtig angegeben sind bei „Peter Rubens Definition“.

25. Dies betrifft jedoch nicht nur die Natur der Men­schen. In der Tat betrifft es über­haupt alle Dinge und andere sub­stantiel­le (sub­stan­tivische) Elemente mit ihren Eigenschaften (Ak­zi­den­sien), die unsere Welt bevölkern und in unserem alltäglichen Sprache durch Sätze mit Satz­subjekt und Prädikat (z.B. „ist...“, „hat die Eigen­schaft...“, „tut...“ usw.) thematisiert werden. Solche linguistischen Ganzheiten (unse­rer Sprachfamilie) ­spiegeln ge­nau unsere eigene ganze Weltsicht und Ontologie wider: Kein Ding ohne Eigen­­schaften, keine Eigen­schaf­ten ohne Dinge als deren Träger.

Lasst uns deshalb die Aristotelische Onto­lo­gie verlassen, um kurz zu einer dialektisch-ontologischen Deutung der Satz­form über­gehen. Darin werden wir wieder Peter Ru­ben folgen, der ein­fach unter On­to­logie die Lehre versteht, was Sätze und Satz­glie­der real meinen. Die Satzsubjekte stehen für Gegenstände, Sa­chen; Prä­di­kate für ihre Eigen­schaften; Sätze als solche stehen für die Sach­verhalte, konkrete Einheiten von Sa­chen/­­Ge­gen­stän­den und ihren Ver­hal­tens­weisen/Ei­gen­schaften.

Wo die metaphysische Ontologie von Aristoteles die Kate­gorien S (Satzsubjekt) und p (Prädikativ) der ist-Sätze (oder ihrer Äquivalente) tren­nt, geht es Ruben darum, diese Satzglieder als unterschiedene, prin­zi­piell aber un­trenn­bare zu behan­deln. Kein Satz­glied ohne als Glied eines ganzen Satzes! Seine Analyse be­trifft logische Urteile, be­wer­tete Sätze, deren „Werte“ dann „wahr“ oder „falsch“ heißen.          

Zu­nächst definiert er für den Wert „falsch“ ein logisches Stan­dardobjekt. Er schreibt S für Satzsubjekt, P für Prädikat, p für Prädikativ, Wd für Wider­spruch, Î für „ist“, w für „wahr“ und f für „falsch“. Das Zeichen ! vor dem Satz bedeutet wie oben „es ist wahr, dass...“, das Zeichen ¬ „es ist nicht wahr, dass...“; Ù bedeutet die Satzkon­junk­tion „und“, & die Prädi­katkonjunktion. Endlich auch ~ die Negation „nicht“. Die­ses beson­de­re Standard­objekt für logische Falschheit heißt nun !S/P Ù !S/~P; es könnte auch !S/Îp Ù !S/Î~ p geschrieben wer­den, und ist so zu lesen: Dass für S P gilt und für S nicht-P gilt ist gleichzeitig wahr – die Behauptung als solche jedoch falsch! Rubens De­fi­nition lautet wie folgt:

 

Wir verwenden nun aus der Klasse aller logischen Terme die Ver­knüpfung !S/P Ù !S/~P als jenen Term, der das logische Standard­objekt für den Gegenwert von w, also für den Wert ¦ bildet. […] Damit können wir über Abstraktion definieren:

 

!S/Î(p & ~p) Î WdLog. =df !S/Î(p & ~p) Û  !S/Îp Ù !S/Î~p.

(Ruben 1978, 141))

 

Dazu bemerkt er selbst: „Ob dies der Fall ist, muß im Rahmen der unterstellten Theorie entschieden werden. Es steht nicht „an sich“ fast.“ (Ebd.) Wir müssen also die Terme in ihrer wirk­lichen Zu­sammenhang betrachten.

                      Danach geht Ruben zu einer neuen Wertbildung über, die laut dieser Definition eben nicht „falsch“ ist. Andererseits kann ihr aber auch nicht der Wert w („wahr“) zugeschrieben werden; in dieser Sicht braucht also „nicht-wahr“ nicht sofort gleich „falsch“ zu bedeuten; das steht natürlich im Gegen­satz zur klassi­schen, de­skrip­tiven Logik mit seinem tertium non datur. Von dieser neuen Definition sagt Ruben selbst: „Sie ist hier natür­lich keine Prädi­ka­tions­leistung, son­dern viel­mehr das Produkt einer [logi­schen] Wert­­bildung, wel­che man auch durch den Gebrauch des Prä­di­ka­tivs „wertunent­schie­den“ sprach­lich ausdrücken kann. Wir nennen den entsprechenden logischen Term … „logi­sche Unbe­stimmt­heit“. (Ebd. 141) Und er fügt in einer Note hinzu: „Im ak­tu­ellen Vor­gang steht in der Tat der Wert eines Produkts nicht fest; sein Wert ist also wirk­lich unbe­stimmt.“ (Ebd. 145) Es geht also hier um „Nicht-falsches“.

Der ge­such­te Wertausdruck logischer Unbe­stimmt­heit hat nun die Form ØS/Îp Ù ØS/Î~p (zu lesen: Es ist nicht wahr dass S p ist, und es ist gleichzeitig nicht wahr dass S nicht-p ist). Mit die­ser Kon­junk­tion, die eine positive Paradoxie darstellt, definiert Ru­ben nun den dialektischen Widerspruch:

 

!S/Î(p & ~p) Î WdDial. =df !S/Î(p & ~pÛ  ØS/Îp Ù ØS/Î~p.

 

Eine affirmative Paradoxie [der Ausdruck !S/Î(p & ~p)] stellt in der Urteilsbildung genau dann einen dialektischen Wider­spruch dar, wenn das positive Urteil über die affirmative Paradoxie mit dem Term der logi­schen Unbestimmtheit logisch äquivalent ist. Mit anderen Worten: der dialektische Wider­spruch erscheint lo­gisch als Unbestimmtheit! (Ebd. 142)

 

26. Wir halten dabei fest, dass wir uns mit sprachlich sinntragen­den Ganzheiten befassen, müssen also wirkliche Sach­verhalte in sol­cher Weise analysieren, dass wir für die widersprüch­lichen Prä­dikative p  und  ~p  akzeptable Bedeutungen angeben können, um nicht einfach sinnwi­drig (konträr) zu argumentie­ren. Für Ru­ben dient dieser Standardterm zunächst als Musterbeispiel für lo­gisch unent­­schiedene Sachv­erhalte, um dabei ihre dialektischen Wi­der­sprü­che zu bestimmen. Ein konkretes Beispiel wäre die Marx­sche De­finition einer Ware, die als die wider­sprüch­li­che Ein­heit von Wert und Ge­brauchswert definiert wird. Um eine Vor­stel­­lung von der Allgemeingül­tig­keit dieser Definition des dia­lek­­tischen Wider­spruchs zu geben, sollen schon hier einige Beispiele solcher po­si­tiven Para­do­xien mit ihren kate­go­ri­alen Auf­lösungen vorgestellt werden:

 

!S/Î(p & ~p)

ØS/Îp    und

ØS/Î~p

Wirklichkeit

Wesen

Erscheinung

     auch

Ding

Eigenschaften

     oder

Substanz

Akzidensien

Ware

Wert

Gebrauchswert

Arbeit

abstrakte A.

konkrete A.

Geld (u.a.

    Vergl.mittel

Maß der Werte

Maßstab der

             Preise

Mensch

Bewusstsein

Körper

usw.

 

27. Doch müssen wir hier noch einen Schritt weiter ge­hen, um auch das Ver­hältnis dieser widersprüchlichen Mo­mente – exem­pla­­risch für viele ande­re – wei­ter zu bestimmen. Genau diese Ver­hältnisstruktur ist die wesentlichste Aufgabe, wenn es um die Aus­arbeitung einer formalen Dialektik geht.

Das m.E. wesentlich neue und wegweisende der Peter Ru­ben­schen Leistung ist, dass er mit den Mitteln der klassischen Lo­­gik zu einer „dialek­tischen Lo­gik“ vor­dringt. Zum Ersten geht es ihm um Urteile, d.h. Prädi­ka­tionen, ist-Sätze, die man lo­gisch ent­we­der „wahr“ oder „falsch“ be­wer­ten kann. Im tra­di­tio­nel­len Sin­ne heißt das nun, dass, wenn die „Wahr­heit“ der Prä­mis­sen be­stä­tigt ist, und alle also dies als un­bezweifelbar akzep­tieren müssen, dann im­pli­zieren die­se – auf Grund eben­falls logisch be­stä­tig­ter und un­bezweifelbarer Schlussregeln – ein neues Urteil, das gleich­falls als wahr zu behaupten ist.

Zum Zwei­ten geht es ihm aber darum, auf Basis dieses neu­en logischen Stan­­­dard­objekts als Wert­mes­ser der Wertun­ent­schie­den­heit, die Logik als solche für den dialek­ti­schen Wider­spruch zu öffnen. Dies ist eine echte Generalisie­rungs­leistung, die für al­les weitere hier von größter Bedeutung ist. So betrach­te ich seine Er­run­gen­schaften als ein wichtiges Ergebnis, das es uns möglich macht, reale Sachverhalten (wie z.B. Waren) formal un­ter zweifa­chen Aspekt zu betrachten, ohne dass ihre Widers­prü­chlichkeit ins Kon­träre und somit ins Fal­sche gerät. Dieser Gedanke wird in die­sem Buch kon­sequent weitergeführt.[20]

So definiert Ruben ~p auch nicht als die einfache Negation von p, sondern als „Kon­tra­position“ zu p (somit den Ge­brauchs­wert als Kontraposition zum Wert, nicht einfach als Nicht-Wert oder gar Wertlosigkeit). Zum Term Kontraposition bemerken wir, dass die Prä­dikative p und ~p einander also nicht gegenseitig aus­schließen (wie z.B. wahr und falsch), im Gegenteil von ein­ander ab­hängig sind und somit eben einen „daseienden Wider­spruch“ bilden (He­gel; siehe Ausblick). Sie müssen in der betref­fen­den Sphäre der Wirklichkeit soweit gemein­samer Natur sein, dass es überhaupt Sinn hat, sie durch Kon­junktion zu vereinen, so wie z.B. eben Wert und Ge­brauchs­wert der Ware real kon­jugiert sind (indem beide z.B. durch mensch­liche Arbeit erzeugt sind).[21]

 

28. Zur Biimplikation !S/Î(p & ~p) Û  ØS/Îp Ù ØS/Î~p noch eine Bemerkung. So lange wir p und ~p schon kategorial z.B. als Ding und Eigenschaft bzw. als Wert und Gebrauchswert abstrakt charak­terisieren (oder sie wie hier einfach als Zeichen zu Papier gebracht haben) sind sie klar unter­scheidbar. Dies kommt in der als wahr vorausgesetzten For­mu­lierung !S/Î(p & ~p) zum Aus­druck. In diesem Fall hätten wir auch die beiden Momente durch kategoriale Subsumption (siehe oben) unter­scheiden können (z.B. als Wert des Gebrauchswertdings bzw. Ge­brauchs­wert des Wert­dings).

In der zweiten Formu­lie­rung als !S/Î(p & ~p) kommt genau das Umgekehrte zum Aus­druck. Hier sind diese Mo­men­te ununter­scheidbar, wir wissen eben nicht ob so-oder-so! Die Ware ist weder Wert (allein), noch Gebrauchswert (allein), denn in sol­chen Fällen eben keine „Ware“ überhaupt (aber vielleicht Geld).

Logisch in Sinne Rubens (also unter der Be­din­gung dieser Bi­im­pli­kation) repräsentieren also p und ~p den „da­sei­enden Wi­der­spruch“, den es zu zer­legen und aufzuheben gilt. Un­ter wel­chen Bedingungen dies ge­schehen kann, wird unten weiter dis­ku­tiert. Soviel kann aber schon hier ge­sagt werden: Diese bei­den Momente durch katego­ri­ale Subsump­tion im kate­gori­alen Sin­ne als Abstrakta zu unter­scheiden, ist das, was not­wendig ist, um ich­ren bedeu­tungs­mässi­gen Inhalt zu be­stim­men. Mehr noch, im Vor­­gang des Mes­sens diese real zu tren­nen ist genau das on­to­logi­­sche Problem aller Messungen, wofür aber schon die Exis­tenz ge­sell­schaftlich an­er­kannter (institu­tiona­li­sier­ten) Mess­ge­räte, bzw. Geld die erste Bedingung darstellt.

 

29. Das Problem aller Logik – und mit ihr der Mathematik – ist, dass diese Geisteswissenschaften von mehr oder weniger plausib­len, aber doch als wahr bestätigten Prämissen ausgehen, in linea­rer­ Weise durch eine Reihe von Schlüssen zum logischen Ergeb­nis (ge­ge­benen­falls Defi­nition) kommen, des­sen Wahrheit dann eben­falls voraussetzt ist (mit reproduziertem Risi­ko!). Für die im Folgenden dargelegten Analysen ist jedoch entscheidend, dass sie eben keine linearen Wahrheits­schlüs­se be­in­halten, son­dern im Ge­genteil in zykli­scher Argumentationsform sinn­volles be­haupten.

Zum Prinzip sinnvoller Zyklizität bin ich persönlich durch ein Buch von Robert Rosen, Life Itself,[22] gekommen, in dem er ein Minimal­modell eines lebenden Organismus aufstellt, das in der Tat – um wieder Peter Ruben zu para­phrasieren – als Stan­dard­objekt oder -modell für ganzheit­liche, selbst­­reproduzie­rende Gat­tungen zu analysieren und ihre Darstellungen dient. Das ent­schei­dend neue dieses Rosenschen Modells ist nun, dass dies nichts über eine zweifache, sondern über eine dreifache Kon­junk­tion ge­baut ist; d.h., es baut auf eine prinzipiell dreifache Unter­schei­dung le­bens­wich­tiger Funk­tionen (wovon die dritte eine analytisch-bestätigende ist), die eben durch ihre Be­zie­hun­gen, nicht aber durch dingliche Elemente repräsentiert werden. Man könnte auch hier sagen, dass diese sich (wie Gattungs­momente) in einer logischen Unbe­stimmt­heits­re­la­tion zu­ein­­ander verhalten. Da­mit wäre endlich auch die Aris­totelische (me­­taphysische) On­to­lo­gie restlos aufgehoben.

 

30. Am Anfang dieser Einleitung waren drei wesentliche Zitate von Aristoteles, Engels und Marx angeführt, sozusagen um drei wichtige Punkte der Gedankenentwicklung und des Gedanken­gangs dieser Arbeit anzugeben. Zuerst Aristote­les’ Organon als Aus­gangs­punkt seiner Kate­gorienlehre. Hier ist eben die Kate­go­rie des Substan­tiellen am Anfang angeführt; dann eine Reihe wei­terer Kate­gorien, die wir meistens unter dem Begriff Eigen­schaf­ten rubrizie­ren würden. So spricht er prinzi­piell von Dingen mit zu­ge­schriebenen Eigen­schaften – wobei also diese „Eigen­schaf­ten“ schon weitgehend dinglich repräsentiert sind, so dass, wie schon bemerkt, Ding- und Eigenschaftskategorien sich gegen­sei­tig bedingen.

Darunter ist die charak­teristi­sche Sentenz von Friedrich En­gels aus Dialektik der Natur angeführt, in der die ontologisch um­ge­kehrte Welt­sicht zum Ausdruck kommt, so dass hier Bewe­gung an dem Anfang gestellt wurde. Da Engels und Karl Marx eng zu­sam­mengearbeitet haben, kann diese Sen­tenz weitgehend auch für die Marxsche Dia­lektik geltend angesehen werden. Wir wer­den unten sehen, dass auch diese Onto­logie ihre Probleme hat.

Doch Marx führt als entscheidend neuen Punkt auch die ganz reale Tren­nung der Mo­mente an, in der Tat die Zerschlagung einer ge­ge­benen naturwüch­sigen und ganzheitlichen Gattung durch die histo­rische Ex­pro­priation der Bauern und Hand­­werker von ihren Arbeitsmitteln, von Boden und Werkstätten – und somit für diese Menschen­massen auch ihren gattungsmässigen An­schluss an einen großen Teil der gesell­schaft­lichen Sub­jektivität. Das war ein historisch so ein­schnei­den­des Ereignis, dass man oh­ne Zwei­fel sagen kann, dass mit die­sem ein ganz neues Kapitel der Mensch­heits­ent­wicklung aufgeschla­gen wurde mit all seinen spezifischen ideo­lo­gischen Pro­ble­men und Para­doxien.

Wir stehen also hier an einem neuen Punkt einer Jahrtau­send lan­gen historischen Entwicklung mit vielen Umbruchperio­den, von denen jede ihre spezifische Bedeu­tung hatte für die wei­tere ideo­lo­gische, wissen­schaftliche und tech­no­logische Ent­wick­lun­g. Ob­wohl die tradi­tionelle Gesellschaftsgattung radi­kal trans­for­miert, sogar zerschla­gen wurde, ist klar, dass es doch dieser Gat­tung ge­lang, wieder ihre Zy­kli­­zi­tät auf neuer Grundlage in Gang zu setzen, bzw. zu bewahren.

Heute durch­leben wir schon wieder eine Um­schlag­periode mit noch unbekanntem Resultat. Es wäre zu hoffen, dass es auch diesmal gelingen wird, das gesellschaftliche Gattungs­le­ben so um­zu­gestalten, dass auch die aktuellen gesellschaftlichen Wider­sprü­che aufgehoben werden können. Es wäre somit zu hof­fen, dass die hier vorlie­gen­den zwar sehr for­male Analysen ihren klei­nen Bei­trag dazu leisten können.

Anfangs habe ich dafür ganz allgemein argumentiert, dass Zy­klizität in Arbeit und Lebenslauf – früher wie heute – für unser gan­zes Weltbild entscheidend ist. Es sind immer die realen Zykli­zi­tä­ten, die unsere Vorstellungen bestimmen. Diese kön­nen je­doch auch in Än­de­rungen, in Entwicklung derselben resultieren (vgl. Pkt. 11 und ersten Nachtrag nach Kap. IV). Mehr noch, oh­ne Zy­kli­zität würden wir über­haupt weder Kultur noch ein Welt­bild be­sit­zen, keine Qualia, und wir würden uns auch gar keine Ge­dan­ken überhaupt im mo­der­nen Sinn des Worts machen können, höch­stens em­pha­tische Äußerungen wie Affen, die zwar von Zy­kli­­zität nichts wissen, wohl aber konse­quenterweise ihren impli­zi­ten Ge­setzen fol­gen.

 

31. Mit dem Rubenschen Term logischer Unentschiedenheit bin ich überzeugt, den ersten Schritt auf dem Weg zu einer forma­len Dialektik gehen zu können. Dieser Term allein reicht doch nicht aus. Es geht mir darum, ein dialektisches System aufzubauen – ich habe es unten eine „Denk­matrix“ ge­nannt – die es uns ­mög­lich macht, wie in der Logik und Ma­the­­ma­tik üblich in einer Symbol- oder Formel­sprache, die reale Zyklizität eines Gattungswesens dar­zustel­len. Dies würde bedeuten, Zyklizität als solche kate­gorial zu bestimmen. Da diese Kategorie m.M.n. zentral ist, würde eine solche formelhafte, symbolische Dar­stel­lung viel­leicht sogar für alle dialektischen Verhältnisse gültig sein. 

Wir müssen uns jedoch klar machen, dass diese Denk­ma­trix spezifische Voraussetzungen und so auch spezifische Begren­zun­gen hat. Die ideo­lo­gischen Revo­lu­tionen durch Sokrates und Pla­ton, später durch die Christliche Theologie – und endlich durch die Zeit der Aufklä­rung – sind heute nicht wegzudenken. Wis­sen­schaftliche Theorien und Me­thoden sind wichtige Momente all­gemeiner Orien­tie­rungsfähigkeit in der Welt und somit auch für die Erkenntnis des eigenen Selbst, des ganzen eigenen Selbst­ver­ständnisses. Diese Denkweise – im 18. und 19. Jahrhundert ent­stan­den und in vielen Hinsichten im 20. Jahrhundert auf die Probe gestellt – habe ich mit diesem Buch zu verallgemei­nern versucht – eben um „mit ihr über sie hin­aus­zugehen“. Auch wenn dies tat­sächlich ge­lungen sein sollte, steht immer noch offen, wieweit allein dieses verallgemeinerte Verständnis im Stan­de sein könnte, unsere eigene historisch-kulturelle Ent­wicklung zu erhel­len, gege­benenfalls sogar unsere eigene An­thropogenese und frühere Ent­wick­lung zu durchleuchten – und gleichzeitig damit alle anderen kulturellen Entwick­lungen der Welt, die nicht gerade zu Platon und Christentum ge­führt haben.

 

32. Ein arithmetisch-formales Modell für meine zentrale Idee des Buches habe ich bei William Rowan Hamilton gefunden, nämlich seinen sog. „Quater­nio­­n“-Formalismus. Dieser besteht aus ab­strakte, mathema­tische Struk­turen von einer realen Zahlenebene und drei imaginären Vek­tor­ebenen, die schein­bar für diese Auf­gabe eine solche Mög­lich­keit dar­bie­ten können. In ihrer aller ein­fachsten Form, in der sie hier in Kap. V benutzt wird, be­steht sie aus nur einer realen Zahl im Sinne des Einheits­maßes und dazu drei imagi­nären Zah­len. Die­se werden zum Schluss ver­suchs­­weise als abstraktes Mo­dell dieser Zyklizität vorgestellt. Dieses Modell scheint in dieser Hinsicht vorläu­fig vielver­spre­chend…

Es wäre auch denkbar, das logische System von Kontra­po­si­tio­nen so auszudehnen, dass noch ein drittes Mo­ment zur dop­pel­ten Kon­tra­posi­tion hinzugefügt werden könnte. Würde dies gelingen, wäre tatsächlich die hier propagierte Zyklizi­tät als sol­che lo­gisch-dia­lek­­tisch aufgezeigt.

 

 

Zu diesem Buch

 

33. Dieses Buch ließe sich in der Tat in zwei- oder gar drei­fa­cher Weise lesen. Von dieser Einleitung könnte man gleich zum Aus­blick über­ge­hen, um sich einen Überblick die allgemeine Pro­blemlage zu verschaf­fen, die hier unter Diskussion gestellt wird, jedoch ohne auf die etwas gedankenschwerere Kategorien­ana­ly­sen einzugehen.

Die Kapitel I – IV stellen die ei­gent­lichen Kategorien­ana­ly­sen dar, die für einige Le­ser vielleicht doch ziemlich er­mü­dend wir­ken könn­ten, deren Sinn es aber ist, die eigentliche Idee theo­re­tisch zu untermauern.

End­lich stellt Kapitel V die Sonderana­lyse des schon ein­ge­führten mat-Forma­lismus als Modell der Zyklizität dar, um die­ Zyk­lizi­tät als solche mittels des Hamiltonischen For­malismus ganz for­mal zu begründen. Dieses Kapitel enthält somit das for­ma­le Kern­stück des gan­zen Buchs und ist entsprechend abstrakt angelegt. Dabei wird konstatiert, dass jedes kategoriale System von seinen ex­pli­zi­ten Voraus­setzungen abhängig ist; deshalb will es auch diese Voraussetzungen als solche zu unter­suchen. Im anschließenden Dialog mit Walter Rella eröffnet sich weitere Perspektive. Wird man aber diese ganze Diskussion zu abstrakt finden, würde man die­ses Kapitel über­springen können, ohne die allgemeine Ideologiekritik des Buches zu verlieren.

 



[1] Das Wort ‚Gattung’ hat viele Bedeutungen, Es wird hier als philosophischer Term benutzt, um von einer Ganzheit materieller oder ideeller Art die Zusam­menhörigkeit ihrer notwendigen Momente anzugeben. Z.B. machen in diesem Sinn alle essentielle Begriffe einer Theorie eine „Gattung“ aus, indem diese Be­griffe letzten Endes einander gegenseitig bedingen und bestimmen. Die „Gat­tung“ gesellschaftlicher Menschen um­fasst entsprechend alle materielle und kulturelle Momente, die für die betreffende gesellschaftliche Lebensform not­wendig und bestimmend sind. In unserem modernen Fall umfasst unsere „Gat­tung“ somit außer den menschlichen Individuen selbst auch sämtliche ihrer ma­teriellen und kulturellen Existenzbedingungen sowie z.B. Lebens­mittel, Behau­sungen, Produktionsbedingungen und ihrer Ergebnisse, Bücher, Theorie­bildun­gen usw., die die ganze Praxis dieser besonderen Lebensform bestimmen.

[2] In diesem Sinn kann man eine ”Gattung” sehr wohl als ein autopoietisches Sys­tem betrachten. Innerhalb eines solchen kann sich auch weitere autopoietische Strukturen bilden, die zu einander relative Selbständigkeit besitzen (Luh­mann).

1 Cotterill, Rodney (2001): Evolution, Cognition, and Consciousness. Journal of Consciousness Studies, 8, No 2.

[4] Rizzolatti, Giacomo and Arbib, Michael A.: Language within our grasp. Trends in Neu­ro­science, Vol. 21, 1998.

[5] Da diese Korrelierungen der unterscheidbaren Gattungs­glieder ständig sind, werden ihre Aufhebung, d.h. die wirk­li­che Trennung der Glieder von ihrer Gat­tung ihren „Tod“ bedeuten. Dasselbe geschieht in dem Fall, wo ein Mensch sei­nem Stamm oder seine Zugehörigkeit zu seinem Ethnos beraubt wird; er wird dabei „versklavt“. Was dabei passiert kommt im Titel vom Buch Slavery als social Death von Orlando Patterson (1982) klar zum Ausdruck.

[6] Ruben, Peter (1978): Dialektik und Arbeit der Philosophie. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln.

[7] Jan Assmann: Das Bild des Vaters im Alten Ägypten; in: Das Vaterbild in Mythos und Geschichte (1976)

[8] Dieses Einschiebsel ist weitgehend durch Kjeld Schmidt’s „Nach­trag“ von Verdensmarkedet (Der Weltmarkt, dänisch) mit Arti­kel, Brefe etc. 1947-1895 von Karl Marx und Friedrich Engels (Verl. Tider­ne Skifter, 1988) inspiriert.

[9] W.I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Dietz Verlag Berlin 1987.

[10] Zitiert nach MEW Bd. 13

[11] Assmann, Jan (1997): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. Verlag C.H.Beck, München.

[12] Havelock, Eric A. (1984): The Orality of Socrates and the Literacy of Plato: With some reflections on the Histoical Origin of moral Philosophy in Europe. In: New Essays on So­cra­tes, ed. Eugene Kelly, University Press of America.

[13] Vgl. dazu auch z.B. Mary Douglas in Natural Symbols (1973), S. 42: „This present book is an essay in applying Bernstein’s approach to the analysis of ritu­al. It will help us to understand religious behaviour if we can treat ritual forms, like speech forms, as transmitters of culture, which are generated in social relat­ions and which, by their selections and emphases, exercise a constraining effect on social behaviour.

 

[14] „Das Dreieck stand sicher im Kampf mit den gleichlangen Beinen fest und ruhig ge­spreizt, resolut kämpfend, um seine zwei Winkel gegen den feindlichen Angriff zu verteidigen.“

[15] Sein steht dem Nichtsein, Wissen dem Falschen „intolerant“ gegenüber. Jan Assmann führt in senem Die Mosaische Unterscheidung (2003) an, dass der strick­te Monotheis­­­mus logisch gesehen ein Gegenstück zur Parmenidischen „Re­volution“ darstellt. Er schreibt u.a.: „Wissenschaftliches Wissen ist „Gegen­wis­sen“, weil es darum weiß, was mit seinen Thesen unvereinbar ist. Nur „Ge­gen­wissen“ bildet einen Regelcode aus, der festlegt, was als Wissen gelten darf und was nicht, d.. ein Wissen zweiter Ordnung. Ordnung. Dieser Methodologie entspricht auf seiten der Gegenreligion die Theologie im Sinne einer Religion zweiter Ord­nung.“ (S. 24)

[16] Die Angst um die weibliche hybris macht sich auch in der neueren Zeit stän­dig be­merk­bar. Den Frauen sollen überall Grenzen gesetzt werden: „Ein Frau­en­zim­mer, das den Kopf voll Griechisch hat, wie die Frau Dacier, oder über die Me­chanik gründ­liche Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von Chastelet, mag nur im­mer­hin noch einen Bart dazu haben; denn dieser würde vielleicht die Mie­ne des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich bewer­ben. Der schö­ne [weibliche] Verstand wählt zu seinen Gegeständen alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist, und überläßt abstrakte Spe­ku­la­tionen oder Kenntnisse, die nützlich, aber trocken sind, dem emsigen, gründ­lichen und tiefen Verstande. Das Frauenzimmer wird demnach keine Geometrie lernen…“ Uswusf. Es gilt, Weiblich-Gefährliches zu verbeugen: „Niemals ein kalter und spe­kulativer Unterricht, jederzeit Empfindungen, und zwar die so nahe wie mög­lich bei den Geschlechtverhältnisse bleiben.“ I. Kant: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen; Insel-Bücherei Nr. 31, S. 37 und 40)

 

[17] Peter Plichta, Gottes geheime Formel (1995) S. 311.

[18] Dieses Problem führte bekanntlich zur Anerkennung der irrationalen Zahlen.

[19] Organon, oder Schriften zur Logik, übersetzt von Karl Zell. Kapitel von den zehn Kategorien.

[20] Ohne die kommende Diskussion vorzugreifen wäre doch schon hier auf ein Problem der traditionellen Logik aufmerksam zu machen, nämlich dass Negation immer dual (auf Ja/Nein-Aussagen basierend) gedacht ist. Unten (bes. in Kap. V) wird formal eine dreifache Kategorienkonstellation dargestellt (z.B. Waren durch Wert, Gebrauchswert und Nutzen bestimmt), die für eine zirkuläre Logik notwendig ist.

[21] In der Physik gibt es einen analogen Widerspruch zwischen den sog. „kano­nisch konjugierten“ Größen Impuls und Raumkoordinaten. Diesen entsprechen hier die Kategorien p und q, die in kap. III definiert werden, wobei Wert eben eine p-Kategorie ist, Gebrauchswert eine q-Kategorie.

[22] Rosen, Robert (1991): Life Itself. A Comprehensive Inquiry Into the Nature, Origin, and Fabrication of Life (Columbia Univers­ity Press, New York)