I:
ZU
MARX
EINE
ERSTE KATEGORIENANALYSE
1. Wollen wir die kategorialen
Bestimmungen der politischen Ökonomie von Karl Marx und dazu noch ihre mögliche
Bedeutung für die Zukunft verstehen, müssen wir diese Theorie selbst im Lichte
des historischen Materialismus betrachten. Wir müssen klar ausarbeiten – wenn
hier auch nur in ganz abstrakt-formaler Weise –, unter welchen
historisch-materiellen Bedingungen dieses Marxsche Kategoriensystem entwickelt
wurde, seine spezifischen Struktur analysieren, und untersuchen, wie es sich
weiter entwickeln könnte. Also: Mit Marx versuchsweise mindestens einen Schritt
über ihn hinausgehen.
Welche
waren also die allgemeinen Voraussetzungen der Marxschen ökonomischen
Kategorien und der ganzen politischen Ökonomie des Kapitalismus? Zunächst gab
es ja die erste Prägungen von Münzen im Griechisch-Kleinasiatischen Raum 5-600
v.u.Z; ohne Geld wäre kein Kapitalismus möglich. Schon lange zuvor hatten aber
einfache Warentausche stattgefunden, oft durch Edelmetalle wie Gold und bes.
Silber vermittelt.
Eine
Tauschpraxis war also schon lange Gang und Gebe, gewiss auch Verdienst.
Andererseits waren diese alten Gesellschaften weitgehend Sklavengesellschaften,
wobei Sklaven keine ökonomischen oder sonstigen Rechtsansprüche hatten,
konnten auch keinen ordentlichen Preis für ihre Waren verlangen, weil selbst
diese letztendlich Eigentum des Herren waren. Also hatten diese Produzenten,
wirkliche Nicht-Subjekte, keinen persönlichen Anteil an der Wertbestimmung
ihrer Produkte; Rechtsansprüche hatten nur die Sklavenhälter. Nur „freie“
Produzenten und andere Eigentümer, „Personen“, waren überhaupt fähig,
Verabredungen und Kontrakte einzugehen – nur solche könnten mit Geld und somit „Werte“ überhaupt umgehen;
und erst für solche Leute wurde deshalb
auch – statt roher Lebenserhaltung – die echt ökonomische Frage des
„gerechten Lohns“ ein entscheidendes
Thema. Bemerken wir also die erklärte Ausgangsposition der
Marxschen Wertformanalyse:
Nur
Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten
einander als Waren gegenüber. (S. 57)[1]
Das historische Blickfeld – auch wenn diese
Wertformanalyse keine historische Darstellung ist – ist somit das letzte
Jahrtausend Europas, wobei Marx besonders in der Zeit des Christentums die
Warenproduktion so charakterisiert:
Für
eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches
Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also
als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten
aufeinander zu beziehen als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit
seinem Kultus des abstrakten Menschen, namentlich in seiner bürgerlichen
Entwicklung, dem Protestantismus, Deismus usw., die entsprechende Religionsform.
(S. 93)
Wir betrachten also hier vorläufig prinzipiell nur
„selbständige und voneinander unabhängige Privatarbeiter“ und ihre
Produkte unter der Bedingung einer „naturwüchsigen Teilung der Arbeit“; und
nur durch diesen Tausch erhalten diese Privatarbeiten gesellschaftliche
Bedeutung und somit Wert, indem Waren nur „für andere“ produziert werden.
Das allein macht aber keinen Kapitalismus. Marx stellte sich sogar eine solche
arbeitsteilige, aber nicht-kapitalistische, „naturwüchsige“, Gesellschaft
mit eher „ländlich patriarchalischer Industrie“ vor, in der
die verschiedenen Arbeiten,
welche diese Produkte erzeugen, Ackerbau, Viehzucht, Spinnen, Weben, Schneiderei
usw. in ihrer Naturalform gesellschaftliche Funktionen (sind), weil Funktionen
der Familie, die ihre eigene, naturwüchsige Teilung der Arbeit so gut wie die
Warenproduktion (besitzt). Geschlechts- und Altersunterschiede wie die mit dem
Wechsel der Jahreszeit wechselnden Naturbedingungen der Arbeit regeln ihre
Verteilung unter die Familie und die Arbeitszeit der einzelnen
Familienmitglieder. (S. 92)
Diese Idee leitet nun Marx zur folgenden Vision:
Stellen
wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit
gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen
Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben.
[...] Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil
dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich.
Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er
muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln
mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und
der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur
Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes
Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. [...] Die
gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren
Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als
in der Distribution. (S. 92f)
Auf dieses Gesellschaftsmodell werden wir weiter
unten zurückkommen. Bemerken wir jedoch schon an dieser Stelle, dass Marx „zur
Parallele“ der bekannten Warenproduktion auch hier mit dem Zeitfaktor als
Verteilungsmaß rechnet. In Verbindung mit diesem zweiten Gesellschaftsmodell
spezifiziert er die Bedeutung, die er dem Zeitfaktor zumisst:
Die Arbeitszeit würde also eine
doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftliche planmäßige Verteilung regelt
die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen
Bedürfnissen. Andererseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des
individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem
individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. (S. 93)
2. Hierin sehe ich gewiss ein
Problem, worauf zurückzukommen ist. Unerwähnt bleibt weiter „die Art dieser
Verteilung“. Dürfen wir hier mit der Benutzung von geprägten Metallstücken,
Münzen und Geld genannt, rechnen? Das ist eine weitere Frage. Wenn wir aber das
tun, erhalten wir in der Tat ein Gesellschaftsmodell nicht unähnlich den Verhältnissen
in England um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wo Waren auch als
Wertdinge ausgetauscht wurden. Von diesen Verhältnissen schreibt E.J. Hobsbawm
in seinem Buch Industry and Empire
(1989)[2]:
We shall note, above all, that England [...] was
already a monetary and market economy on a national scale. A ‘nation of
shopkeepers’ implies a nation of producers for sale on the market, not to
mention a nation of customers. In the cities this was natural enough, for a
close and self-sufficient economy is impossible in towns above a certain size...
[...] (with a population) whose insatiable demand for food and fuel transformed
agriculture all over the South and East, drew regular supplies by land and river
from even the remotest parts of Wales and the North, and stimulated the
coalmines of Newcastle. Regional price variations in non-perishable and easy
transportable foodstuffs like cheese were already small. What is more important,
England no longer paid the heaviest penalty of self-sufficient local and
regional economies, famine.” (Ebd.,
S. 14)
Dieses sog. „Geld“ ist
jedoch kategorial als „Wertmaß“ – mehr als Hundert Jahre vor der
Marxschen Analyse – noch unbestimmt (vgl.
die Aristotelischen Kategorien; siehe auch II.13). Was also dieses „Maß“
hier „misst“, in der Tat als Maßstab der Preise, bleibt noch unentschieden.
Immerhin gibt dieses Modell uns ein bedeutsames Bild von einer Gesellschaft, die
sich ökonomisch in einer gewissen Art inneren Gleichgewichts befindet, was für
die historische Bedeutung des Begriffs der Äquivalenz nicht unwesentlich ist.
Stellen
wir aber fest, dass zwischen diesem konkret-empirischen Hobsbawmschen und dem
abstrakt-kategorialen Marxschen Gesellschaftsbild – wie schon oben bemerkt –
sozusagen ein „revolutionärer“ Bruch eingetreten ist, der sich über diese
hundert Jahre oder länger weiter entwickelt hat. Ohne diese historische
Entwicklung, diesen Bruch, auch kategorial auszuwerten, wird es eben unmöglich
sein, die Marxsche Kategorienanalyse als theoretisches Ganzes genau auszuwerten.
3. Sprechen wir deshalb vorläufig
gar nicht von „Geld“. Was war dann aber das Wesentliche, das im Laufe dieser
Entwicklung, die die auf den Seiten 92-93 skizzierte Gesellschaft traf, sich so
radikal änderte? Marx schildert hier die Individuen als „freie Menschen, die
mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen
Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben.“
Er lässt sie somit auch selber beschließen, wie ihr gemeinsames Produkt
gebraucht und verteilt werden soll für Konsum und neue Produktionsmittel. Nach
dem historischen Bruch gab es dann als entscheidender neuer Entwicklungstrend,
mindestens für eine sehr große Zahl dieser Individuen, diese
Gemeinschaftlichkeit und Durchsichtigkeit einfach nicht mehr.
Was
war geschehen, worin bestand also dieser neue Trend? Marx beschreibt die
Entwicklung besonders im Kapitel von der sogenannten ursprünglichen
Akkumulation (Kap. 24), aber auch schon vorher:
Scheidung
zwischen dem Arbeitsprodukt und der Arbeit selbst, zwischen den objektiven
Arbeitsbedingungen und der subjektiven Arbeitskraft, war also die tatsächlich
gegebene Grundlage, der Ausgangspunkt des kapitalistischen Produktionsprozesses.
Was aber anfangs nur Ausgangspunkt war, wird
vermittelst der bloßen Kontinuität des Prozesses, der einfachen Reproduktion
stets aufs neue produziert und verewigt als eigenes Resultat der
kapitalistischen Produktion. (S. 595)
Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also
nichts als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel.
Er erscheint als „ursprünglich“, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und
der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.
(S. 742)
Hier geht es erstens um einen
historischen Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel. Damit war
auch die Vorstellung von freien und selbstbewussten, mit gemeinschaftlichen
Produktionsmitteln arbeitenden Menschen zu Ende. Zweitens, diese jetzt nicht
mehr selbstbewusst und gemeinschaftlich arbeitenden Menschen waren gewiss nicht
nur durch historischen „Zufall“ entstanden; sie waren kein akzidentelles Phänomen,
das vielleicht überwunden werden konnte. Im Gegenteil. Marx unterstreicht die
Kontinuität dieses gesellschaftlichen Zustandes, indem „die einfache
Reproduktion stets aufs neue produziert und verewigt (wird) als eigenes Resultat
der kapitalistischen Produktion.“ Genau dies ist das entscheidende der Sache,
denn was „gesetzmäßig“ verläuft kann eben kein „Zufall“ sein und so
auch kein unmittelbar heilbares Phänomen. Die Sache reproduziert sich selbst in
zyklischen Prozessen, so dass die kapitalistische Produktion wirklich im
wissenschaftlichem Sinn gesetzmäßig ist – und eben diese ständige
Reproduktion und ihr „eisernes Gesetz“ ist es, die hier kategorial zu
analysieren sind.
4. Wir halten
uns noch am abstrakten Gesellschaftsmodell S. 92f auf, müssen es jedoch
unter doppeltem Gesichtspunkt, sozusagen im zweifachen, widersprüchlichen Licht
betrachten. Einerseits behalten wir die Vorstellung von den selbstbewussten
Menschen, die hier als „freie Individuen“ arbeiten und zwar mittels „Geld“
ihre Produkte austauschen. „Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger
Privatarbeiten treten einander ... gegenüber.“ (S. 57) Ausgelassen hier ist
„als Waren“, weil wir im Moment und für dieses Modell auch noch keine
kategoriale Analyse solcher Dinge, Waren genannt, zur Verfügung haben. Ihr
Wesen als Marktdinge ist uns somit genauso unklar wie vorläufig das „Geld“
selbst, wobei beide Sachen ja auch voneinander abhängig sind. Das unmittelbare
Problem dieser Betrachtung ist deshalb, wieweit diese selbstbewusst arbeitenden
Menschen überhaupt im Stande sind, ein solches Austauschmodell zu realisieren.
Zweitens
müssen wir jedoch zur Kenntnis nehmen, dass auch in diesem Modell das
Gesamtprodukt kein unmittelbar gesellschaftliches Produkt sein kann. Denn es ist
unter diesen Bedingungen nicht möglich, dass „ein Teil dieses Produkts wieder
als Produktionsmittel (dient).“ Dieser Teil kann eben nicht einfach
gesellschaftlich bleiben, während der andere Teil des Produkts von den
Vereinsgliedern individuell verzehrt wird. Nach welchen Kriterien soll hier
entschieden werden? Insofern ist der Satz „Er muss daher unter sie verteilt
werden“ unklar. Natürlich muss jeder seinen Anteil davon erhalten, teils als
notwendige Produktionsmittel (z.B. als Verfügungsrecht etwas schon
gesellschaftlich Daseiendes), teils als Verfügungsrecht über das, was jeder
zum eigenen Verzehr nötig hat; dies geht aber dann hier nicht gemeinschaftlich
zu, sondern über individuelle, ganz informelle Verteilung- oder
Austauschentscheidungen.
Unmittelbar
haben somit auch besondere zeitorientierte Verteilungsmechanismen hier keinen
Sinn. Nur setzt die Lebenszeit für „Ackerbau, Viehzucht, Spinnen, Weben,
Schneiderei usw. in ihrer Naturalform“ natürlich gewisse gesellschaftliche
Grenzen der produzierten Quanten. Zeit als solche als Regulierungsmaß kann
subjektiv für diese selbstbewussten Menschen und ihre Entscheidungen keine
Rolle spielen – mindestens in dieser analytischen Ausgangsposition nicht, höchstens
als implizite Begrenzung allgemeinen Lebens.
Diese
beiden Gesichtspunkte führen also zu widersprüchlichen Ergebnissen. Wenn
gesagt wird, dass „Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger
Privatarbeiten treten einander ... gegenüber,“ dann widerspricht dies der
Vorstellung eines „Vereins freier Menschen“, die „mit gemeinschaftlichen
Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte
selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben,“ und wo
deshalb auch wirklich „das Gesamtprodukt des Vereins ein gesellschaftliches
Produkt“ ist, das durch gemeinsame Übereinkunft verteilt wird. Denn: Entweder
treten die Produkte als solche einander gegenüber – oder die vereinten freien
Menschen selbst tun das. Und das gilt natürlich auch, wenn ein Teil dieses
Produkts wieder als Produktionsmittel dienen soll. Dieser Teil soll dann
gesellschaftlich bleiben (also doch unter gemeinsamem Entscheidungsrecht und
Kontrolle). Dabei wird jedoch wieder die „Durchsichtigkeit“, noch das „Selbstbewusstsein"
der beteiligten in Frage gestellt. Dieses letzte ist ein wesentlicher Punkt, der
jedoch in der Tat bei Marx unterbewertet ist.
5. Wie kommt es aber –
kategorial gesehen – zu diesem Unterschied der angeführten
Gesellschaftsmodelle? Wir müssen hier einen historisch zweistufigen Prozess
betrachten. Einerseits war Geldgebrauch jeder Art immer mit Aufhebung des ursprünglichen,
gemeinschaftlichen Besitzes an den Produkten und Produktionsmitteln verbunden.
Unter originären („ur-kommunistischen“) Verhältnissen würde einfach Geld
als individuelles Verteilungsmittel sinnlos sein. Wir müssen uns also zunächst
einen primären Übergang vorstellen, wobei eine originäre gemeinschaftliche
Produktion eingestellt wurde, die Marx (ohne Verteilungsprobleme) vorgeschwebt
haben muss, wenn also von seiner Konzession der moderneren Vorstellung
zeitmessender Gesellschaften (mit „Geld“ usw.) abgesehen wird. Mit diesem
primären Übergang tritt uns schon eine Gesellschaft vor Augen, die Marx uns am
Anfang seiner Wertformanalyse des ersten Kapitels von Das
Kapital vorführt. Diese auf einfacher Produktion beruhende
Gesellschaftsformation scheint in gewissen Hinsichten (z.B. im Bezug auf
Gleichgewicht) tatsächlich (mit Vorbehalt!) der Darstellung von Hobsbawn zu
entsprechen.
Es
fragt sich nun, warum Marx uns dieses zweite, gleichfalls sehr abstrakte
Gesellschaftsmodell der Wertformanalyse darbietet. Hobsbawn deutet eine gewisse
gesellschaftliche Gleichgewichtssituation an, die eben durch individuellen
Geldgebrauch zum Ausdruck kommet – immer noch ohne zu „wissen“, was „Geld“
eigentlich ist.[3]
Um das zu klären geht es ja u.a. in dieser Analyse. Unter der Bedingung ursprünglicher
Existenz des Geldes muss also erklärt werden, erstens, wie es zur Geldgenese überhaupt
kommen konnte, zweitens, wie diese Kategorie „Geld“ als solche überhaupt zu
definieren ist. Das tut Marx in seiner Wertformanalyse im Lichte der
betreffenden historischen Periode Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht
empirisch, sondern versucht es strikt formal im Lichte seiner eigenen Zeit
hundert Jahre später durchzuführen, d.h. auf der historischen Grundlage schon
funktionierender Produktion und Reproduktion kapitalistischer Form, deren Gesetze ja eben sein eigentliches Interesse hatte. Also wird die
Analyse der schon daseienden Waren und des Geldes im Lichte entwickelterer
kapitalistischer Verhältnisse durchgeführt, also im Lichte des längst überstandenen
„historischen Scheidungsprozesses von Produzent und Produktionsmittel“ (vgl.
S. 742). Diese Vorgehensweise ist kategorial korrekt; nur muss man sich den
Unterschied zwischen Kategorienanalyse und Geschichte klar machen – auch,
welche Bedeutung Kategorien aus der einen Zeit für das Verständnis der
Kategorien aus anderen historischen Epochen haben könnten.
6. Ich muss hier wieder auf das
entscheidende Moment „selbstbewusster Individuen“ und seiner Bedeutung für
die Analysen zurückkommen. Marx hebt es in seinem modifiziert „ur-kommunistischen“
oder vielleicht doch eher „ländlich patriarchalischen“ Modell S. 92f ausdrücklich
hervor. In der Wertformanalyse im Kapitel 1 ist dieses Moment jedoch entschieden
zurückgedrängt. Wir müssen entscheiden, wieweit dies tatsächlich ein „Zufall“
sein kann, oder wieweit dieser Umstand aus der historisch spezifischen Sicht der
Analyse selbst entsprungen ist.
Es
ist auch zu betonen, dass subjektive Entscheidungen – auch wenn unerwähnt –
für das ganze Wertformanalyse-Marktmodell von größter Bedeutung sind. Vgl.
hierzu meinen Aufsatz My Name is Weaver,[4]
wo ich diese Analyse direkt in den Mund des Webers zu legen versuche, so dass
der ganze Aufsatz durchgehend in erster Person gehalten wird. Das macht die
Bedeutung des subjektiven Moments dieses selbstbewussten Individuums klar. Es gäbe
einfach kein Geld, gäbe es ein solches persönliches Selbstbewusstsein nicht.
Ganz einfach: Nur selbstbewusste Individuen können überhaupt so was wie Geld
erfinden und gebrauchen, um Werte anzugeben.
Dies
ist keine Trivialität. Auf der anderen Seite aber erklärt Marx:
Das
geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen
die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche
Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften
dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der
Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes
gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [...] Den letzteren [den
Produzenten] erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer
Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar
gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern
vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse
der Sachen. (S. 86 und 87)
Das Verhältnis solcher sehr
vertrackten Dinge voll metaphysischer Spitzfindigkeit (vgl. S. 85)
charakterisiert Marx als Fetischismus. Er findet ein gesellschaftliches Verhältnisse
unter Sachen und dazu ein sachliches unter den Personen, so dass hier das
subjektive Moment der Personen unterdrückt wird. Wieso? könnte man fragen –
was jedoch hier nicht bedeuten soll, diese Formulierung sei irgendwie falsch.
7. Wir gehen wieder auf die
Enteignung der Arbeiter zurück (vgl. Zitat oben von S. 595). Die betreffenden
Personen besitzen hier nicht wie früher (und wie in der Wertformanalyse) ihre
eigenen Produktionsmittel. Wollen diese Personen also weiterleben, müssen sie
dahin ziehen, wo Arbeitsplätze vorhanden sind, nämlich in die Städte mit den
modernen Fabriken – in der Hoffnung, sich dort einen dürftigen Lohn zu
verdienen. Hier sind sie jedoch keine „freien Menschen“ mehr, die als
selbstbewusste Individuen ihre individuellen Arbeitskräfte gesellschaftlich zur
Verfügung stellen. Im Gegenteil; sie stellen ihre Arbeitskräfte fremden Eigentümern
privat zur Verfügung, haben solange weder Verfügungsrecht über die eigenen
Arbeitskräfte noch sonst subjektive Dispositionsrechte, da solche allein den
Eigentümern zufallen. Insofern sind diese Arbeiter also in dieser ganz
bestimmten Hinsicht „bewusstlos“; nur müssen sie immer noch genau soviel
Bewusstsein (Aufmerksamkeit) auftreiben, wie damals bei Gebrauch der Geräten
eigener Werkstätten – aber auch nicht mehr! Ohne dies käme überhaupt keine
Produktion zu Stande.
Also
ist der Arbeiter in Frage Subjektivität gespalten; so auch sein eigenes
Bewusstsein, und zwar zwischen dessen individuellen und gesellschaftlichen
Aspekten. Einerseits muss er wissen was und wie er konkret zu arbeiten hat.
Andererseits ist er als Person degradiert, verfremdet, versachlicht.
Wissenschaft als selbständige Potenz hat seine Arbeitsbedingungen verunstaltet,
„innerhalb deren er [der Arbeiter] arbeitet, (und sie) unterwerfen ihn während
des Arbeitsprozesses der kleinlichst gehässigen Despotie...“ Sie entwürdigen
ihn somit „zum Anhängsel der Maschine“ (S. 674).
8. Diese Versachlichung der Menschen ist der
notwendige Ausgangspunkt für Marx, will er seine Kategorien widerspruchslos
definieren. Entscheidend ist hier die Kategorie Wert, die sich unter
fetischistisch-gesellschaftlichen Verhältnisse der Sachen realisiert. So
zitiert Marx anerkennend im Nachwort zur zweiten Auflage I. J. Kaufmann, wo
dieser die Marxsche Methode beschreibt:
„Marx
betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturwissenschaftlichen
Prozeß, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und
der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren
Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmen.“ (S. 26)
Der erste Teil dieses Zitats
unterstützt die Bemerkungen zu den sachlichen, „un-bewussten“ und gesetzmäßigen
Verhältnissen der Personen im gesellschaftlichen, aber doch
quasi-naturwissenschaftlichen historischen Prozess, der selbst Wollen und
Absichten der Personen bestimmt; eben das “gesellschaftliche“ Verhältnis
der Sachen spiegelt sich im Bewusstsein der Menschen wider. Wir kommen darauf
zurück.
Dazu
aber die Frage: Wie stellen sich unter diesen Bedingungen die „un-bewussten“
Personen selber zu den sich “gesellschaftlich verhaltenden“ Sachen? Dies ist
eine Frage des Eigentumsverhältnisses. Hier wäre zu bemerken, dass Eigentum
ursprünglich eine Beziehung zwischen Personen und ihren gegenseitigen
Befugnissen war, aber keine metaphysische Beziehung zwischen Mensch und Ding.
Historisch gesehen wurde dieses Problem erst akut im Römischen Reich, wo das
eigentliche Problem gar nicht das Verhältnis zu den Dingen war, sondern eher zu
einer ganz besonderen Art von „Dingen“, nämlich zu den Sklaven. Und genau
dieses Sklavenverhältnis wurde dann nachträglich zum Modell des allgemein
anerkannten Eigentumsverhältnisses, Dominium genannt.[5]
Dieses
Verhältnis, auf das Marxsche Modell überführt, ist ohne besondere Probleme:
Der Arbeiter, insofern er als Angestellter für den Kapitalisten arbeitet, ist
eben keine „Person“, sondern in der Arbeitszeit sklavenartig seinen eigenen
Lebensbedingungen grundlegend entfremdet.[6]
So gehen ihn – im gesellschaftlichen Zusammenhang – auch nur sachliche Verhältnisse
an; er steht selbst als Sache anderen Sachen gegenüber, so dass wir gewiss hier
von jedem „Bewusstsein“ abstrahieren können.
9. Also treten hier Menschen und
Sachen in gesellschaftlich entscheidende Beziehungen ein rein sachlicher
Charakter. Betrachten wir deshalb verschiedene derartige Verhältnisse. Sachen
werden verglichen, gemessen und numerisch angeführt (siehe hierzu Kap.
II). Wie
Marx das analysiert, um kategorial hinter den goldenen Schein des Tauschmittels
zu dringen (unter der Bedingung der Präexistenz desselben Mittels!), ist ausführlich
in seinem ersten Kapitel dargestellt. Bemerkenswert ist aber, dass
gesellschaftliche Verhältnisse sich eben zwischen Sachen verwirklichen – und
sogar unter Formen, denen scheinbar gar keine gesellschaftlichen Verhältnisse,
sondern unmittelbar individualistische, zugrunde liegen.
Im
klar naturwissenschaftlichen Geiste wird nämlich weiter erklärt, dass das, was
sich unter den Waren am Markt ereignet, genau dasselbe ist, was passiert, würde
man einen Zuckerhut wägen. Hier kommt wieder das entscheidende Moment des
Gleichgewichts zum Ausdruck. Wertbestimmung auf dem Markt fordert in letzter
Instanz eben gesellschaftliches Gleichgewicht (einfache Produktion, d.h. ohne
Mehrwerterzeugung), eben wie Hobsbawn es für England Mitte des achtzehnten
Jahrhunderts beschrieb. Beim Wägen des Zuckerhuts geht es einfach darum,
mittels einer Waage, einen Gleichgewichtszustand als Äquivalenz zweier Dinge
herzustellen, ohne welche Wägen natürlich unmöglich wäre – und damit auch
die Kategorie „Gewicht“ und folglich das Wertmaß Gramm oder Kilogramm.
Ein Zuckerhut, weil Körper, ist
schwer und hat daher Gewicht, aber man kann keiner Zuckerhut sein Gewicht ansehn
oder anfühlen. Wir nehmen nun verschiedene Stücke Eisen, deren Gewicht vorher
bestimmt ist. Die Körperform des Eisens, für sich betrachtet, ist ebenso wenig
Erscheinungsform der Schwere als die des Zuckerhuts. Dennoch, um den Zuckerhut
als Schwere auszudrücken, setzen wir ihn in ein Gewichtsverhältnis zum Eisen.
In diesem Verhältnis gilt das Eisen als ein Körper, der nichts darstellt außer
Schwere. Eisenquanta dienen daher zum Gewichtsmaß des Zuckers und repräsentieren
dem Zuckerkörper gegenüber bloße Schwergestalt, Erscheinungsform von Schwere.
Diese Rolle spielt das Eisen nur innerhalb dieses Verhältnisses, worin der
Zucker oder irgendein anderer Körper, dessen Gewicht gefunden werden soll, zu
ihm tritt. Wären beide Dinge nicht schwer, so könnten sie nicht in dieses Verhältnis
treten und das eine daher nicht zum Ausdruck der Schwere des anderen dienen.
Werfen wir beide auf die Waagschale, so sehen wir in der Tat, dass sie als
Schwere dasselbe, und daher in bestimmter Proportion auch von demselben Gewicht
sind. Wie der Eisenkörper als Gewichtsmaß dem Zuckerhut gegenüber nur Schwere,
so vertritt in unserem Wertausdruck der Rockkörper der Leinwand gegenüber nur
Wert.
Hier hört jedoch die Analogie auf. Das Eisen
vertritt im Gewichtsausdruck des Zuckerhuts eine beiden Körpern gemeinsame
Natureigenschaft, ihre Schwere, während der Rock im Wertausdruck der Leinwand
eine übernatürliche Eigenschaft beider Dinge vertritt: ihrem Wert, etwas rein
Gesellschaftliches. (S. 71)
Hier gibt es verschiedene
bemerkenswerte Punkte. Erstens setzt Marx tatsächlich voraus, dass die
verschiedenen „Stücke Eisen“ in Bezug auf Schwere schon vorher bestimmt
sind. Dem entspricht die Voraussetzung, dass Geld schon vorhanden ist, bevor es
überhaupt kategorial zu bestimmen ist (vgl. auch Aristoteles in der Einleitung
Stück 21[7]).
Weiter unterstreicht Marx das wesentliche dabei, dass „aber Eigenschaften
eines Dings nicht aus seinem Verhältnis zu anderen Dingen entspringen, sich
vielmehr in solchem Verhältnis nur betätigen...“ (S. 72). Das heißt weiter,
dass „kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein(geht)“ (S.
62; man könnte jedoch diskutieren, wieweit auch das Eisen kein Atom „Schwerestoff“
besitzt, denn „Masse“ ist mit Schwere kategorial nicht identisch). Beide „enthalten“
jedoch etwas Gemeinsames, was eben das Gleichgewicht herstellt, woraus wir in
dieser ganz bestimmten Hinsicht die „Äquivalenz“ der beiden Sachen
konstatieren können, aus welcher wir endlich die Kategorie „Wert“
abstrahieren, hier also als „Wert der Schwere“. Wir werden bald sehen, wie
auch Menschen in solche Verhältnisse eingehen können.
10. In der Einleitung zur dänischen Ausgabe von Das
Kapital diskutiert Johannes Witt-Hansen das Besondere der
dialektisch-analytischen Methode Marxens.[8]
Er formuliert hier die These, dass Marx in der Tat mit drei Theorien und ihren
spezifischen Begriffen arbeitet. Er nennt sie Theorie I, II und III und
charakterisiert ihre gegenseitige Beziehung – in Analogie zu den
physikalischen Theorieentwicklungen – als fortschreitende Generalisierung. Das
entscheidende beim Akt der Generalisierung besteht nun darin, dass die neue,
verallgemeinerte Theorie zunächst die Geltungsbereiche der Vorgängertheorien
umfasst, zweitens dass diese Theorie nun eine weitere, wesentliche Kategorie
umfasst und definiert, die in der früheren Theorie allein nicht definiert
werden konnte. Genau diesen generativen Prozess werden wir im Folgenden mehrmals
behandeln.
Von
den Produkten dieser „Anhängsel“ schreibt Marx – sozusagen in
Blumensprache, soweit es um die Wertabstraktion geht:
„Betrachten wir nun das
Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als
dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser
menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht
auf die Form ihrer Verausgabung.“ (S. 52)
Und wieder unten: „Menschliche
Arbeit bildet Wert, aber ist nicht Wert. Sie wird Wert in geronnenem Zustand, in
gegenständlicher Form.“ (S. 65)
Nun
gilt von dieser merkwürdigen „Gallerte“-Substanz, weil in sie offenbar „kein
Atom Naturstoff“ eingeht, dass sie auch von Menschenhand absolut unantastbar
ist, und so auch (unmittelbar) konstant bleiben muss (genau wie die Schwere des
Zuckerhuts). Das entscheidende Problem der Gleichgewichtstheorie I, wo Waren
prinzipiell zu ihren Werten ausgetauscht werden (Äquivalenttausch), ist deshalb,
dass „werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden
Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Zirkulation
oder der Warenaustausch schafft keinen Wert.“ (S. 177f) Deshalb:
Die
Zirkulation, worin sich das Geld zum Kapital entpuppt, widerspricht allen früher
entwickelten Gesetzen über die Natur der Ware, des Werts, des Geldes und der
Zirkulation selbst. (S. 170)
Fangen wir deshalb mit dem an, was Marx selbst
seinen entscheidenden „Springpunkt“ nannte. Da die Ware die widersprüchliche
Einheit von Wert und Gebrauchswert darstellt, bezog sich seine erste Aufgabe
darauf, die Herstellung dieser Waren zu analysieren: „Diese zwieschlächtige
Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch
nachgewiesen worden.“ (S. 56) Und diese ihre „zwieschlächtige“ Natur
besteht eben darin, die Arbeitsfunktion formal, teils als konkrete,
teils als abstrakte Arbeit zu betrachten. So stellt die „abstrakte“ Arbeit
den wertbildenden Aspekt der Arbeit dar, die „konkrete“ Arbeit dagegen
ihre gebrauchswertbildenden Aspekt.
Genau dieselbe Idee werden wir hier verwenden,
um auch die früher entwickelten Gesetze in dieser Hinsicht zu generalisieren;
d.h., diese müssen so umgeformt werden, dass sie in sich neu entwickelte
Kategorien aufnehmen und konsequent auf sie Bezug nehmen können, und zwar ohne
dabei die Existenz von Mehrwert logisch verneinen zu müssen. Im Gegenteil, es
muss überhaupt erklärt werden, dass und wie Mehrwert unter der Bedingung des
Äquivalenttausches in der Tat zustande kommen kann. Hierbei geht es also
besonders um die Generalisierung der Kategorie Ware. Theorie II muss eben jetzt
eine „Ware“ umfassen, die es früher gar nicht gab – oder die als Ware gar
nicht auftreten konnte; und Theorie III muss diese Ware so bestimmen, dass
dadurch jede Mystik in Verbindung mit dem Wehrwert aufgeklärt wird.
Nun
sind Waren allgemein Arbeitsprodukte; die Kategorie Ware kann jedoch nicht in
befriedigender Weise mit der Arbeit selbst erweitert werden; dies würde, wie
Marx sagt, unter Mehrwertsbedingungen nur zu neuen Widersprüchen führen.
Dagegen definiert Marx die Arbeitskraft als diese neue Ware, d.h. einfach
die allgemeine Fähigkeit, Arbeit zu leisten. Damit wird es ganz konsequent,
Wert quantitativ als das Produkt gesellschaftlich notwendiger, allgemein
menschlicher Arbeitskraft (bemerk die vielen Vorbehalte!) über Zeit für die
Produktion der Ware zu definieren. „Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße
festgeronnener Arbeitszeit.“ (S. 54) Hiermit kommt wieder der Zeitfaktor ins
Spiel.
Die
Einführung der neuen Ware Arbeitskraft in die Theorie II hebt keineswegs diese
Theorie I auf. Man kann diskutieren, wieweit für Marx die Aufhebung seiner
Aporie vom Mehrwert (siehe S. 179-81) in ganz befriedigender Weise und somit
auch der Übergang der sehr abstrakten Theorie I in die gleichfalls sehr
abstrakte Theorie II gelungen ist. Um diesen ganze Problemkomplex durchsichtig
zu machen, möchte ich deshalb hier eine viel einfachere Argumentation als das
in Das Kapital dargebotene vorschlagen. Greifen wie also auf Marxens
eigenen Springpunkt zurück.
12. Werfen wir jedoch zunächst
noch einen Blick auf das Beispiel Wägen eines Zuckerhuts. Dieses können wir
auf eine Gleichgewichtssituation zweier Waren überführen. Vorausgesetzt die
Arbeitskraft über Zeit wird zu ihrem Wert eingesetzt und bezahlt, entsteht eine
Gleichgewichtssituation zwischen Arbeitskraft und Verbrauch („Verbrauchs-“
oder „Konsumtionskraft“). Der Wert der produzierten Ware drückt allgemein
den Wert der notwendigen Arbeitskraft aus – eben diese
gesellschaftlich-zeitbestimmte „Gallerte“, von der jede Ware ihren Anteil
repräsentiert. Dieser Wert wird also „als eine [quantitativ benennbare] „Gegenständlichkeit“
ausgedrückt, welche [in der Wertformanalyse] von der Leinwand selbst dinglich
verschieden und ihr zugleich mit anderen Waren gemeinsam ist.“ (S.65f) Und wie
das Beispiel Zuckerhut zeigte, der selbst einen Teil der Masse des Universums
repräsentiert, so hat in genau dergleichen Weise sich auch die Physik als wägende
Wissenschaft entwickelt: Unter Gleichgewichtsbedingungen (und im Prinzip nur so)
werden „Größen“ abstrahiert, um dann mit ihnen rechnen zu können (eben
mit „Werten“, die selbst ein Teil aller Werte der Gesellschaft repräsentieren).
Kulturhistorisch betrachtet ist das eben die allgemeine (natur)wissenschaftliche
Methode dieses Zeitalters Marxens, um „Werte“ zu bestimmen, und daraus
ergibt sich auch, dass die so entwickelten Kategorien dann wirklich analoger
Natur sind.
Wie
ließe sich nun die besondere „Arbeit“ zwieschlächtiger Natur – oder
vielleicht sogar „nicht-Arbeit“ – zur Herstellung der besonderen Ware
Arbeitskraft vorstellen? Den spezifisch wertbildende Aspekt der Arbeit, die
„abstrakte Arbeit“, ist kein Problem; es geht hier einfach darum, den für
ihre Herstellung konsumierten notwendigen Warewert als Wert der neuen
Arbeitskraft (als Lohnsumme) zu buchen. Mehr problematisch ist die Bestimmung
der für ihre Herstellung notwendigen „konkreten Arbeit“. Was soll das heißen?
Wie stellt man konkret Arbeitskraft als die natürliche Fähigkeit, Arbeit zu
leisten, her? Das ist genau der „springende Punkt“ – ist aber gar kein „ökonomisches“
Problem! Sache ist, dass diese Fähigkeit einfach auf dem allgemeinen
organischen Stoffwechsel beruht, der Körper und Gehirn für die nächste
Arbeitsaufgabe bereitstellt. Der „springende Punkt“ ist also, dass in dieser
Funktion die gekauften (Konsum)Waren ihren Nutzen
zu beweisen haben. Genau gesprochen involviert dies jedoch in sich keinen „Arbeiter“
als solchen, keine vertragsfähige Person, die eine spezifische Arbeitsaufgabe lösen
und so vertraglich auch akzeptieren kann; es betrifft „nur“ den natürlich
gegebenen Körper jedes einzelnen menschlichen Individuums (ganz wie jedes
anderen Lebewesens).
Hier
ist überhaupt keine „Person“ involviert, keine Ökonomie, nur organische
Chemie! Was außerhalb der Sphäre der traditionellen Chemie stattfindet ist in
diesen Zusammenhang einfach Energie und Information, biochemische Information,
Operation mit Information, dazu auch ihre Vervielfältigung und Verarbeitung (weiter
zum Informationsbegriff Kap. V und Ausblick).
Nur wenn dies alles funktioniert, kann der menschliche Körper mit seinem
Bewusstsein normale Arbeit leisten. Diese Arbeit wird dann unter modernen
Arbeitsbedingungen, wenn die Produkte verkauft, mehr Geldwert (Mehrwert)
kassieren lassen, als der Arbeiter brauchte, um zu überleben, also sich und
seine Arbeitsfähigkeit identisch zu reproduzieren (eben identisch: letztendlich
soll er ja nur Arbeiter bleiben!). Dieser Mehrwert wäre gewiss als ein Resultat
und ein Maß der gesamten gesellschaftlich involvierten, kulturell und
technologisch gebundenen Information aufzufassen (was auch mit der ganzen „organischen
Zusammensetzung des Kapital, mit Organisation der Arbeit, Ausbildung der
involvierten Personen usw. zu tun hat, was dann alles zu Theorie III gehört).
Somit ist die Fähigkeit, in diesem Kontext überhaupt produktive Arbeit leisten
zu können, in sich kein „Problem“; sie besteht in der allgemeinen naturwüchsigen
Fähigkeit, angeborene und angelernte informative Lebensprozesse, darunter also
auch Arbeitsprozesse, durchzuführen.
Man
könnte sich jedoch wundern, dass dieses so einfache Argument, das doch ganz auf
der Hand liegt, nicht von Marx selbst (und seine Nachfolgern) benutzt wurde.
Warum nicht? Wie schon bemerkt, ist dies eine wesentliche Fragestellung. Erstens
ist körperlicher Stoffwechsel kein ökonomischer Begriff und geht somit auch
nicht in ökonomischen Theorien ein. Aber warum hätte dieser Grund allein dermaßen
ausschließenden Charakter, dass deshalb das Mehrwertproblem in der Marxschen
Theorie formal so verunsichert bleiben sollte? Das kann nicht allein in einem
persönlichen Versagen von Seiten Marxens liegen. Im Gegenteil. Es muss einen
ganz besonderen, tieferen Grund dafür geben. Wir werden langsam diesen erfahren.
13. Die Marxsche Ökonomie –
und mit ihr alle anderen mit ihr verwandten Theorien – besitzen wie alle
anderen Theorien eben eine gewisse „Schranke“. Wie alle andere „blinde
Flecke“ macht dieser es unmöglich, schrankennahe Probleme klar zu beurteilen
und analysieren. Um von einer solchen elementaren – sogar ganz zentralen –
Frage dermaßen geblendet zu werden, um sogar ganz von ihr zu schweigen, kann
ich nur einen Grund finden: sie muss im Problem der Zyklizität liegen – eben
weil diese Idee für die damalige Zeit einfach fremd war.
Der
Produktions- und Konsumtionsprozess war eben nicht zu Ende geführt, bevor auch
die elementare Fähigkeit zur neuen Produktion restituiert war (mindestens im
identischen Maße) – und zu deren rein biologischen und psychologischen
Bedingungen die Ökonomie keine explizite Stellung einnehmen konnte. Dieses
Versagen ist jedoch kein theoretischer „Fehler“ oder gar eine „Vergessenheit“;
es ist nichts weniger als das Problem einer ganzen Kulturepoche – und
so mündet diese Kritik der Marxschen Theorie letztendlich in eine allgemeine
Kulturkritik ein.
Zunächst
ist also ein doppeltes Ergebnis erreicht: Auch die Ware „Arbeitskraft“ wurde
durch konkrete und abstrakte „Arbeit“ produziert. Die Zyklizität ökonomischer
Bewegungen wird damit in sich begrifflich gesetzt. In der Tat ist somit eine
weitete gesellschaftliche „Sphäre“ ökonomischer Aktionen (neben den
Produktions- und Zirkulationssphären) definiert. Ob nun dieser neue Begriff „Arbeitskraft“,
jetzt eher als „Lebenskraft“ überhaupt aufzufassen, in der Tat als echte
Warekategorie aufzufassen ist, kann diskutiert werden. Doch mit diesem ersten
Fall neuer Generalisierungen haben sich die Theorien der beiden traditionell
definierten Sphären einwandfrei aneinander gefügt.
14. Nach dem Übergang von
Theorie II zu Theorie III in Witt-Hansens Terminologie müssen wir die wachsende
„organische Zusammensetzung“ des Kapitals betrachten, d.h. auch das
besondere Verhältnis zwischen „konstantem“ Kapital als die in Materialien,
Maschinen, festen Anlagen usw. gebundenen Investitionen, und das „variable“
(weil mehrwerterzeugende) Kapital, das als Lohnkosten registriert wird. Die
historische Entwicklung mit immer steigendem Maß an Mechanisierung,
Automatisierung, Einverleibung moderner Wissenschaft usw. bedeutet somit
wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals und somit auch wachsenden
Ausbeutungsgrad der lebendigen Arbeit (was jedoch nicht unmittelbar auch
wachsende Armut zu bedeuten braucht). Die damit zusammenhängende Konkurrenz
unter den einzelnen Kapitalien führt nun, wie immer auf dem Konkurrenzmarkt –
mindestens im Prinzip, besonders wenn wir von weiteren staatsmonopolistischen Maßnahmen
absehen – zu einer gewissen Nivellierung der Profitraten, so dass diese sich
ideal einer gewissen Durchschnittprofitrate annähern.
Das
hat nun weitere Konsequenzen für die Preissetzungen, so dass die fertigen Waren
nicht mehr zu ihrem „Wert“ verkauft werden, sondern in der Marxschen
Terminologie zu ihren „Produktionspreisen“. Das charakterisiert nun den
entwickelten Kapitalismus unter der Bedingung der Theorie III, die wie bemerkt
also auch auf die innerkapitalistische Konkurrenz Bezug nimmt.
15. Dies hat nun Marx dazu geführt,
sein „Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate“ zu formulieren. Obwohl
dieses Gesetz nur von einer „Tendenz“ spricht (was eigentlich für „Gesetze“
ganz allgemein gilt), ist diese „Tendenz“ als „Potentialität“ sehr
ausgeprägt. Da sie also nicht notwendig realisiert werden muss, ist dieses
Gesetz jedoch auch viel diskutiert worden. Für uns ist dabei nur wesentlich,
dass Mehrwert (Profit) und somit auch Ausbeutung hier kategorial explizit
einbezogen werden; zum Zweiten bezeugt die Unsicherheit in Bezug auf die
Realisierung dieser Tendenz, dass hier in besonderer Weise subjektive Momente
mit im Spiel sind – und zwar sowohl für die Kapitalisten als auch für die
Arbeiter, die ja früher (Theorie II) nur als eher sprachlose Anhängsel der
Maschinen betrachtet wurden und denen also praktisch alle Subjektivität
abgesprochen wurde.
So müssen Arbeiter hier im Kampf um die Löhne
ganz konkret ihr Sprachvermögen zurückerobern. Und somit kommt auch der
Gebrauchswert endgültig als wesentlich bestimmendes Moment ins Spiel, wenn es
zur Konkurrenz um die höchste Profitrate kommt. Ursprünglich war Gebrauchswert
ein rein ideeller Aspekt der Ware; keiner würde Lust haben, ein Arbeitsprodukt
zu kaufen, hätte es keine Vorstellungen geweckt, „Gebrauchswert“ genannt,
von dem realen Nutzen, das das betreffende Ding haben würde wenn erst gekauft.
Also gibt es ohne Gebrauchswert überhaupt keine Ware, einfach nur Müll.
Obwohl
dieser Aspekt bei Marx nicht besonders herausgearbeitet wurde, bekommt der
Gebrauchswert von nun an realiter wie auch theoretisch viel größere Bedeutung;
auch die kategorialen Widersprüchen des Gebrauchswerts müssen also genauer
analysiert werden, besonders im Unterschied zum wirklichen Nutzen[9]
(siehe weiter unten). Auch wenn dies auf Grundlage des vorliegenden Materials
nicht unmittelbar einsichtig ist, ist mit Theorie III Subjektivität zum ersten
Male gesetzmäßig zum Ausdruck gekommen.
16. Gilt es für eine Firma oder
einen Betrieb die Profitrate hoch zu halten, können verschiedene Möglichkeiten
abgewogen werden. Eine wäre eben durch Werbung mehr „Gebrauchswert“ an den
Waren „erscheinen“ zu lassen. Man könnte in der Produktion auch die immer
billigste Lösung eines Problems einschlagen. Unter Bewahrung der technischen
Zusammensetzung des Kapitals könnte man auch versuchen, das variable Kapital,
den Lohn, besonders niedrig zu halten, was dann bedeuten würde, die Ausbeutung
zu verstärken, der Bevölkerung geringere Kaufkraft zu geben, was alles zu
Verringerung des Lebensniveaus der Arbeiter führen würde.
Man
könnte aber auch den umgekehrten Weg einschlagen, um die organische
Zusammensetzung des Kapitals zu erhöhen. Das würde zwar die Profitrate zunächst
verringern, jedoch in der Hoffnung auf effektivere Produktion und somit höhere
Profitraten in der Zukunft – letztlich also wieder verstärkte Ausbeutung.
So stehen die Kapitalisten vor schweren Wahlen.
Die Arbeiter aber haben entsprechende Probleme. Mit allen Mitteln müssen sie
versuchen, ihren Lebensstandard zu bewahren, wenn möglich ihn sogar zu
verbessern (wobei allgemein der Ausbeutungsgrad als solcher weniger beachtet
wird); das könnte z.B. durch höheren Reallohn erreicht werden, dann aber mit
dem Risiko, „zu teuer“ und somit entlassen zu werden – oder gar den
Kapitalisten dazu verlocken, ihre Arbeitsplätze auszusiedeln. Wie einen solchen
Konflikt lösen? Die objektiven Interessen sind antagonistisch. Man kann neue
Abkommen versuchen – oder zum Militär greifen –, kommt aber nicht umhin,
dass in der Tat – trotz aller subjektiven Bedingtheit – alles hier schön
„gesetzmäßig“ vor sich geht.
17. Wie schon bemerkt drängt
sich hier der Gebrauchswert als solcher besonders hervor; er ist eine Kategorie
ökonomisch stets zunehmender Bedeutung. Wurde der Gebrauchswert vorher in
Theorie I eher en passant zur Kenntnis genommen als inhärentes Moment des
Warenwesens, wird er laut Theorie II naturwüchsig im selbstreproduzierenden
Zyklus Arbeitskraft-Ware-Konsumtion als „Nutzen“ realisiert (und so doch
nicht abstraktionsfähig, nicht quantifizierbar). Das scheint sich aber heute
der Theorie III zu Folge zu ändern.
Es
ist wichtig, die Kategorie Gebrauchswert (am Markt) von der Kategorie Nutzen
(„zu Hause“) klar zu unterschieden. Die Kategorie des Nutzens ist nur in
Verbindung mit dem realen Ge- und Verbrauch zu bestimmen, d.h. im menschlichen
Stoffwechsel (natürlich im weitesten Sinne des Worts), in welchem die
eingekauften Waren die Aufgabe haben, die gegebenen Formen des Lebens und somit
der Gesellschaft als Ganzes (identisch, gegebenenfalls erweitert) zu
reproduzieren. So ist die Kategorie Nutzen engstens mit der Idee der Zyklizität
verbunden. Ohne Zyklizität wäre der Begriff Nutzen gleichgültig, und wir hätten
uns mit dem Gebrauchswert begnügen können; ohne Nutzen wäre andererseits
Zyklizität nie zustande gekommen. Erst als Moment der Zyklizität hat der
Nutzen sich wirklich zu beweisen.
Da
Gebrauchswert also nur am Markt realisiert wird, besteht die entscheidende
Aufgabe der Händler einfach darin, durch den „Schein“ der Waren Lust auf
Kauf zu wecken; also wird Subjektivität hier zielgerichtet aktiviert. So kommt
dem Gebrauchswert die materielle Bedeutung zu, entscheidungsinitiierendes (subjektivierendes)
Moment zu sein. Durch oft aggressive Werbung, Reklame, Propaganda für neue
Lebensstile, neue Konsummuster, ganz neue Lebenserwartungen usw. muss die
Kapitalrealisierung gefördert und die Profitrate stabilisiert werden. Somit
verschafft sich der Gebrauchswert im Gültigkeitsraum der Theorie III sogar eine
gewissermaßen sogar (in Bezug auf die Profitrate) quantifizierbare Existenzform.
Dabei
ist auch zu bemerken, dass wesentliche Teile des kapitalistischen
Produktionsapparats eben nur diesen potenzierten „Schein“ herzustellen hat,
also paradoxerweise selbst überhaupt keine eigentlichen Waren produzieren. Der
eigentliche „Nutzen“ dieses ganzen Produktionsapparats wird damit in Frage
gestellt – und somit implizit die ganze (individuelle und kollektive)
Reproduktion der Gesellschaft als solche. Bekannte
Beispiele sind CocaCola und MacDonald, die mittels ihrer aggressiven
Werbungstaktik in den Medien zu einer gesundheitsgefährdenden – also
nutzwidrigen – Lebensstil der Jugend geführt haben. Im Kampf um die
Profitrate kann letzen Endes die ganze fortgesetzte Reproduktion der
Gesellschaftsformation aufs Spiel gesetzt werden. Auf diesem historischen
und kategorial bedingten Hintergrund meldet sich natürlich die Frage, wieweit
eine weitere Generalisierung der Theorie III (sozusagen vielleicht eine Theorie
IV) möglich wäre. Wir kommen auf diese Frage im Ausblick
wieder zurück.
18. In dieser Argumentation
scheinen die Probleme sich um die kategoriale Bedeutung der Subjektivität zu
konzentrieren – ein Thema, das in der üblichen marxistischen Literatur keinen
all zu großen Platz eingenommen hat – eben weil es in der Tat ein
Schrankenproblem ist. Dabei möchte ich – wie überall in dieser Arbeit –
unterstreichen, dass ich mich immer konsequent an der kategorialen
Analysemethode festhalten möchte, die ich, teilweise von der Arbeit
Witt-Hansens unterstützt, den Marxschen Texten entnommen habe.
Von seiner eigenen Methode schrieb Marx:
Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell
von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im
Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und
deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die
wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt
sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es
mit einer Konstruktion a priori zu tun. (S. 27)
Fragen wir also nach einer möglichen
„Theorie IV“, deren Möglichkeit übrigens im Ausblick
thematisiert wird, kaufen wir uns aber theoretisch große Schwierigkeiten ein.
Wir stehen da in einer Situation ohne historisch genügendes Material, eben das,
was uns ermöglichen sollte, die „verschiedenen Entwicklungsformen zu
analysieren und deren inneres Band aufzuspüren.“ Wollen wir also eine neue
Generalisierung vornehmen, so möge es aussehen, „als habe man es mit einer
Konstruktion a priori zu tun.“ Als erstes wäre dann erforderlich,
Untersuchungen der faktischen ökonomischen Entwicklung durchzuführen, um möglicherweise
auf dieser Grundlage kategoriale Bestimmungen anzudeuten.
19. Kehren wir aber in dieser
widersprüchlichen Situation nochmals zu Marxens abstraktem Gesellschaftsmodell
vom Fetischismusabschnitt (Seite 92f) als Andeutung einer möglichen „Theorie
0“ oder gar „Theorie 4“ zurück. Es ging da zunächst – „zur
Abwechslung“! – um „einen Verein freier Menschen, die mit
gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiteten und ihre vielen individuellen
Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben.“
Weiter folgerte Marx, „das Gesamtprodukt des Vereins ist ein
gesellschaftliches Produkt,“ wobei nur „die Art dieser Verteilung ... mit
der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der
entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten“ wechseln
wird. Zur Frage der Zeitabhängigkeit der konkreten Verteilungen kommen wir
gleich zurück, notieren uns aber nochmals die philosophisch hoffnungsvolle
Bemerkung von Durchsichtigkeit der „gesellschaftlichen Beziehungen der
Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten“. Das würde gewiss die
kategoriale Analysen sehr erleichtern. Ein weiteres Problem einer solchen
Theorie wäre aber auch, dass wir wenig historisch-ethnographisches Material
haben, um eine solche Theorie genau auszuarbeiten.
Akzeptieren wir trotzdem einen Augenblick den
Sinn einer Theorie 0 oder IV, um diese als einen möglichen historischen
Nachfolger der Theorie III zu vergleichen, dann scheint mindestens deutlich,
welches großes Gewicht wir der Kategorie der Subjektivität beizumessen haben.
Eines der Probleme einer solchen Theorie, wie
Marx sie skizziert, ist die gewohnheitsmäßige Akzeptanz eines wertbestimmenden
Zeitparameters. Ein solcher Parameter ist jedoch keine originäre Idee. Im
Gegenteil, was eine solche abstrakt gleiche „Zeit“ zu bestimmen hätte (was
immerhin schon eine Art allgemein anerkannte „Uhr“ erfordern würde), müsste
als abstrakte Kategorie dann selbst stillschweigend in Relation zu einer Art
„abstrakt gleichen Arbeitskraft“ gesehen werden, was jedoch dem Sinn einer
solchen Theorie 0 oder IV widersprechen würde.
Solche
a priori-Ideen stammen aus der naturwissenschaftlichen Theorienwelt der Neuzeit
seit Galilei und bes. Newton, der den Zeitparameter als Differentiale in seinen
physikalischen Formeln einführte (und so die Zeit als solche als deren
Integral). Dies ist aber in sich eine ideologische Konsequenz der a priori „toten“
Materie, in die die arbeitenden Menschen ja selbst als „tot“, als „Anhängsel“,
bzw. als Sklaven subjektivitätslos einverleibt wurden.
Andererseits
ist natürlich die konkrete Zeitempfindung eine naturwüchsige Erfahrung, die
unlöslich mit der individuellen Existenzform als Glieder der Gattung und ihrer
zeitlichen Entwicklung (Antizipation) zu tun hat. Für einen „Wert“-bestimmenden
Zeitparameter ist aber die Tauschfunktion schon vorausgesetzt, nämlich ein
Markt, den es in der Theorie 0 gar nicht geben kann. Wir kommen wieder auf
dieses Problem am Anfang von Kap. II zurück.
Eine
Zeitform, die erst einem späteren Kategoriensystem angehört, muss also im
Sinne einer Theorie 0 entschieden abgelehnt werden. Es geht umgekehrt – wenn
überhaupt – darum, die menschliche Subjektivität in ihrer vollen Konkretheit
zu fassen (was dann auch die Beziehung zu den gemeinsamen Produktionsmitteln
umfassen muss).
20. Dabei ist zu bemerken, dass
diese Marktfunktion durch die Bewegungen der Preise (realisierten Tauschverhältnissen)
in der Tat eine gewisse notwendige – zwar „stumme“ – Information über
die Lage von Produktion und Bedarf liefert. Wird aber auch „explizite“
Information über die Lage gefordert, was für die Entfaltung einer
real-gesellschaftlichen Subjektivität notwendig sein müsste (und so auch im
gewissen Sinn „Wahrheitswert“ zuzusprechen wäre), dann wäre wirklich eine
besondere, selbstberuhende und gesellschaftliche, sogar institutionalisierte
Funktionsweise erforderlich. Eine solche würde dann aber gleichzeitig ihre
eigene materielle Versorgung durch kollektive Produktionsmitteln erfordern (z.B.
eigenen Bodenbau und Viehhaltung).
Eine
solche gesellschaftliche Institution würde in der Tat den Charakter eines
„Tempels“ haben, sollte es für diese Institution möglich sein, „wahrheitsgemäße“
(indiskutable) Entscheidungen zu treffen – gesellschaftlich also im
selbstreferentiellen Sinne –, z.B. die Verteilung einzelner Bodenparzellen
betreffend, bzw. auch andere Produktionsmittel als Einzelbesitz.[10]
Unter allen Umständen müsste hier gelten, dass eventuelle Neuverteilungen der
Bodenparzelle, gattungsrechtliche Befugnisse über gemeinsamen Anlagen und
andere Produktionsmittel usw. Gleichgültig wer für diese Regelung sorgt, müssen
alle solche Entscheidungen der ganzen Gemeinschaft verbindlich sein, soll nicht
die ganze Gattung sich in Streitigkeiten auflösen. Wo aber solche Funktionen
– statt durch Tempeldienst – über den Markt implizit und „anonym“
reguliert werden, da muss eben auch Zeit als (vielleicht implizites) wertendes
Moment der Theorie II eingeführt werden.
21. Noch ein Kommentar zu den
Marxschen Kategoriensystemen wird hier am Platze sein. Bis jetzt gingen alle
Bemerkungen besonders die Produktionssphäre an, deren Funktion (im weitesten
Sinne) natürlich für alles individuelle und gesellschaftliche Leben
entscheidend ist. Dabei wurden jedoch meistens immer nur gegensätzliche Aspekte
der beiden Gesellschaftsklassen, Kapitalisten und Arbeiter, betrachtet. Dass die
Kapitalisten in einer kapitalistischen Gesellschaft die gesellschaftliche
Subjektivität (mittels Eigentumsverhältnissen, organisatorischen und
gesetzlichen Regelungen, Macht- und Gewaltapparaten usw.) repräsentieren, ist
klar. Doch haben wir schon mehrmals bemerkt, dass auch die Arbeiterklasse für
sich immer weitere Gebiete der Subjektivität zurückerobert hat, sowohl im
Kampf um Löhne und Arbeitsbedingungen, in der Organisierung der Arbeitsaufgaben
sowie im persönlichen und politischen Leben. Nicht oder nur nebenbei erwähnt
ist auch die immer wachsende gesellschaftliche „Mittelschicht“ der
Servicearbeiter, Pädagogen, Intellektuellen, Wissenschaftler und Techniker, Künstler
usw. Diese gehören nicht als solche zur Arbeiterklasse; alle diese
Wirksamkeiten sind aber für die ganze gesellschaftliche Reproduktion
unentbehrlich.
Was
diese Schichten angeht, so hat es hier keinen Sinn, sie unter einen Hut als
abstrakt menschliche Arbeitskraft (auch nicht als kombinierte) zu kategorisieren.
Dies würde einfach bedeuten, das ganze gesellschaftlich subjektive Moment noch
einmal herauszutheoretisieren.
Das
eigentliche Problem, subjektive Individualität als freie Menschen kategorial
mit einer Form von Gesellschaft zu vereinen, die „mit gemeinschaftlichen
Produktionsmitteln arbeitet und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte
selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgabt,“ so dass sie
sich doch ständig und gesetzmäßig reproduziert und weiter entwickeln kann,
ist immer noch ungelöst. Eine solche Verteilungspraxis muss ihr Hauptgewicht
auf die Entwicklung der allgemeinen Befriedigung der gesellschaftliche Bedürfnisse
legen, also auf den Nutzen der Sachen und nicht auf ihren „Gebrauchswert“.
Auch
der Begriff der Produktionsmittel muss unter dem Gesichtspunkt
gemeinschaftlichen, kollektiven Nutzens betrachtet werden. Die Aufgabe dieser
Mittel (Territorium, Boden, Werkzeuge) besteht nicht nur darin, diese
Gesellschaft mit notwendigen Lebensmitteln usw. zu versorgen, sie müssen zunächst
selbst als solche etabliert und weiter entwickelt werden, und Verfügungsrechte
über diese Mittel müssen geregelt werden, wobei auch der Begriff des Eigentums
als solcher im kollektiven Sinne generalisiert werden muss. Wegen Mangel an
Besserem wäre dafür gewiss bis dann ein sehr potenter Tempeldienst notwendig!
Endlich
gehört heute auch zum gesellschaftlichen Leben alles, was oben als
Servicefunktionen, intellektuelle, auch ideologische, Arbeit, Wissenschaft und
Technik, Kunst usw. genannt wurde (als allgemeine Arbeit) – alles Sachen, für
die es bis jetzt kaum eine eingehende kategoriale Analyse gibt (siehe Ausblick).
So weiß jeder, der eine sog. „primitive“ Gesellschaft kennen gelernt hat,
wie der Aspekt „Kunst und Kultur“, wie man ihr gerne heute (ganz
undifferenziert!) nennt, als Aspekt des gesellschaftlichen Sinnes des Lebens in
höchstem Maße wesentlich ist, ohne welchen auch der Gesellschaft ständige
Reproduktion und ihr ganzes Leben gefährdet werden würde. Nicht minder
wesentlich kann dies für moderne Gesellschaften sein, bzw. werden. Genau der
Platz solcher Momente im gesellschaftlichen Kategoriensystem steht hier zur
Diskussion.
[1]
Seitenzahlen weisen auf Karl
Marx: Das Kapital, Band I, MEW Bd. 23, hin.
[2]
E.J. Hobsbawm, Industry and Empire (1968,
sixth impression; 1989).
[3]
Man könnte dies mit der seit St. Augustinus bekannten
Unklarheit über das Wesen der Kategorie Zeit vergleichen.
[4]
www.raymondswing.com
[5]
Siehe hierzu Orlando Pattersons Buch
Slavery and Social Death. A Compatarive Study (1982).
[6]
Orlando Patterson charakterisiert die Stellung des Sklaven
als ”natal alienation“.
[7] Vgl. Organon, Kapitel von der Kategorie der Relation, wo Aristoteles
schreibt: „Denn wenn Jemand weiß, daß Dieses etwas Relatives ist; wenn
ferner relatives Sein so viel ist, als sich gegen Etwas auf eine gewisse
Weise verhalten: so kennt er auch Jenes, gegen welches dich dieses Relatives
auf eine gewisse Weise verhält. Denn wenn er überhaupt dasjenige nicht
kennt, gegen welches dieses Relative in einem gewissen Verhältnis steht, so
wird er auch nicht einmal wissen, ob es nur etwas Relatives ist.“ (A.a.O.,
S. 38) [...] “Es ist demnach offenbar, dass nothwendiger Weise, wenn
Jemand etwas Relatives genau kennt [in diesem Fall die Lote], er dadurch
auch Jenes genau kennt, worauf es sich bezieht.“ (A.a.O., S. 39)
[8] Witt-Hansen, Johannes (1970): Einleitung zur dänischen Aufgabe von Das
Kapital, Rhodos.
[9]
Marx selbst unterscheidet hier nicht.
[10]
Wird der Tempeldienst auch für individuelle
Fragstellungen und Entscheidungen benötigt, bekommt dieser Dienst den
Charakter eines Orakels. Er wird dann seine selbständige Existenz durch
Gaben und Opferungen aufrecht erhalten.