I:

ZU MARX

EINE ERSTE KATEGORIENANALYSE

1. Wollen wir die kategorialen Bestimmungen der politischen Ökonomie von Karl Marx und dazu noch ihre mögliche Bedeutung für die Zukunft verstehen, müssen wir diese Theorie selbst im Lichte des historischen Materialismus betrachten. Wir müssen klar ausarbeiten – wenn hier auch nur in ganz abstrakt-formaler Weise –, unter welchen historisch-materiellen Bedingungen dieses Marxsche Kategoriensystem entwickelt wurde, seine spezifischen Struktur analysieren, und untersuchen, wie es sich weiter entwickeln könnte. Also: Mit Marx versuchsweise mindestens einen Schritt über ihn hinausgehen.

Welche waren also die allgemeinen Voraussetzungen der Marxschen ökonomischen Kategorien und der ganzen politischen Ökonomie des Kapitalismus? Zunächst gab es ja die erste Prägungen von Münzen im Griechisch-Kleinasiatischen Raum 5-600 v.u.Z; ohne Geld wäre kein Kapitalismus möglich. Schon lange zuvor hatten aber einfache Warentausche stattgefunden, oft durch Edelmetalle wie Gold und bes. Silber vermittelt.

Eine Tauschpraxis war also schon lange Gang und Gebe, gewiss auch Verdienst. Andererseits waren diese alten Gesellschaften weitgehend Sklavengesellschaften, wobei Sklaven keine ökonomischen oder sonstigen Rechtsansprüche hatten, konnten auch keinen ordentlichen Preis für ihre Waren verlangen, weil selbst diese letztendlich Eigentum des Herren waren. Also hatten diese Produzenten, wirkliche Nicht-Subjekte, keinen persönlichen Anteil an der Wertbestimmung ihrer Produkte; Rechtsansprüche hatten nur die Sklavenhälter. Nur „freie“ Produzenten und andere Eigentümer, „Personen“, waren überhaupt fähig, Verabredungen und Kontrakte einzugehen – nur solche könnten mit Geld und somit „Werte“ überhaupt umgehen; und erst für solche Leute wurde deshalb auch – statt roher Lebenserhaltung – die echt ökonomische Frage des „gerechten Lohns“ ein entscheidendes  Thema. Bemerken wir also die erklärte Ausgangsposition der Marxschen Wertformanalyse:

Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber. (S. 57)[1]

Das historische Blickfeld – auch wenn diese Wertformanalyse keine historische Darstellung ist – ist somit das letzte Jahrtausend Europas, wobei Marx besonders in der Zeit des Christentums die Warenproduktion so charakterisiert:

Für eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, sich zu ihren Produkten als Waren, also als Werten, zu verhalten und in dieser sachlichen Form ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehen als gleiche menschliche Arbeit, ist das Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen, namentlich in seiner bürgerlichen Entwicklung, dem Protestantismus, Deismus usw., die entsprechende Religionsform. (S. 93)

Wir betrachten also hier vorläufig prinzipiell nur „selbständige und voneinander unabhängige Privatarbeiter“ und ihre Produkte unter der Bedingung einer „naturwüchsigen Teilung der Arbeit“; und nur durch diesen Tausch erhalten diese Privatarbeiten gesellschaftliche Bedeutung und somit Wert, indem Waren nur „für andere“ produziert werden. Das allein macht aber keinen Kapitalismus. Marx stellte sich sogar eine solche arbeitsteilige, aber nicht-kapitalistische, „naturwüchsige“, Gesellschaft mit eher „ländlich patriarchalischer Industrie“ vor, in der

die verschiedenen Arbeiten, welche diese Produkte erzeugen, Ackerbau, Viehzucht, Spinnen, Weben, Schneiderei usw. in ihrer Naturalform gesellschaftliche Funktionen (sind), weil Funktionen der Familie, die ihre eigene, naturwüchsige Teilung der Arbeit so gut wie die Warenproduktion (besitzt). Geschlechts- und Altersunterschiede wie die mit dem Wechsel der Jahreszeit wechselnden Naturbedingungen der Arbeit regeln ihre Verteilung unter die Familie und die Arbeitszeit der einzelnen Familienmitglieder. (S. 92)

Diese Idee leitet nun Marx zur folgenden Vision:

Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben. [...] Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. [...] Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution. (S. 92f)

Auf dieses Gesellschaftsmodell werden wir weiter unten zurückkommen. Bemerken wir jedoch schon an dieser Stelle, dass Marx „zur Parallele“ der bekannten Warenproduktion auch hier mit dem Zeitfaktor als Verteilungsmaß rechnet. In Verbindung mit diesem zweiten Gesellschaftsmodell spezifiziert er die Bedeutung, die er dem Zeitfaktor zumisst:

Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftliche planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiedenen Arbeitsfunktionen zu den verschiedenen Bedürfnissen. Andererseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. (S. 93)

2. Hierin sehe ich gewiss ein Problem, worauf zurückzukommen ist. Unerwähnt bleibt weiter „die Art dieser Verteilung“. Dürfen wir hier mit der Benutzung von geprägten Metallstücken, Münzen und Geld genannt, rechnen? Das ist eine weitere Frage. Wenn wir aber das tun, erhalten wir in der Tat ein Gesellschaftsmodell nicht unähnlich den Verhältnissen in England um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, wo Waren auch als Wertdinge ausgetauscht wurden. Von diesen Verhältnissen schreibt E.J. Hobsbawm in seinem Buch Industry and Empire (1989)[2]:

We shall note, above all, that England [...] was already a monetary and market economy on a national scale. A ‘nation of shopkeepers’ implies a nation of producers for sale on the market, not to mention a nation of customers. In the cities this was natural enough, for a close and self-sufficient economy is impossible in towns above a certain size... [...] (with a population) whose insatiable demand for food and fuel transformed agriculture all over the South and East, drew regular supplies by land and river from even the remotest parts of Wales and the North, and stimulated the coalmines of Newcastle. Regional price variations in non-perishable and easy transportable foodstuffs like cheese were already small. What is more important, England no longer paid the heaviest penalty of self-sufficient local and regional economies, famine.” (Ebd., S. 14)

Dieses sog. „Geld“ ist jedoch kategorial als „Wertmaß“ – mehr als Hundert Jahre vor der Marxschen Analyse – noch unbestimmt (vgl. die Aristotelischen Kategorien; siehe auch II.13). Was also dieses „Maß“ hier „misst“, in der Tat als Maßstab der Preise, bleibt noch unentschieden. Immerhin gibt dieses Modell uns ein bedeutsames Bild von einer Gesellschaft, die sich ökonomisch in einer gewissen Art inneren Gleichgewichts befindet, was für die historische Bedeutung des Begriffs der Äquivalenz nicht unwesentlich ist.

Stellen wir aber fest, dass zwischen diesem konkret-empirischen Hobsbawmschen und dem abstrakt-kategorialen Marxschen Gesellschaftsbild – wie schon oben bemerkt – sozusagen ein „revolutionärer“ Bruch eingetreten ist, der sich über diese hundert Jahre oder länger weiter entwickelt hat. Ohne diese historische Entwicklung, diesen Bruch, auch kategorial auszuwerten, wird es eben unmöglich sein, die Marxsche Kategorienanalyse als theoretisches Ganzes genau auszuwerten.

 

Eine Assoziation freier Menschen

3. Sprechen wir deshalb vorläufig gar nicht von „Geld“. Was war dann aber das Wesentliche, das im Laufe dieser Entwicklung, die die auf den Seiten 92-93 skizzierte Gesellschaft traf, sich so radikal änderte? Marx schildert hier die Individuen als „freie Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben.“ Er lässt sie somit auch selber beschließen, wie ihr gemeinsames Produkt gebraucht und verteilt werden soll für Konsum und neue Produktionsmittel. Nach dem historischen Bruch gab es dann als entscheidender neuer Entwicklungstrend, mindestens für eine sehr große Zahl dieser Individuen, diese Gemeinschaftlichkeit und Durchsichtigkeit einfach nicht mehr.

Was war geschehen, worin bestand also dieser neue Trend? Marx beschreibt die Entwicklung besonders im Kapitel von der sogenannten ursprünglichen Akkumulation (Kap. 24), aber auch schon vorher:

Scheidung zwischen dem Arbeitsprodukt und der Arbeit selbst, zwischen den objektiven Arbeitsbedingungen und der subjektiven Arbeitskraft, war also die tatsächlich gegebene Grundlage, der Ausgangspunkt des kapitalistischen Produktionsprozesses.

     Was aber anfangs nur Ausgangspunkt war, wird vermittelst der bloßen Kontinuität des Prozesses, der einfachen Reproduktion stets aufs neue produziert und verewigt als eigenes Resultat der kapitalistischen Produktion. (S. 595)

     Die sog. ursprüngliche Akkumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel. Er erscheint als „ursprünglich“, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.  (S. 742)

Hier geht es erstens um einen historischen Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel. Damit war auch die Vorstellung von freien und selbstbewussten, mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeitenden Menschen zu Ende. Zweitens, diese jetzt nicht mehr selbstbewusst und gemeinschaftlich arbeitenden Menschen waren gewiss nicht nur durch historischen „Zufall“ entstanden; sie waren kein akzidentelles Phänomen, das vielleicht überwunden werden konnte. Im Gegenteil. Marx unterstreicht die Kontinuität dieses gesellschaftlichen Zustandes, indem „die einfache Reproduktion stets aufs neue produziert und verewigt (wird) als eigenes Resultat der kapitalistischen Produktion.“ Genau dies ist das entscheidende der Sache, denn was „gesetzmäßig“ verläuft kann eben kein „Zufall“ sein und so auch kein unmittelbar heilbares Phänomen. Die Sache reproduziert sich selbst in zyklischen Prozessen, so dass die kapitalistische Produktion wirklich im wissenschaftlichem Sinn gesetzmäßig ist – und eben diese ständige Reproduktion und ihr „eisernes Gesetz“ ist es, die hier kategorial zu analysieren sind.

4. Wir halten  uns noch am abstrakten Gesellschaftsmodell S. 92f auf, müssen es jedoch unter doppeltem Gesichtspunkt, sozusagen im zweifachen, widersprüchlichen Licht betrachten. Einerseits behalten wir die Vorstellung von den selbstbewussten Menschen, die hier als „freie Individuen“ arbeiten und zwar mittels „Geld“ ihre Produkte austauschen. „Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander ... gegenüber.“ (S. 57) Ausgelassen hier ist „als Waren“, weil wir im Moment und für dieses Modell auch noch keine kategoriale Analyse solcher Dinge, Waren genannt, zur Verfügung haben. Ihr Wesen als Marktdinge ist uns somit genauso unklar wie vorläufig das „Geld“ selbst, wobei beide Sachen ja auch voneinander abhängig sind. Das unmittelbare Problem dieser Betrachtung ist deshalb, wieweit diese selbstbewusst arbeitenden Menschen überhaupt im Stande sind, ein solches Austauschmodell zu realisieren.

Zweitens müssen wir jedoch zur Kenntnis nehmen, dass auch in diesem Modell das Gesamtprodukt kein unmittelbar gesellschaftliches Produkt sein kann. Denn es ist unter diesen Bedingungen nicht möglich, dass „ein Teil dieses Produkts wieder als Produktionsmittel (dient).“ Dieser Teil kann eben nicht einfach gesellschaftlich bleiben, während der andere Teil des Produkts von den Vereinsgliedern individuell verzehrt wird. Nach welchen Kriterien soll hier entschieden werden? Insofern ist der Satz „Er muss daher unter sie verteilt werden“ unklar. Natürlich muss jeder seinen Anteil davon erhalten, teils als notwendige Produktionsmittel (z.B. als Verfügungsrecht etwas schon gesellschaftlich Daseiendes), teils als Verfügungsrecht über das, was jeder zum eigenen Verzehr nötig hat; dies geht aber dann hier nicht gemeinschaftlich zu, sondern über individuelle, ganz informelle Verteilung- oder Austauschentscheidungen.

Unmittelbar haben somit auch besondere zeitorientierte Verteilungsmechanismen hier keinen Sinn. Nur setzt die Lebenszeit für „Ackerbau, Viehzucht, Spinnen, Weben, Schneiderei usw. in ihrer Naturalform“ natürlich gewisse gesellschaftliche Grenzen der produzierten Quanten. Zeit als solche als Regulierungsmaß kann subjektiv für diese selbstbewussten Menschen und ihre Entscheidungen keine Rolle spielen – mindestens in dieser analytischen Ausgangsposition nicht, höchstens als implizite Begrenzung allgemeinen Lebens.

Diese beiden Gesichtspunkte führen also zu widersprüchlichen Ergebnissen. Wenn gesagt wird, dass „Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander ... gegenüber,“ dann widerspricht dies der Vorstellung eines „Vereins freier Menschen“, die „mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben,“ und wo deshalb auch wirklich „das Gesamtprodukt des Vereins ein gesellschaftliches Produkt“ ist, das durch gemeinsame Übereinkunft verteilt wird. Denn: Entweder treten die Produkte als solche einander gegenüber – oder die vereinten freien Menschen selbst tun das. Und das gilt natürlich auch, wenn ein Teil dieses Produkts wieder als Produktionsmittel dienen soll. Dieser Teil soll dann gesellschaftlich bleiben (also doch unter gemeinsamem Entscheidungsrecht und Kontrolle). Dabei wird jedoch wieder die „Durchsichtigkeit“, noch das „Selbstbewusstsein" der beteiligten in Frage gestellt. Dieses letzte ist ein wesentlicher Punkt, der jedoch in der Tat bei Marx unterbewertet ist.

5. Wie kommt es aber – kategorial gesehen – zu diesem Unterschied der angeführten Gesellschaftsmodelle? Wir müssen hier einen historisch zweistufigen Prozess betrachten. Einerseits war Geldgebrauch jeder Art immer mit Aufhebung des ursprünglichen, gemeinschaftlichen Besitzes an den Produkten und Produktionsmitteln verbunden. Unter originären („ur-kommunistischen“) Verhältnissen würde einfach Geld als individuelles Verteilungsmittel sinnlos sein. Wir müssen uns also zunächst einen primären Übergang vorstellen, wobei eine originäre gemeinschaftliche Produktion eingestellt wurde, die Marx (ohne Verteilungsprobleme) vorgeschwebt haben muss, wenn also von seiner Konzession der moderneren Vorstellung zeitmessender Gesellschaften (mit „Geld“ usw.) abgesehen wird. Mit diesem primären Übergang tritt uns schon eine Gesellschaft vor Augen, die Marx uns am Anfang seiner Wertformanalyse des ersten Kapitels von Das Kapital vorführt. Diese auf einfacher Produktion beruhende Gesellschaftsformation scheint in gewissen Hinsichten (z.B. im Bezug auf Gleichgewicht) tatsächlich (mit Vorbehalt!) der Darstellung von Hobsbawn zu entsprechen.

Es fragt sich nun, warum Marx uns dieses zweite, gleichfalls sehr abstrakte Gesellschaftsmodell der Wertformanalyse darbietet. Hobsbawn deutet eine gewisse gesellschaftliche Gleichgewichtssituation an, die eben durch individuellen Geldgebrauch zum Ausdruck kommet – immer noch ohne zu „wissen“, was „Geld“ eigentlich ist.[3] Um das zu klären geht es ja u.a. in dieser Analyse. Unter der Bedingung ursprünglicher Existenz des Geldes muss also erklärt werden, erstens, wie es zur Geldgenese überhaupt kommen konnte, zweitens, wie diese Kategorie „Geld“ als solche überhaupt zu definieren ist. Das tut Marx in seiner Wertformanalyse im Lichte der betreffenden historischen Periode Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht empirisch, sondern versucht es strikt formal im Lichte seiner eigenen Zeit hundert Jahre später durchzuführen, d.h. auf der historischen Grundlage schon funktionierender Produktion und Reproduktion kapitalistischer Form, deren Gesetze ja eben sein eigentliches Interesse hatte. Also wird die Analyse der schon daseienden Waren und des Geldes im Lichte entwickelterer kapitalistischer Verhältnisse durchgeführt, also im Lichte des längst überstandenen „historischen Scheidungsprozesses von Produzent und Produktionsmittel“ (vgl. S. 742). Diese Vorgehensweise ist kategorial korrekt; nur muss man sich den Unterschied zwischen Kategorienanalyse und Geschichte klar machen – auch, welche Bedeutung Kategorien aus der einen Zeit für das Verständnis der Kategorien aus anderen historischen Epochen haben könnten.

6. Ich muss hier wieder auf das entscheidende Moment „selbstbewusster Individuen“ und seiner Bedeutung für die Analysen zurückkommen. Marx hebt es in seinem modifiziert „ur-kommunistischen“ oder vielleicht doch eher „ländlich patriarchalischen“ Modell S. 92f ausdrücklich hervor. In der Wertformanalyse im Kapitel 1 ist dieses Moment jedoch entschieden zurückgedrängt. Wir müssen entscheiden, wieweit dies tatsächlich ein „Zufall“ sein kann, oder wieweit dieser Umstand aus der historisch spezifischen Sicht der Analyse selbst entsprungen ist.

Es ist auch zu betonen, dass subjektive Entscheidungen – auch wenn unerwähnt – für das ganze Wertformanalyse-Marktmodell von größter Bedeutung sind. Vgl. hierzu meinen Aufsatz My Name is Weaver,[4] wo ich diese Analyse direkt in den Mund des Webers zu legen versuche, so dass der ganze Aufsatz durchgehend in erster Person gehalten wird. Das macht die Bedeutung des subjektiven Moments dieses selbstbewussten Individuums klar. Es gäbe einfach kein Geld, gäbe es ein solches persönliches Selbstbewusstsein nicht. Ganz einfach: Nur selbstbewusste Individuen können überhaupt so was wie Geld erfinden und gebrauchen, um Werte anzugeben.

Dies ist keine Trivialität. Auf der anderen Seite aber erklärt Marx:

Das geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [...] Den letzteren [den Produzenten] erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen. (S. 86 und 87)

Das Verhältnis solcher sehr vertrackten Dinge voll metaphysischer Spitzfindigkeit (vgl. S. 85) charakterisiert Marx als Fetischismus. Er findet ein gesellschaftliches Verhältnisse unter Sachen und dazu ein sachliches unter den Personen, so dass hier das subjektive Moment der Personen unterdrückt wird. Wieso? könnte man fragen – was jedoch hier nicht bedeuten soll, diese Formulierung sei irgendwie falsch.

7. Wir gehen wieder auf die Enteignung der Arbeiter zurück (vgl. Zitat oben von S. 595). Die betreffenden Personen besitzen hier nicht wie früher (und wie in der Wertformanalyse) ihre eigenen Produktionsmittel. Wollen diese Personen also weiterleben, müssen sie dahin ziehen, wo Arbeitsplätze vorhanden sind, nämlich in die Städte mit den modernen Fabriken – in der Hoffnung, sich dort einen dürftigen Lohn zu verdienen. Hier sind sie jedoch keine „freien Menschen“ mehr, die als selbstbewusste Individuen ihre individuellen Arbeitskräfte gesellschaftlich zur Verfügung stellen. Im Gegenteil; sie stellen ihre Arbeitskräfte fremden Eigentümern privat zur Verfügung, haben solange weder Verfügungsrecht über die eigenen Arbeitskräfte noch sonst subjektive Dispositionsrechte, da solche allein den Eigentümern zufallen. Insofern sind diese Arbeiter also in dieser ganz bestimmten Hinsicht „bewusstlos“; nur müssen sie immer noch genau soviel Bewusstsein (Aufmerksamkeit) auftreiben, wie damals bei Gebrauch der Geräten eigener Werkstätten – aber auch nicht mehr! Ohne dies käme überhaupt keine Produktion zu Stande.

Also ist der Arbeiter in Frage Subjektivität gespalten; so auch sein eigenes Bewusstsein, und zwar zwischen dessen individuellen und gesellschaftlichen Aspekten. Einerseits muss er wissen was und wie er konkret zu arbeiten hat. Andererseits ist er als Person degradiert, verfremdet, versachlicht. Wissenschaft als selbständige Potenz hat seine Arbeitsbedingungen verunstaltet, „innerhalb deren er [der Arbeiter] arbeitet, (und sie) unterwerfen ihn während des Arbeitsprozesses der kleinlichst gehässigen Despotie...“ Sie entwürdigen ihn somit „zum Anhängsel der Maschine“ (S. 674).

 

Sachliche Beziehungen unter Menschen

8. Diese Versachlichung der Menschen ist der notwendige Ausgangspunkt für Marx, will er seine Kategorien widerspruchslos definieren. Entscheidend ist hier die Kategorie Wert, die sich unter fetischistisch-gesellschaftlichen Verhältnisse der Sachen realisiert. So zitiert Marx anerkennend im Nachwort zur zweiten Auflage I. J. Kaufmann, wo dieser die Marxsche Methode beschreibt:

„Marx betrachtet die gesellschaftliche Bewegung als einen naturwissenschaftlichen Prozeß, den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewusstsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmen.“ (S. 26)

Der erste Teil dieses Zitats unterstützt die Bemerkungen zu den sachlichen, „un-bewussten“ und gesetzmäßigen Verhältnissen der Personen im gesellschaftlichen, aber doch quasi-naturwissenschaftlichen historischen Prozess, der selbst Wollen und Absichten der Personen bestimmt; eben das “gesellschaftliche“ Verhältnis der Sachen spiegelt sich im Bewusstsein der Menschen wider. Wir kommen darauf zurück.

Dazu aber die Frage: Wie stellen sich unter diesen Bedingungen die „un-bewussten“ Personen selber zu den sich “gesellschaftlich verhaltenden“ Sachen? Dies ist eine Frage des Eigentumsverhältnisses. Hier wäre zu bemerken, dass Eigentum ursprünglich eine Beziehung zwischen Personen und ihren gegenseitigen Befugnissen war, aber keine metaphysische Beziehung zwischen Mensch und Ding. Historisch gesehen wurde dieses Problem erst akut im Römischen Reich, wo das eigentliche Problem gar nicht das Verhältnis zu den Dingen war, sondern eher zu einer ganz besonderen Art von „Dingen“, nämlich zu den Sklaven. Und genau dieses Sklavenverhältnis wurde dann nachträglich zum Modell des allgemein anerkannten Eigentumsverhältnisses, Dominium genannt.[5]

Dieses Verhältnis, auf das Marxsche Modell überführt, ist ohne besondere Probleme: Der Arbeiter, insofern er als Angestellter für den Kapitalisten arbeitet, ist eben keine „Person“, sondern in der Arbeitszeit sklavenartig seinen eigenen Lebensbedingungen grundlegend entfremdet.[6] So gehen ihn – im gesellschaftlichen Zusammenhang – auch nur sachliche Verhältnisse an; er steht selbst als Sache anderen Sachen gegenüber, so dass wir gewiss hier von jedem „Bewusstsein“ abstrahieren können.

9. Also treten hier Menschen und Sachen in gesellschaftlich entscheidende Beziehungen ein rein sachlicher Charakter. Betrachten wir deshalb verschiedene derartige Verhältnisse. Sachen werden verglichen, gemessen und numerisch angeführt (siehe hierzu Kap. II). Wie Marx das analysiert, um kategorial hinter den goldenen Schein des Tauschmittels zu dringen (unter der Bedingung der Präexistenz desselben Mittels!), ist ausführlich in seinem ersten Kapitel dargestellt. Bemerkenswert ist aber, dass gesellschaftliche Verhältnisse sich eben zwischen Sachen verwirklichen – und sogar unter Formen, denen scheinbar gar keine gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern unmittelbar individualistische, zugrunde liegen.

Im klar naturwissenschaftlichen Geiste wird nämlich weiter erklärt, dass das, was sich unter den Waren am Markt ereignet, genau dasselbe ist, was passiert, würde man einen Zuckerhut wägen. Hier kommt wieder das entscheidende Moment des Gleichgewichts zum Ausdruck. Wertbestimmung auf dem Markt fordert in letzter Instanz eben gesellschaftliches Gleichgewicht (einfache Produktion, d.h. ohne Mehrwerterzeugung), eben wie Hobsbawn es für England Mitte des achtzehnten Jahrhunderts beschrieb. Beim Wägen des Zuckerhuts geht es einfach darum, mittels einer Waage, einen Gleichgewichtszustand als Äquivalenz zweier Dinge herzustellen, ohne welche Wägen natürlich unmöglich wäre – und damit auch die Kategorie „Gewicht“ und folglich das Wertmaß Gramm oder Kilogramm.

Ein Zuckerhut, weil Körper, ist schwer und hat daher Gewicht, aber man kann keiner Zuckerhut sein Gewicht ansehn oder anfühlen. Wir nehmen nun verschiedene Stücke Eisen, deren Gewicht vorher bestimmt ist. Die Körperform des Eisens, für sich betrachtet, ist ebenso wenig Erscheinungsform der Schwere als die des Zuckerhuts. Dennoch, um den Zuckerhut als Schwere auszudrücken, setzen wir ihn in ein Gewichtsverhältnis zum Eisen. In diesem Verhältnis gilt das Eisen als ein Körper, der nichts darstellt außer Schwere. Eisenquanta dienen daher zum Gewichtsmaß des Zuckers und repräsentieren dem Zuckerkörper gegenüber bloße Schwergestalt, Erscheinungsform von Schwere. Diese Rolle spielt das Eisen nur innerhalb dieses Verhältnisses, worin der Zucker oder irgendein anderer Körper, dessen Gewicht gefunden werden soll, zu ihm tritt. Wären beide Dinge nicht schwer, so könnten sie nicht in dieses Verhältnis treten und das eine daher nicht zum Ausdruck der Schwere des anderen dienen. Werfen wir beide auf die Waagschale, so sehen wir in der Tat, dass sie als Schwere dasselbe, und daher in bestimmter Proportion auch von demselben Gewicht sind. Wie der Eisenkörper als Gewichtsmaß dem Zuckerhut gegenüber nur Schwere, so vertritt in unserem Wertausdruck der Rockkörper der Leinwand gegenüber nur Wert.

     Hier hört jedoch die Analogie auf. Das Eisen vertritt im Gewichtsausdruck des Zuckerhuts eine beiden Körpern gemeinsame Natureigenschaft, ihre Schwere, während der Rock im Wertausdruck der Leinwand eine übernatürliche Eigenschaft beider Dinge vertritt: ihrem Wert, etwas rein Gesellschaftliches. (S. 71)

Hier gibt es verschiedene bemerkenswerte Punkte. Erstens setzt Marx tatsächlich voraus, dass die verschiedenen „Stücke Eisen“ in Bezug auf Schwere schon vorher bestimmt sind. Dem entspricht die Voraussetzung, dass Geld schon vorhanden ist, bevor es überhaupt kategorial zu bestimmen ist (vgl. auch Aristoteles in der Einleitung Stück 21[7]). Weiter unterstreicht Marx das wesentliche dabei, dass „aber Eigenschaften eines Dings nicht aus seinem Verhältnis zu anderen Dingen entspringen, sich vielmehr in solchem Verhältnis nur betätigen...“ (S. 72). Das heißt weiter, dass „kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein(geht)“ (S. 62; man könnte jedoch diskutieren, wieweit auch das Eisen kein Atom „Schwerestoff“ besitzt, denn „Masse“ ist mit Schwere kategorial nicht identisch). Beide „enthalten“ jedoch etwas Gemeinsames, was eben das Gleichgewicht herstellt, woraus wir in dieser ganz bestimmten Hinsicht die „Äquivalenz“ der beiden Sachen konstatieren können, aus welcher wir endlich die Kategorie „Wert“ abstrahieren, hier also als „Wert der Schwere“. Wir werden bald sehen, wie auch Menschen in solche Verhältnisse eingehen können.

 

Die Marxsche Methode der Theorieentwicklung

10. In der Einleitung zur dänischen Ausgabe von Das Kapital diskutiert Johannes Witt-Hansen das Besondere der dialektisch-analytischen Methode Marxens.[8] Er formuliert hier die These, dass Marx in der Tat mit drei Theorien und ihren spezifischen Begriffen arbeitet. Er nennt sie Theorie I, II und III und charakterisiert ihre gegenseitige Beziehung – in Analogie zu den physikalischen Theorieentwicklungen – als fortschreitende Generalisierung. Das entscheidende beim Akt der Generalisierung besteht nun darin, dass die neue, verallgemeinerte Theorie zunächst die Geltungsbereiche der Vorgängertheorien umfasst, zweitens dass diese Theorie nun eine weitere, wesentliche Kategorie umfasst und definiert, die in der früheren Theorie allein nicht definiert werden konnte. Genau diesen generativen Prozess werden wir im Folgenden mehrmals behandeln.

So stellt die Theorie I nach Witt-Hansen die Theorie des Gesellschaftsmodells der Wertformanalyse dar. Im Sinne dieser Theorie ist schon oben „Wert“ auf Basis von „Äquivalenz“ abstrahiert (dem „Wert der Schwere“ analog), also als „Tauschwert“ bestimmt; die wird wieder unten in der erweiterten Wertformanalyse von Kap. II behandelt. Entsprechend ist die Theorie II die ökonomische Theorie einer Gesellschaftsform, in der der Arbeiter gegebenenfalls als Anhängsel der Maschinen (entfremdet) über Zeit Wert und Mehrwert für das Kapital (singularis) produziert, wobei er seine eigene Ware Arbeitskraft verkaufen muss (eigentlich zum Tauschwert über Zeit vermietet). Dieser produzierte Wert könnte dann vielleicht „Produktionswert“ genannt werden. Theorie III endlich, ist dann die ökonomische Theorie der Gesellschaft, die vom „kompetitiven Kapital“ (mehrere untereinander konkurrierende Kapitale) und seinen Gesetzen beherrscht ist, wobei Mehrwert und besonders Produktionspreis und Profitrate entscheidende neue Momente darstellen (siehe weiter unten).

Von den Produkten dieser „Anhängsel“ schreibt Marx – sozusagen in Blumensprache, soweit es um die Wertabstraktion geht:

„Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung.“ (S. 52)

Und wieder unten: „Menschliche Arbeit bildet Wert, aber ist nicht Wert. Sie wird Wert in geronnenem Zustand, in gegenständlicher Form.“ (S. 65)

Nun gilt von dieser merkwürdigen „Gallerte“-Substanz, weil in sie offenbar „kein Atom Naturstoff“ eingeht, dass sie auch von Menschenhand absolut unantastbar ist, und so auch (unmittelbar) konstant bleiben muss (genau wie die Schwere des Zuckerhuts). Das entscheidende Problem der Gleichgewichtstheorie I, wo Waren prinzipiell zu ihren Werten ausgetauscht werden (Äquivalenttausch), ist deshalb, dass „werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Zirkulation oder der Warenaustausch schafft keinen Wert.“ (S. 177f) Deshalb:

Die Zirkulation, worin sich das Geld zum Kapital entpuppt, widerspricht allen früher entwickelten Gesetzen über die Natur der Ware, des Werts, des Geldes und der Zirkulation selbst. (S. 170)

11. Hierzu ist jedoch zu bemerken, was auch schon Witt-Hansen klar herausstellt, dass der Übergang von Theorie II zur Theorie III nicht ganz so klar erscheint wie der frühere Übergang. Das hat damit zu tun, dass für Marx der Begriff der Zyklizität – sowie auch der des Nutzens – zwar selbstverständlich war, nie aber klar kategorial entwickelt wurde. Genau hier müssen wir also unsere volle Aufmerksamkeit einsetzen; in der Tat, diese Frage wird ein Hauptthema dieses ganzen Buchs werden.

                      Fangen wir deshalb mit dem an, was Marx selbst seinen entscheidenden „Springpunkt“ nannte. Da die Ware die widersprüchliche Einheit von Wert und Gebrauchswert darstellt, bezog sich seine erste Aufgabe darauf, die Herstellung dieser Waren zu analysieren: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden.“ (S. 56) Und diese ihre „zwieschlächtige“ Natur besteht eben darin, die Arbeitsfunktion formal, teils als konkrete, teils als abstrakte Arbeit zu betrachten. So stellt die „abstrakte“ Arbeit den wertbildenden Aspekt der Arbeit dar, die „konkrete“ Arbeit dagegen  ihre gebrauchswertbildenden Aspekt.

                      Genau dieselbe Idee werden wir hier verwenden, um auch die früher entwickelten Gesetze in dieser Hinsicht zu generalisieren; d.h., diese müssen so umgeformt werden, dass sie in sich neu entwickelte Kategorien aufnehmen und konsequent auf sie Bezug nehmen können, und zwar ohne dabei die Existenz von Mehrwert logisch verneinen zu müssen. Im Gegenteil, es muss überhaupt erklärt werden, dass und wie Mehrwert unter der Bedingung des Äquivalenttausches in der Tat zustande kommen kann. Hierbei geht es also besonders um die Generalisierung der Kategorie Ware. Theorie II muss eben jetzt eine „Ware“ umfassen, die es früher gar nicht gab – oder die als Ware gar nicht auftreten konnte; und Theorie III muss diese Ware so bestimmen, dass dadurch jede Mystik in Verbindung mit dem Wehrwert aufgeklärt wird.

Nun sind Waren allgemein Arbeitsprodukte; die Kategorie Ware kann jedoch nicht in befriedigender Weise mit der Arbeit selbst erweitert werden; dies würde, wie Marx sagt, unter Mehrwertsbedingungen nur zu neuen Widersprüchen führen. Dagegen definiert Marx die Arbeitskraft als diese neue Ware, d.h. einfach die allgemeine Fähigkeit, Arbeit zu leisten. Damit wird es ganz konsequent, Wert quantitativ als das Produkt gesellschaftlich notwendiger, allgemein menschlicher Arbeitskraft (bemerk die vielen Vorbehalte!) über Zeit für die Produktion der Ware zu definieren. „Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“ (S. 54) Hiermit kommt wieder der Zeitfaktor ins Spiel.

Die Einführung der neuen Ware Arbeitskraft in die Theorie II hebt keineswegs diese Theorie I auf. Man kann diskutieren, wieweit für Marx die Aufhebung seiner Aporie vom Mehrwert (siehe S. 179-81) in ganz befriedigender Weise und somit auch der Übergang der sehr abstrakten Theorie I in die gleichfalls sehr abstrakte Theorie II gelungen ist. Um diesen ganze Problemkomplex durchsichtig zu machen, möchte ich deshalb hier eine viel einfachere Argumentation als das in Das Kapital dargebotene vorschlagen. Greifen wie also auf Marxens eigenen Springpunkt zurück.

12. Werfen wir jedoch zunächst noch einen Blick auf das Beispiel Wägen eines Zuckerhuts. Dieses können wir auf eine Gleichgewichtssituation zweier Waren überführen. Vorausgesetzt die Arbeitskraft über Zeit wird zu ihrem Wert eingesetzt und bezahlt, entsteht eine Gleichgewichtssituation zwischen Arbeitskraft und Verbrauch („Verbrauchs-“ oder „Konsumtionskraft“). Der Wert der produzierten Ware drückt allgemein den Wert der notwendigen Arbeitskraft aus – eben diese gesellschaftlich-zeitbestimmte „Gallerte“, von der jede Ware ihren Anteil repräsentiert. Dieser Wert wird also „als eine [quantitativ benennbare] „Gegenständlichkeit“ ausgedrückt, welche [in der Wertformanalyse] von der Leinwand selbst dinglich verschieden und ihr zugleich mit anderen Waren gemeinsam ist.“ (S.65f) Und wie das Beispiel Zuckerhut zeigte, der selbst einen Teil der Masse des Universums repräsentiert, so hat in genau dergleichen Weise sich auch die Physik als wägende Wissenschaft entwickelt: Unter Gleichgewichtsbedingungen (und im Prinzip nur so) werden „Größen“ abstrahiert, um dann mit ihnen rechnen zu können (eben mit „Werten“, die selbst ein Teil aller Werte der Gesellschaft repräsentieren). Kulturhistorisch betrachtet ist das eben die allgemeine (natur)wissenschaftliche Methode dieses Zeitalters Marxens, um „Werte“ zu bestimmen, und daraus ergibt sich auch, dass die so entwickelten Kategorien dann wirklich analoger Natur sind.

Wie ließe sich nun die besondere „Arbeit“ zwieschlächtiger Natur – oder vielleicht sogar „nicht-Arbeit“ – zur Herstellung der besonderen Ware Arbeitskraft vorstellen? Den spezifisch wertbildende Aspekt der Arbeit, die „abstrakte Arbeit“, ist kein Problem; es geht hier einfach darum, den für ihre Herstellung konsumierten notwendigen Warewert als Wert der neuen Arbeitskraft (als Lohnsumme) zu buchen. Mehr problematisch ist die Bestimmung der für ihre Herstellung notwendigen „konkreten Arbeit“. Was soll das heißen? Wie stellt man konkret Arbeitskraft als die natürliche Fähigkeit, Arbeit zu leisten, her? Das ist genau der „springende Punkt“ – ist aber gar kein „ökonomisches“ Problem! Sache ist, dass diese Fähigkeit einfach auf dem allgemeinen organischen Stoffwechsel beruht, der Körper und Gehirn für die nächste Arbeitsaufgabe bereitstellt. Der „springende Punkt“ ist also, dass in dieser Funktion die gekauften (Konsum)Waren ihren Nutzen zu beweisen haben. Genau gesprochen involviert dies jedoch in sich keinen „Arbeiter“ als solchen, keine vertragsfähige Person, die eine spezifische Arbeitsaufgabe lösen und so vertraglich auch akzeptieren kann; es betrifft „nur“ den natürlich gegebenen Körper jedes einzelnen menschlichen Individuums (ganz wie jedes anderen Lebewesens).

Hier ist überhaupt keine „Person“ involviert, keine Ökonomie, nur organische Chemie! Was außerhalb der Sphäre der traditionellen Chemie stattfindet ist in diesen Zusammenhang einfach Energie und Information, biochemische Information, Operation mit Information, dazu auch ihre Vervielfältigung und Verarbeitung (weiter zum Informationsbegriff Kap. V und Ausblick). Nur wenn dies alles funktioniert, kann der menschliche Körper mit seinem Bewusstsein normale Arbeit leisten. Diese Arbeit wird dann unter modernen Arbeitsbedingungen, wenn die Produkte verkauft, mehr Geldwert (Mehrwert) kassieren lassen, als der Arbeiter brauchte, um zu überleben, also sich und seine Arbeitsfähigkeit identisch zu reproduzieren (eben identisch: letztendlich soll er ja nur Arbeiter bleiben!). Dieser Mehrwert wäre gewiss als ein Resultat und ein Maß der gesamten gesellschaftlich involvierten, kulturell und technologisch gebundenen Information aufzufassen (was auch mit der ganzen „organischen Zusammensetzung des Kapital, mit Organisation der Arbeit, Ausbildung der involvierten Personen usw. zu tun hat, was dann alles zu Theorie III gehört). Somit ist die Fähigkeit, in diesem Kontext überhaupt produktive Arbeit leisten zu können, in sich kein „Problem“; sie besteht in der allgemeinen naturwüchsigen Fähigkeit, angeborene und angelernte informative Lebensprozesse, darunter also auch Arbeitsprozesse, durchzuführen.

Man könnte sich jedoch wundern, dass dieses so einfache Argument, das doch ganz auf der Hand liegt, nicht von Marx selbst (und seine Nachfolgern) benutzt wurde. Warum nicht? Wie schon bemerkt, ist dies eine wesentliche Fragestellung. Erstens ist körperlicher Stoffwechsel kein ökonomischer Begriff und geht somit auch nicht in ökonomischen Theorien ein. Aber warum hätte dieser Grund allein dermaßen ausschließenden Charakter, dass deshalb das Mehrwertproblem in der Marxschen Theorie formal so verunsichert bleiben sollte? Das kann nicht allein in einem persönlichen Versagen von Seiten Marxens liegen. Im Gegenteil. Es muss einen ganz besonderen, tieferen Grund dafür geben. Wir werden langsam diesen erfahren.

13. Die Marxsche Ökonomie – und mit ihr alle anderen mit ihr verwandten Theorien – besitzen wie alle anderen Theorien eben eine gewisse „Schranke“. Wie alle andere „blinde Flecke“ macht dieser es unmöglich, schrankennahe Probleme klar zu beurteilen und analysieren. Um von einer solchen elementaren – sogar ganz zentralen – Frage dermaßen geblendet zu werden, um sogar ganz von ihr zu schweigen, kann ich nur einen Grund finden: sie muss im Problem der Zyklizität liegen – eben weil diese Idee für die damalige Zeit einfach fremd war.

Der Produktions- und Konsumtionsprozess war eben nicht zu Ende geführt, bevor auch die elementare Fähigkeit zur neuen Produktion restituiert war (mindestens im identischen Maße) – und zu deren rein biologischen und psychologischen Bedingungen die Ökonomie keine explizite Stellung einnehmen konnte. Dieses Versagen ist jedoch kein theoretischer „Fehler“ oder gar eine „Vergessenheit“; es ist nichts weniger als das Problem einer ganzen Kulturepoche – und so mündet diese Kritik der Marxschen Theorie letztendlich in eine allgemeine Kulturkritik ein.

Zunächst ist also ein doppeltes Ergebnis erreicht: Auch die Ware „Arbeitskraft“ wurde durch konkrete und abstrakte „Arbeit“ produziert. Die Zyklizität ökonomischer Bewegungen wird damit in sich begrifflich gesetzt. In der Tat ist somit eine weitete gesellschaftliche „Sphäre“ ökonomischer Aktionen (neben den Produktions- und Zirkulationssphären) definiert. Ob nun dieser neue Begriff „Arbeitskraft“, jetzt eher als „Lebenskraft“ überhaupt aufzufassen, in der Tat als echte Warekategorie aufzufassen ist, kann diskutiert werden. Doch mit diesem ersten Fall neuer Generalisierungen haben sich die Theorien der beiden traditionell definierten Sphären einwandfrei aneinander gefügt.

14. Nach dem Übergang von Theorie II zu Theorie III in Witt-Hansens Terminologie müssen wir die wachsende „organische Zusammensetzung“ des Kapitals betrachten, d.h. auch das besondere Verhältnis zwischen „konstantem“ Kapital als die in Materialien, Maschinen, festen Anlagen usw. gebundenen Investitionen, und das „variable“ (weil mehrwerterzeugende) Kapital, das als Lohnkosten registriert wird. Die historische Entwicklung mit immer steigendem Maß an Mechanisierung, Automatisierung, Einverleibung moderner Wissenschaft usw. bedeutet somit wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals und somit auch wachsenden Ausbeutungsgrad der lebendigen Arbeit (was jedoch nicht unmittelbar auch wachsende Armut zu bedeuten braucht). Die damit zusammenhängende Konkurrenz unter den einzelnen Kapitalien führt nun, wie immer auf dem Konkurrenzmarkt – mindestens im Prinzip, besonders wenn wir von weiteren staatsmonopolistischen Maßnahmen absehen – zu einer gewissen Nivellierung der Profitraten, so dass diese sich ideal einer gewissen Durchschnittprofitrate annähern.

Das hat nun weitere Konsequenzen für die Preissetzungen, so dass die fertigen Waren nicht mehr zu ihrem „Wert“ verkauft werden, sondern in der Marxschen Terminologie zu ihren „Produktionspreisen“. Das charakterisiert nun den entwickelten Kapitalismus unter der Bedingung der Theorie III, die wie bemerkt also auch auf die innerkapitalistische Konkurrenz Bezug nimmt.

 

Der Kampf um die Profitrate

15. Dies hat nun Marx dazu geführt, sein „Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate“ zu formulieren. Obwohl dieses Gesetz nur von einer „Tendenz“ spricht (was eigentlich für „Gesetze“ ganz allgemein gilt), ist diese „Tendenz“ als „Potentialität“ sehr ausgeprägt. Da sie also nicht notwendig realisiert werden muss, ist dieses Gesetz jedoch auch viel diskutiert worden. Für uns ist dabei nur wesentlich, dass Mehrwert (Profit) und somit auch Ausbeutung hier kategorial explizit einbezogen werden; zum Zweiten bezeugt die Unsicherheit in Bezug auf die Realisierung dieser Tendenz, dass hier in besonderer Weise subjektive Momente mit im Spiel sind – und zwar sowohl für die Kapitalisten als auch für die Arbeiter, die ja früher (Theorie II) nur als eher sprachlose Anhängsel der Maschinen betrachtet wurden und denen also praktisch alle Subjektivität abgesprochen wurde.

                      So müssen Arbeiter hier im Kampf um die Löhne ganz konkret ihr Sprachvermögen zurückerobern. Und somit kommt auch der Gebrauchswert endgültig als wesentlich bestimmendes Moment ins Spiel, wenn es zur Konkurrenz um die höchste Profitrate kommt. Ursprünglich war Gebrauchswert ein rein ideeller Aspekt der Ware; keiner würde Lust haben, ein Arbeitsprodukt zu kaufen, hätte es keine Vorstellungen geweckt, „Gebrauchswert“ genannt, von dem realen Nutzen, das das betreffende Ding haben würde wenn erst gekauft. Also gibt es ohne Gebrauchswert überhaupt keine Ware, einfach nur Müll.

Obwohl dieser Aspekt bei Marx nicht besonders herausgearbeitet wurde, bekommt der Gebrauchswert von nun an realiter wie auch theoretisch viel größere Bedeutung; auch die kategorialen Widersprüchen des Gebrauchswerts müssen also genauer analysiert werden, besonders im Unterschied zum wirklichen Nutzen[9] (siehe weiter unten). Auch wenn dies auf Grundlage des vorliegenden Materials nicht unmittelbar einsichtig ist, ist mit Theorie III Subjektivität zum ersten Male gesetzmäßig zum Ausdruck gekommen.

16. Gilt es für eine Firma oder einen Betrieb die Profitrate hoch zu halten, können verschiedene Möglichkeiten abgewogen werden. Eine wäre eben durch Werbung mehr „Gebrauchswert“ an den Waren „erscheinen“ zu lassen. Man könnte in der Produktion auch die immer billigste Lösung eines Problems einschlagen. Unter Bewahrung der technischen Zusammensetzung des Kapitals könnte man auch versuchen, das variable Kapital, den Lohn, besonders niedrig zu halten, was dann bedeuten würde, die Ausbeutung zu verstärken, der Bevölkerung geringere Kaufkraft zu geben, was alles zu Verringerung des Lebensniveaus der Arbeiter führen würde.

Man könnte aber auch den umgekehrten Weg einschlagen, um die organische Zusammensetzung des Kapitals zu erhöhen. Das würde zwar die Profitrate zunächst verringern, jedoch in der Hoffnung auf effektivere Produktion und somit höhere Profitraten in der Zukunft – letztlich also wieder verstärkte Ausbeutung.

                      So stehen die Kapitalisten vor schweren Wahlen. Die Arbeiter aber haben entsprechende Probleme. Mit allen Mitteln müssen sie versuchen, ihren Lebensstandard zu bewahren, wenn möglich ihn sogar zu verbessern (wobei allgemein der Ausbeutungsgrad als solcher weniger beachtet wird); das könnte z.B. durch höheren Reallohn erreicht werden, dann aber mit dem Risiko, „zu teuer“ und somit entlassen zu werden – oder gar den Kapitalisten dazu verlocken, ihre Arbeitsplätze auszusiedeln. Wie einen solchen Konflikt lösen? Die objektiven Interessen sind antagonistisch. Man kann neue Abkommen versuchen – oder zum Militär greifen –, kommt aber nicht umhin, dass in der Tat – trotz aller subjektiven Bedingtheit – alles hier schön „gesetzmäßig“ vor sich geht.

17. Wie schon bemerkt drängt sich hier der Gebrauchswert als solcher besonders hervor; er ist eine Kategorie ökonomisch stets zunehmender Bedeutung. Wurde der Gebrauchswert vorher in Theorie I eher en passant zur Kenntnis genommen als inhärentes Moment des Warenwesens, wird er laut Theorie II naturwüchsig im selbstreproduzierenden Zyklus Arbeitskraft-Ware-Konsumtion als „Nutzen“ realisiert (und so doch nicht abstraktionsfähig, nicht quantifizierbar). Das scheint sich aber heute der Theorie III zu Folge zu ändern.

Es ist wichtig, die Kategorie Gebrauchswert (am Markt) von der Kategorie Nutzen („zu Hause“) klar zu unterschieden. Die Kategorie des Nutzens ist nur in Verbindung mit dem realen Ge- und Verbrauch zu bestimmen, d.h. im menschlichen Stoffwechsel (natürlich im weitesten Sinne des Worts), in welchem die eingekauften Waren die Aufgabe haben, die gegebenen Formen des Lebens und somit der Gesellschaft als Ganzes (identisch, gegebenenfalls erweitert) zu reproduzieren. So ist die Kategorie Nutzen engstens mit der Idee der Zyklizität verbunden. Ohne Zyklizität wäre der Begriff Nutzen gleichgültig, und wir hätten uns mit dem Gebrauchswert begnügen können; ohne Nutzen wäre andererseits Zyklizität nie zustande gekommen. Erst als Moment der Zyklizität hat der Nutzen sich wirklich zu beweisen.

Da Gebrauchswert also nur am Markt realisiert wird, besteht die entscheidende Aufgabe der Händler einfach darin, durch den „Schein“ der Waren Lust auf Kauf zu wecken; also wird Subjektivität hier zielgerichtet aktiviert. So kommt dem Gebrauchswert die materielle Bedeutung zu, entscheidungsinitiierendes (subjektivierendes) Moment zu sein. Durch oft aggressive Werbung, Reklame, Propaganda für neue Lebensstile, neue Konsummuster, ganz neue Lebenserwartungen usw. muss die Kapitalrealisierung gefördert und die Profitrate stabilisiert werden. Somit verschafft sich der Gebrauchswert im Gültigkeitsraum der Theorie III sogar eine gewissermaßen sogar (in Bezug auf die Profitrate) quantifizierbare Existenzform.

Dabei ist auch zu bemerken, dass wesentliche Teile des kapitalistischen Produktionsapparats eben nur diesen potenzierten „Schein“ herzustellen hat, also paradoxerweise selbst überhaupt keine eigentlichen Waren produzieren. Der eigentliche „Nutzen“ dieses ganzen Produktionsapparats wird damit in Frage gestellt – und somit implizit die ganze (individuelle und kollektive) Reproduktion der Gesellschaft als solche. Bekannte Beispiele sind CocaCola und MacDonald, die mittels ihrer aggressiven Werbungstaktik in den Medien zu einer gesundheitsgefährdenden – also nutzwidrigen – Lebensstil der Jugend geführt haben. Im Kampf um die Profitrate kann letzen Endes die ganze fortgesetzte Reproduktion der Gesellschaftsformation aufs Spiel gesetzt werden. Auf diesem historischen und kategorial bedingten Hintergrund meldet sich natürlich die Frage, wieweit eine weitere Generalisierung der Theorie III (sozusagen vielleicht eine Theorie IV) möglich wäre. Wir kommen auf diese Frage im Ausblick wieder zurück.

 

Nicht-kapitalistische Theorien

18. In dieser Argumentation scheinen die Probleme sich um die kategoriale Bedeutung der Subjektivität zu konzentrieren – ein Thema, das in der üblichen marxistischen Literatur keinen all zu großen Platz eingenommen hat – eben weil es in der Tat ein Schrankenproblem ist. Dabei möchte ich – wie überall in dieser Arbeit – unterstreichen, dass ich mich immer konsequent an der kategorialen Analysemethode festhalten möchte, die ich, teilweise von der Arbeit Witt-Hansens unterstützt, den Marxschen Texten entnommen habe.

                      Von seiner eigenen Methode schrieb Marx:

Allerdings muß sich die Darstellungsweise formell von der Forschungsweise unterscheiden. Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun. (S. 27)

Fragen wir also nach einer möglichen „Theorie IV“, deren Möglichkeit übrigens im Ausblick thematisiert wird, kaufen wir uns aber theoretisch große Schwierigkeiten ein. Wir stehen da in einer Situation ohne historisch genügendes Material, eben das, was uns ermöglichen sollte, die „verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren.“ Wollen wir also eine neue Generalisierung vornehmen, so möge es aussehen, „als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.“ Als erstes wäre dann erforderlich, Untersuchungen der faktischen ökonomischen Entwicklung durchzuführen, um möglicherweise auf dieser Grundlage kategoriale Bestimmungen anzudeuten.

19. Kehren wir aber in dieser widersprüchlichen Situation nochmals zu Marxens abstraktem Gesellschaftsmodell vom Fetischismusabschnitt (Seite 92f) als Andeutung einer möglichen „Theorie 0“ oder gar „Theorie 4“ zurück. Es ging da zunächst – „zur Abwechslung“! – um „einen Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiteten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft vorausgaben.“ Weiter folgerte Marx, „das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt,“ wobei nur „die Art dieser Verteilung ... mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten“ wechseln wird. Zur Frage der Zeitabhängigkeit der konkreten Verteilungen kommen wir gleich zurück, notieren uns aber nochmals die philosophisch hoffnungsvolle Bemerkung von Durchsichtigkeit der „gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten“. Das würde gewiss die kategoriale Analysen sehr erleichtern. Ein weiteres Problem einer solchen Theorie wäre aber auch, dass wir wenig historisch-ethnographisches Material haben, um eine solche Theorie genau auszuarbeiten.

                      Akzeptieren wir trotzdem einen Augenblick den Sinn einer Theorie 0 oder IV, um diese als einen möglichen historischen Nachfolger der Theorie III zu vergleichen, dann scheint mindestens deutlich, welches großes Gewicht wir der Kategorie der Subjektivität beizumessen haben.

                      Eines der Probleme einer solchen Theorie, wie Marx sie skizziert, ist die gewohnheitsmäßige Akzeptanz eines wertbestimmenden Zeitparameters. Ein solcher Parameter ist jedoch keine originäre Idee. Im Gegenteil, was eine solche abstrakt gleiche „Zeit“ zu bestimmen hätte (was immerhin schon eine Art allgemein anerkannte „Uhr“ erfordern würde), müsste als abstrakte Kategorie dann selbst stillschweigend in Relation zu einer Art „abstrakt gleichen Arbeitskraft“ gesehen werden, was jedoch dem Sinn einer solchen Theorie 0 oder IV widersprechen würde.

Solche a priori-Ideen stammen aus der naturwissenschaftlichen Theorienwelt der Neuzeit seit Galilei und bes. Newton, der den Zeitparameter als Differentiale in seinen physikalischen Formeln einführte (und so die Zeit als solche als deren Integral). Dies ist aber in sich eine ideologische Konsequenz der a priori „toten“ Materie, in die die arbeitenden Menschen ja selbst als „tot“, als „Anhängsel“, bzw. als Sklaven subjektivitätslos einverleibt wurden.

Andererseits ist natürlich die konkrete Zeitempfindung eine naturwüchsige Erfahrung, die unlöslich mit der individuellen Existenzform als Glieder der Gattung und ihrer zeitlichen Entwicklung (Antizipation) zu tun hat. Für einen „Wert“-bestimmenden Zeitparameter ist aber die Tauschfunktion schon vorausgesetzt, nämlich ein Markt, den es in der Theorie 0 gar nicht geben kann. Wir kommen wieder auf dieses Problem am Anfang von Kap. II zurück.

Eine Zeitform, die erst einem späteren Kategoriensystem angehört, muss also im Sinne einer Theorie 0 entschieden abgelehnt werden. Es geht umgekehrt – wenn überhaupt – darum, die menschliche Subjektivität in ihrer vollen Konkretheit zu fassen (was dann auch die Beziehung zu den gemeinsamen Produktionsmitteln umfassen muss).

20. Dabei ist zu bemerken, dass diese Marktfunktion durch die Bewegungen der Preise (realisierten Tauschverhältnissen) in der Tat eine gewisse notwendige – zwar „stumme“ – Information über die Lage von Produktion und Bedarf liefert. Wird aber auch „explizite“ Information über die Lage gefordert, was für die Entfaltung einer real-gesellschaftlichen Subjektivität notwendig sein müsste (und so auch im gewissen Sinn „Wahrheitswert“ zuzusprechen wäre), dann wäre wirklich eine besondere, selbstberuhende und gesellschaftliche, sogar institutionalisierte Funktionsweise erforderlich. Eine solche würde dann aber gleichzeitig ihre eigene materielle Versorgung durch kollektive Produktionsmitteln erfordern (z.B. eigenen Bodenbau und Viehhaltung).

Eine solche gesellschaftliche Institution würde in der Tat den Charakter eines „Tempels“ haben, sollte es für diese Institution möglich sein, „wahrheitsgemäße“ (indiskutable) Entscheidungen zu treffen – gesellschaftlich also im selbstreferentiellen Sinne –, z.B. die Verteilung einzelner Bodenparzellen betreffend, bzw. auch andere Produktionsmittel als Einzelbesitz.[10] Unter allen Umständen müsste hier gelten, dass eventuelle Neuverteilungen der Bodenparzelle, gattungsrechtliche Befugnisse über gemeinsamen Anlagen und andere Produktionsmittel usw. Gleichgültig wer für diese Regelung sorgt, müssen alle solche Entscheidungen der ganzen Gemeinschaft verbindlich sein, soll nicht die ganze Gattung sich in Streitigkeiten auflösen. Wo aber solche Funktionen – statt durch Tempeldienst – über den Markt implizit und „anonym“ reguliert werden, da muss eben auch Zeit als (vielleicht implizites) wertendes Moment der Theorie II eingeführt werden.

21. Noch ein Kommentar zu den Marxschen Kategoriensystemen wird hier am Platze sein. Bis jetzt gingen alle Bemerkungen besonders die Produktionssphäre an, deren Funktion (im weitesten Sinne) natürlich für alles individuelle und gesellschaftliche Leben entscheidend ist. Dabei wurden jedoch meistens immer nur gegensätzliche Aspekte der beiden Gesellschaftsklassen, Kapitalisten und Arbeiter, betrachtet. Dass die Kapitalisten in einer kapitalistischen Gesellschaft die gesellschaftliche Subjektivität (mittels Eigentumsverhältnissen, organisatorischen und gesetzlichen Regelungen, Macht- und Gewaltapparaten usw.) repräsentieren, ist klar. Doch haben wir schon mehrmals bemerkt, dass auch die Arbeiterklasse für sich immer weitere Gebiete der Subjektivität zurückerobert hat, sowohl im Kampf um Löhne und Arbeitsbedingungen, in der Organisierung der Arbeitsaufgaben sowie im persönlichen und politischen Leben. Nicht oder nur nebenbei erwähnt ist auch die immer wachsende gesellschaftliche „Mittelschicht“ der Servicearbeiter, Pädagogen, Intellektuellen, Wissenschaftler und Techniker, Künstler usw. Diese gehören nicht als solche zur Arbeiterklasse; alle diese Wirksamkeiten sind aber für die ganze gesellschaftliche Reproduktion unentbehrlich.

Was diese Schichten angeht, so hat es hier keinen Sinn, sie unter einen Hut als abstrakt menschliche Arbeitskraft (auch nicht als kombinierte) zu kategorisieren. Dies würde einfach bedeuten, das ganze gesellschaftlich subjektive Moment noch einmal herauszutheoretisieren.

Das eigentliche Problem, subjektive Individualität als freie Menschen kategorial mit einer Form von Gesellschaft zu vereinen, die „mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeitet und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgabt,“ so dass sie sich doch ständig und gesetzmäßig reproduziert und weiter entwickeln kann, ist immer noch ungelöst. Eine solche Verteilungspraxis muss ihr Hauptgewicht auf die Entwicklung der allgemeinen Befriedigung der gesellschaftliche Bedürfnisse legen, also auf den Nutzen der Sachen und nicht auf ihren „Gebrauchswert“.

Auch der Begriff der Produktionsmittel muss unter dem Gesichtspunkt gemeinschaftlichen, kollektiven Nutzens betrachtet werden. Die Aufgabe dieser Mittel (Territorium, Boden, Werkzeuge) besteht nicht nur darin, diese Gesellschaft mit notwendigen Lebensmitteln usw. zu versorgen, sie müssen zunächst selbst als solche etabliert und weiter entwickelt werden, und Verfügungsrechte über diese Mittel müssen geregelt werden, wobei auch der Begriff des Eigentums als solcher im kollektiven Sinne generalisiert werden muss. Wegen Mangel an Besserem wäre dafür gewiss bis dann ein sehr potenter Tempeldienst notwendig!

Endlich gehört heute auch zum gesellschaftlichen Leben alles, was oben als Servicefunktionen, intellektuelle, auch ideologische, Arbeit, Wissenschaft und Technik, Kunst usw. genannt wurde (als allgemeine Arbeit) – alles Sachen, für die es bis jetzt kaum eine eingehende kategoriale Analyse gibt (siehe Ausblick). So weiß jeder, der eine sog. „primitive“ Gesellschaft kennen gelernt hat, wie der Aspekt „Kunst und Kultur“, wie man ihr gerne heute (ganz undifferenziert!) nennt, als Aspekt des gesellschaftlichen Sinnes des Lebens in höchstem Maße wesentlich ist, ohne welchen auch der Gesellschaft ständige Reproduktion und ihr ganzes Leben gefährdet werden würde. Nicht minder wesentlich kann dies für moderne Gesellschaften sein, bzw. werden. Genau der Platz solcher Momente im gesellschaftlichen Kategoriensystem steht hier zur Diskussion.



[1] Seitenzahlen weisen auf Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW Bd. 23, hin.

[2] E.J. Hobsbawm, Industry and Empire (1968, sixth impression; 1989).

[3] Man könnte dies mit der seit St. Augustinus bekannten Unklarheit über das Wesen der Kategorie Zeit vergleichen.

[4] www.raymondswing.com

[5] Siehe hierzu Orlando Pattersons Buch  Slavery and Social Death. A Compatarive Study (1982).

[6] Orlando Patterson charakterisiert die Stellung des Sklaven als ”natal alienation“.

[7] Vgl. Organon, Kapitel von der Kategorie der Relation, wo Aristoteles schreibt: „Denn wenn Jemand weiß, daß Dieses etwas Relatives ist; wenn ferner relatives Sein so viel ist, als sich gegen Etwas auf eine gewisse Weise verhalten: so kennt er auch Jenes, gegen welches dich dieses Relatives auf eine gewisse Weise verhält. Denn wenn er überhaupt dasjenige nicht kennt, gegen welches dieses Relative in einem gewissen Verhältnis steht, so wird er auch nicht einmal wissen, ob es nur etwas Relatives ist.“ (A.a.O., S. 38) [...] “Es ist demnach offenbar, dass nothwendiger Weise, wenn Jemand etwas Relatives genau kennt [in diesem Fall die Lote], er dadurch auch Jenes genau kennt, worauf es sich bezieht.“ (A.a.O., S. 39)

[8] Witt-Hansen, Johannes (1970): Einleitung zur dänischen Aufgabe von Das Kapital, Rhodos.

[9] Marx selbst unterscheidet hier nicht.

[10] Wird der Tempeldienst auch für individuelle Fragstellungen und Entscheidungen benötigt, bekommt dieser Dienst den Charakter eines Orakels. Er wird dann seine selbständige Existenz durch Gaben und Opferungen aufrecht erhalten.