IV:

WEITER

ÜBER MARX HINAUS

 

Sinn und Werte

Der Übergang  mq ® qt a ® f

                     

1. Die bisherigen Analysen haben ergeben, dass der Übergang des Kategorienzirkels  mq ® qt a ® f , also das letzte Drittel des Zirkels, ein besonderes Problem enthält. Dies müssen wir uns hier genauer untersuchen. Auf der einen Seite haben wir uns schon mit Fragen des Nutzens als  mq-Kategorie beschäftigt. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass die essentielle Frage dieses Übergangs auch mit der Institutionalisierung des Münzgeldes (Form V) zu tun hat. So betrifft sie einerseits die geldvermittelte Einheit gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion (Konsumtion) und damit überhaupt die ganzheitlich eingebundenen, widersprüchlichen Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise. Dies wirft aber alle weiteren Problemstellungen auf.

                      In dem Kap. III.12 zitierten Stellen aus Grundrisse hat Marx eine Reihe weiterer Momente dieses prekären Übergangs  mq ® qt a ® f  angeführt, so die ganze Zweck- und Sinnfrage der Produktion, die notwendige Produktion von Fixkapital und die formelle Bestimmung der Arbeiter als sich selbst pro- und reproduzierende Individuen, was alles Ausdruck der gesellschaftlichen Zyklizität ist, ohne welche der Kapitalismus auch bald liquidiert wäre. Von diesem Ausgangspunkt werden wir nun auf weitere Probleme dieses Übergangs  mq ® qt a ® f  eingehen.

                      Dabei bemerken wir sogleich, dass verschiedene Wissenschaften sich zu diesen Fragen unterschiedlich verhalten. Die linearen Implikationen der klassischen Logik und Mathematik und auch die Physik mit ihren Vorstellungen von Ursache und Wirkung haben wenig Interesse daran (akzeptieren kaum noch eine  mq-Kategorie als solche). Für zyklische Ganzheiten interessieren sich aber besonders die biologischen Wissenschaften, zu denen wir also hier auch teilweise die Ökonomie rechnen werden.

2. Der vollständige Übergang stellt zunächst die Frage nach dem Symbol  qt ( = at3 ) ≈ a , d.h. nach der Position des Kategorienzirkels (oder einer davon), wo die formelle t ‑3-Reduktion vorzunehmen ist. Das Symbol  qt  bedeutet hier im Zusammenhang mit der Frage von Produktion und Reproduktion zunächst soviel wie stofflichen Gebrauch, Verbrauch, Be- und Abnutzung. Der Rock wird abgenutzt, die Kartoffeln gegessen; früher oder später endet alles als Abfall ohne jegliche Formen von Ich-Bezogenheit. Also können wir diesen materiellen Term z.B. als Müll bezeichnen. Dass dieselbe Kategorienform auch auf die besondere Münzprägung (der Form q analog) hinweisen kann, ist eine andere Sache; dazu weiter unten.

Ähnliches gilt jedoch auch für die menschlichen Elemente im gesellschaftlichen Kreislauf. Jeder wird alt und muss früher oder später sterben. Insofern weist das Symbol  qt ≈ a  auch auf den Leichnam hin. In jedem Fall bedeutet dieser Term den Abbruch einer Zyklizität, bzw. Anfang einer neuen. Etwas, ein Element etc., ist zu Ende, neues muss dazukommen, um die zyklische Bewegung im Gang zu halten. Genau dieser Widerspruch, gleichzeitig aber auch die Äquivalenz der beiden Seiten, ist enthalten in der ungefähren Gleichsetzung von Produktion und Konsumtion/Reproduktion (das „ist“ der ang. Marxzitate). Das Neue auf Ebene der Einzelheit und Individualität muss hergestellt, produziert, resp. geboren werden, um die Gesellschaft als Ganze weiterhin (identisch) zu reproduzieren.

                      Was es zunächst hier zu reproduzieren oder regenerieren gilt, ist das  f , das wir oben als Ich-bezogene Potentialität (Bewusstsein) definiert haben. Es wäre jedoch zu fragen, ob Bewusstsein im Sinne eines abstrakten Ichs überhaupt allein ausreichen würde, um den Forderungen dieser Position in der zyklischen Bewegung zu genügen. Was beinhaltet diese Position um einen wirklichen Neuanfang zu realisieren? Das Ich unseres Webers müsste – eben um als Weber zu funktionieren – eine eingehende Kenntnis von Webstühlen haben; mehr noch, er müsste selbst solche Webstühle besitzen, um als Weber arbeiten zu können. Entsprechend würde das Ich des Kapitalisten beinhalten, dass er wirklich als Kapitalist funktionierte; er müsste also einen ganzen Betrieb mit Maschinen und alles drum und dran besitzen, d.h. selbst schon ein Eigentümer-Ich sein. Und der enteignete Arbeiter in einem solchen Betrieb müsste sich mindestens an den betreffenden Maschinen orientieren können, die notwendigen Handgriffe beherrschen usw. Von Geburt her hat man das alles nicht.

3. Gebildetes Bewusstsein ( f ) ist also nicht einfach da; es hat seine Voraussetzungen, um wirklich zu werden. Und diese Voraussetzungen sind sowohl „innerer“ als auch „äußerer“ Art. Die inneren Voraussetzungen umfassen u.a. solche physiologischen Stoffwechselprozesse im Köper und Gehirn, die schon besprochen wurden (Einleitung und Kap. I.12 und I.17). Zu diesen „inneren“ Prozessen kommt noch der Erwerb sprachlicher, emotionaler und kognitiven Fähigkeiten, die zu jeder persönlichen Erziehung und Ausbildung gehören. Zu den Voraussetzungen „äußerer“ Art gehören weiter die ganze materielle, natürliche sowie künstliche Umwelt des einzelnen (darunter häusliche Geräte, Wohnbauten, Werkstätten und Maschinen usw.). Auch alle diese Voraussetzungen müssen sowohl „produziert“ als auch immer wieder „reproduziert“ werden, um das Essentielle des  f- Moments wirklich identisch zu erhalten, d.h., jedes dieser Momente muss im „Leben“ selbst sämtliche Phasen durchlaufen, die wir oben in Bezug auf den Rock besprochen haben. Nur so lassen sich ihre  mq-Funktionen „sinnvoll“ immer wieder vom neuen realisieren.

                      Auch die innere Ausstattung der Organismen müssen analoge Funktionen besitzen, wie z.B. die, welche von dem DNA ausgeübt werden, indem diese Moleküle mittels millionenfachen sinnvollen Prozessen für die komplizierte Reproduktion (Replikation) der Organismen sorgen. Aber sowohl was der inneren als auch der äußeren Ausstattung der Individuen betrifft, kommt man nicht umhin, dass die Reproduktion nicht immer identisch verläuft. Organismen betreffend sprechen wir dann von Mutationen, die für die weitere Entwicklung von Bedeutung sind. In Bezug auf die produktive Ausstattung der Betriebe sprechen wir von verschiedenen Innovationen (darunter z.B. solche, die die organische Zusammensetzung des Kapitals erhöhen); diese erhöhen dabei die Produktivität der Arbeitskraft (Faktor  q/p = t/m ), macht also das  f-Moment der Produktion um so effizienter (und fördert die Ausbeutung, besonders wenn keine besondere Partizipation der Arbeiter zu entwickeln wäre).

             Alle diese Voraussetzungen für das „Leben“ der neuen Generation (als Potentialitäten) wären als  a-Momente zu charakterisieren, auf die die neue Generation sich beziehen muss, um sich sie zueigen machen zu müssen. Das betrifft sogar auch die noch nicht erworbenen Rohstoffe der Natur, die als Möglichkeiten neuer Ich-Bezogenheiten gegeben sind. All dies ist eben durch den Übergang  a ® f  dargestellt.

4. Wenn wir vom Verschleiß, Müll usw. in Verbindung mit Entwicklung der neuen Generation auf allen Ebenen sprechen, geht es also um den Doppelterm  qt a  (und das Reduktionsverfahren). Die Frage ist, was von „Generation“ zu „Generation“ stehen bleibt‚ überlebt, im Verhältnis zu dem, was vergeht. Bemerk hierbei die unklare Zeitdimension; wir haben versuchsweise diese  qt-Form ( t3 ) als „hyperperfekt“ bezeichnet, wobei der a-Term ( t0 ) eher eine noch unentwickelte Zustandsform hat, eine Keimform, aus der sich das Neue entwickeln wird. 

Akzeptieren wir vorläufig die Behauptung der Drei-Dimensionalität (formale  t ‑3-Reduktion), und verbleiben wir im humanen Gebiet, dann repräsentiert die Kategorie  a  sowohl den (toten) Körper als Leiche eines Hingeschiedenen als auch – auf der eher „metaphysischen“ Seite – den Keim des neuen Bewusstseins, des neuen Lebens, der neuen Potentialität. Jedoch ist es unmöglich aus alten Leichen diesen Keim hervorzuzaubern; es besteht keine direkte physische Verbindung. So bedeutet die Kategorie  a  (außer Keim) die unüberwindbare Grenze jedes einzelnen Individuums, den radikalen Abbruch seiner eigenen materiellen Zyklizität. Dieser Abbruch, der zugleich Grundlage der Zeitformen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist, ist doch nicht so radikal – aber deshalb nicht weniger verwunderlich – dass aus dem Ei doch ein Kücken schlüpfen wird, das alle notwendigen Fähigkeiten besitzt, um ein normales Leben (als biologisch gegebenes  f-Moment) zu führen. Das anthropologische Problem ist hier aber die Einverleibung der neuen Generation in die gegebene gesellschaftliche Kultur, d.h. die Herausbildung des historisch relevanten  m-Moments, so dass die persönliche Entwicklung bruchlos durch die Reihe  f ® p ® mq  und zurück zum neuen  f  verlaufen kann.

So geht es uns hier zuerst um die Frage der vollständigen Analyse des Reproduktionsproblems, also darum, was gesetzmäßig zirkuliert, was kontingent ist, also welche Momente in den Zyklus ein- und ausgegliedert werden. Zum zweiten geht es um die Frage der eigentlichen Genese, der Schöpfung neuer Individuen als den zukünftig aktiven Akteuren der Gesellschaft. Also wäre auch zu fragen, unter welchen Aspekten unsere Kategoriengattung vorzüglich als eine zwei-dimensionale und unter welchen sie als eine drei-dimensionale zu betrachten ist. Zwar ist diese Frage schon im Prinzip beantwortet, die Antwort hat aber viele weitere, sogar metaphysische Konnotationen.

5. Wir werden mit verschiedenen Bewegungsformen konfrontiert, die durch ihre Zeitdimensionen charakterisiert sind, deren einfachste Form jedoch keine Ich-Bezogenheit (keinen  m-Faktor) realisiert. Die erste davon mit der Zeitdimenison 1 wird in unserem Kategoriensystem mittels des Symbols  v  angeführt. Eine solche Bewegung resultiert in einem Zustandsterm der Zeitdimension 2,  q . Dann setzt aber eine weitere (hyperperfekte) Bewegungsform der Zeitdimension 3 ein, die offenbar weder uhrzeitlich noch als eigentlicher Zustandsterm definiert werden kann. Als die Kategorie  qt a  (Zeitdimension 3 » 0), vereint sie in sich den Widerspruch von Vergangenheit und Zukunft, von Abbruch und Neubeginn und setzt somit den Inhalt der Gegenwart, das flüchtige „Jetzt“.

Mit dem Musterbeispiel eines solchen hyperperfekten Elements haben wir uns in der Tat schon längst beschäftigt. Wir haben schon das geprägte Geld (Wertform V) als Maßstab der Preise [M!] als die hyperperfekte Form des Geldes angedeutet, dessen spezifische, sogar handgreifliche Struktur als  qt  bestimmt wurde. Was das Geld in seiner Funktion als Maß der Werte [M*] nicht realisieren konnte, war seine semantische Selbstdarstellung. Mehr noch; auch zu dieser Selbstdarstellung in der geprägten Münzform ( qt ) beziehen sich die Menschen wieder in Form einer  mqt-Kategorie. Die buchhalterische Beziehung zum Rechengeld (nM) ist somit gewiss eine ideelle, intellektuelle („geistige“).

6. Oben III.27 und 29 haben wir gezeigt, wie es möglich ist, mittels des Kategorienzirkels Beziehungen zwischen einem Kapitalisten und seinem Arbeiter, bzw. einem Warenlieferanten darzustellen. Die gleiche Darstellungsweise soll hier ganz allgemein vorgestellt werden. Die Kategorienschleife wird dann wie folgt aussehen (Figur IV.1, nächste Seite).

Bemerkenswert bei der Bewegungsart in Schleifen ist, dass die Zeitdimension dabei verschleiert wird, wie wir das auch in den Beispielen Kap. III sahen, besonders deutlich wohl im Falle Kreditkauf (III.29). Dies hängt graphisch damit zusammen, dass die Zirkel gegeneinander verschoben sind, und hängt real damit zusammen, dass das was der Partner am mittleren Zirkel anzubieten hat, eben eine Voraussetzung des betreffenden Verhältnisses ist. Diese „Verschleierung“ der Zeiten bedeutet gleichzeitig eine Verschleierung der Reihenfolge Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, was auf der anderen Seite die ständige imperfekte (autoreferentielle) Kontinuität verdeutlicht. Wir kommen darauf wieder zurück.

Figur IV.1: Gesellschaftliche Verhältnisse allgemein

n = 0: Produktion;  n = 1: Zirkulation;  n = 2: Ausscheidung, Regeneration.

Symbol  a  ist an allen Positionen vorausgesetzt.

Diese verallgemeinerte Figur (IV.1) ist in der Tat den beiden früheren Schleifenfiguren ganz analog. Nur sind hier die einzelnen Kategorien nicht explizit angegeben, nur ihre allgemeine kategoriale Struktur, wobei, um sie noch einfacher lesbar zu machen, das Symbol  a  überall ausgelassen wurde. Es geht also hier nur um das Spiel der  m-Momente in ihrer Beziehungen zur  t-Dimensionalität. In der dritten Sphäre, für die wir uns hier besonders interessieren, gehen wir also von der Dimensionalität 2 aus, setzen also  n = 2 ; so bedeutet das Symbol  mt2  hier  mq .

Der Quotient  t/m  bedeutet wie immer die „Kraft“ (power), womit ein  ma-Moment sich im entsprechenden  atn+1  realisiert (veräußert), wie z.B. im Fall „Produktivkraft“ als produzierte Gebrauchswerte pro Werteinheit. Der in der Figur nicht angeführte, reziproke Quotient  m/t  (Pos. 23 ® 13) ist in sich problematischer. Bei diesem Übergang, der vielleicht als formale Darstellung eines möglichen Ausbeutungsverhältnisses dienen könnte, trifft uns ein Widerspruch, mit dem wir uns auch weiter unten gründlicher beschäftigen müssen.[1] 

7. Ein ähnliches Problem – jedoch weit außerhalb des Feldes der Marxschen Ökonomie – tritt im dritten Übergang  mq® qt a ® f  auf, das jedoch auch durch eine solche Schleifenbewegung formal darstellbar wäre. Hier betrifft das Problem wieder mal Ausscheidung und Regeneration, im Humanbereich in Form des Begriffspaars Sterblichkeit-Gebürtigkeit. Dieses Problem hat für alle Kulturen große Bedeutung, und so hat jede Kultur für sich ihre speziellen traditionellen Lösungen dafür gefunden.

In dem Fall, wo ein Menschenleben, dessen „Sinn“ ( mq, Pos. 11) sich schon bestätigt hat und also schon den Tod geweiht ist ( a , Pos. 12), – so könnte man sich vorstellen (mindestens ideell, formalerweise) – springen wir auf den nächsten Zirkel in Form des nicht länger Ich-bezogene  qt  (Pos. 21) über. Analog zu den vorigen Beispielen bezüglich  v  und  q , die sich dann als  p  und  mq  bestätigen, bewegen wir uns hier in der dritten Sphäre, wo qt  sich als  mqt  bestätigt. Für diesen Teil des Kategorienzirkels haben wir schon das Wort intellektuell eingeführt; was darüber hinausginge und somit die Form  qt2 annehmen müsste, könnte ich den Namen „geistig“ vorschlagen.

Was sich durch diese Ich-Bezogenheit abspielen könnte, ließe sich auch durch traditionelle Totenkulte beschreiben und dialektisch analysieren – und zwar in einer Weise, die den betreffenden Punkten der Marxschen Ökonomie ganz analog ist.

Auf solche Vorstellungen beziehen sich in der Tat viele traditionelle Ahnenehrungen und Totenfeiern. Diese Kategorie  mqt  (Pos. 22) etwas hyperperfektes würde also dann für die Überlebenden (erster Zirkel) etwas menschlich „Inneres“, ihren „Seelen“, vielleicht eben als „Geister“ repräsentieren (oder wie man nun dieses kategoriale Prinzip nennen möchte). Es wiederholt sich also das bekannte Bild von etwas innerlich subjektivem und aktivem, das vielleicht sogar fähig wäre, wesentliche Entscheidungen zu treffen (wenn nicht nur von ganz abhängigen und rangniedrigeren Partnern repräsentiert), das dann natürlich mit dem Bewusstseinsterm verbunden ist,  mqt ≈ f .

Diese subjektive Bezogenheit des hyperperfekten Prinzips  mqt   lässt sich also von den Überlebenden kategorial als ein „Ich“ (oder „Über-Ich“?) interpretieren, in diesem Zusammenhang gesehen also von sozusagen außerweltlicher Existenzform. Erlauben wir uns hier, diese Spur weiter zu verfolgen, müsste auch die Form  mqt sich weiterhin in Form  qt2 „ausdrücken“ oder „realisieren“ (Pos. 23), um sie dann  qt2 ≈ v  zu reduzieren. Pos. 23-13 würde also ein echter Bewegungsterm sein, würde sich sozusagen als eine Art „Seelenwanderung“(!) interpretieren lassen. Die Einheitsform  mqt ´ qt2  ließe sich danach direkt in die aktive Lebensform des neuen Individuums   f ´ v  überführen.

Auch in solchen Vorstellungen wird die kulturbedingte Potentialität der Ich-Bezogenheit der neuen Generation übergeben. Der Sinn der „Geister“-Kategorie  mqt , bzw. qt2 (Pos. 22, 23) wird damit sowohl aufgehoben als bewahrt, und so die kulturelle Permanenz der betreffenden Gesellschaft (Gruppe, Stamm, Ethnos usw.) als kollektives Ganzes gesichert. Der wirkliche Widerspruch liegt also hier im Gegensatz „Tod im (vergänglichen) irdischen Leben Diesseits“ und „(„ewigen“) Leben im Jenseits“ – und dieser Widerspruch darf natürlich nicht (sowenig wie seine Analoga) durch inadäquates Verhalten der Lebenden (innerer Kreis) gestört werden; das könnte zu kulturellen (religiösen) Krisenzuständen führen (ganz den Geldkrisen analog; vgl. III.36f).

Was könnte also ein solches Ich sein, das sich auf die Form  mqt  bezieht? Wir müssen zwischen den möglichen Repräsentanten des inneren (ranghöheren) und des mittleren (rangniedrigeren) Zirkels unterscheiden. Der ranghöhere muss der aneignende von Form  mqt » f  sein, der Jüngling, der seine ganze gesellschaftliche Kultur aneignen muss. Die rangniedrigere Person müsste sich dann eher auf eine gewiss außerweltliche, imaginäre Ich-Bezogenheit berufen, also auf eine Ich-Form, die sich weder in imperfekten noch in perfekten raum-zeitlichen Leistungs- und Wirkungsmomenten realisieren läst (oder für das ranghöhere Ich nur als Glaubensobjekt existiert; siehe weiter unten). So wäre es auch diesem rangniedrigeren Ich versagt, sich unmittelbar mit solchen materiellen Akzidenzien auszustatten wie die der weltlichen  p- und  mq-Formen, die ja alle empirisch erfahrbar sind (entweder „natürlicher“ oder „künstlicher“ Art). So besitzen wir eine große Menge materieller, an Münzen, Traditionen, Ritualen usw. gebundenen Akzidenzien – mittelbar sogar in bildlichen Darstellungen derselben als m-Subjekte, die diesen „substantiellen“ Wesen wie Königen und Kaisern, Göttern, „Geistern“ usw. als Träger oder gar Urheber der „akzidentellen“ Formen (der Formel  f ´ v  analog) zugeschrieben werden.

8. Dies könnte gewiss eher als ein ödes Spiel mit Buchstaben aussehen, eben als ein rein dialektisch-logisches Spiel ohne reale Konnotationen, als „Metaphysik“ übelster Art – wobei doch solche kulturbedingte Konnotationen für die Menschen in sinnvoller Weise einbezogen werden können. Diese Problematik wurde besonders durch die Existenzform der Kategorieen von Pos. 12 hervorgerufen. Im Moment bewegen wir uns also ausschließlich in der ideologischen – kulturell oder religiös, sozusagen „geistig“ charakterisierten – Ebene um diese Pos. 22 herum. In dieser Interpretation des Totenkultes und der Reinkarnationsvorstellung kommen wir in der Tat der Anerkennung einer vierten Zeitpotenz nahe, ohne diese jedoch durch ein weiteres  m-Moment bestätigen zu können, da die Form  mqt2 sofort wieder zurückgenommen werden muss. Eine mögliche 4-Dimensionalität (die jedoch in der Tat eine neue kategoriale Schranke, eine Zweite Schranke angeben würde) wird in Kap. V behandelt. 

So lange wir jedoch als allgemeiner Matrix menschlichen Denkens am drei-geteilten Kategoriensystem festhalten, kann es nicht wundern, dass wir uns immer Problemen ausgesetzt sehen, die uns zwingen, auch andere Denkmöglichkeiten als die zuerst dargebotene  qt a-Lösung aufzusuchen. Bemerken wir zunächst, dass – ganz gleichgültig, wie wir dieses Problem zu lösen suchen –, immer Sterblichkeit und Gebürtigkeit involviert sein wird. Mehr noch, die kulturelle Beschäftigung mit dem Sinn dieses essentiellen Kategorienpaars zwingt uns, unsere eigene Denkmatrix in diesem Sinn neu zu überlegen.

                      Nebenbei bemerkt: Obwohl der Reinkarnationsvorstellung im logisch-kategorialen Sinne konsequent und vollständig zu sein scheint, ist damit nicht gesagt, dass sie als solche auch bewiesen ist. Eher wäre die Sache so zu sehen, dass in alle Kulturen der Tod als das am meisten entscheidende Ereignis über alle andere scheint und folglich allgemein mit den größten rites des passages begleitet und ausgestattet wird. Das kulturelle Problem, das hier zu bewältigen ist, ist der Gegensatz Tod/Geburt, also den Widerspruch Sterblichkeit/Gebürtigkeit aufzuheben. Und das kann nur in Form einer logisch unentschiedenen Vorstellung (Nicht-Tod & Nicht-Geburt) geschehen (vgl. Ruben, Einleitung). In diesem Sinne wäre die Reinkarnationsvorstellung als dialektische Aufhebung dieses Widerspruchs zu verstehen. Dabei gewichten die verschiedenen Kulturen diese Gegensätze in verschiedener Weise. Einige möchte den Tod als solche tilgen und dementsprechend Geburt als absolute Kontingenz verstehen, was dann auch die Vorstellung von Jungfraugeburten usw. involvieren könnte, andere eher ihre Vorstellungen nach dem Bild der zyklischen Naturereignissen modellieren.

9. Die hier vorgestellte allgemeine Denkmatrix hat in der Tat drei Möglichkeiten, sich zu strukturieren; welche davon bevorzugt wird, ist in allen Fällen eine kulturell bestimmte Frage. Man kann die Kategorienschleife der Figur IV.1 akzeptieren (mit weiteren Bemerkungen in Kap. V), mit allen den Konsequenzen, die diese Wahl haben könnte. Aber man könnte gewiss auch diese dritte Schleife ablehnen, um dann zu dem glatten Übergang  qt a  zu gelangen. Eine Erklärung dafür würde dann zur oben angedeuteten Frage führen, was dieser  a-Term wirklich (real) repräsentiert, um in der Weise die „materialistischen“ Wissenschaften und Ideologien behaupten zu können.

Jedoch muss dieser Lösungsversuch dann offen lassen, warum solche „Schleifen“ in zwei Fällen sinnvolle Analysen zulassen, im dritten Fall nicht, obwohl den beiden anderen analog – und sogar die entscheidende, ganz unumgänglichen Frage vom Leben und Tod auslassen. Eine dritte Lösung würde einfach sein, die Bedeutung dieses prekären Übergangs ganz zu leugnen, also gar nicht nach dem alleinstehenden  a-Term zu fragen. Dies würde dann aber bedeuten – durch nur  t‑2-Reduktion –, sich auf den einfachen Übergang  mq ® f  festzulegen. Dies würde in der Tat bedeuten, die Begrenzung zu akzeptieren, die Marx (willlentlich oder nicht) auf sich selber legte, also z.B. nie mehr nach Wesen des gemünzten Geldes zu fragen.

                      Es geht hier in der Tat um kulturelle Fragen, zunächst reine Ideologie – wäre also kein logisches oder mathematisches Thema überhaupt; zweitens geht es hier um das ganze Kategoriensystem, also um die Denkmatrix als solche, die man für sich als kognitive Grundlage akzeptieren könnte – und dann auch um Auswege, unangenehmen Fragen zu entgehen. Man könnte gewiss die Kategorie  qt ≈ a  entgehen, entschließe man sich einfach, diese Kategorie zu verneinen, und somit den Übergang  mq ®  f  (durch  t ‑2-Reduktion) zu bevorzugen. Im Folgenden sollen ein paar kulturgeschichtlich bekannte Beispiele dafür gegeben werden.

10. Als ein solches Beispiel möchte ich die Segnungshandlungen der Biblischen Patriarchen anführen, womit sie das ganze kulturelle Erbe, den ganzen „Sinn“ ihres Lebens als Kulturpersönlichkeiten, ihren Söhnen übergeben. Dabei erleichtern sie ihnen auch ihren Weg späterer gesellschaftlicher Anerkennung (Wir-Bezogenheit).

                      Dies ist aber keine nur religiöse Sache: im Prinzip repräsentieren diese Segnungen eine Weisheit, die sich die meisten ökonomischen und anderen Wissenschaften zu eigen gemacht haben. Hier wird eben nie ernsthaft von Absterben der Menschen, von Abnutzungsfragen, Müll usw. gesprochen (wenn nicht dem letzte  a  ab und zu doch ein gewisser, arbiträrer Wert/Gebrauchswert bei Müllverarbeitung usw. zuzuschreiben wäre, und so doch gewisse neue Verdienstmöglichkeiten vorkämen); auch nicht tritt die  mq-Kategorie in der Physik auf. Solche Kategorien haben nur geringe wissenschaftliche Bedeutung; sie sind nicht „rational“. Sehen wir also von möglicher Müllverarbeitung ab, betrifft diese „Weisheit“ das gesellschaftliche Systems als ein Ganzes, in der einzelne materielle Elemente als solche (Dinge sowie einzelne Individuen; auch Objekte der Experimentalforschung usw.) grundsätzlich keine Bedeutung zugeschrieben werden. Einzelelemente sind kontingent.

Das gesellschaftliche Leben ist nach dieser Denkform auf die verkürzte Zyklizität der Zeitdimension  t2 reduziert, individuelle Dinge und Schicksale real ignoriert, nur ideell registriert. So werden diese gewiss als Glieder des Gesellschaftsganzen aufgefasst, abstrakt, nicht als wesentliche und aktive, selbst-referentielle Personen am konkreten „Leben“ des Ganzen beteiligt. Sie werden als notwendige Momente im Sinne Autoreferenz betrachtet, und der reduzierte Übergang des sich selbst „verwertenden Werts“  mq ® f  wird zur tautologischen Reproduktion der produktiven Potentialität (Arbeitskraft). Entsprechend wird die Arbeit zu Sisyphusarbeit. Gefordert wird einfach Konsum, ohne nach den inneren, nicht-ökonomischen Prozessen zu fragen.

Dasselbe kommt auch bei Marx zum Ausdruck (vgl. die Zitate aus Grundsriss S. 26-28), wo die dialektische Identität von Produktion und Reproduktion so stark hervorgehoben wird, nur mit der Einschränkung (um sich von den Hegelianern abzuheben!), dass Arbeit nicht nur Reproduktion bedeutet, „sondern auch Produktionsmittel schafft etc., fixes Kapital etc.“ (A.a.O., S. 28). Damit ist jedoch schon wieder die Kategorie  a  angesprochen, die all das umfasst, was eben vom einen Zyklus zum anderen übertragen wird, was aus der Vergangenheit auch für die Zukunft Geltung hat, so auch der Keim, aus dem das neue entstehen soll. Ohne einen solchen – und zwar sehr umfangreichen! – Keim wäre ja die kapitalistische Produktionsweise überhaupt unmöglich.

Kein Wunder dann, dass Thema Tod auch in unserer Kultur überall mit so großer Vorsicht, Ablehnung, beinahe tabuisiert behandelt wird. Mehr als jede andere Frage definiert genau sie, womit Religion zu tun hat. Dass diese Amputation so weit verbreitet, und sogar ideal überhaupt möglich ist, bezeugt die gesellschaftliche Akzeptanz dieses „Kurzschlusses“, der (auf Basis der Autoreferenz) nur  t2-Reduktion zulässt. Wird die Todesfrage ausgeschlossen, wird folglich auch eine genuine „Sinnfrage“ ausgeschlossen – was dann logisch auch zum Ausschluss der Finalität (Teleologie) führt.

Für den Begriff „Wert“ bedeutet dies, dass alle Wertfragen auf das empirische, objektiv messbare (vgl. Kap. II) reduziert werden, wobei jeder genuine „Wert“ doch immer ein subjektives Moment von Ich-Bezogenheit, Ziel, Zweck und Sinn (Nutzen) mit einschließt. Es muss gefragt werden, warum das scheinbar so sein muss. Warum hat unsere Kultur genau diese sonderbare Entscheidung getroffen, eben ideelle Amputation gewählt? Und unter welchen entscheidenden Lebensbedingungen musste eben dies geschehen? Oder umgekehrt: unter welchen Lebensbedingungen könnte diese Amputation wieder aufgehoben und umgangen werden?

 

Beziehungen

11. Einen wesentlichen Punkt ist bis jetzt gar nicht expliziert. Im gesellschaftlichen Leben geht es immer um Beziehungen zwischen Individuen, die irgendwie partizipieren. Das haben wir zwar im Verhältnis Arbeiter-Kapitalist behandelt; die Frage erfordert jedoch einen selbständigen Kommentar.

                      Beziehungsformen wie A ´ B werden durch die zweite Potenz von  a  charakterisiert; jede Formel‚ die  a2  enthält, ist somit eine Beziehungsformel mit einem  a  von jedem der Partizipanten. Solche Formeln repräsentieren eine doppelte Potentialität (dieser Begriff entspricht ungefähr dem, was Niklas Luhmann in soziologischer Hinsicht mit „doppelter Kontingenz“ meint). Andererseits müssen wir beachten, dass eine solche Beziehungsformel immer nur ein  m-Moment enthält; von den beiden Partizipanten wird momentan nur die eine Ich-Bezogenheit als die aktive bestätigt; dieser ist also dominant, die Dominanz aber wechselt ständig Seite. Eine Beziehungsformel, die  m2  enthielte, würde eher eine Art Kurzschluss darstellen. Was die Zeitdimensionalität angeht, bewahrt jedoch die gewöhnliche Regel der  t‑3-Reduktion ihre Gültigkeit.

12. In der untenstehenden Figur ist wieder der Kategorienzirkel abgebildet, jedoch nur teilweise. Der zweite Zirkel wurde wie in Kap. III so verschoben, dass die Beziehungsprodukte benachbarter Zirkel allein auf den ersten Zirkel ablesbar sind. Beispiel: Außerhalb von  f  haben wir  v; ihr Produkt  f ´ v = ma2t  hat die Zeitdimension 1; eine solche Größe wird in der Physik „Leistung“ genannt. Das Produkt  v ´ p = ma2t2  bedeutet in der Physik „Energie“;  ma2t3  (wie das z.B. einer Ware) eine „Wirkung“.

Figur IV.2: Potentialitäts-Produkte (Dimension  a2 ).

Zahlen bedeuten Zeitpotenzen der Produkte mir dem nächsten Zirkel,

können jedoch auch als Beziehungen zwischen zwei benachbarten Termen des Kategorienzirkels aufgefasst werden.

(Zeichen = muss als ≈ gelesen werden.)

Hier könnte gewiss wieder eine quasi-physikalische Lesung der Terme einen gewissen Sinn haben. Komplexe Beziehungsterme, die allgemein  die Form  ma2tn  haben, sind in der Physik grundlegend und, wie wir gesehen haben, leicht interpretierbar. Jedoch ist physikalisch  ma2 (n = 0) m.E. kaum in dieser Wissenschaft repräsentierbar. Die Terme „Leistung“, „Energie“ und „Wirkung“ sind natürlich in unserem Zusammenhang analogisch zu nehmen, erwecken jedoch auch so inhaltlich sachgemäße Vorstellungen; insofern sind solche Analogien nützlich. Untersuchen wir die drei Schleifen, gibt uns im Fall Produktion (Fig. III.2) die erste radiale Beziehung die Kategorie Leistung, die letzte dieser Beziehungen die Kategorie Wirkung. In der Beziehung Pos. 12-22 werden wir dann eine der Energie analoge Kategorie finden. Solche Wörter sind hier unmittelbar verständlich: Arbeit unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen stellt eine menschliche Leistung dar, die über Zeit einen gewissen Energieumsatz bedeutet, und in einer Wirkung resultiert.[2] Diese Beziehung liegt also in dem energetischen Zustand, der dann am besten nicht gestört werden darf (! – hier gilt eben das Erhaltungsgesätz für Energie).

In der Zirkulations-Schleife (Fig. III.3) liegen die Verhältnisse anders. Hier fangen wir mit einer Wirkungs-Kategorie an (n = 3). Erlauben wir uns jedoch hier die  t ‑3-Reduktion, dann erhalten wir die zeitlose Anfangskategorie, die uns daran erinnert, dass wir bei Initiierung eines Kreditkaufs eben die wahre Kategorienentwicklung unterbrechen. Das Verhältnis bewegt sich dann durch eine Leistungsfunktion zu einer energetischen Funktion, die natürlich auch nicht hier gestört werden darf; also die Zahlungsfunktion muss möglichst reibungslos verlaufen.[3]

                      Eine dritte Kategorienschleife von Ausscheidung und Regeneration würde dann (reduziert) mit dem energetischen Zustand  mq × qt » mq × a (= ma2t2, Energie) anfangen, in der der Verschleiß (physikalisch: Entropiezuwachs) geschieht, durch die Wirkungsphase laufen und in (ganz unphysikalischer und zeitloser!)  ma2-Form enden. Dies scheint nicht dem Verhältnis Diesseits-Jenseits zu widersprechen, doch dieser „Nicht-Zustand“ ändert sich quasi-zeitlich – als wahre Schöpfungsgeschichte aus dem Nichts! – in das neue Leistungsverhältnis  f × v , d.h. eine genuine Genese von  f .

                      Der tiefere Sinn dieser analytischen Darstellung kann natürlich diskutiert werden. Sie wird jedoch hier erwähnt, um zu zeigen, dass es auch durch ganz formale Lesungen möglich ist, sowohl Sinn als System zu finden. So bilden schon diese möglichen Kategorienschleifen in sich ein gewisses System: Das letztgenannte, generative Moment resultiert in eine Leistung, die produktive in eine Wirkung; endlich stellt die Zirkulationsschleife in sich, die – wenn also alles glatt geht! – energetische, zustandbewahrende, Werterhaltung dar.

13. Aber nicht nur diese besonderen Beziehungen, sondern alle möglichen Beziehungen müssen ihrer Definitionen zur Folge der grundlegenden Formel  ma2tn genügen. Nur die  t-Dimensionalität variiert; doch mit der Möglichkeit der (einfachen oder doppelten)  t ‑3-Reduktionen werden sie alle in gleicher Weise zu interpretieren und aufzulösen sein.

So könnte z.B. auch eine Konversation mit Frage und Antwort mit diesen Mitteln dargestellt werden. Mit Hinweis auf die Verhältnisfiguren fängt die erste Person (Pos. 11, z.B.  p ) an zu fragen; die zweite (Pos. 21, dann  q ) versteht die Frage und überlegt sich (d.h. bezieht sich darauf als Ich), bis sie sich für eine Antwort entschieden hat (Pos. 22,  mq ); diese wird geäußert und kommt wieder bei der ersten Person an (Pos. 12,  q ), wird von ihr entsprechend überlegt und gegebenenfalls angenommen (Pos. 13,  mq ).

                      Bezüglich der hierarchischen Komplementarität ist also entscheidend, dass im Kategorienzirkel – aller Identität dieser Zirkel zum Trotz – der zweite (mittlere) zeitlich dem ersteren (inneren, ranghöheren) immer einen Schritt voraus ist; die durch den zweiten Zirkel repräsentierte Person kann somit das Ergebnis der anderen vorbereiten und entgegenkommen. Dies scheint eben der ganze „Sinn“ all dieser drei Schleifen zu sein. Also: 1) So würdigt der Weber den Schneider (vgl. Kap. II) und der Kapitalist den Arbeiter (Eigentumsverhältnis; vgl. Kap. III); 2) der Debitor würdigt den Kreditor (legale Gleichberechtigung); endlich 3) der Lebende würdigt den Toten – also bei der für die ganze gesellschaftliche Lebensweise und Kultur wesentlichen, ständigen Anerkennung der Bedeutung des rangniedrigeren Partners. Vernachlässigung rangniedrigere Teile der Gesellschaft würde eben zu Krisen- oder Konflikterscheinungen führen. Es ist eine praktische Lebensfrage, wie die gesellschaftliche Rücksicht auf momentan Rangniedrigeren gesichert wird; so sollte es also nie zur Geringschätzung oder Freiheitseinschränkung führen dürfen. Im Gegenteil; im Prinzip hat Hierarchie oder hierarchische Komplementarität unmittelbar nichts mit Machtausübung zu tun (obwohl es diese wohl auch nicht ausschließt).

Eine ganz andere Frage wäre natürlich, ob und gegebenenfalls unter welchen Bedingungen hierarchische Beziehungen aufgelockert, bzw. umgekehrt werden können (und z.B. Machtfragen gelöst werden). Dass in solchen Beziehungen auch Aneignung involviert werden kann, wird weiter unten behandelt (V.26).[4]

14. Wie schon mehrmals betont, stehen in jeder gesellschaftlichen Ganzheit die Menschen nicht nur in hierarchischen Beziehungen zueinander und müssen so dem Bedingungen gesellschaftlicher Kontinuität genügen; auch als kontingente Individuen mit einem wesentlichen Moment persönlicher Freiheit stehen sie allgemein im ständigen Wechsel des bestätigten  m-Moments einander gegenüber als Beziehungspartnern. Solche Beziehungen involvieren dann immer auch ein Moment von Sittlichkeit und Moral. Denen gegenüber, die in die gesellschaftliche Kontinuität besonders eingebunden sind, deren persönliche Existenzform somit stark autoreferentiell eingebunden sind, kann man jedoch nur schwerlich sittlich oder moralisch be- oder abwerten. Solche Personen folgen – in ganz „amoralischer“ Weise (den relevanten nexen bezüglich) – den gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, eben ihre ökonomischen, politischen und privaten Interessen. Hier geht es dann vorzugsweise darum, im Sinne eines möglichst reibungsloses Gattungsleben Konflikt- und Krisenerscheinungen zu vermeiden. Somit würde es keinen Sinn haben, z.B. die kapitalistische Produktionsweise als solche besonders moralisch zu verurteilen.

Man könnte jedoch behaupten, dass die – traditionelle oder mehr moderne – subalterne Anhängsel-Form einer ganzen Gesellschaftsklasse inhuman sei, eben Ausdruck gesellschaftlicher und persönlicher Geringschätzung und Arroganz, was zwar m.M.n. sehr zu verurteilen ist, jedoch an und für sich nicht mit „Moral“ zu tun hat. Auch dies stellt die Frage nach den historischen Bedingungen, um die gesellschaftlichen Produktions-, Austausch- und Zirkulationsformen zu revolutionieren. Dagegen wären persönliche Verhältnisse und kontingente Verhaltenswiesen eher moralisch zu bewerten, denn diese könnten eben anders gestaltet werden.

 

Werte

15. Werte im ethischen, gegebenenfalls auch in ästhetischen Sinne, was man also „konkrete“ Werte nennen könnte, verbinden wir im Kategoriensystem allgemein mit der Sinnfrage, zunächst also der  mq-Form, auch mit expliziter, semantischer Selbst-Referenz, also mit der  mqt-Form. Insofern die Wert- und Sinnfrage mit der mq-Form ( „Zweiten Sprung“) verbunden ist (wenn nicht einfach mit m-Formen überhaupt), müsste daraus folgen, dass diese Fragen mit dem generativen Übergang, bei dem wir uns schon so oft aufgehalten haben (der „Dritte/Nullte Sprung“) verbunden sind sowie auch mit dem „Ersten Sprung“. Wir müssen uns jedoch nochmals um die Fragen der dritten Schleife kümmern, so dass wir ihre inhaltlichen Probleme und Möglichkeiten voll ins Licht tragen.

Also rekurrieren wir nochmals zur Marxschen oder post-Marxschen Geldanalyse. Im Gegensatz zu den intellektuellen, bzw. kulturell-geistigen Werten sind Messwerte immer an materielle Elemente gebunden; von denen sind einige als Maßstäbe für die anderen ausgewählt und isoliert (ökonomisch das Geld als Maßstab der Preise), um andere Dinge zu bewerten. Alle Maßstäbe üben eine solche selbstreferentielle, dabei sinnlich wahrnehmbare, semantische Funktion aus, ohne welche sie in der Tat keine Maßstäbe wären.

                      Eine Ware haben wir als materielle Einheit von Wert und Gebrauchswert definiert:  p × q  (eine Wirkung). Entsprechendes gilt der Arbeit: das Verhältnis vom Weber zum Schneider sowie das vom Kapitalisten zu seinem Arbeiter hat die Dimension:  f × v (Leistung). Analogerweise wäre das das abschließende Element der Wertformentwicklung (Form V) dann als  mq × qt  zu definieren, was (reduziert) eben die Dimension Energie ergibt; man denkt dabei schon an das „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“ von Bert Brecht. So wird die Wertform  mq  in ihrer endgültigen, abstrakten und „substantiellen“, zirkulationsbezogenen Form als Maß der Werte dargestellt [M*] und zwar in Widerspruch zur „akzidentiellen“ materiell-konkreten Form  qt  als Maßstab der Preise [M!]. Dieses hyperperfekte Moment ist schon als formale Grundlage der selbst-referentiellen Semantik definiert, so dass diese Semantik sich kategorial (prädikativ) durch ist-Sätze darstellt: Der Rock ist 20 Ellen Leinwand wert.

16. Es wurde schon bemerkt, dass die Münzprägungen oft mit Bildern von Königen, Kaisern oder gar Göttern versehen sind. Es liegt somit nahe sich vorzustellen, dass die Münzen mit der Ehrung solcher Personen oder Göttern assoziiert werden (was auch historisch zu belegen ist). Eine solche Ehrung wäre Ausdruck einer besonderen, gesellschaftlich bedingten Form von Ich- (oder Wir-)Bezogenheit dieser  mqt-Form.

Als Schöpfer der früheren  p- und  mq-Formen sind Arbeiter und Handelsleute, Könige und Bankiers zu vermuten, reale Personen aus Fleisch und Blut, die mittels ihrer Kreationen empirische Spuren weitreichender Bedeutung hinterlassen haben. Auch „außerweltliche“ intellektuell-„geistige“ Kreierer dieser  mqt-Formen sind aber gesellschaftlicher Art, und die Spuren, die sie hinterlassen haben, haben die Entwicklung des ganzen gesellschaftlichen (kollektiven) Bewusstseins beeinflusst (vgl. den problematischen Schleifenübergang Pos. 23-13) und dabei auch die materielle Entwicklung ihrer Gattungen. Gewiss möge man fragen, was solche „Geistes“-Wesen überhaupt sein könnten; dass sie aber Bedeutung haben ist unbezweiflich. Ich werde diese Frage offen stehen lassen. (Siehe jedoch auch V. 9, wo diese Frage gründlicher behandelt wird.)

Geht man von einer materialistischen Metaphysik aus, sind solche Vorstellung wirklicher kulturell-„geistigen“ Realisierungen unannehmbar; so wird auch die Kategorieform  mqt  abgelehnt (gegebenenfalls verschwiegen), ihre formale Berechtigung jedoch in Kap. V klar unterstrichen.

17. An solche „außer-„ oder „innerweltliche“, jedenfalls gesellschaftliche „Wesen“ der  mqt-Form kann man jedoch nur „glauben“. An und für sich gilt ähnliches dem Münzer, der als der erste das Geld empfand, und von Münzern überhaupt (sowie von ihren Erzeugnissen). So mag der eine „Glaube“ so „logisch“ sein wie der andere…

Diese ganze Logik fordert, dass man den dritten Teil der Denkmatrix genauso ernst nimmt wie die beiden ersten, sonst kommt man doch in logische Schwierigkeiten.

Momente dieser  mqt-Form sind eben „Werte“ im allgemeinsten Sinne des Worts – oder sagen wir lieber umgekehrt, dass „Werte“ generell die Form  matn  haben ( n = 0, 1, 2, 3 ), wo  n = 3 durch die  t‑3-Reduktion wieder auf  n = 0  (Bewusstsein) reduziert wird (und  n = 4  schon die Zweite Schranke repräsentiert). Bei n = 1 haben wir dingliche (Mess)Werte, die – jedoch unter der Bedingung existierender Maßstäbe mit ihren Kerbungen, Prägungen usw. (n = 2) allgemein numerisch registrierbar (als nM) sind. Diese Werte der Dimension  n = 3, die allgemeine, in sich nicht-numerische, nicht-messbare lassen sich aber doch symbolisieren, indem ihre  qt2-kategorialen (geistigen) Erscheinungsformen doch sinnlich erfahrbar sind. So sind auch sie uns immer als interpretierbare (geistige) Werte gegeben. Die Reduktion von  mqt×qt2 „verinnerlicht“ diese in unser bekanntes Verhaltens  f ´ v .

18. All diese  mqt-kategorialen, semantischen Momente, ins  f-kategoriale zurückgeführt (durch  t‑3-Reduktion oderr über Pos. 22-23-13 der Schleifen), leben somit weiter in den  p- und  mq-Formen und tragen dazu bei, das menschliche Leben als Ganzes zu „heiligen“ (was natürlich hier keine religiöse Charakteristik zu sein braucht), also um es „Wert“ zu geben. Dabei darf man nicht vergessen, dass jede Semantik mit Selbstreferenz ihren spezifischen Paradoxien ausgesetzt ist. Das bekannte Epimenidische Paradox würde wieder entstehen, wenn solche Momente von sich selbst erzählen würden – oder so „gelesen“ würden – dass sie eben „nicht-heilig“, profan, wären; dann würden bemerkenswerte kulturelle Ereignisse wie z.B. Werteumkehr aller Art entstehen (Tabu-Umkehr, Karnevals usw.). Solche Ereignisse sind natürlich davon abhängig, dass Werte des „Heiligen“ als solche überhaupt anerkannt werden. Werden sie dies nicht, wie z.B. in bürgerlichen Gesellschaften, die von materialistischen, rationalen oder gar humanistischen Ideologien getragen sind (die ja alle die Formen der dritten Schleife nicht gern anerkennen), dann wird natürlich alles ganz profan vor sich gehen. Um ein solches Beispiel zu nennen, könnte man z.B. an die Todesstrafe in Gesellschaften denken, die immer noch die Notwendigkeit solcher Strafen behaupten. Da sieht man, wie diese Ereignisse sich in der Tat zu recht „sinnlosen“ Prozeduren reduzieren, die eher den Eindruck machen, dass keiner (besonders nicht die Henker!) Unannehmlichkeiten dabei erfahren dürfte (ausgeprägt z.B. in der USA, wo klinisch ganz sauber gearbeitet wird, und sogar zwei Giftspritzen parallel mechanisch gesteuerte werden, so dass in Wirklichkeit keiner der beiden Akteure genau weis, wer im gegebenen Fall den geforderten Tod verursacht hat).

19. Wenn diese kategoriale Analyse korrekt ist, ist auch verständlich, warum emotional sowie kognitiv diese ethischen und ästhetischen Werte sich oft mit religiösen Vorstellungen verbinden (z.B. als religiöse Kunst und Architektur, phantasievolle Ausstattungen des Rituellen, Heiligen usw.). So ist bei Initiationen junger Menschen immer die (oft sehr gefühl- oder leidvolle) Einführung in Traditionen wichtig, um das kulturelle Erbe subjektiv eingeprägt weiterzugeben. Solche Traditionen, Vorstellungen, rituelle Ausstattungen und Ereignisse, Bilder usw. (die  qt-Formen) haben große Bedeutung für die Betreffenden. Als angeeignete„Werte“ (dann als  mqt2-Form) werden sie mit allen relevanten Elemente des gesellschaftlichen Lebens assoziiert. Deshalb kann Peter Ruben (1978) auch (in Verbindung mit der Ableitung objektiver, z.B. ökonomischer Werte) schreiben: „Ein Naturgegenstand oder eine Natureigenschaft (eine Verhaltensart oder Reaktionsweise) hat nicht an sich Wert, sondern infolge seiner oder ihrer positiven Bedeutung für die Wertenden. In bezug auf unsere Bedürfnisse werden Naturgegenstände zu Wertträgern!“ (A.a.O., S. 136; das gilt also auch für subjektive Ergebnisse religiöser Rituale.) Solche Bedürfnisse brauchen sich nicht auf nützliche Sachen des Alltagsleben, sondern können sich ganz allgemein auf kulturelle und geistige Sachen beziehen. Unmessbaren Werte sind natürlich für die „harten“ Wissenschaften weniger interessant, vielleicht sogar ganz unzugänglich.

20. Solche Überlegungen erklären auch die Verschiedenartigkeit der Menschenbilder, die die verschiedenen Kulturen entwickelt haben. Sind menschliche Individuen primär kontingente Elemente einer gesellschaftlichen Menge, oder sind sie als Glieder einer gesellschaftlichen Ganzheit aufzufassen? Formal hängt die Frage u.a. damit zusammen, ob man die Vorstellung vom „heiligen“ Menschenleben teile oder nicht, ob das Leben eine „heilige“ oder eben eine profane Sache ist. Zwar können im Extremfall in beiden Fällen die Individuen entleibt werden, im ersten Fall als Moment gesellschaftlicher Riten, wobei der betreffende oft „ewigen Leben“ in ständiger Ehrung erwirbt. Jeder war und bleibt dann immer seiner Gesellschaft einverleibt und kann in dieser Form weiter lebensfördernd funktionieren. Alles was ihm geschieht und geschah war dann Momente des gemeinsamen Lebens; ethische und ästhetische Momente waren ihm vom Anfang an inhärent, seine Lebensform kollektivistisch. So geht im Prinzip bei seinem Tode der Gesellschaft auch nichts verloren; als Ahne bleibt er nach seiner Totenfeier ständig verehrt; vielleicht kann er sogar sein Wiedergeburt erwarten.

Im umgekehrten Fall ist alles anders. Was der neuen Generation mitgegeben werden kann ist ihr nur materiell vorgegeben, nichts davon gilt ihr – wieder dem Prinzip nach – als besondere  mqt- oder  mqt2-Momente, und es gibt auch nichts, worauf sie sich in dieser Form weiterhin beziehen könnte. Materiell ist der Mensch hier ein kontingentes Exemplar der biologische Art Mensch, und wenn er stirbt, verlässt er die Welt so leer, wie er kam.

Ideologisch ist diese Haltung gern mit allgemeiner Menschenverachtung verbunden. Als Person ist er letzten Endes nur verantwortlich für sich selbst, seine Familie, seinen Nächsten, seinem Betrieb usw. (jeder ist seines Glückes Schmied!). In einer solchen Kultur hat der Mensch in sich wenig „Wert“, und was mit ihm geschieht, Ausbildung, Familienleben, Bestrafungen usw., geht letzten Endes eigentlich nur ihn selber an.

 

 

Selbst-referentielle Gesellschaft

Der bürgerlich-demokratische Staat und andere Gesellschaftsformationen

21. Im Laufe dieser formalen Darstellung der dialektischen Sprünge haben wir eine Entwicklung der Wertkategorie von  f  durch  p  und  mq  nach  mqt  und zurück zu  f  beschrieben, die uns hier noch einmal beschäftigen muss. Die erste Form  f  bezog sich primär auf die einzelne Person. Die Form  p  war die des ökonomischen Werts, gegebenenfalls durch Arbeit hergestellt, allgemein Form unmittelbarer individueller Ergebnisse. Die allgemeine Form des Nutzens  mq  stellte – nebst der Geldform – die Rückbezogenheit dieser Sachen auf die Gesellschaft als Ganzes dar, so dass ihre Individuen sich alle irgendwie auf diese Form beziehen mussten. Wie  f  sich in  v  realisierte,  p  in q , so auch diese gesellschaftliche Kategorie in ihrem eigenen  t/m-Produkt  qt , von dem wir unmittelbar erwarten, dass es das selbstreferentielle, spezifisch semantische Moment dieser Gesellschaftlichkeit repräsentiert, so dass diese sich dadurch als solche auf sich selbst rückbeziehen.

                      Wie aber realisiert sich allgemein diese gesellschaftliche Selbstbezogenheit? Das tut sie im „modernen“ Staate vornehmlich durch politische Traktate, Gesetzbücher und andere sprachlich fixierte Regelungen allgemeinen Charakters. Und wer bezieht sich auf diese  mq-Formen und auf ihre Selbstdarstellungen, qt ? Das tun Ich- oder Wir-bezogen Individuen in ihrer kollektiven  mqt-Form, die sich eben öffentlich kundgeben und Allen gegenüber gelten sollen als institutionalisierte Gremien der betreffenden Gesellschaft (primär die Politiker und andere dafür ausgewählte Personen wie Administratoren, Beamte, Anwälte, Richter usw.), und die also diese Institutionen repräsentieren und ihren „Sinn“ semantisch und real ausdrücken sollen.

Dies ist die ideologische Grundlage bürgerlicher Demokratie. In ihr geht diese kollektiv-subjektive Form  mqt  unmittelbar in die individuelle Form  f  über, definiert so den Einzelnen als gesellschaftliches Individuum mit seinem kollektiv gegebenen bürgerlich-gesellschaftlichen Bewusstsein, seinem (reduzierten) Rationalismus und profaner Semiotik der Zirkulationsformen.[5]

                      In welcher Form aber tritt diese kollektiv gegebene Semiotik auf? Sie drückt den besonderen „Sinn“ der bürgerlichen Gesellschaften mit ihrer Geld- und anderen Formen von Wirtschaft mit ihren messbaren Werten aus und formulieren somit diesen gesellschaftlichen „Sinn“ in Form von Gesetzen, Verfassungen, Menschenrechtserklärungen usw., die dann allgemein in der Form  qt2  kleiden.

                      In dieser formalen Position konkurrieren natürlich säkularen Ideologien mit religiösen der Christlichen Kirche und anderen religiösen Organisationen. Zwischen beiden wird immer – insofern sie überhaupt ihre Existenzberechtigungen gegenseitig anerkennen (vgl. das Wort „Gib den Kaiser des Seinigen und Gott des Seinigen“) – die Frage bestehen, welche von ihnen als die hierarchisch ranghöhere zu betrachten sei. Bei gegenseitiger Anerkennung ist auf diese Frage prinzipiell keine endgültige Antwort zu geben. Beide haben als Ideologien die Form  qt2, und diese Form steht allein am Gipfel des ganzen Kategoriensystems. So ist die Frage weder politisch noch theologisch einseitig lösbar.

22. Dies stellt aber nochmals die vieldiskutierte Frage von der Vergesellschaftung des Individuums als Funktion der Zirkularität. Wenn alle im Prinzip individualistisch handelnden Exemplare menschlicher Gattungsinstitutionen sind, wie können sie dann eine ganzheitlich funktionierende Gesellschaft bilden? Wir müssen davon ausgehen, dass keine solche individualistisch handelnden Einzelpersonen sich kontraktmässig auf eine zyklische Lebensform verpflichtet haben könnten; auch nicht, dass sie unmittelbar aus sich selbst als Individuen die betreffenden Institutionen generiert (beschlossen) haben.

Eine ganzheitlich funktionierende Gesellschaft muss schon vorher als gesellschaftliches Ganzes existiert haben, um dann nach und nach neue Formen des Zusammenlebens entwickelt haben. So hat die „sog. ursprüngliche Akkumulation“ zu der ökonomischen Formation mit ihrer spezifischen gelddominierten Zirkularität geführt, die die explizite Grundlage unserer Analyse war. Aber auch hier schlossen sich Individuen nicht freiwillig und aus eigener Lust und Entscheidung zusammen; im Gegenteil, unter den gegebenen Bedingungen der schon existierenden Ganzheit wurden Individuen massenweise aus dieser kollektiv ausgeschlossen und vereinzelt: So mussten sie sich vereinzeln, sogar ihre Verfremdung (Expropriation) von eigenen Existenzbedingungen insofern akzeptieren, dass sie sich nachher überhaupt wieder in diese neuen, ungewünschten Verhältnisse einfügen könnten; d.h. sie stellten sich darauf aktiv ein, innerhalb der neuen Gesellschaftsformation zu leben (um nicht einfach ihren eigenen „sozialen Tod“ wie die Sklaven ganz akzeptieren zu müssen; vgl. Patterson, Einleitung).

Unberaten von institutioneller Seite sahen diese Individuen – jetzt als Außenstehende, sozusagen Fremde – sich gezwungen, eine Wiederaufnahme in die noch existierende Teilganzheit im Sinne einer gesellschaftlichen Reintegration zu suchen. Das würde jedoch nur gelingen können, könnten sie selbst die bürgerlich-ökonomische Wertzirkulation fördern. Kurz, sie sahen sich gezwungen sich freiwillig der gesellschaftlichen Reservenarmee anzuschließen und Arbeitsangebote abzuwarten.

23. Aus den selbst-referentiellen  qt- und  qt2-Texten der Gesellschaften erfährt man (die letzte als „Maßstab der Politik, Ideologie usw.“), was im gesellschaftlich-kollektiven Sinne „Wert“ ist (sozusagen im Sinne von „Maß der Gesellschaftlichkeit“). Aus  a  (bzw. v; nach t‑3-Reduktion) dagegen erfährt man gleichzeitig, was gesellschaftlicher „Unwert“ ist. Was nicht im gesellschaftlichen (d.h. kollektiven) Sinne „Wert“ ist, ist eben gesellschaftlicher „Unwert“. Dieser wird als solcher verflucht, bzw. bestraft. Die Strafmaßnahmen nach dem  mq-Maß der Gesellschaftlichkeit (z.B. um Schulden abzurechnen) sind profan und richten sich gegen den einzelnen Mensch, und jede Abrechnung wird nur den Übeltäter und keinen anderen betreffen. (Was eine Strafe gegebenenfalls für Frau und Kinder, Arbeit usw. bedeuten würde, ist im Prinzip der Sache gleichgültig.) Strafmaßnahmen nach dem  mqt-Maß der Gerechtigkeit haben jedoch eben kollektiven Sinn, auch wenn sie ins Individuelle zurückgeführt werden).

Diese Ideologie mit ihrer Gesetzgebung ist also formal der Geldprägung analog, wenn auch der dimensional nächsten Sphäre angehörig. Gesellschaftliche „Werte“ empirisch erfahrbar gemacht, sogar lesbar, so dass das selbst-referentielle Moment jedem Einzelnen direkt zugänglich wird. Die Ideologie erklärt somit selbst, was sie ist, gegebenenfalls auch wie sie zu realisieren ist. Solche Texte stellen kollektiver Sollwert dar (doch der wirkliche „Wert“ solcher institutionalisierter Sollwerte ist wieder nur „Glaubens“-Sache; er kann als solcher bezweifelt, diskutiert oder gar ohne die Sphäregrenzen zu überschreiten verneint werden).

                      Bezüglich der hierarchisch bedingten Gesellschaftsstrukturen hat die Unterbetonung der höheren Teile des Kategorienzirkels weiterhin Konsequenzen für die Hierarchie zwischen den einzelnen Zirkeln, die hier die antagonistischen Klassen repräsentieren; gleichzeitig gibt es sie auch zwischen den respektiven Sphären derselben Kategorienzirkel als solchen. Auf der einen Seite könnte man gewiss sagen, dass nach Marx der Produktionsteil über den Distributionsteil dominiert und dieser wieder über den politischen Teil; gleichzeitig scheint hier der Distributionsteil über den Produktionsteil in dem Sinne dominierend, dass jene gerade als analytisches Mittel diesen gegenüber funktioniert. Die ganze Lage bleibt jedoch problematisch, so lange auch der intellektuelle, bzw. der politisch-ideologische Teil der ganzen Struktur (die mq-qt- und  mqt-qt2-Spären) theoretisch wegamputiert wird, wobei ihre explizite Rücktransformationen in die Produktionssphäre ( f×v ) unmöglich wird. In der bürgerlichen Gesellschaft erscheint folglich die profan-individualistische Existenzweise ranghöher als die ideologisch bedingte Existenzweise innerhalb des politischen Staates, bzw. die der Kirche.

So realisieren sich hierarchische Rangordnungen in widersprüchlichen (persönlichen oder privaten) Sphären des Individualismus, ohne dass es der so amputierten politischen Sphäre gelingt, sich irgendwie ideologisch, selbstreferentiell konsequent über die autoreferentielle Bewegungsformen zu behaupten. So bleibt der tief verwurzelte Individualismus in bürgerlichen Gesellschaften schwer zu überwinden. Es fehlen ihnen einfach die Möglichkeit, eine ethisch-ästhetische, imaginäre Wertdimension zu formulieren und weiter zu entwickeln.

24. Diese Verhältnisse haben sind historisch bedingt. Die im eigentlichen Sinne grundlegende bürgerliche „Revolution“ im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts – die ökonomische als Bedingung der politischen – war u.a. die massenhafte Enteignung der arbeitenden Menschen in England. Diese schuf zunächst die Dominanzbeziehung zwischen den Eigentümern, den Geldbesitzern (den „Kapitalistenraupen“), und den eigentumslos gemachten, den Nicht-Geldbesitzern, die nur die Möglichkeit hatten, ihre Arbeitskraft gegen Geld zu veräußern. So wurde auch die Arbeitskraft messbar – und ihr biologischer Träger gleichgültig.

                      Die bürgerliche Gesellschaft übernahm jedoch eine ältere politische Struktur, die auf ganz anderen strukturellen Voraussetzungen, eben feudaler Art, gegründet war. Diese ältere Gesellschaftsform war primär auf Besitz von Boden und Land basiert, was lange die hierarchischen Verhältnisse dieser Gesellschaft bestimmte. Soweit blieb einigermaßen Nützlichkeit Zentrum der Aufmerksamkeit. Für diese Struktur bedeuteten die massenhaften Enteignungen die Zerstörung der ganze demographischen Strukturen auf dem Lande; auch der Boden war schon (lange bevor der Arbeitskraft) Handelsware geworden, so dass auch lange Landbesitz veräußert werden konnte. Die früheren Hierarchieverhältnisse lösten sich auf, und die Voraussetzungen der neuen bürgerlichen Zyklizitätsform – mit ihren Konsequenzen und Inkonsequenzen – waren gegeben.

Auch der Europäische Feudalismus kann aber mit unserem Kategoriensystem analysiert werden. Die erste Schleife bezieht sich dann auf die konkrete Landarbeit der Bauernbevölkerung, die ihren Feudalherren verpflichtet war. Diese Schleife ist also der Herstellungs-, bzw. Produktionsschleife analog. Die zweite Schleife bezieht sich dann besonders auf die Gewerbe und die Geldökonomie der Städte, die auch im entwickelten Feudalismus von großer Bedeutung waren. Als besonderer institutioneller Überbau mit den  mq-Kategorien als Basis haben wir dann die Schleife des Königs- und Staatsapparats mit seinen  mq-Kategorien, dessen Selbst-Referentialität schlussendlich durch die Kirche und ihre Bibel und Dogmen religiös begründet wurde.

Da jedoch die Arbeitskraft der Landbevölkerung und der Leibeigenen nicht als Lohnarbeit realisiert wurde, zog der allgemeine Geldgebrauch die Interesse der ganzen Ökonomie primär auf die Tauschwerte an sich heran (was einerseits die Ökonomie als moderne Wissenschaft erschwerte, andererseits aber die Entwicklung der messenden Wissenschaften wie Physik und Chemie förderte). Eine eigentliche Wertdefinition, die dann auch die  mq-Form und ihre Realisation involviert hätte, war vorläufig theoretisch ausgeschlossen und auch gar nicht notwendig in Praxis.

                      Die Entstehung der kapitalistischen Lohnarbeit und die wissenschaftlich geleitete Technologieentwicklung änderte mindestens teilwiese dies. Triebkraft dieser Entwicklung wurde die junge Physik, die die klassische Aufforderung, alles Messbare zu messen, erfolgreich realisiert hatte und erst so im Stande war, die für die kommende Technologieentwicklung notwendigen Erzeugnisse bereitzustellen. Die großen konstant laufenden Treibmaschinen bereiteten den Boden für Entwicklung von Begriffen wie Impuls und Energie. So entwickelte die physikalisch-technologischen Wissenschaften ihre allgemeine Interesse in Maßstäben und die entsprechenden auf Äquivalenz beruhenden Mess‑(Tausch‑)werten. Der dazu gehörende Rationalismus führte dann dazu, dass religiöse Begründungen von Königtum und Staatsapparat abgelehnt wurden – und somit auch die ganze Interesse an der dritten Kategoriensphäre. Daraus folgten zwar theoretische Probleme, was Marx z.B. mit dem Mehrwertproblem zu kämpfen gab (vgl. das Problem der „konkreten Arbeit“, die Ware Arbeitskraft zu reproduzieren; I.11) sowie der Physik mit dem analogen Problem der Entropie – historisch zu genau derselben Zeit. Auch hier lag eine (mindestens vorläufige) Lösung des Problems im „Inneren“ der agierenden Elemente. So wie Produktion von Arbeitskraft ein physiologisches Problem war, so wurden auch die Entropie durch innere (molekulare) Bewegungen der Körper begründet; Entropie wurde zum Ordnungsproblem. Auch die Frage vom Zufall wurde neu gestellt.

                      Sowohl in der Ökonomie als in der Physik war das ideologische Ergebnis der Entwicklungen das gleiche: Es entstand ein aus idealisierten Elementen bestehendes, abstraktes („metaphysisches“) Weltbild, das, was der Kategorienentwicklung betrifft, in beiden Fällen seine logische Schranke bei den  mq-Formen fand, die für lange Zeit stillschweigend angenommen wurde, ohne nach einem „größeren Zusammenhang“ zu fragen.

 

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NACHTRAG

ZU DEN KAPITELN II, III UND IV

25. In den Kapiteln II, III und IV ist ein Kategoriensystem entwickelt worden, dass weiter in Kap. V vervollständigt werden soll, bis es in seiner möglichst vollen Absolutheit hervortreten kann. Im Nachtrag zu diesem fünften Kapitel (als Fußnote) werde ich jedoch versuchen, wenn möglich, diese formal scheinbare Absolutheit wieder ein bisschen zurückzunehmen, auch wenn sie im anschließenden Dialogtext immer noch das hinterliegendes Problem bleibt. Das gleiche ist insofern auch Sinn des hier vorliegenden ersten Nachtrags, indem ich zeigen möchte, dass diese scheinbare Absolutheit keineswegs „vom Himmel gefallen“ ist, sondern ihre klaren historischen Voraussetzungen hat. Diese sind also hier in kürzester Form anzudeuten. Ein vorläufiges ganz schematisches Themenkatalog für die vorläufig letzten drei Kapitel dieses Buches würde wie folgend lauten:

Kap. III: Produktionsverhältnisse (unter der Bedingung Zirkulation und Konsumption/intellektuell-geistige Reproduktion des menschlichen Gattungslebens). Sphäre  f  und  v , „Sinn“ sphärenspezifischer Ergebnisse von Form  p. („Erster Sprung“)

Kap. II: Zirkulationsverhältnisse (unter der Bedingung der Produktion und Reproduktion der Gattungsverhältnisse, darunter Verhältnisse (materielle und ideelle) zwischen Leben zur Umwelt). Sphäre  p  und  q ; „Sinn“ sphärenspezifischer Ergebnisse von Form  mq. („Zweiter Sprung“.) Diese Form stellt gleichzeitig eine  „Erste Schranke“ der Kategorienentwicklung dar. Sehr bemerkenswert ist, dass die Kategorien  p und  q  bei Marx als Modell auch für die Gedankenentwicklung von Kap. III funktionieren. Diese Kategorien werden also stillschweigend grundlegende Bedeutung zugemessen.

Kap. IV: Gattungsverhältnisse (unter der Bedingung der Produktion und Zirkulation). Verhältnisse der Konsumption, körperliche wie intellektuell-geistige Reproduktion. Sphäre  mq  und  qt , „Sinn“ sphärenbestimmter Ergebnisse von der Form  mqt » f  („Dritter“, bzw. „Nullter Sprung“ nach Reduktion). Unklarer ist noch die Seinsweise einer (theoretisch möglichen) Sphäre  mqt und qt2  mit dem endgültigen, nie aber zu bestätigenden „Sinn“ der Form  mqt2 ; von einem „Vierten Sprung“ wird also keine Rede sein. Diese Sphäre habe ich die „geistige“ genannt, die jedoch der Kategorienentwicklung ihre endgültige „Zweite Schranke“ setzt.

Alle behandelten Verhältnisse wären dann primär zwischen Menschen als gesellschaftlich zu betrachten, obwohl immer irgendwie vermittelt: (II) durch Zirkulation von abstrakten Dingen z.B. in Form von Waren (menschliche Beziehungen vermittelt durch Geld als Verteilungsmittel; Äquivalenz); (III) durch Produktion (Umweltbewältigung vermittelt durch Werkzeug, Maschinen usw., Mehrproduktion); endlich (IV) das Gattungsleben (vor der „Ersten Schranke“: innerer Stoffwechsel; vor der „Zweiten Schranke“:  äußere kollektiv-symbolische Kommunikation) innerhalb gattungsbestimmten Grenzen um der Gattung ihre „Ewigkeit“ zu versichern.

Es ist wert hier zu bemerken, dass die Kategorien der Zirkulationssphäre (Wert  p  und Gebrauchswert  q ), die ja für Marx Ausgangspunkt seiner ganzen ökonomischen Wissenschaft war, für unsere „westliche“ Kulturentwicklung auch im historischen Sinne von besonderer Bedeutung waren – oder besser: immer noch besondere modellhafte Bedeutung zugeschrieben wurden; z.B. baut in der Tat utilitaristische Ethik ganz konsequent auf Denkmuster dieser zweiten Sphäre. So ist es aber bestimmt nicht immer und überall gewesen. Es fragt sich deshalb, warum gerade diese Zirkulationskategorien genau in unseren Teilen der Welt eine solche entscheidende Bedeutung für uns alle und unsere ganze Kultur bekommen konnte. Gerade diese Frage soll hier in Kurzform behandelt werden.

26. Wir wenden uns hier dem besonderen historischen „Impetus“-Begriff zu. Dieser war eben dadurch charakterisiert, dass er sowohl ökonomische, physikalische wie theologische Konnotationen hatte. So könnte man sagen, dass dieser sonderbare Begriff (oder eher Vorbegriff) sich historisch auf alle Themen der hier berührten Kapitel bezog. Zunächst müssen wir uns in die antike Sklavengesellschaft zurückversetzen. Wie schon bemerkt, ist ein Sklave keine „Person“, hat keine Bestimmungsrecht über eigene Sachen, kein Eigentumsrecht usw.; wie Orlando Patterson sagte (1982; vgl. auch I.8), er war gesellschaftlich „tot“, hatte keine „Seele“ (d.h., ihm fehlte eben die formale Ich-Bezogenheit  m ); er war einfach Körper mit geschenktem oder geliehenen Leben, seine Seinsweise in der Tat nur den Nicht-Tod). Er/sie stand seinem Herren als Helfer(in) oder Diener(in) voll zur Verfügung, gegebenenfalls auch als „Arbeiter“, Hersteller(in) von nützlichen Dingen, landwirtschaftlichen Produkten usw. Waren solche Produkte zum Verkauf, war dies natürlich ausschließlich Sache seines Herren; der Sklave könnte deswegen keine ökonomischen Forderungen erheben.

Dies änderte sich insofern im Laufe der Spätantike, als es sich zu der Zeit eine gewisse Schicht von Nicht-Sklaven, d.h. also doch „Personen“ entwickelte, die hauptsächlich als Handwerker tätig waren. In der traditioneller betriebenen Landwirtschaft gab es hier nichts Neues; aber für die freien Handwerker kam das Problem auf, wie sie als solche einen „gerechten Preis“ für ihre Produkte und damit auch einen gewissen Lebensstandard erhalten könnten, der sich über den der Sklaven erhob. Es war also historisch einen neuen sozialen Unterschied entstanden, der die Gesellschaft zu bewältigen hatte. Wie lies das sich machen? Worin bestand überhaupt dieser Unterschied? Und welche Konsequenzen sollte er für das allgemeine Leben bekommen?

Um solche Fragen zu beantworten, entwickelte sich nach und nach – u.a. vorangetragen durch große sozialen Unruhen in den größeren Städten wie Antiockia u.a. – der „Impetus“-Begriff. Von einem eigentlichen selbstidentischen Begriff im Sinne Abstraktion ist noch kaum zu sprechen. Ich wende mich hier besonders Michael Wolff und seinem Buch Geschichte der Impetustheorie (1978) zu.

27. Die Frage nach dem „gerechten Preis“ war in der Tat unmöglich zu beantworten. Sie entstand in einer Situation, wo schon die Frage, Was ist ein Mensch? auf dem Hintergrund des Unterschieds zwischen Personen und Sklaven aktualisiert wurde. Die Frage wurde aber jetzt konkretisiert: Nicht nur, was ist ein Mensch, wäre zu fragen, sondern: Was ist ein freier Mensch, wodurch unterscheidet er sich von einem Sklaven? Diese Was-ist-ein-Mensch-Frage wurde schon in der Spätantike heißes Diskussionsthema, nicht zuletzt unter den Theologen der frühen Christlichen Kirche.

Hier gab es zwei Hauptrichtungen, zunächst in Frage der besonderen Natur von Jesus Christus. War er ganz Gott, oder war er ein „Mensch“, der in besonderer Maße göttliche Würde besaß? Darüber wurde theologisch gestritten. Die „monophytistische“ (u.a. von Philoponos befürwortet) und die „dyaphytistische“, die also von dem Widerspruch Leib-und-Seele der einzelnen Menschen ausging. Nach und nach gewann diese letzte Auffassung den Überhand, so dass man Christus als Mensch aus zwei Prinzipien bestehend auffasste, ein göttlich-geistiges und ein körperlich-leibliches, in welches das erste Prinzip Platz genommen hatte. Eben durch dieses göttlich-geistiges Prinzip (die „Seele“, wie sie schon aus der Griechischen Philosophie übernommen war) unterschied sich der Mensch z.B. von den Tieren. Jede Person enthielt in sich diesen essentiellen Widerspruch – aber eben nur, insofern er ein freier Mensch war. Von Alters her war es üblich, diesen Unterschied wahrzunehmen: der „freie“ Mensch besaß als solcher eine gesellschaftlich anerkannte Würde (in Bezug auf Frauen sogar durch Tragen des Schleiers symbolisiert, was eben den Sklavinnen verboten war), die den Sklaven nicht zukam, so dass die freien Frauen nicht (schamvoll!) mit Sklavinnen verwechselt werden sollten.

Gerade diese also schon gesellschaftlich anerkannte Würde wurde nun zum ökonomischen Argument in Fragen vom „gerechten Preise“. Für die von freien Handwerkern hergestellten Produkte kam nun aber auch ein materieller Aspekt hinzu, der genau in der „Impetus“-Theorie zum Ausdruck kam. Im Handwerk eines freien Menschen kommt eben ein Stück seiner „Menschlichkeit“, seine Anstrengung und Mühe, Wissen und Erfahrung, Ehre und Erfindergeist zum Ausdruck. Das alles gibt er auf sein Produkt überführt diesem mit auf dem Weg – und dafür möchte er natürlich Entgelt empfangen. Diese Idee hat auch eine rein physikalische Seite. In jeder Einwirkung auf ein Ding wird diesem eine gewisse Menge „Impetus“ überführt. Der geworfenen Stein fliegt eine gewisse Strecke, ehe er wieder zum Boden fällt - gewiss keine „Inertie“, nur ihr begriffliches Vorstadium (doch diese Terminologie hielt sich bis zur Anfang der klassischen Physik mit Galilei und Newton, obwohl schon der eigentliche Sinn der Sache also längst der moderne war).

Wir sehen also hier einen – zwar unklaren – Begriff, in welchem sich diese drei essentiellen Aspekte des Lebens und der Umweltbetrachtung kreuzten. „Modernes“ Äquivalenzdenken war in diesem Gebieten noch nicht „erfunden“, und die Frage, was der „gerechte Preis“ wirklich war, ließ sich deshalb auch nicht klar beantworten – so wenig wie sowohl der überführte „Impetus“ wie auch die göttlich-menschiche Würde nicht messbar (und beide auch kaum begrifflich bestimmbar) waren.

In der Spätantike wurde die theologische Frage der Gottgleichheit der Menschen unter der Bezeichnung „oeconomia divina“ auch mit dem Impetus-Prinzip als Übertragungskausalität verbunden. „Schöpfung und Erlösung sind als Hauptakte der oeconomia divina ganz den Grundtätigkeiten menschlicher Wirtschaftsleben nachgebildet, oder wenigstens ... als solche Entsprechungen gedeutet.“ (Wolff 1982, S. 125) Gott wird von Philoponos als „Bild des Schöpfers als eines kraftvorbringenden, kraftübertragenden Handwerker verstanden,“ (ebd., S. 127) und so ist für ihn den Vergleich in der Tat naheliegend, „wenn das Kernstück der „oeconomia divina“, die Erlösung, mit Geldgebrauch in Beziehung gesetzt wird.“ (ebd., S. 126)

Wir bemerken also, dass es in sämtlichen der involvierten drei Sphären – aktuell oder metaphorisch – um Austauschprobleme geht. Der überführte Impetus, der gern entgeltet werden sollte, wie man auch von einem Schulden gelöst wird, ist genau die ökonomische Wert-Kategorie in spe, das  p-Moment in unserer Terminologie. Entsprechend hat der geworfene Stein einen gewissen „Impuls“ bekommen, auch eine Art   p-Moment. Und endlich das göttlich-geistige Prinzip, auf alles geschaffene überführt, das sich mit dem in sich unfreien (unreinen!) Leib vereint und somit diese Materie zum wirklichen freien Menschen macht (zu „Person“ mit ideellen Fähigkeiten), ist nochmals die Frage der „Ich“-Bezogenheit, dass sich auch hier (wie bei den beiden anderen Kategorien) mit der essentiellen  m-Kategorie vereint, sich durch selbstbewussten Wirksamkeit oder sonstige Bewegungsformen real bestätigt  (m × v = p ).[6]

28. Man muss zugeben, dass die Grundlage dieser besonderen Ideeentwicklung durch ganz spezifische, kulturhistorische und ökonomische Verhältnisse determiniert waren. In anderen Kulturen gab es andere Voraussetzungen, und es entwickelten sich somit auch andere Denkweisen. Diese können wir natürlich versuchen, mittels unsere eigenen Ideen und Kategorien zu analysieren, was aber eine ganz andere Frage ist. Hier wäre nur zu sagen, dass unter anderen Umständen und Voraussetzungen hätte auch unsere Kultur sicher ganz anders werden können. Unser traditionelles und verabsolutiertes Kategoriensystem muss seine eigene Gründe haben, und diese wäre kaum ohne die Impetus-Theorie und die besonderen weltliche und geistliche Marktverhältnisse der Spätantike zu verstehen. Eines ist natürlich, auf welche Basis sich die Keime des ganzen Kategoriensystems entstanden sind, etwas anders jedoch, unter welchen Bedingungen dieses System sich bis zur ideologischen Verabsolutierung entwickeln konnte. Diese Gründe müssen wir in den spezifischen Bedingungen des ganzen Gattungsleben suchen.

In der Antike gab es gewiss eine nicht ganz unwesentliche technologische Entwicklung, und diese setzte in der Spätantike und besonders im frühen Mittelalter fort. Verbesserte Transportmöglichkeiten, nicht zuletzt durch Schiffart auf den großen Europäischen Flüssen, regte zur neuen intensiveren Herstellungswirksamkeit und damit Handel an. Geld gab es schon seit langem; im Mittelalter aber spielte schon das Bankwesen eine nicht unwesentliche Rolle. Da jedoch die Kirche allgemein gegen Wucher und Zinszahlung war, entstand auch deshalb einen gewissen Sinn für Wertkonstanz. Dasselbe galt für die Mechanik, wo Statik für „Maschinen“-Bau das wichtigste war, und das natürlich ein gewisses Äquivalenzdenken mit sich führte. Auch war Identitätsdenken eine wesentliche Erbe der Antike. Es ging um substantielles „Sein“, das nur durch seine Akzidenzien in Erscheinung treten konnte – genau wie sich die ewige, göttlich-geistige Substanz, der „Logos“, das „Wort“ usw., zu inkarnieren hatte, Fleisch zu werden (vgl. Johannis I), um – außer als Glaubensartikel zu dienen – auch im Bezug auf das Impetus-Begriffs materiell-wirklich zu werden.

Diese Entwicklung, die gewiss durch den sich so stark entwickelnden Marktverkehr beschleunigt wurde, wurde auch von der weiteren technologischen Entwicklung verstärkt. Die Manufakturproduktion führte zur Buchhaltung, ökonomische Registrierung, Kalkulation von Bilanzen und Gewinnen usw., und die technologische Entwicklung forderte Vergleichbarkeit der manuellen Transaktionen und war in der Mühlentechnologie besonders in konstante Treibkraft-Funktionen interessiert. Mit der Entwicklung der Dampfmaschinen (und die Entwicklung der Thermodynamik, Äquivalenzdenken) wurde auch das Gesetz der Energieerhaltung, bzw. – und als inhärenten Gegensatz dazu – der Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (dem Entropiesatz) formuliert. Genau in demselben theoretischen Milieu schuf dann auch Marx seine Werttheorie (Wertkonstanz) und – wieder als inhärenter Gegensatz dazu – seine Mehrwerttheorie (erweiterte Reproduktion). Dabei wurde die Arbeitskraft als Aspekt des Spezifisch-Menschlichen (wenn also nicht gerade als Aspekt des „göttlichen“!) – selbst den Arbeitern äußerlich – den ihr sogar veräußerlichten Maschinenpark gegenübergestellt. Nach und nach eroberte diese historisch ganz einzigartige Produktionsweise mit ihrem spezifischen Produktionsverhältnis (Klassenantagonismus) das ganze Feld und wurde das gesellschaftlich dominierende, sogar (beinahe) alles bestimmendes Prinzip. Kein Wunder also (besonders in protestantischer Tradition), dass das so entstandene Kategoriensystem in seiner (gottähnlichen) Verabsolutierung tendenziell alleinherrschend und selbstgenügend erscheinen musste (davon weiter in kap. V).

Diese Selbstgenügsamkeit ist doch insofern Betrug, als sie genau so empfindlich gegen gesellschaftlich-materielle, also historische Entwicklungen ist (was wir noch im Ausblick zeigen werden), wie sie dank solche zur Stande kam.

Damit ist keineswegs aber die oben referierte Frage Marxens endgültig beantwortet (siehe Kap. I, 15),  ob „man es mit einer Konstruktion a priori zu tun“ hätte, wenn die ökonomische Wissenschaft durch Forschungen das „innere Band“ der verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungsformen dargestellt hatte. Zu dieser Frage des Aprioris hatte Marx – der ja genau in der Ära lebte, wo diese gegensätzlichen Denkweisen besonders hart zusammenstoßen (und gerade auch die Arbeiterklasse sich auf die historische Bühne meldete) – keine eindeutige Antwort. Einerseits sagt er in der sechsten seiner Thesen über Feuerbach: „Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“[7] Andererseits bemerkt er in der posthumen Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, die “Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen.“[8] Diese beiden Ansichten lassen sich aber nicht ohne weiteres vereinen. Im Fußnoten-Nachtrag zu Kapitel V werde ich auf einen heutigen Versuch im Gebiet der Physik (im Anschluss an Ilya Prigogine) hinweisen, um das scheinbare Apriori einer solchen möglichst absoluten p-q-Darstellung der mathematischen Physik zu entgehen. Im vorliegenden Nachtrag habe ich den umgekehrten Weg versucht, um die evolutionäre Spur zu verfolgen. Dabei ging es mir darum, dass die Richtung dieser Ideeentwicklung in der Tat keine a priori gegebene sein kann; sie ist eher als Resultat wechselnder „sozialer Dramen“[9] kontingent zu betrachten.

 



[1] Hierzu siehe auch Fußnote zu IV.12 unten.

[2] In dieser ersten Form der Beziehung können wir sogar im traditionellen Sinne von Ursache und Wirkung sprechen.

[3]  Stellte man sich allgemein eine solche Schleife vor, in der das dominante m-Moment in der Mitte stehen würde (Pos. 12) und mit zwei m-Momente im zweiten Zirkel (Pos 21, 23), würde diese Kombination vielleicht ein besonderes generatives Moment indizieren. Dabei würde dann die Initiierung des Verhältnisses beim „Du“ liegen. Bemerkenswert wäre hier auch, dass der oben erwähnte Widerspruch auf die Zeitdimension bezogen gar nicht auftritt.

[4] Dazu wäre vielleicht auch die alternative Schleifenstruktur von Fußnote 3 zu IV.12 noch einmal anzuführen, da hier keine Formen möglicher „Ausbeutung“ vorkommen. Diese Struktur gibt die Möglichkeit an, dass eine „sinnvolle“ Entwicklung im mittleren Zirkel (sozusagen in der „Umgebung“) stattfinden könnte, wogegen die zentrale Person (innerer Zirkel) dabei nur in ihren konkreten Bewegungen (ohne weitere Abstraktionen vornehmen zu müssen) geleitet wird.

[5] Dass Marx in Das Kapital nicht wie ursprünglich geplant auch die Frage vom Staat beantwortete, hat natürlich seine vielen ganz „natürlichen“ Gründe. Man könnte jedoch im Nachhinein noch einen davon hinzufügen: mit einer Schranke bei  mq und somit der konsequenten Vernachlässigungen jeder weiteren Form  mqt  wäre diese Aufgabe einfach unlösbar.

[6] Man bemerkt hier einen gewissen Widerspruch der Darstellung. Wie bemerkt gab es zwei theologischen Richtungen in Frage der Natur Christi, was aber in diesem Zusammenhang keinen großen Unterschied macht, insofern er sich allein auf das heilgeschichtliche Aspekt der Erlösung bezieht, das kaum direkt auf Zahlungen auf dem Markt überführt werden kann (seine Schulden zu bezahlen stellt wohl in sich keine „Erlösung“ dar?). Ich weise wieder auf das Buch von Wolff hin, wo diese Frage genau behandelt werden..

[7] Zitiert von MEW, Bd. 3, S. 5.

[8] Zitiert von MEW Bd. 13, S. 636.

[9] Dieser Term verdanke ich den Sozialanthropologen Victor Turner.