Es bewegt sich etwas nur,
nicht indem es in diesem Jetzt hier ist
und in einem anderen Jetzt dort ist,
sondern indem es in einem und demselben Jetzt
hier und nicht hier,
indem es in diesem Hier
zugleich ist und nicht ist.
Man muß den alten Dialektikern die Widersprüche zugeben,
die sie in der Bewegung aufzeigen;
aber daraus folgt nicht, dass darum die Bewegung nicht ist,
sondern vielmehr, dass die Bewegung
der daseiende Widerspruch ist.[1]
Der daseiende Widerspruch
1. Was nun? Wir haben eine Reihe von Analysen ausgewählter Textstellen aus Das
Kapital von Karl Marx vorgenommen und dafür einige sonderbaren Formalismen
eingeführt – die gewiss den meisten „gewöhnlichen“ Menschen verschlossen
bleiben werden. Können diese aber vielleicht trotzdem in unserem Zusammenhang
„archetypische“ Strukturen darstellen und insofern, welche Weisheit könnte
daraus zu gewinnen sein – wenn überhaupt?
Spannen wir einen langen Bogen über diese Abstraktionen hinweg, erkennen
wir doch, dass uns nichts hindert, mit Marx über Marx hinaus zu gehen
– wenn vielleicht auch nur einen einzigen Schritt. Ich meine in der Tat hier
aufgezeigt zu haben, dass das ganze Marxsche Werk in seiner Denkstruktur so
konsequent vorgelegt ist, dass es sogar implizit die eigenen Grenzen und den „blinden
Flecken“ offen legt – und eben deshalb geben diese Analysen uns doch die Möglichkeit,
hinter den Buchstaben zu schauen – zunächst was das Marxsche Denken
selbst angeht. Die nächste Frage wäre natürlich, ob dies uns auch erlauben würde,
in der eigenen gesellschaftlichen Praxis einen Schritt über diese Schranken
hinweg zu gehen, um so für uns ganz neue Denkmöglichkeiten zu realisieren?
Weiter wurde dargelegt, dass diese klare und konsequente Denkstruktur in
der Tat bei Marx nicht nur ihm selbst als genialen Denker betrifft, sondern die
ganze kulturhistorische Periode charakterisiert, in der Marx lebte, und die wir
noch gar nicht hinter uns gelegt haben. Das Marxsche Denken ist somit kein
isoliertes Phänomen. Dass Marx seine Methode bewusst an die Methoden der
zeitgenössischen Physik anlehnte ist nur die eine Seite der Sache; dass dies überhaupt
möglich war, weil beide Denkweisen historisch und kulturell intim verbunden
waren, ist die andere, die wichtiger erscheint.
Deshalb die Frage, die schon in Einleitung
gestellt wurde: Was sind real-historisch die notwendigen Bedingungen, dass die
betreffenden Kultur- und Denkformen überhaupt entstehen konnten, deren
Bedeutung tatsächlich so weit über ihre fachspezifischen Grenzen hinweggehen?
Welche sind die wirklichen Bedingungen, die uns immer noch in diesem
zeitbedingten, also kapitalistischen Denk- und Lebensstil festhalten? – und:
Welche entsprechenden Bedingungen wären notwendig, um zukünftig über diese
hinaus zu gehen, um einige der aufgezeigten Perspektiven – und somit auch ganz
neue Denkweisen – zu realisieren?
2. Um uns diese Fragstellungen ein bisschen zu konkretisieren, werden wir
zunächst uns das bekannte, oben zitierte Stück aus der Hegelschen Wissenschaft
der Logik ein bisschen genauer ansehen – denn genau das wird oft als der
Wegweiser in die Dialektik betrachtet.
Dieses Zitat besteht aus vier
Teilen, die wir einzeln betrachten wollen:
1.
„Es bewegt
sich etwas [eben nicht] nur, nicht indem
es in diesem Jetzt hier ist und in einem anderen Jetzt dort ist“;
2.
„sondern indem es in einem und demselben Jetzt hier und nicht hier,
indem es in diesem Hier zugleich ist und nicht ist“.
3.
„Man muß den alten Dialektikern die Widersprüche zugeben, die sie in
der Bewegung aufzeigen; aber daraus folgt nicht, dass darum die Bewegung nicht
ist“;
4.
„die Bewegung (ist) der daseiende Widerspruch.“
Ad
1. Dies besagt zunächst, dass nicht von Bewegung im alltäglichen Sinn des
Worts die Rede ist. Dass ein Ding sich „bewegt“, indem es seine Stelle
wechselt, ist eine ziemlich triviale Konstatierung, die Hegel hier ganz außer
Acht lässt.
Ad
2. Dieser Teil des ersten Satzes ist der entscheidende. Vom Hier und Jetzt eines
Dinges ist zweifaches zu sagen, dass es sich – mindestens laut Hegel – im
existentiellen Sinne widerspricht: es gleichzeitig ist und ist nicht hier.
Ad
3. Hier entschuldigt Hegel die alten Philosophen, besonders Zenon aus Elea, den
Aristoteles als dem Erfinder der Dialektik nannte. Dieser Zenon formulierte laut
Epiphanios sein Paradoxon vom „Fliegenden Pfeil“ so: „Und er [Zenon]
argumentiert folgendermaßen: Das
Sichbewegende bewegt sich entweder an dem Ort, wo es ist, oder an dem, wo es
nicht ist. Und es bewegt sich weder an dem Ort, wo es ist, noch an dem, wo es
nicht ist. Also bewegt es sich überhaupt nicht.“[2] Hier wird das Sichbewegende,
irgend ein Ding wie z.B. ein fliegender Pfeil, widersprüchlich sowohl
am-Ort-seiend als am-Ort-nicht-seiend angegeben, und an diesem Ort, wo sein
Dasein unbestimmt ist, ist auch seine Bewegung unbestimmt; ergo: es
bewegt sich gar nicht. Somit problematisiert Zenon hier zwei, vielleicht sogar
drei scheinbar ganz triviale Sachen des Alltagsleben, nämlich den „Ort“,
die „Bewegung“ und sogar das etwas „gegenwärtig ist“ (ein Sein) –
jedoch unter Beibehaltung vom „Jetzt“ und „Ort“ als solchen.
Ad
4. Indem Hegel diese doppelte Unbestimmtheit (gleichzeitige Ja- und
Nein-Behauptungen) von „Bewegung“ und „Hier-und-jetzt-Seienden“ gelten lässt,
erklärt er die Bewegung als solche als „der daseiende Widerspruch“.
3. Hier bemerkt man besonders, dass ausgesagt wird,
dass ein sich bewegendes Ding also an einem Ort sein kann und gleichzeitig nicht
sein kann. Das Am-Ort-Sein scheint unproblematisch. Was aber kann gemeint sein beim
Am-Ort-nicht-Sein, das doch gleichzeitig mit dem Dasein am Ort stattfinden
sollte? Natürlich wissen die Griechen von Bewegung im Allgemeinen, und das wird
ja hier auch nicht bezweifelt. Was jedoch das besonders problematische dabei ist,
ist das Sich-bewegen-an-einem-bestimmten-Ort, so dass Zenon daraus schließen
muss, dass es überhaupt keine Bewegung gibt – was seine Zeitgenossen natürlich
ärgern musste, da der Schluss „bekanntlich ihren Widerlegern große
Schwierigkeiten“ machte.[3]
Eben dies möchte Hegel nun gern entschuldigen. Aber worin
liegt eigentlich die Schwierigkeit, warum war es so schwierig, hier zu
argumentieren? Parmenides hatte klar darauf bestanden, dass vom Nicht-Sein
nichts auszusagen sei. Hier war die Lage jedoch komplizierter. Aber warum
denn, da es doch einleuchtend ist, dass „das Sichbewegende sich bewegt“?
Es kann nur daran liegen, dass Bewegung als solche, zwar
alltäglich bekannt, doch kein philosophischer Term war, kein Begriff und als
solcher theoretisch nicht „bestätigt“.[4]
Vielleicht könnte man mit Havelock sagen, dass Bewegung eben kein „Ding, ja
das“, also kein logisches Thema sei. Somit ist doch der Schluss der Alten ganz
“logisch“, und wenn jemand das nicht einsehen kann, muss es einfach mit dem
bekannten „blinden Fleck“ zu tun haben. Die Alten hatten ja – eben als
Philosophen – nicht die kulturbedingte und somit auch historisch bedingte Möglichkeit,
die „Bewegung“ als solche zu „sehen“, um gar nicht von der von Menschen
ausgeübten Bewegung als solchen, als existentielles Moment zu sprechen („Arbeit“,
oft von Sklaven ausgeübt, wurde eben deshalb auch nicht gesellschaftlich bestätigt;
vgl. IV. 26-27). So konnte man es nicht als wesentliches, selbstidentisches Phänomen
begreifen, nicht ein-“sehen“ – um gar nicht zu sagen messen oder bewerten.
Wenn es für den Philosophen keinen solchen bewertbaren
Term „Bewegung“ gibt, können sie als Philosophen (nicht als „normale“
Menschen!) nicht von der Bewegung als solcher sprechen und theoretisieren; die
Sache sei einfach „unaussprechlich“.[5]
Das ist „logisch“ – eben in einer Zeit, wo klar gemacht war, dass Widersprüche
zu vermeiden sind, so dass nur wahrhaftig vom Seienden zu sprechen sei. Man
verneinte Bewegung als logischen Term – einfach weil man keinen solchen besaß!
– nicht aber als alltägliche Erfahrung, wo jeder natürlich wusste, dass man
„in diesem Jetzt hier und in einem
anderen Jetzt dort ist“ oder sein kann.
4. Hegel gibt sich also nachsichtig. Aber es
dauerte doch zwei Jahrtausende, bis Galilei seine Gesetze der Bewegung (die
Fallgesetze) formulierte, und es forderte noch harte Arbeit, ehe Newton seine
Bewegungslehre endgültig formuliert hatte. Worin bestand dann das Problem?
Nicht die Bewegung als solche war es, sondern ihre genauere Bestimmung, die Möglichkeit
ihrer Messung.
Worin bestand also der „daseiende
Widerspruch“ in Frage Bewegung? Nun, alle wussten, dass schwere Dinge zu
Boden fallen, wenn sie losgelassen werden, und dass es einer gewissen
Muskelkraft fordert, um ein solches Ding hoch zu halten oder weg zu werfen. Mit
„Kräften“ konnten insofern alle umgehen, in der Spätantike wurden sie
sogar zum ökonomischen Problem, also Diskursthema (siehe den ersten Nachtrag).
Astronomen wie Copernicus, Kepler und viele andere hatten Bewegungen auch am
Himmel studiert und ihre Gesetze formuliert. Doch erst Newton gelang es, die
scheinbar so verschiedenartigen irdischen und himmlischen Phänomene miteinander
in Beziehung zu setzen, sie zu vergleichen und ihre Gesetze ineinander zu fügen.
Diese Phänomene waren für ihn ein „daseiende Widerspruch“ – bis
er endlich seine eigenen neuen physikalischen Terme erfunden hatte: „Trägheit“,
„Kraft“, „Bescheunigung“ – eben einen Begriffstripel, wovon die
Einzelbegriffe sich nur gegenseitig definieren lassen.
Wie aber diese definieren? Er sagte: Die „Kraft“, die notwendig ist,
um ein Ding aus seiner inertialen (trägen) Bewegung zu zwingen, ist
mathematisch bestimmt als das Produkt aus „Masse“ des Dings (was das nun
ganz genau sein konnte?) und seiner „Bescheunigung“ (ein mathematischer
Begriff, der erst mittels seiner eigenen Differentialmethode als den Quotienten
ds/dt2 darstellbar)
war. Das war im Sinne Witt-Hansens eine Generalisierung, denn hier wurde „Ruhe“
als Zustand neu definiert, wurde ein ganz neuer Begriff. Damit hatte er zwar
einen neuen Widerspruch kassiert, eben den zwischen der „Masse“ als etwas
dem betreffenden Ding inhärentes (in der Tat im Gegensatz zur gravitativer
Masse) und seiner „Bescheunigung“ als zeitliche Relation zu anderen Dingen (z.B.
zur Erde). Um das zu klären musste auch die augenblickliche Geschwindigkeit
v
definiert werden (was dann auch mittels seiner Differentialmethode
geschah, und zwar als ds/dt). Diese Frage verbindet eben
das (mathematisch bestimmten) „Sich-bewegen-an-einem-bestimmten-Ort“
(das „ds“) mit der (ebenfalls
mathematisch bestimmten) momentanen „Geschwindigkeit-zu-einem-bestimmten-Zeitpunkt“
(dt).
Dabei wurde jedoch eben das „Jetzt“ und der „Ort“ als solche, die früher so unproblematisch
erschienen, doch problematisiert, indem sie mathematisch als Differentiale –
und also praktisch mit einer gewissen Unschärfe – definiert wurden. Unter
dieser Bedingung konnten jetzt die momentane Ortsbestimmung mit der
momentanen Zeitbestimmung verbunden werden, und zwar als Bestimmung des
Bewegungszustandes, nämlich der Geschwindigkeit „Hier“ und „Jetzt“ (v = ds/dt). Dabei brauchte Hegel gar nicht nachsichtig zu sein, denn mit diesem
Differentialquotienten hatte er selber (wie später auch Marx) seine
Schwierigkeiten![6]
So ging es eben um den neuen Begriff Ruhe, um einen Zustand
Hier-und-Jetzt. Das Ding war nun doppelt zu beschreiben: Es war in einem Zustand
der „Ruhe“, eben aber in einem Zustand „ruhiger“ Bewegung (d.h.
Inertialbewegung); wenn „Bewegung“ meistens Veränderung heißt, dann hier
also doch als Nicht-Bewegung. Also musste das Ding sich sowohl in einem örtlichen
Zustand als auch gleichzeitig in einem Bewegungszustand befinden – und dieser
war in sich keine Ortsbestimmung, eher ein Am-Ort-nicht-Sein und auch keine
Bestimmung von Bewegung im Sinne Veränderung. Eben dieser Inertialbewegung als
Begriff fehlte den Alten – und musste ihnen fehlen. Aber mit dieser doppelten
Negation war dann auch Zenons provokatorischen Kontradiktionen gelöst.
5. So gingen die physikalischen Forschungen weiter.
Erst im neunzehnten Jahrhundert gelang es der Physik die „Energie“ als
Begriff zu setzen. Dabei wurde das Problem einer Arbeitsleistung über Zeit berührt
(beide ganz allgemeingebräuchliche Worte). Energie konnte man sogar als etwas
den Prozessen inhärentes, selbstidentisches, sogar messbares betrachten, und
eben durch allgemeine Äquivalenzbehandlung als Begriff abstrahieren – genau
wie Marx seinen Wertbegriff bildete.
Die Freude dabei blieb jedoch
kurz: Bald musste man auch mit Negation dieser Selbstidentität rechnen – und
zwar sowohl in Fragen der Energie als in Fragen des Werts. Also entstand für
die Thermophysik das Problem der „Entropie“ und für die Ökonomie das in
der Tat analoge Problem des „Mehrwerts“. Von den konzeptionellen
Schwierigkeiten, die diese beiden Terme den Theoretiker bereiteten, haben wir
schon gesprochen.
So kam es wieder zu neuen Problemen in der Physik. Wärme hatte sowohl
mit Entropie als auch mit Strahlungsphänomene zu tun (wie jeder weiß, strahlt
ein warmer Ofen Wärme aus) – aber die mathematisch formulierten Gesetze
dieser beiden Phänomenarten passten nicht zusammen. Was tun? Wieder waren die
Physiker auf einen „daseienden Widerspruch“ gestoßen. Erst im Jahr
1900 kam der Physiker Max Planck auf die Idee, den Begriff des „Wirkungsquantums“
einzuführen; d.h., er führte für eine minimale Wirkung einen neuen Term in
die betreffenden Gleichungen ein – und wieder fügten sich die Gesetze in schönster
Weise an einander! So lag der Weg offen für die Atomphysik.
Analog musste Einstein für
seine Relativitätstheorien einen Term für die maximale Geschwindigkeit c
in den Bewegungsgleichungen einführen. Und bald danach musste Bohr seine sog.
Komplemantaritätstheorie aufstellen, indem es sich zeigte, dass die bekannten
Lichtphänomene weder mit den Gesetzen der elektromagnetischen Wellen noch mit
denen der Partikeln allein vollständig geklärt werden konnten. Also waren die
Physiker noch einmal auf einen „daseiender Widerspruch“ gestoßen,
also auf das Problem, sich widerstreitenden Themenbereiche zusammen zu fügen.
6. So ließe sich fortsetzen. Jedes mal, wenn in
der Wissenschaft theoretische Widersprüche auftauchen, geht es darum, sich zunächst
diese bewusst zu werden, und dann gewisse Terme und Begriffe dermaßen zu
generalisieren oder neue widerspruchsfrei zu bestimmen, so dass sich die
widerstreitenden Theorien vermitteln lassen, sich einander fügen und so ein
neues einheitliches Bild für die gesamten Ereignisse generieren. Im Rückspiegel
können wir also konstatieren, dass solche „daseiende Widersprüche“
gewiss immer wieder auftauchten, dann aufgehoben und aus dem Weg geschafft
wurden – bis wieder an einem neuen Da sich der nächste einstellt![7]
Soweit von den theoretischen Widersprüchen. Genau dasselbe gilt aber für
die materiellen, realen Widersprüche. So stellt z.B. das Geld die synthetische Einheit polarer Gegensätze dar (vgl.
die Wertformanalyse, Kap. II und V. 12). Es wurden dadurch laut Marx eine Form
geschaffen, worin diese Gegensätze sich bewegen konnten. Die Geldgenese war ein
Musterbeispiel gesellschaftlicher Selbstorganisation – und schloss dabei
keineswegs persönlichen Erfindergeist aus. Im Gegenteil. Welche weiteren
historischen Voraussetzungen hatten aber diese Münze? Der Historiker Bernhand
Laum meinte bezüglich des alten Griechenlands[8],
dass Geld die synthetische Einheit von vereinzelten Polisindividuen, die
Polisgemeinschaft als solche repräsentierte (in Form von Beweisstücken für
das Recht am gemeinsamen Mahl im Tempel teilzunehmen).
Das wichtigste, das wir
allgemein aus diesen Beispielen lernen können, ist aber, dass unser
“Wissen“ in Form von Theorien von der Welt nur durch solche
Vorstellungen ausgedruckt werden können, die wir selbst von
dieser Welt haben, in der wir tatsächlich leben, partizipieren und
arbeiten, experimentieren usw. – und zwar unter deren eigenen Bedingungen,
unter welchen wir ständig um die „Ewigkeit“ unserer eigenen Gattung (ideal,
ökonomisch, wissenschaftlich, technisch usw.) ringen. Negativ ausgedrückt: von der Welt „an sich“ (Kant)
– also insofern wir an ihr nicht teilnehmen
– können wir nichts wissen; wir kennen ausschließlich die Welt durch
Teilhabe an ihr und ihren Prozessen (Partizipation). Das heißt dann aber auch, dass jede Voraussetzung, um neues zu „denken“,
fordert, dass wir auch in dieser Welt an neuen Praxen teilnehmen, die uns
neue Vorstellungen und Begriffe, uns so ein reicheres Weltverständnis eingeben.
Dies war eben in Frage der Bewegung für die alten Griechen nicht der Fall; „Bewegungen“
gingen in die Vorstellung einer essentiellen polis-Partizipation
in der Welt eben noch nicht ein. Deshalb die berühmten – heute so
offenbaren – „daseienden Widersprüche“ (Paradoxien) der
griechische Philosophie.
Um diese antike Fragestellung zu
klären war es notwendig, räumliches Dasein und momentane Bewegung (Geschwindigkeit)
sowie ihre Änderung (Beschleunigung) klar zu unterscheiden, um diese
gegenseitig klar zu definieren. Das paradoxe der Sache war nebst dem Zustand
An-einer-Stelle-zu-sein sich eben auch eine Zustandsform der Bewegung
vorzustellen, eine An-einer-Stelle-nicht-zu-sein im Sinne
An-einer-Stelle-sich-zu-bewegen. Dieses antike Paradox mittels
Differentialgleichungen aus der Welt zu schaffen – wie es meistens heute getan
wird – ist glatter Anachronismus.
Wichtig ist also, dass neue
Bewegungsauffassungen in sich neue gesellschaftliche Wirksamkeit in Bezug auf
Bewegungen fordert, d.h. solche, die für das allgemeine Gattungsleben
wesentlich sind (z.B. als Momente der gesellschaftlichen Produktion und
Reproduktion), so dass diese Bewegung selbst das entscheidend neue Moment
darstellt. Dies wurde mit der kapitalistischen Gesellschaftsformation und ihrer
eigenen mechanischen Voraussetzung erreicht; zunächst in Form der konstant
laufenden Manufakturproduktion (z.B. zur Zeit Galileis und Newtons) und im
neunzehnten Jahrhundert in Form der (bes. durch Dampf getriebenen) Maschinerie.
(Vgl. dazu das Zitat von Engels aus Dialektik der Natur am Anfang der Einleitung).
7. So bezeugt jeder neu auftauchende „daseiende
Widerspruch“ in der Tat nur, dass die „Ewigkeit“ der betreffenden
„Gattungen“ unter den gegebenen materiellen Bedingungen in keiner
Weise garantiert ist (Konstanz- und Identitätsgesetze also in Frage gestellt).
Doch, ständig wird diese „Ewigkeit“ durch einschneidende Neuerscheinungen
gefährdet (vgl. dazu auch das Zitat von Marx am Anfang der Einleitung).
Lebensbedingungen sind immer gefährdet, stehen immer unter Diskussion; sie können
zwar dauerhaft sein, „ewig“ aber nie!
Im Rückspiegel zeigt sich also,
dass es sich lohnt, immer für die Möglichkeit „daseiender Widersprüche“
vorbereitet zu sein. Genau das wurde hier unterstrichen. Im Kap. I dieses Buches
wurde in Bezug auf die besondere Ware Arbeitskraft ihre (gewiss nicht „arbeitsmäßige“)
Produktion mit einbezogen, was schon der Zyklizität eine begriffliche Form gab;
nebenbei transformierte sich der Arbeiter von einer nur wert- und
gebrauschswerterzeugenden Person in einen „richtigen“ Menschen aus Blut und
Fleisch, der sich täglich zu ernähern und erholen hatte. So war es wohl immer
– aber mit der genannten Generalisierung des Arbeitskraftbegriffs bekam auch
der Arbeiter als solcher (eben nicht nur als Sklave) seine begriffliche Form wie
auch die Bewegung bei Galilei, die für die Griechen nur ein begriffloses Wort
gewesen war.[9]
8. Der entscheidende ontologische Unterschied der
Problemstellungen, mit denen z.B. Galilei, Newton und z.B. Boltzmann im Gebiert
der Thermodynamik auf der einen Seite und Marx auf der anderen Seite zu kämpfen
hatten, war jedoch, dass die Bewegungsformen, welche die ersten theoretisch zu
meistern hatten, immer (mindestens im Prinzip) schon daseiend waren, es
diese wohl immer gegeben hatte, ohne aber sie begrifflich erfasst zu
hatten, ohne sie also ganz zu verstehen. Dies ist somit eine „dogmatische“
Voraussetzung a priori. Was aber die historisch-gesellschaftlichen
Theorien angeht, haben sie ontologisch eine ganz andere Basis. Die Bewegungsform,
mit der Marx sich theoretisch auseinanderzusetzen hatte, war keine immer dagewesene,
konnten eben erst unter ganz besonderen historischen Bedingungen entstehen, und
zwar im Europäischen Raum durch reale Massenexpropriation in den achtzehnten
und neunzehnten Jahrhunderten.
Die Aufgabe Marxens war somit
eine doppelte. Um den Arbeitskraftbegriff zu definieren, hatte er auch zu
erklären, unter welchen spezifischen Bedingungen diese Arbeitskraft nicht nur
begrifflich zu bestimmen war, sondern auch zu bestimmen, wie und warum diese
Bedingungen genau so waren, dass
diese industrielle Revolution kam und kommen musste. Also auch, warum diese „Arbeitskraft“
immer noch als solche existiert, und zwar als akzidentelle, eine durch
Geld messbar Fähigkeit des Menschen und so in Lohnarbeit verwandelt.
Mehr noch, es musste erklärt werden, wie solche Lohnarbeit zur relativ
allgemein-menschlichen Zustandsform gemacht werden konnte, also genau zu der
gesellschaftlichen Seins- oder Lebensform, durch welche nur die oben erwähnten
Bewegungszuständen überhaupt zu verstehen wären – auch wenn dieser „Zustand“
sich gewiss von Zeit zu Zeit ändern musste.
Mit Einbeziehung des messbaren Arbeitslohnes in die Definition des
Arbeitsbegriffs gelang zunächst seine Generalisierung; wir könnten dies
in Analogie zu den theoretisch-physikalischen Generalisierungen eine Ideal-Generalisierung nennen.
So entstand der Arbeitsbegriff
– im Gegensatz dazu – nach einer historischen „Real-Generalisierung“
mittels einer „Real-Abstraktion“; es entstand
dabei eben der neue gesellschaftliche „nexus“ (Sohn-Rethel) als
genetische Grundlage auch für das neuere Physikdenken – wie allgemein für
das neuere Gesellschaftsdenken.
Der besondere „daseiende Widerspruch“ dieser expropriierten
Menschen bestand darin, dass diese Geldlosen zwar einerseits vom Geburt aus
Gattungsglieder waren (und so auch immer gewesen waren), die gleiche Sprache
sprachen, denselben Glaube usw. hatten wie die Geldbesitzer, also genau „Menschen“
waren wie sie; nur waren sie eben expropriiert und somit in ihrer materiellen
Existenzmittel „befreit“ und somit auch in ihrer Existenz als
Gattungsglieder bedroht. Mehr noch, sie wurden als Individuen, als „Menschen“,
jetzt gänzlich von dieser neuen Lebensweise bestimmt. Geldlos, vom Markt
isoliert, waren sie von den Geldbesitzern gewiss gesellschaftlich
wohlunterschieden.[10]
So standen sie vor der subjektiven wie objektiven Aufgabe, ihre Gattungszugehörigkeit
zu regenerieren, was jedoch nur unter ganz bestimmten Bedingungen geschehen
konnte. Denn was bestimmte jetzt die betreffende „Gattung“? Das tat im
ontologischen Sinne eben der realen Geldkreislauf.[11]
Gattungszugehörigkeit bedeutete jetzt Eingebundensein in
der spezifisch ökonomischen Zirkulation, d.h., in der gegebenen Marktfunktion.
Also mussten die jetzt expropriierten Menschen praktische Momente ihrer herkömmlichen
Gattungsexistenz aufgeben, um sich neue anzulegen. Sie mussten periodisch Teile
ihrer „Lebenskraft“ gegen Geld veräußern; durch Abstraktion aus dieser „Lebenskraft“
real die sog. „Arbeitskraft“ zu generieren, schien jetzt der einzige Ausweg,
um sich der Geldzirkulation und somit in ihre „menschlichen“ Gattung wieder
anzuschließen. Dabei hatten sie sich vorerst als Personen weitgehend zu „verdinglichen“,
zu „objektivieren“, „abstrahieren“, was jedoch in sich einen neuen „daseienden
Widerspruch“ generierte. Wieder wäre zu fragen: Was ist überhaupt ein
Mensch? Die neue Antwort war nicht leicht zu finden (vgl. dazu Fußnote zu Stk.
9).
9. Also: Was ist ein Mensch?
Worin besteht unter den gegebenen historischen Bedingungen heute sein
wesentlichster „daseiender Widerspruch“? Der Mensch scheint in der
Tat ein Knotenpunkt vieler solcher „daseienden Widersprüche“, deren
allgemeine Form wir als matn
´ atn+1 charakterisiert haben.
Im traditionell Marxschen Sprachgebrauch sind diese „daseienden
Widersprüche“ kaum aufzuheben. Es gilt aber aus ihrer Menge den zentralen
Widerspruch herauszuarbeiten, um ihn genau zu bestimmen. Dieser ist in der
Marxschen Theorie eben das seit dem „sog. ursprünglichen Akkumulation“
entstandenen Produktionsverhältnis zwischen den expropriierten (mittellosen)
Arbeitern und den Besitzern aller wesentlichen Produktionsmittel, den
Kapitalisten. In Bezug auf den einzelnen Menschen wäre dieser Widerspruch als
der zu bestimmen, der zwischen dem Menschen als freie, entscheidungsfähige
Person und dem Menschen als „Anhängsel“ der Maschinen – auch wenn das
heutzutage kaum im gleichen Maßen buchstäblich aufzufassen ist, wie in den
Zeiten Marxens. Der Angestellte bleibt immer persönlich reduziert, auch wenn er
weitgehend selbst in moderner Weise seine Arbeit organisiert; oberstes Gesetz
bleibt doch immer der best möglichen Gewinn seines Arbeitsgebers, des Firma und
dessen Aktionären.
Die moderneren, eher subjektiven Aspekte dieses Verhältnisses
waren in der Marxschen Tradition schwerer zu definieren, wenn auch Marx dafür
gute Hinweise gab. Heute sind gewiss wieder seine zentralen Begriffe zu
generalisieren, was dann auch für die gesellschaftlich zentrale Begriffe Ware
und Arbeitskraft und somit die Frager der allgemeinen menschlichen Subjektivität
gilt. Beide, Ware und Arbeitskraft, stellen hier die begriffliche Einheit von
Wert und Gebrauchswert dar und machen somit eine Verallgemeinerung möglich.
Auch muss der Begriff Nutzen als Gegensatz zum Begriff Gebrauchswert
entsprechend verallgemeinert werden, der eben subjektiv in Beziehung zu den
menschlichen Bedürfnissen zu sehen ist, zwar in Bezug auf Zyklizität. Hier könnte
wie angedeutet vielleicht der moderne Begriff Information neue Ansatzpunkte
geben.
Wieweit können also – gegebenenfalls im Lichte dieses
Informationsbegriffes – Begriffe wie Arbeit (als Lebensäußerung) und Ware
(als lebensdienliches Element) verallgemeinert werden? Und können diese
verallgemeinerten Begriffe überhaupt in der Weise definiert werden, dass auch
Selbstreferenz (nach Rella sowohl in idio- als alloreferentieller Form; siehe Dialog)
in dieser Definition einbezogen wird?
10. Am Anfang von Das Kapital Bd.
III wird seine Aufgabe im Gegensatz zu den früheren Bänden so
charakterisiert:
Es gilt vielmehr, die konkreten Formen aufzufinden und darzustellen, welche
aus dem Bewegungsprozeß des Kapitals, als
Ganzes betrachtet, hervorwachsen. (Bd. III., S. 33)
In diesem Zitat geht es nun zunächst darum, dass Kapitale einander gegenübertreten;
gerade in ihrem Konkurrenzkampf treiben sie sich gegenseitig zur vollen
Entwicklung. Wir haben schon eine ganze
Reihe allgemeiner Widersprüche der Kapitalbewegungen betrachtet, die eine
gewisse Schranke der kapitalistischen Gesellschaftsformation angeben. Wir wollen
jetzt diese Schranke im Lichte möglicher Realgeneralisierungen ein bisschen
genauer anschauen, um sie somit weiter zu problematisieren.
In Kap. II bestimmten wir das
geprägte Geld von Form V als charakterisiert durch seine explizite
Selbstreferenz. Das ermöglichte uns nun in Kap. III weitere „daseiende Widersprüche“
aufzuzeigen. Es ging hier um die entscheidende semantische Frage der
Referentialität.
Der Unterschied zwischen Autoreferentialität und
Selbstreferentialität eröffnete ein neues Widerspruchsfeld. Einerseits
wurde die Selbstreferenz durch die dingliche, materielle Geldprägung – mit
gewissen Vorbehalten – gesellschaftlich als Repräsentationsleistung zur
Kenntnis genommen, in anderen Zusammenhängen musste auch von einer für die
Zyklizität wesentlichen „geistigen Sphäre“ gesprochen werden. Diese
Formulierungen passen gewiss nicht all zu gut zueinander; aber im Rückblick (Kap.
V.19 und im Dialag weiter diskutiert) wurde ein weiterer Formalismus
eingeführt, um diesen Widerspruch aufzuheben, so dass beide Seiten dieses
Widerspruchs sich wieder schön aneinander abstrakt fügen konnten. Wieweit dies
nun auch gelungen ist, steht natürlich offen.
11. Im historischen Blickfeld steht, dass unsere kapitalistische
Gesellschaft auf Mensch-Ding-Beziehungen gründet, d.h. auf Produktion und
Zirkulation von für das allgemeine Leben notwendigen Massenwaren. Also müssen
wir fragen, welche Regelungsinstitutionen hier eingesetzt werden müssen und können,
um Produktion, Zirkulation und letztlich Konsumption gesellschaftlich zu
regulieren. Leute, die institutionalisierte Kontrolle über lebenswichtige
Sachen und Beziehungen haben, werden somit auch gesellschaftliche Macht ausüben.
Das ist letztendlich eine Frage der Politik. Diese Kontrolle wird heute (nebst
von div. gesellschaftlichen Organisationen) von dem kapitalistischen und ganz
besonders den (anonymen, autoreferentiellen) finanziellen Markt ausgeübt. So
wirkt in der Tat eben dieser Markt heute als gesellschaftliches, sogar globales
Verteilungsmittel.
Abgesehen davon, dass reichliche Versorgung mit
Sachlichkeiten und dafür ein effektives Produktionsapparat (Fixkapital) für
die ganze Gesellschaft lebensnotwendig sind, die Bedeutung finanzieller Regelung
somit auch nicht unmittelbar in Frage steht, wäre doch zu fragen, wo die
Schranke ihrer Kontrollmöglichkeit liegt. Da oben der Zusammenhang von Arbeit
als wertschöpfendes Prinzip und die Kategorie Maß der Werte als grundlegend
bezeichnet wurde, müsste die postulierte Schranke wahrscheinlich eben diesen
Zusammenhang angreifen.
Wir bemerken auch die paradoxe Situation, dass wo die körperliche Arbeit
zum größten Teil ihren Wert verloren hat, können gute Fußballspieler
Millionenvermögen verdienen – und wo produktive Gehirnarbeit weitgehend von
preiswerten Computerprozessen übernommen wurde, können umgekehrt Spitzenkünstler
und Entertainer wie einzelne IT-Spezialisten Millionenvermögen kassieren. Dies
scheint dem Marxschen Wertgesetz nach unerklärlich, hängt aber von dem
medienbedingten Gebrauchswert solcher Leistungen ab. Gleichzeitig sehen wir aber
auch, dass die Informationsverarbeitung und -verbreitung (Kopierung) –
stellvertretend für eine ganze Reihe moderner Produktionsformen – sich tatsächlich
asymptotisch der Kostenlosigkeit nähert. Die Erstherstellungen und Prototypen
solcher Erzeugnisse werden gewiss mit großer Talent, Mühe und Zeitaufwand
produziert; so bekommen diese gewiss großen Wert. Ihre Vervielfältigung ist
aber wohlfeil; was dabei zu bezahlen ist, ist eher als eine Art Patentgebühr
aufzufassen, ohne auf Äquivalentenaustausch basiert zu sein.
12. Dies könnte auch den Gegensatz einerseits von Verbrauchswaren und
Produktionsmitteln (bes. Fixkapital) ins Blickfeld ziehen. In Grundrisse[12]
beschäftigt Marx sich mit solchen Problemen, natürlich aber in einer Weise,
die der damaligen Situation gemäß war. Andererseits problematisiert er aber
auch den Begriff der Ware als solcher. Verschwindende Arbeitszeit bedeutet
verschwindender Wert. „Die Vermehrung der Produktivkraft der Arbeiter und die
größte Negation der notwendigen Arbeit ist die notwendige Tendenz des
Kapitals…“ (Grundrisse S. 594) –
was jedoch die involvierte Subjektivität der Sache nicht verkleinert. Eher im
Gegenteil, denn die Maschinerie, von der Marx spricht, stellt in seinen Augen
das Höchstmaß an Wissenschaft und Technologie dar – und eben
wissenschaftliche Arbeit ist als allgemeine Arbeit zu betrachten:
Nebenbei bemerkt, ist zu unterscheiden zwischen allgemeiner Arbeit und
gemeinschaftlicher Arbeit. Beide spielen im Produktionsprozeß ihre Rolle, beide
gehen ineinander über, aber beide unterscheiden sich auch. Allgemeine Arbeit
ist wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt
durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbeiten Früherer.
Gemeinschaftliche Arbeit unterstellt die unmittelbare Kooperation der Individuen.
(Das Kapital Bd. III, S. 113-14)
Dieser
Gedanke wurde bereits in Grundrisse
weiter ausgeführt:
Die vergegenständlichte Arbeit erscheint in der Maschine unmittelbar selbst
nicht nur in der Form des Produkts oder des als Arbeitsmittel angewandten
Produkts, sondern als der Produktivkraft selbst. […] Die Akkumulation des
Wissens und des Geschicks, der allgemeinen Produktivkräfte des
gesellschaftlichen Hirns, ist so der Arbeit gegenüber abstrahiert in dem
Kapital und erscheint daher als Eigenschaft des Kapitals, und bestimmter des Capital fixe, soweit es als eigentliches Produktionsmittel in den
Produktionsprozeß eintritt. (Grundrisse,
S. 594)
Aber zu
bemerken ist auch, dass
Die Maschinerie verliert ihren Gebrauchswert [Nutzen; R.Sw.] nicht, sobald
sie aufhörte, Kapital zu sein. (Ebd. S. 596)
Diese Subjektivität ist jedoch nicht unmittelbar auch die des individuellen
Arbeiters:
Die Tätigkeit des Arbeiters, auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit
beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung
der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder
der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgemäß als Automat zu
wirken, existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sonder wirkt durch die
Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst. (Ebd., S. 593)
All dies
aber beeinträchtigt auch den Begriff vom Kapital als solchen.
In demselben Maße, wie die Arbeitszeit – das bloße Quantum Arbeit –
durch das Kapital als einziges wertbestimmendes Element gesetzt wird, in
demselben Maße verschwindet die unmittelbare Arbeit und ihre Qualität als das
bestimmende Prinzip der Produktion- der Schöpfung von Gebrauchswerten und wird
somit quantitativ zu einer geringeren Proportion herabgesetzt wie qualitativ als
ein zwar unentbehrliches, aber subalternes Moment gegen die allgemeine
wissenschaftliche Arbeit, technologische Anwendung der Naturwissenschaften nach
der einen Seite, wie [gegen die] aus der gesellschaftlichen Gliederung in der
Gesamtproduktion hervorgehende allgemeine Produktivkraft – die als Naturgabe
der gesellschaftlichen Arbeit (obgleich historisches Produkt) erscheint. Das
Kapital arbeitet so an seiner eigenen Auflösung als die Produktion
beherrschende Form. (Ebd., S.596)
Die Maschinerie, wie Marx diesen Produktionsapparat nennt,
behält also ihre Nützlichkeit, obgleich sie nicht länger als Kapital
definiert wird. Nebst ihrer allgemeinen Nützlichkeit als vergegenständlichte
Wissenschaft ist sie auch an der Entwicklung neuer kategorialen Bestimmungen
beteiligt:
Die Natur baut keine Maschinen, keine Lokomotiven, Eisenbahnen, electric
telegraphs, selfacting mules etc. Sie sind Produkte der menschlichen Industrie;
natürliches Material, verwandelt in Organe des menschlichen Willens über die
Natur oder seine Betätigung in der Natur. Sie sind von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns;
vergegenständlichte Wissenschaft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an,
bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren
Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen
Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und
ihm gemäß umgeschaffen sind, nicht nur in der Form des Wissens, sondern als
unmittelbare Organe der gesellschaftlichen Praxis; des realen Lebensprozesses. (Ebd.,
S. 602)
13. Anders Laubjerg macht in seinem Buch Tilblivelsens dialektik[13]
darauf aufmerksam, dass Marx und Engels nie klar gemacht haben, wie die „assoziierten
Produzenten“ ohne den Markt unmittelbar hätte wissen können, wie die
aktuellen Bedürfnisse der Individuen, bzw. der Gesellschaft einzuschätzen
sind. Wie werden sich Bedürfnisse neuer Erzeugnissen entwickeln; wie solche Bedürfnisse
überhaupt erkennen, ohne die Wahlmöglichkeiten am Markt; wie Bedürfnisse auch
im Weltmaßstab zu erkennen geben usw.? „Dafür haben die assoziierten
Produzenten weder vollständig, noch in voraus die Möglichkeiten zu entscheiden.
Die Antwort ist, Spuren der Gesellschaftsexperimente schrecken ab, wo die Bedürfnisse
der Bevölkerung als Durchschnitte veralterter Statistiken, für politischen
Zielsetzungen und auf gut Glück in verstaubten Büros bestimmt wurden.“ (A.a.O.
S. 577)
Seiner Meinung nach enthält der funktionierende Markt als
solcher tatsächlich reale Information über die aktuelle Lage der Bevölkerung.
Er meint, der „reale Sozialismus“ scheiterte nicht, weil man blindlings
produzierte, sondern weil, des Fehlens der ihnen dafür notwendigen Information
wegen, die Planer blindlings planten. Andererseits, so Anders Laubjerg, würde
die Notwendigkeit des Marktes nicht der Abschaffung des Privateigentums
widersprechen, auch keineswegs einer übergeordneten Zielsetzung politischer
Art, um die Entwicklung der Produktion und Konsumtion zu fördern. Ein
unaufhebbarer Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft wird jedoch immer
bestehen, seine Form sich jedoch ändern. Gewiss sei, dass es unter Entfaltung
einer umfassenden Warenproduktion auch im Kommunismus für eine umfassende
politische Regelung und Planung des Warenaustauschs ein ökonomisches Bedürfnis geben wird.
Damit berührt Laubjerg eben das gerade erwähnte Problem, dessen reale Lösung
noch kaum in Sicht zu sein scheint. In der heutigen Epoche zeichnen sich jedoch
gewisse Möglichkeiten ab, und entsprechende Kategorien sind dabei, sich
allgemein zu verwirklichen. Die Frage ist also wieder die doppelte, welche
realen Entwicklungen im Stande sein werden, die Schranke des kapitalistischen
Systems zu überschreiten; zweitens wie eine neue Begriffsgenese zu realisieren
ist, um auch die entstandene Kluft theoretisch zu überbrücken. So wäre die
klassisch-Marxsche Theorie noch einmal zu generalisieren, und zwar auf Grundlage
einer neuen Realgeneralisierung, durch welche wahrscheinlich auch die
Austauschformen transformiert werden müssen.
14. Die traditionelle erste Schranke des Markts haben wir oben u.a. als
Problem der Autoreferentialität behandelt, wo (bei der ständig auftauchenden
Geldkrisen) Geld, Zahlungsmittel als Maßstab der Preise, seine
selbstreferentielle Funktion als Maß der Werte nicht genügte – und also
sozusagen mit dem einen Bein vor der Schranke, dem anderen Bein immer noch
hinter dieser stand. Um darüber hinwegzukommen wird es notwendig, die Bedeutung
der Selbstreferentialität voll auszuwerten und dazu auch die Bedeutung des
Nutzmoments im Gegensatz zum Gebrauchswert voll auszuwerten.[14]
Was den Nutzen der modernen Industrie (als Fixkapital) anbelangt, wird
dieser von Marx nie in Zweifel gestellt, auch nicht, wenn er nicht länger als
„Kapital“ zu definieren wird. Aber eben als von
der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns [besser
vielleicht des Geistes] vergegenständlichte Wissenschaft (vgl. S. 602) durfte
man wohl eben auch Selbstreferenz in dem Sinne erwarten, dass sie die erklärten
Willen soweit aufklären, dass sie die Möglichkeiten ichrer Realisierungen klar
machen.
Das wirkliche Problem ist aber, ob und wieweit diese mit
Willen begabten, gesellschaftlich und kollektiv denkende Menschen (im Gegensatz
zu den nur individualistisch Denkenden) tatsächlich in Stande sind, die ganze
Summe gesellschaftlicher Möglichkeiten und Bedürfnissen überschauen zu können,
um sich zu diesen adäquat (also nicht-falsch!) zu verhalten. Diese Frage ist
dann wieder „wissenschaftlich“ durch moderne Informationstechnologie zu
beantworten, was in sich „Selbstreferenz“ bedeutet (oder bedeuten könnte),
ohne dass dies aber ganz „von selbst“ entsteht – und wenn, dann also auch
mit all ihren bekannten Paradoxproblemen!
15. Was die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise betrifft,
realisiert diese eine enorme Informationsmenge in Form wissenschaftlicher
Erkenntnis, die in ihrer „toten“ Existenzweise als Fixkapital gebunden ist;
diese stellt eine materialisierte Wissenschaft als (klassische) K-Information für
die modernen Betriebe dar. Insofern könnte einfach der Umgang mit Geld als
gesellschaftlicher nexus (Sohn-Rethel)
wegfallen; die Frage wäre nur, wie ein neuer nexus
sich realisieren könnte.
Moderne verallgemeinerte Arbeit beruht heute weitgehend
auf Informationstechnologie und ‑verarbeitung. Ihre „Maschinerie“
besteht einerseits aus produktiven
technischen Einrichtungen und anderen dinglichen Komponenten („hard ware“),
die sie selbst produziert; andererseits besteht sie aus der hochqualifizierten,
wissenschaftlich-erfinderischen „soft ware“-produzierender Arbeit; dazu
endlich die alltägliche Verwendung all dieser Sachen. Damit verliert die
bestehende gesellschaftliche Kontrolle über allgemeinen Verteilungsmechanismen
(bes. die anonymen Finanz- und anderen Märkte) an Macht und
Bedeutung. Man könnte sich sehr wohl vorstellen, was schon im Vorwort
zur Kritik der politischen Ökonomie
angedeutet wurde:
Auf
einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte
der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen
oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen,
innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der
Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um. Es tritt dann eine
Epoche sozialer Revolution ein. (MEW. Bd. 13, S. 9)
Wir stehen heute auf der einen Seite noch mit einer hoch
intellektualisierten, sehr arbeitsschweren und weitgehend monopolisierten Großindustrie
zu tun, auf der anderen Seite mit einer ebenso monopolisierten hard
ware-Industrie, die beide durch wohlfeile Arbeit[15]
als „subalternes“ Moment bedient wird. Mehr noch, ist die eigentlich
erfinderische Arbeit erst überstanden, die in sich relevanten, aber kostenlosen
Naturkräfte gebunden, dann taucht wieder der zentrale Widerspruch auf zwischen
der beinahe kostenlosen Kopierung, Verteilung und Verbreitung solcher Programme,
was jeder ja mit einem gewöhnlichen PC bewerkstelligen kann – obwohl die
Monopole immer versuchen, den Warencharakter ihrer Produkte durch Behauptung
ihrer Patentrechte zu verewigen – und der Notwendigkeit der Massenproduktion nützlicher
Sachen, die u.a. auf Landwirtschaftsproduktion und Rohstofflieferungen beruht.
Das offen stehende Problem bleibt die gesellschaftliche Organisierung der
Verteilungsfunktion unter Bedingungen, die vom traditionellen Markt nicht länger
genügt werden, also besonders nicht, wo Geldkapital als Maßstab von Preisen in
offenem Widerspruch zum Geld als Maß der Werte eingesetzt wird (wobei gegenwärtig
die „sog. ursprüngliche Akkumulation“ im globalen Maßstab weitergeführt
wird – mit den bekannten Folgen für die ganze Weltbevölkerung).
16. Unserer ganzen Analyse zu Folge würde dies allgemeine Konsequenzen
haben für Kultur und Ideologie des gesellschaftlichen Lebens, darunter auch für
die volle Entfaltung der ganzen „imaginären Kategorienfläche“, wozu auch
die oben erwähnte „geistige“ Sphäre gehört. Dies würde – im Gegensatz
zur impliziten Autoreferenz und der damit zusammenhängenden
Nicht-Zurkenntnisnahme der „Ersten Schranke“ – die gesellschaftliche
Bedeutung expliziter Selbstreferenz (nicht zumindest im Sinne Rellas im Dialog)
ins Licht tragen, was gewiss von historischer Bedeutung sein würde. Darin wäre
auch die Möglichkeit zu sehen, die von Laubjerg erwähnten politischen
Leitungsprobleme in den Griff zu bekommen (mit der dafür notwendigen
Massenproduktion, Produktionsmittel, Transport, Infrastruktur, neue Milieu- und
Gesundheitsproblemen usw.), die für eine neue Gesellschaftsformation notwendig
zu lösen sein wird. Das zentrale politische Problem dabei ist wieder, in ihrer
gesellschaftlichen, sogar globalen Allgemeinheit die Kategorie des Nutzens zu
definieren – um überhaupt die Überlebenschancen der ganzen Menschheit zu
sichern.
17. Um über
Marx hinaus zu gehen, brauchen wir also den generalisierten Begriff, der für
Marx selbst aus historischen Gründen nicht erreichbar war.
Halten wir fest: Allgemeine
Arbeit ist für ihn wissenschaftliche Arbeit. Das akkumulierte Wissen und
Geschick, das sich in allgemeine Produktivkräfte niederschlägt, das also „zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist,“ ist in sich keine spezifische Eigenschaft des Kapitals, sondern steht
als solches unter der Kontrolle des „general intellect“. Die Frage ist nur,
wer dieses „general intellect“ repräsentiert. Wir müssen also das
Kategoriensystem erweitern, um die Natur dieser Kontrolle zu fassen.
Diese „Wissenschaft“ (wie Wissenschaften überhaupt) muss
gesellschaftliche Selbstreferenz realisieren (in unserer Formelsprache die mqt-Formen
mit ihren symbolischen Ausdrücken qt2 ). Dadurch wird dieses semantisch formulierte Wissen
kommunikativ entwickelt und verbreitet – und somit im Allgemeinen auch zum „general
intellect“ des
kollektiven Bewusstseins.
Das außerordentliche Produktivitätswachstum dieser „wissenschaftlichen
Produktionsweise“ hat Konsequenzen für das Kategoriensystem. Die
Produktivkraft (produzierte Gebrauchswerte pro investierte Werteinheit) ist
enorm gestiegen, so dass jedes Maß an Gebrauchswert eine immer kleinere Menge
an Wert benötigt, und das Quantum Wert, das in den Waren und Arbeitsleistungen
steckt, immer geringer wird. Alles wird also billiger (oder könnte billiger
werden!), nähert sich in der Tat Wertlosigkeit (im ökonomischen Sinne), nicht
aber dabei auch Nutzlosigkeit. Wertkalkulation verschwindet als bestimmendes
Prinzip der Produktion und Verteilung, und die Prinzipien der Verteilung müssen
wissenschaftlich ausgearbeitet werden. Allgemein sehen wir also, dass das
Kapital „seiner eigenen Auflösung als die Produktion beherrschende Form“
beschleunigt (Bd. III, S. 596), bemerken dabei aber
auch den neuen Widerspruch der Kategorie Arbeitskraft: quantitativ subaltern,
qualitativ unentbehrlich.[16]
Die
Charakterisierung als „subalternes Moment“ bedeutet also nicht, dass
produktive Arbeit ihre doppelte Charakterisierung verliert. Zwar verliert sie
ihre Bedeutung (im ökonomischen Sinne) als wertschaffendes (nicht als bedürfnisbefriedigendes)
Moment, ist und war aber immer das kollektiv erworbene Wissen in schöpferischer
Verwendung vom Fixkapital und als solche im persönlichen Engagement, in der
Aufgabenlösung usw., auch in der gattungsmäßigen Reproduktion durch Schaffung
der eigenen Lebensnotwendigkeiten, wesentliches und unentbehrliches Moment. Und
wenn nicht länger die Wertkalkulation und ‑realisation am Markt als
gemeinsame Verteilunginstitution gelten können, dann wird ein neues
gesellschaftlich organisiertes Verteilungssystem unentbehrlich, das auf
Verteilung von Nutzen („Nutzwerten“, mq ) basiert. Dieses wird in sich zur gesellschaftlich nützlichen
Praxisform, nicht als besondere Ware im Sinne Veräußerung von etlicher „Arbeitskraft“[17]
und braucht somit auch nicht am Markt als Gebrauchswert zu „scheinen“; jedes
„Scheinen“ ist hier in der Tat der Sache fremd; es geht um Wirklichkeit.
18. Marx schrieb im dritten Band seines Kapitals von „Reich der
Notwendigkeit“ und „Reich der Freiheit“:
Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit ständiger
Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der
Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder
reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der
Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere
Zweckmäßigkeiten bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache
nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. […] Mit
seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Notwendigkeit, weil die Bedürfnisse;
aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die
Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, dass der vergesellschaftete
Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur
rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm
als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten
Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigen und adäquaten
Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt immer ein Reich der Notwendigkeit.
Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als
Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der
Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstags
ist die Grundbedingung. (Bd. III, S. 828)
Heute wäre Verkürzung des Arbeitstags kaum
Grundbedingung, um diese Perspektive zu realisieren. Aber sicher wird immer
weniger Arbeitszeit benötigt, um die Massenversorgung zu sichern. Eher wird die
gesellschaftliche Unterscheidung dieser beiden „Reichen“ der Freiheit und
Notwendigkeit verschwinden, besonders wenn Arbeit nicht auch implizit persönliche
Abhängigkeit im Ausbeutungsverhältnis bedeuten würde. Zwar leben Menschen
immer unter Bedingungen, die ihren äußeren Zweckmäßigkeiten bestimmen und somit
materielle Produktion als Basis setzt. Würde es jedoch den assoziierten
Produzenten gelingen, diesen Stoffwechsel mit der Natur rational zu leiten und
unter gemeinschaftliche Kontrolle zu bringen, würde die Grenze zwischen diesen
„Reichen“ verschwinden und die menschliche Kraftentwicklung sich als „Selbstzweck“
entfalten können – eben deshalb, weil diese Grenze dann nicht länger
zwischen den Arbeitern und Arbeitsgebern laufen wird. So würde der damit
verbundene daseiende Widerspruch
aufgehoben werden – eben im hellen Licht der Selbstreferenz.
Dies würde mit sich führen, dass gesellschaftliche
Leitungsfunktionen und die Frage nach den (epistemologischen, ästhetischen,
ethischen u.a.) „Wahrheiten“ neu zu formulieren wären. So wäre z.B.
anzunehmen, dass statt nur traditionelle mathematische Gleichheitsformulierungen
und logische ist-Sätze neue
halbempirische Theorieformen und Beweisführungen von Nicht-Falschheiten weiter
verbreitet werden – und dass diese neue Theorieformen dann auch neue
gesellschaftlichen Aufgaben zu lösen bekämen.
19. Schwerpunkt dieser Analyse war immer, die Bedeutung der realen
gattungserhaltenden Zyklizität hervorzuheben, die hier sogar eine mathematische
Formulierung erhalten hat, deren Idee und Grundlage aber die Grenzen unserer „westlichen“
Kultur sprengt. So ist z.B. die Beziehung von Handelsverkehr und Produktion (beide
nur auf Käufer orientiert) ganz „linear“, wie auch das westliche Denken im
Allgemeinen. Schon in Einleitung wurde
dieses lineare auf „Sein“, „Wahrheit“ und „Identität“ beruhende
Denken als eine traditionell-patriarchalische Denkweise charakterisiert und
stand als solches im Gegensatz zum Denken vom „Nicht-Falschen“ und „Werden“,
das vielleicht eher – aber wohl nicht nur – als matriarchalisch zu
charakterisieren sei, also mindestens matriarchalische Züge hat. Natürlich
geht es hier auch nicht um Jahrtausendalten Vorstellungen und Ideen zu
restaurieren. Doch, die Möglichkeiten „Nicht-Falsches“ und „Werden“ zu
denken sind neu und wesentlich. Gewiss muss immer noch kontrolliert und geregelt
werden, aber unter neuen Bedingungen und durch neuen Institutionen vermittelt
– wogegen die traditionellen sogar die persönlichen Beziehungen von Mann und
Frau in der Ehe mit allen möglichen Rechtsbehauptungen dem Anderen, bes. der
Frau gegenüber institutionalisiert haben.[18]
Als Kennwort dieser neuen Haltung könnte vielleicht –
in Ermangelung besserer! – das Wort „Liebe“ gelten, da dieses Wort von
solchen juridischen Konnotationen, die all denen, wie z.B. Worte wie
Genossenschaft und Solidarität anhaften, deren Bedeutungen doch immer noch mehr
oder weniger durch spezifische Zielsetzungen gefärbt sind, befreit ist. In
Beziehung „Liebe“ würden auch solche traditionellen, institutionalisierten
Unterscheidungen wie die zwischen Männlichem und Weiblichem nach außen und
nach innen orientierten gemeinschaftlichen Engagements obsolet werden (was natürlich
innerhalb einer echten Liebesbeziehung nicht ausschließt, dass solche
Unterscheidungen tatsächlich möglich sind).
Liebe realisiert sich in einer Situation doppelter
Selbstreferenz. Ein ganz persönliches Beispiel: Wenn ich meine Frau zulächele,
weil sie eben (für mich) so süß und schön ist und mich in mehr als ein
halbes Jahrhundert gefolgt hat, und sie mir dann selbst als Antwort zulächelt
und somit kundgibt, dass sie alldem voll zusteht, dann füllt sich mein Herz mit
eben diesem Gefühl der „Liebe“. Bemerk dabei die doppelte „Spiegelung“,
die Gegen-Referenz, Alloreferenz (Rella). Diese ist formal tatsächlich ein
wichtiger Aspekt der ganzen Sache. Eine Art liebevolle Zuwendung in zweiter
Potenz!
In Analogie zum gattungsmäßigen „Selbstzweck“
oben kommt die gegenseitige glückliche Bestätigung der persönlichen
Liebesbeziehung (innerhalb sowie außerhalb des Sexualaktes), der ganzen „Sinn“
dieser Beziehung, als „Selbstzweck“ in Erscheinung – zwar unter der
unausweichlichen Bedingung der Existenz der Dritten-Personen oder ‑Parteien;
das Ich-Du oder Wir-Ihr hat in gesellschaftlichem Zusammenhang nur ethischen
Sinn bei Existenz auch von Er/Sie, bzw. von Er/Sie (plur.), wodurch wieder die
Gesellschaft als solche als ein ganzes System von Wir-Ihr-Beziehungen in
Erscheinung kommt. Somit ist wieder eine gesellschaftliche Vereinheitlichung
erreicht, d.h. also eine Form, durch welche die Gegensätze sich bewegen können,
und in der der daseiende Widerspruch (zwischen den Geschlechtern u.a.) aufgehoben
ist (jedoch nicht unmittelbar zwischen Individuen und der Gesellschaft als
solchen).[19],[20]
Im Fall „Liebe“ – unter der Grundbedingung
gesellschaftlicher Arbeitsteilung, denn ohne diese gäbe es keine Gegensätzlichkeiten
aufzuheben – geschieht diese Aufhebung des daseienden
Widerspruchs aber nicht als Folge
einer Äquivalenzbildung, Abstraktion, oder durch Kalkulationen jeglicher Art. Hier
einfach „korrespondieren“ verschiedene Gefühle miteinander. Im Falle
gesellschaftlichen Austauschs von Massenprodukten wäre vielleicht aber kaum
Kalkulationen irgendeiner Art zu übergehen, wenn Angebote und Forderungen an
einander gefügt werden sollten; dies würde dann aber nicht nach Maß der Werte
oder Maß der Preise geschehen. Im Gegenteil, es müsste eher nach „Maß des
Nutzens“ oder „Maß der Befriedigung“ gehen, wofür m.E. keine Äquivalenzbildungen
und wohl auch keine Kalkulationen im traditionellen Sinn möglich sind.[21]
Es scheint mir also, dass sich hier eine interessante Möglichkeit
abzeichnet. Das doppelte Spiegelungsmodell „Liebe“ im persönlichen Leben lässt
sich also generalisieren. Die selbstreferentiellen Ergebnisse im ideellen „Überbau“-Gebiet
vom kollektiv geleiteten, materiellen Produktion und Austausch von
Massenprodukten in der gesellschaftlichen „Basis“ lassen sich in
konstruktiver Weise vereinheitlichen – und zwar unter der Bedingung der
generalisierten „Liebesbeziehung“ mit gegenseitiger Befriedigung im Geben
und Nehmen, d.h. in der Form bestätigter Nicht-Falschheit dieser doppelten,
korrelierten Widerspiegelung. Die erscheinenden ideellen Ergebnisse im „Reich
der Freiheit“ lassen sich dann als gesellschaftlich vereinheitlichter „Selbstzweck“
zwanglos mit den materiellen Ergebnissen im „Reich der Notwendigkeit“
verbinden, was ja in der Tat auch die Idee Marxens war. Dies bestätigt die
formale Möglichkeit, das Gesellschaftliche mit dem Individuellen, das
Kollektive mit dem Persönlichen, und somit die beiden Reichen der Notwendigkeit
und Freiheit widerspruchsfrei zu vereinen.
20. Nun ist schon im ersten Nachtrag (Kap. IV) bemerkt
worden, dass alle Verhältnisse, die wir in diesem Buch behandelt haben, primär
in Kategorien der Zirkulationssphäre ausgedrückt wurden (besonders durch die
Terme p und
q ), wo also mit abstrakten
Dinge wie Waren und Arbeitsleistungen der Maschinen-„Anhängsel“ über Zeit
operiert wird. So wurden prinzipiell alle wesentliche zwischenmenschliche
Beziehungen nach Äquivalenzvorstellungen abgehandelt. Die erste
gesellschaftliche Kategorien-„Fläche“ (bzw. „Raum“), Basis genannt,[22]
hat sich somit im individuellen Leben und Bewusstsein „individualistisch“ (idioreferentiell)
reproduziert und widerspiegeln sich auch konstitutionell im gesellschaftlichen
Überbau als solche in der politischen Reflexion durch allgemeine Anerkennung
des privaten Eigentumsrechts an alle wesentlichen Produktionsmitteln und in der
ganzen bürgerlichen Jurisprudenz.
Mit dem fortgeschrittene „Obsolet-werden“
normaler Wertbestimmungen, wird dann die selbstreferentielle, „geistige“
zweite Kategorien-„Fläche“ (bzw. ‑„Raum“) des Überbaus[23]
für das ganze Gattungsleben (Nutzaspekte, symbolische Kommunikation usw.) von
immer größere Bedeutung und wird entsprechend auf Zeit die Bedingungen des
privaten Eigentums- und Ausbeutungsrechts aufheben. Wo es früher gewissermaßen
gesellschaftlich „logisch“ war, dass das allgemeine Leben und Bewusstsein
durch Basis-Kategorien bestimmt wurde, werden genau so „logisch“ jetzt die
Überbau-Kategorien als gültiges („nicht-falsches“) Erklärungs- und
Handlungsmodell kollektiver Art an Bedeutung gewinnen.
Eine neue ökonomische Entwicklung würde zunächst
„Keime“ einer neuen Gesellschafts- oder Gattungsformation entstehen lassen (wie
z.B. sehr preiswerten IT-Produkte), die jedoch erst, ehe sie sich auch in‑
und koninstitutionell bestätigen lassen, eine gewisse historisch-politische Förderung
benötigen. Dadurch wird dann die Ideologie des „Individualismus“ durch die
des „Kollektivismus“ langsam ersetzt, die in der Tat wenn durchgeführt eine
„revolutionäre“ Transformation des ganzen Gattungsformation bedeuten würde.
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[2]
Die Vorsokrater II. Griechisch/Deutsch. Universal
Bibliothek Nr. 7966[4] Philip Reclam Jun. Stuttgart (Text 26, Seite 49)
[3] Ebd.
S. 39.
[4]
Werner Heisenberg referiert in Der Teil und das Ganze (1969) ein Gespräch mit Einstein, wo dieser
sagt: „Aber vom prinzipiellen Standpunkt aus ist es ganz falsch, eine
Theorie nur auf beobachtbare Größen gründen zu wollen. Denn es ist ja in
Wirklichkeit genau umgekehrt. Erst die Theorie entscheidet darüber, was man
beobachten kann.“ (S. 92)
[5]
Vgl. dazu noch Ludwig
Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, Schlusssatz 7: „Wovon
man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“ – und dazu
noch Aristoteles’ widersprüchliche Definition vom messbaren(!) „Substanz“.
[6]
R. Swing: Hegel, Marx, and the
Differential Calculus. Unveröffentlichtes
Manuskript. www.raymondswing.com
.
[7]
Auch den abstrakten Begriff der Identität zwischen
verschiedenen Sachen können wir jetzt als daseiender
Widerspruch beschreiben, und zwar als den Widerspruch zwischen der konkreten
Verschiedenheit der verglichenen Sachen und gleichzeitig ihrer in bestimmter
Hinsicht Nicht-Verschiedenheit (vgl. dazu II.8).
[8]
Siehe sein Buch Heiliges
Geld (1924).
[9]
Dies hat natürlich Bedeutung für die Form seines
gesellschaftlichen „Ichs“. Diese Form kann nicht identisch sein mit der
Form eines Kapitalisten-„Ichs“. Der Begriff des „Ichs“ als
Bewusstsein eines gesellschaftlichen Individuums muss in sich die
gesellschaftlichen Widerspruch Arbeiter-Kapitalist enthalten – und analog
dazu ähnliche gesellschaftliche Widersprüche wie die von Mann-Frau,
Eingeborener-Fremder usw. Der „Substanz“-Begriff kann somit kaum „aus
einem Guß“ entstehen, beinhaltet eher in sich eigene daseiende
Widersprüche, die auch notwendig historisch-dialektisch zu lösen sind.
[10]
Vgl. die ganz analoge
Wohlunterschiedenheit Evas von Adam und die der babylonischen Sklavinnen von
den freien Frauen (V.16).
[11]
In Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie schreibt
Marx, wovon das eben gesagte eine reine Karikatur sein konnte: „In der
gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte,
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse,...“
(MEW, Bd. 13, S. 8)
[12]
Zitiert nach MEW, Bd. 42.
[13]
Laubjerg (2002),
übersetzt: Dialektik des Werdens.
[14]
Zur exakten Einordnung dieser Kategorien siehe Kap. V (und
den Dialog).
[15]
Diese Arbeit dann vielleicht in Form eines fv-Moments
als „Leistung“ definiert, also dann in Abstraktion von ihrem p-Moment
gesehen werden. Wäre eine solche Analyse kategorial möglich, würde sie
also das extra (relationale) a
im Sinne eines Widerspruchindikators deuten. Diese Möglichkeit nur
als „Streugedanke“ erwähnt.
[16]
Als Beispiel zur Illustration dieses Verhältnisses könnte
vielleicht dieses Buch als solches dienen. Sein Wert im Buchformat wäre
dann der Wert seines Teils des verwendeten Papiers, der Arbeitslohn für den
Drucker usw. Dazu würde sich der Autor meistens noch einen gewissen Betrag
berechnen. Alles weitere, was dem normalen Marktverkehr angeht, wird von
Administrationskosten, Versandkosten, Profit usw. im Verteilungsgeschäft
bestimmt. Ganz anders der Fall, wo jemand schon das Buch in seinem CD-Format
in der Hand hat und dazu noch einen CD-ROM mit einer gewissen freien
Speicherkapazität. Hier ist die Kopierung des Buchs kostenfrei, und diese
kann sogar unbegrenzt wiederholt werden. Summa summarum: Betrachten wir
seinen, hoffentlich beachtlichen mqt-Informationswert, besteht er aus
Erfahrungen, Studien und Nachdenken eines langen Lebens. Betrachten wir
seinen praktischen Nutzwert mq, wird seine Einschätzung vielleicht
eher zweifelhaft. Betrachten wir aber seinen ökonomischen Wert p,
muss gestanden werden, er sei ganz unbestimmt, also 0.
[17]
Solche Arbeit kann also auch nicht als nur „kombinierte…,
nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte
Arbeit“ (Bd. I, S. 59) gelten.
[18]
If we do not accept the Roman and civil law conception
of absolute ownership, then ownership, stripped of its social and emotional
rhetoric, is simply another name for property; it can only mean claims and
powers vis-à-vis other persons with respect to a given thing, person, or
action. This is what a master possesses with respect to his slave; it is
also exactly what a person possesses with respect to his spouse, child,
employee, or land. The fact that a man does not say he 'owns' his wife, or
that she is part of his property, is purely conventional, as it is
conventional for a master to say that he 'owns' his slave, or that the slave
is part of his property. (...) It is impolite to say of one's spouce
or one's debtor that they are part of one's property. With slaves politeness is unnecessary. (Patterson 1982, 22)
[19]
Diese Dritten-Personen oder ‑Parteien sind
keineswegs identisch mit der Dritten-Person von Kap. II von der erweiterten
Marxschen Wertformanalyse. Diese neue Person ist hier kein Beobachter,
sondern eben Partizipant des vollen Gattungslebens und tritt als solche eben
selbst im System von Ich-Du- oder Wir-Ihr-Beziehungen ein.
[20]
Diese „Sinnrealisierung“ ist jedoch keine Funktion der
dritten mq× qt-Sphäre
im Sinne von Abstraktionen, Messergebnissen, Kalkulationen usw.; auch von
keiner gesellschaftlichen Kundgebung der höheren
mqt×
qt2-Sphäre.
Mir scheint eher, als widerspiegelte sich der „Sinn“ der Erlebnisse der
unmittelbaren Liebesbeziehung der f×v-Sphäre emotional in der p× q-Sphäre
(auch in wortfreier Form), was zunächst die Formen der Selbst- und
Alloreferenz problematisiert; auch werden hier die verschiedenen im
mat-System eingeführten
Reduktionsverfahren problematisiert. Mit welcher t-Dimension soll die Ergebnisse der (p×q-)Sphäre
jetzt reduziert werden? Akzeptieren wir hier den Raum2-Modell
von Rella und mir in Bezug auf unserer gemeinsamen „Einheitstheorie“ (Dialog
von Kap. V), dann wäre die p×q-Sphäre
als erste Sphäre des „ideellen“ Raums,
und jede Reduktion würde uns dann in der organisch-physiologichen Sphäre
des „materiellen“ Raums zurückführen,
im welchem das unmittelbare Erlebnis (in sich eine elementare Form von
Selbstreferenz) der f×v-Form
entstehen würde.
[21]
Eine „Sinnrealisierung“ von p×q-Produktformen in der gesellschaftlichen
mq× qt- Sphäre würde sich dann in kollektiver Form in der
mqt× qt2-Sphäre ausdrücken. Wenn wir aber hier nach „Gegen-Referenz“ zwischen
zwei Personen oder Parteien X und Y fragen, müssten eben solche Kategorien
wie „Maß des Nutzen“ und „Maß der Befriedigung“ in Frage kommen.
Mit anderen Worten, würden problemlos
maXt2× aXt3 mit maYt2×
aYt3 und
ungekehrt (Beziehungsdimensionen Energie) korrelieren, oder vielleicht sogar
kreuzend: maXt2× aYt3 mit maYt2× aXt3
.
Dann würden solche Spiegel-Einheiten gebildet sein, in denen (im besten
Fall) die beiden at3-Formen
korrespondieren würden. Ist diese Argumentation korrekt, wären diese
Spiegelpaare dann Ausdrücke „verallgemeinerter Liebe“. Solche
Spiegelpaare würden dann die aktuelle Beziehung zwischen X und Y als
nicht-falsch bestätigen können, würde somit als Ergebnisse im „Reich
der Freiheit“ erscheinen – eben als gesellschaftlicher „Selbstzweck“!
All dies dann als Funktionen im „Überbau“-Raum, die dann die eher
grundlegenden Funktionen im „Basis“-Raum (formal durch Reduktion)
beeinflussen werden; Masseproduktion im „Reich der Notwendigkeit“ muss
jedoch immer fortsetzen, um „ewige“ Bestätigung des zyklischen
Gattungslebens in Form von schönen „Überbau“-Erscheinungen ständig
wiederholen zu können.
[22]
In unserer Formelsprache die
Kategorien von Form ¦ bis q umfassend
(Reduktion mq ® ¦ ; reale Vorzeichen + und – ; vgl. Kap. V).
[23]
Die Kategorieformen von
mq bis
qt2 (Reduktion mqt ® ¦
; imaginäre „Vorzeichen“ –i und i; vgl. Kap. V).